Pro­zess­kos­ten­hil­fe für die Kla­ge des Insol­venz­ver­wal­ters – und die Berück­sich­ti­gung der Klein­gläu­bi­ger

Gemäß § 116 Satz 1 Nr. 1 ZPO erhält der Insol­venz­ver­wal­ter als Par­tei kraft Amtes Pro­zess­kos­ten­hil­fe, wenn die Kos­ten des Rechts­streits aus der ver­wal­te­ten Ver­mö­gens­mas­se nicht auf­ge­bracht wer­den kön­nen und den am Gegen­stand des Rechts­streits wirt­schaft­lich Betei­lig­ten nicht zuzu­mu­ten ist, die Kos­ten auf­zu­brin­gen.

Pro­zess­kos­ten­hil­fe für die Kla­ge des Insol­venz­ver­wal­ters – und die Berück­sich­ti­gung der Klein­gläu­bi­ger

Die Beur­tei­lung der Zumut­bar­keit unter­liegt der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung des Beru­fungs­ge­richts und ist vom Rechts­be­schwer­de­ge­richt nur ein­ge­schränkt über­prüf­bar 1. Mit der vom Beru­fungs­ge­richt gege­be­nen Begrün­dung durf­te es das Vor­lie­gen der wirt­schaft­li­chen Vor­aus­set­zun­gen im Sin­ne von § 116 Satz 1 Nr. 1 ZPO nicht ver­nei­nen. Die­se erweist sich als rechts­feh­ler­haft.

Für die Fra­ge, ob nach § 116 Satz 1 Nr. 1 ZPO den am Gegen­stand des Rechts­streits wirt­schaft­lich Betei­lig­ten zuzu­mu­ten ist, die Kos­ten für den beab­sich­tig­ten Rechts­streit des Insol­venz­ver­wal­ters auf­zu­brin­gen, ist eine wer­ten­de Abwä­gung aller Gesamt­um­stän­de des Ein­zel­falls erfor­der­lich 2. Bei die­ser wer­ten­den Abwä­gung sind ins­be­son­de­re eine zu erwar­ten­de Quo­ten­ver­bes­se­rung im Fall des Obsie­gens, das Pro­zess? und Voll­stre­ckungs­ri­si­ko und die Gläu­bi­ger­struk­tur zu berück­sich­ti­gen 3. Vor­schüs­se auf die Pro­zess­kos­ten sind sol­chen Betei­lig­ten zuzu­mu­ten, wel­che die erfor­der­li­chen Mit­tel unschwer auf­brin­gen kön­nen und für die der zu erwar­ten­de Nut­zen bei ver­nünf­ti­ger, auch das Eigen­in­ter­es­se sowie das Pro­zess­kos­ten­ri­si­ko ange­mes­sen berück­sich­ti­gen­der Betrach­tungs­wei­se bei einem Erfolg der Rechts­ver­fol­gung deut­lich grö­ßer sein wird als die von ihnen als Vor­schuss auf­zu­brin­gen­den Kos­ten 4.

Hier­von aus­ge­hend ist es recht­lich zutref­fend, dass nur bei sol­chen Gläu­bi­gern eine Zumut­bar­keit ver­neint wird, deren Anteil an den fest­ge­stell­ten For­de­run­gen einen im Ein­zel­fall ermit­tel­ten abso­lu­ten Betrag hier von 20.000 € nicht über­schrei­tet. Der gegen­tei­li­gen Auf­fas­sung, die sich die Rechts­be­schwer­de zu eigen macht, wonach alle Gläu­bi­ger außer Betracht zu blei­ben haben, deren Anteil an den fest­ge­stell­ten For­de­run­gen eine für alle Fäl­le abs­trakt fest­ge­leg­te, in einem Vom­hun­dert­satz (etwa vier vom Hun­dert oder fünf vom Hun­dert) aus­ge­drück­te Quo­te unter­schrei­tet 5, ver­mag der Bun­des­ge­richts­hof nicht zu fol­gen.

Zwar ist zutref­fend, dass so genann­ten Klein­gläu­bi­gern eine Pro­zess­füh­rung regel­mä­ßig dann nicht zuzu­mu­ten ist, wenn und soweit sie auch bei erfolg­rei­cher Pro­zess­füh­rung nur mit rela­tiv gering­fü­gi­gen Erlö­sen rech­nen kön­nen 6. Der Insol­venz­ver­wal­ter muss mit zumut­ba­rem Koor­di­nie­rungs­auf­wand Kos­ten­vor­schüs­se erlan­gen kön­nen. Dies mag in der Pra­xis dazu füh­ren, dass in einer Viel­zahl von Fäl­len die Gren­ze der Zumut­bar­keit zwi­schen vier und fünf vom Hun­dert aller fest­ge­stell­ten For­de­run­gen gezo­gen wird 7. Eine abs­trak­te Fest­le­gung auf die­se oder eine ande­re Quo­te ver­bie­tet sich indes. Die jewei­li­gen wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se der Insol­venz­ver­fah­ren sind zu unter­schied­lich 8. Eine Beur­tei­lung der Zumut­bar­keit kann nicht erfol­gen, ohne die jewei­li­ge Gläu­bi­ger­struk­tur in den Blick zu neh­men 9. Zutref­fend weist das Beru­fungs­ge­richt dar­auf hin, dass etwa im vor­lie­gen­den Fall mit hohen Insol­venz­for­de­run­gen, die sich recht gleich­mä­ßig auf eine über­schau­ba­re Zahl von Gläu­bi­gern ver­tei­len, eine fes­te Quo­te zu unan­ge­mes­se­nen Ergeb­nis­sen füh­ren kann.

Dies ent­spricht auch der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, nach der es kei­ne fes­te und star­re Gren­ze hin­sicht­lich der Anzahl der her­an­zu­zie­hen­den Insol­venz­gläu­bi­ger gibt, die wegen des durch die Gläu­bi­ger­struk­tur beding­ten Koor­di­nie­rungs­auf­wands von vor­ne her­ein die Auf­brin­gung der Kos­ten durch die wirt­schaft­lich am Gegen­stand des Rechts­streits Betei­lig­ten als unzu­mut­bar erschei­nen lie­ße 10. Dem Beschluss vom 19.05.2015 11 kann Gegen­tei­li­ges nicht ent­nom­men wer­den, denn auch dort beruh­te die Annah­me der Unzu­mut­bar­keit auf einer wer­ten­den Abwä­gung aller Gesamt­um­stän­de.

Gläu­bi­gern, deren Anteil an den fest­ge­stell­ten For­de­run­gen fünf vom Hun­dert unter­schrei­tet, kann auch nicht eine wirt­schaft­li­che Betei­li­gung abge­spro­chen wer­den. Wirt­schaft­lich Betei­lig­te im Aktiv­pro­zess des Insol­venz­ver­wal­ters sind grund­sätz­lich alle Gläu­bi­ger, die bei einem erfolg­rei­chen Abschluss des Rechts­streits wenigs­tens mit einer teil­wei­sen Befrie­di­gung ihrer Ansprü­che aus der Mas­se rech­nen kön­nen 12.

Eben­falls setzt eine Vor­schuss­pflicht einen deut­li­chen Mehr­ertrag gegen­über den auf­zu­wen­den­den Kos­ten vor­aus 13. Aus den vor­ste­hend dar­ge­leg­ten Erwä­gun­gen ver­bie­tet es sich aller­dings auch inso­weit, für die zu erwar­ten­de Ver­bes­se­rung eine Min­dest­quo­te fest­zu­le­gen 14, mag auch regel­mä­ßig erst bei einem im Fal­le des Pro­zesserfolgs erziel­ba­ren Ertrag von deut­lich mehr als dem Dop­pel­ten des auf­zu­brin­gen­den Vor­schus­ses eine Vor­schuss­pflicht in Betracht kom­men 15. Der mög­li­che Ver­lust des Vor­schus­ses bleibt bei der Fra­ge, ob dem Gläu­bi­ger ein Vor­schuss zuzu­mu­ten ist, außer Betracht 16. Eine tatrich­ter­li­che Wer­tung, ein mög­li­cher Erlös in Höhe des Drei­fa­chen des antei­li­gen Pro­zess­kos­ten­vor­schuss kön­ne ein hin­rei­chend deut­li­cher Mehr­ertrag sein, lässt folg­lich für sich genom­men Rechts­feh­ler nicht erken­nen.

Die Wür­di­gung, ob den wirt­schaft­lich Betei­lig­ten nach deren wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen für eine Pro­zess­fi­nan­zie­rung wirt­schaft­lich zumut­bar ist 17, obliegt dem Tatrich­ter.

Die Risi­ko­be­wer­tung obliegt dem Tatrich­ter. Er hat bei der zur Beur­tei­lung der Zumut­bar­keit im Sin­ne von § 116 Abs. 1 Nr. 1 ZPO gebo­te­nen wer­ten­den Abwä­gung neben der zu erwar­ten­de Quo­ten­ver­bes­se­rung im Fal­le des Obsie­gens aber nicht nur Voll­stre­ckungs­ri­si­ken, son­dern auch Ver­fah­rens­ri­si­ken ein­zu­stel­len 18. Die wirt­schaft­li­che Zumut­bar­keit ist zu beja­hen, wenn der Betrag, den ein Gläu­bi­ger auch bei Berück­sich­ti­gung des Pro­zess­ri­si­kos bei der Ver­tei­lung der Mas­se zu erwar­ten hat, den­je­ni­gen deut­lich über­steigt, den er für die Kos­ten auf­zu­brin­gen hat 19. Maß­ge­bend sind auch inso­weit die kon­kre­ten Umstän­de des jewei­li­gen Fal­les.

Die Dar­le­gung und gege­be­nen­falls Glaub­haft­ma­chung auch die­ser Vor­aus­set­zun­gen obliegt dem Antrag­stel­ler. Hier hat der Antrag­stel­ler das Pro­zess- und Voll­stre­ckungs­ri­si­ko für das Beru­fungs­ver­fah­ren mit 50 vom Hun­dert ange­ge­ben. Bean­tragt der Ver­wal­ter Pro­zess­kos­ten­hil­fe für einen wei­te­ren Rechts­zug (§ 119 Abs. 1 Satz 1 ZPO), so sind für die jetzt anste­hen­de Beschluss­fas­sung grund­sätz­lich auch zwi­schen­zeit­li­che Ver­än­de­run­gen zu berück­sich­ti­gen 20. Das Gericht ist zwar nicht an die Anga­ben des Antrag­stel­lers gebun­den, es hat die­se viel­mehr einer eige­nen Wür­di­gung zu unter­zie­hen. Das Tat­ge­richt ist auch nicht gehal­ten, stets einen für einen Erfolg des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­suchs best­mög­li­chen Risi­ko­ab­schlag anzu­neh­men. Will das Tat­ge­richt indes von sub­stan­ti­ier­ten und nach­voll­zieh­ba­ren Anga­ben des Antrag­stel­lers zu des­sen Las­ten abwei­chen, bedarf dies der Begrün­dung. Rechts­feh­ler­haft ist es, bei der Beur­tei­lung der Zumut­bar­keit im Sin­ne des § 116 Satz 1 Nr. 1 ZPO nur Risi­ko­ab­schlä­ge für ein Bei­trei­bungs­ri­si­ko ein­zu­stel­len, ohne die Ver­fah­rens­ri­si­ken zu bewer­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. April 2018 – IX ZB 29/​17

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 03.05.2012 – V ZB 138/​11, ZIP 2012, 2275 Rn. 8; vom 30.11.2016 XII ZB 335/​16, Fam­RZ 2017, 245 Rn. 13[]
  2. BGH, Beschluss vom 06.03.2006 – II ZB 11/​05, NJW?RR 2006, 1064 Rn. 15; vom 27.09.2007 – IX ZB 172/​06, WM 2007, 2201 Rn. 9; vom 23.10.2008 – II ZR 211/​08 3; vom 27.05.2009 – III ZB 15/​09 5; vom 25.11.2010 – VII ZB 71/​08, ZIP 2011, 98 Rn. 9[]
  3. BGH, Beschluss vom 27.05.2009, aaO Rn. 5 mwN; vom 13.09.2012 – IX ZA 1/​12, ZIn­sO 2012, 2198 Rn. 2; vom 04.12 2012 – II ZA 3/​12, NZI 2013, 82 Rn. 2; vom 21.02.2017 – II ZR 59/​16, NZI 2017, 414 Rn. 2[]
  4. BGH, Beschluss vom 21.02.2017, aaO mwN[]
  5. OLG Hamm, OLGR 2005, 617, 619; NZI 2006, 42; ZIP 2007, 147, 148; Münch­Komm-ZPO/Wa­che, 5. Aufl., § 116 Rn. 15; Wieczorek/​Schütze/​Smid/​Hartmann, ZPO, 4. Aufl., § 116 Rn. 5; Musielak/​Voit/​Fischer, ZPO, 14. Aufl., § 116 Rn. 6[]
  6. vgl. Beck­OK-ZPO/­Reich­ling, 2017, § 116 Rn. 12.2 mwN[]
  7. vgl. Hk-ZPO/Kieß­ling, 7. Aufl., § 116 Rn. 13 mwN[]
  8. OLG Mün­chen, ZIn­sO 2013, 1091, 1092; Hees/​Freitag, NZI 2017, 377, 381[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 19.05.2015 – II ZR 263/​14, ZIn­sO 2015, 1465 Rn. 2 mwN[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 27.05.2009 – III ZB 15/​09 7; vom 25.11.2010 – VII ZB 71/​08, ZIP 2011, 98 Rn. 12; vom 19.05.2015 – II ZR 263/​14, ZIn­sO 2015, 1465 Rn. 9 mwN[]
  11. II ZR 263/​14, ZIn­sO 2015, 1465 Rn. 8[]
  12. BGH, Beschluss vom 08.10.1992 – V ZB 3/​92, BGHZ 119, 372, 377; vom 03.05.2012 – V ZB 138/​11, ZIP 2012, 2275 Rn. 16[]
  13. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. nur BGH, Beschluss vom 28.02.2007 – IV ZR 320/​04, NZI 2007, 410 Rn. 7; vom 03.05.2012 – V ZB 138/​11, NZI 2012, 626 Rn. 8; vom 19.05.2015 – II ZR 263/​14, aaO Rn. 2[]
  14. vgl. Hees/​Freitag, NZI 2017, 377, 382 mwN[]
  15. BGH, Beschluss vom 07.02.2012 – II ZR 13/​10 5; vom 26.01.2012 – IX ZA 102/​11 1; OLG Mün­chen, ZIn­sO 2013, 1091, 1092; Zöller/​Greger, ZPO, 32. Aufl., § 116 Rn. 9; Ste­en­buck, MDR 2004, 1155, 1157[]
  16. BGH, Beschluss vom 03.05.2012 – V ZB 138/​11, ZIP 2012, 2275 Rn. 9[]
  17. was Vor­aus­set­zung des § 116 Satz 1 Nr. 1 ZPO ist, vgl. nur BGH Beschluss vom 27.09.1990 – IX ZR 250/​89, NJW 1991, 40, 41; vom 14.12 2011 XII ZA 22/​11, NZI 2012, 192 Rn. 3; vom 11.12 2012 – XI ZR 253/​12 3[]
  18. BGH, Beschluss vom 13.09.2012 – IX ZA 1/​12, ZIn­sO 2012, 2198 Rn. 2; vom 04.12 2012 – II ZA 3/​12, NZI 2013, 82 Rn. 2; vom 26.09.2013 – IX ZB 247/​11, WM 2013, 2025 Rn. 12; vom 21.11.2013 – IX ZA 20/​13, ZIn­sO 2014, 79 Rn. 3; vom 09.10.2014 – IX ZA 12/​13, ZIn­sO 2014, 2574 Rn. 2, jeweils mwN[]
  19. BGH, Beschluss vom 14.12 2011 XII ZA 22/​11, NZI 2012, 192 Rn. 2[]
  20. vgl. Jaeger/​Windel, InsO, § 80 Rn. 180[]