Pro­zess­kos­ten­hil­fe – und die Pfän­dung des Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruchs

Das gesetz­li­che Bei­trei­bungs­recht des im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren bei­geord­ne­ten Rechts­an­walts geht einer Pfän­dung des Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruchs der von ihm ver­tre­te­nen Par­tei vor.

Pro­zess­kos­ten­hil­fe – und die Pfän­dung des Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruchs

Im hier ent­schie­de­nen Fall führ­te der Klä­ger führ­te gegen die Beklag­ten einen auf Zah­lung von Mie­te gerich­te­ten Rechts­streit. Den Beklag­ten wur­de für das Beru­fungs­ver­fah­ren Pro­zess­kos­ten­hil­fe unter Bei­ord­nung ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bewil­ligt. Durch End­ur­teil wur­den dem Klä­ger die den Beklag­ten im Beru­fungs­ver­fah­ren ent­stan­de­nen außer­ge­richt­li­chen Kos­ten auf­er­legt. Deren Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te haben für die Beklag­ten bean­tragt, die vom Klä­ger zu erstat­ten­den Kos­ten auf die Wahl­an­walts­ver­gü­tung – unter Berück­sich­ti­gung aus­ge­zahl­ter Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­gü­tung – fest­zu­set­zen. Durch Beschluss des Amts­ge­richts – Voll­stre­ckungs­ge­richt – wur­den zwi­schen­zeit­lich auf­grund eines ander­wei­ti­gen Titels die angeb­li­chen Kos­ten­er­stat­tungs­an­sprü­che der Beklag­ten gegen den Klä­ger zu Guns­ten einer drit­ten Gläu­bi­ge­rin gepfän­det und ihr zur Ein­zie­hung über­wie­sen. Die­se Pfän­dungs­gläu­bi­ge­rin hat dar­auf­hin die Fest­set­zung zu ihren Guns­ten bean­tragt. Die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten haben dar­auf­hin den für die Par­tei gestell­ten Kos­ten­fest­set­zungs­an­trag zurück­ge­nom­men und gemäß § 126 ZPO die Fest­set­zung der Kos­ten zu eige­nen Guns­ten bean­tragt.

Das erst­in­stanz­lich täti­ge Land­ge­richt Mann­heim 1 hat die Kos­ten zu Guns­ten des bei­geord­ne­ten Rechts­an­walts gegen den Klä­ger fest­ge­setzt und den wei­te­ren Fest­set­zungs­an­trag der pfän­den­den Gläu­bi­ge­rin zurück­ge­wie­sen. Das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he 2 hat die Beschwer­de der pfän­den­den Gläu­bi­ge­rin zurück­ge­wie­sen. Der Bun­des­ge­richts­hof bestä­tig­te dies und wies auch die Rechts­be­schwer­de der pfän­den­den Gläu­bi­ge­rin zurück; zu Recht, so der Bun­des­ge­richts­hof, habe das Ober­lan­des­ge­richt die nach Abzug der Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­gü­tung noch zu erstat­ten­de Wahl­an­walts­ver­gü­tung zuguns­ten des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter und nicht zuguns­ten der Pfän­dungs­gläu­bi­ge­rin fest­ge­setzt:

Gemäß § 126 Abs. 1 ZPO sind die für die Par­tei bestell­ten Rechts­an­wäl­te berech­tigt, ihre Gebüh­ren und Aus­la­gen von dem in die Pro­zess­kos­ten ver­ur­teil­ten Geg­ner im eige­nen Namen bei­zu­trei­ben. Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat 3, räumt die Vor­schrift dem bei­geord­ne­ten Rechts­an­walt ein selb­stän­di­ges Bei­trei­bungs­recht ähn­lich einem Über­wei­sungs­gläu­bi­ger (§§ 835 f. ZPO) ein. Dem Rechts­an­walt ist damit die Ein­zie­hung des Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruchs sei­ner Par­tei als Pro­zess­stand­schaf­ter über­tra­gen 4.

Gemäß § 126 Abs. 2 ZPO ist eine Ein­re­de gegen den Anspruch aus der Per­son der Par­tei nicht zuläs­sig. Der Geg­ner kann (nur) mit Kos­ten auf­rech­nen, die nach der in dem­sel­ben Rechts­streit über die Kos­ten erlas­se­nen Ent­schei­dung von der Par­tei zu erstat­ten sind.

Mit die­ser Rege­lung sol­len dem bei­geord­ne­ten Rechts­an­walt – über die Gebüh­ren im Rah­men der Pro­zess­kos­ten­hil­fe hin­aus – sei­ne Ver­gü­tungs­an­sprü­che gesi­chert wer­den 5. Der Aus­schluss von Ein­re­den aus der Per­son der Par­tei (sog. Ver­stri­ckung) tritt des­halb bereits mit der Ent­ste­hung des Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruchs ein 6 und ist so lan­ge gerecht­fer­tigt, wie der bei­geord­ne­te Rechts­an­walt die Kos­ten­for­de­rung noch im eige­nen Namen gel­tend machen kann. Uner­heb­lich ist dem­ge­gen­über, ob der Rechts­an­walt sein Bei­trei­bungs­recht nach § 126 Abs. 1 ZPO im Zeit­punkt der Ein­wen­dung bereits aus­ge­übt hat­te 7.

Zwar kann die Ver­stri­ckung des Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruchs nach dem Sinn und Zweck der Vor­schrift dann ent­fal­len, wenn – z.B. durch den Erlass eines Kos­ten­fest­set­zungs­be­schlus­ses für die Par­tei – deut­lich wird, dass der Rechts­an­walt von sei­nem Ein­zie­hungs­recht kei­nen Gebrauch macht 8. Erst dann kön­nen auch Ein­wen­dun­gen aus der Per­son der Par­tei den Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch zum Erlö­schen brin­gen. Die­se Wir­kun­gen tre­ten jedoch nicht schon dann ein, wenn – wie hier – zunächst ein Fest­set­zungs­an­trag für die Par­tei gestellt, die­ser jedoch vor Erlass eines Kos­ten­fest­set­zungs­be­schlus­ses wie­der zurück­ge­nom­men wird.

Die von der Pfän­dungs­gläu­bi­ge­rin aus­ge­brach­te Pfän­dung fällt auch unter den Begriff der "Ein­re­de aus der Per­son der Par­tei", die gemäß § 126 Abs. 2 ZPO nicht gegen den Anspruch erho­ben wer­den kann.

Der Begriff der "Ein­re­den" umfasst in die­sem Zusam­men­hang alle Ein­wen­dun­gen aus Rechts­be­zie­hun­gen des Kos­ten­gläu­bi­gers, aus denen der Kos­ten­schuld­ner eine Ver­tei­di­gung gegen den Zah­lungs­an­spruch her­lei­ten kann, nicht nur Ein­re­den im rechts­tech­ni­schen Sin­ne 9. Hier­un­ter fal­len etwa die Abtre­tung oder die Pfän­dung 10.

Die Par­tei ist näm­lich im Fal­le der Bei­trei­bung durch den Rechts­an­walt gemäß § 126 ZPO nicht mehr berech­tig­ter Zah­lungs­emp­fän­ger. Die­se Ver­fü­gungs­be­schrän­kung wirkt gemäß §§ 135, 136 BGB zuguns­ten des Rechts­an­walts; ihm gegen­über ist eine etwai­ge Erfül­lung der Kos­ten­schuld durch Leis­tung an die Par­tei unwirk­sam 11. Der Kos­ten­schuld­ner wird dann von sei­ner Zah­lungs­pflicht allein durch Leis­tung an den berech­tig­ten Rechts­an­walt befreit. Zwar steht der Par­tei der Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch trotz des ihrem Rechts­an­walt gemäß § 126 ZPO ein­ge­räum­ten Bei­trei­bungs­rechts wei­ter­hin zu 4, wes­halb er auch wei­ter­hin der For­de­rungs­pfän­dung unter­liegt. Die Pfän­dung geht dem gesetz­li­chen Ein­zie­hungs­recht des Rechts­an­walts jedoch auf­grund der durch § 126 Abs. 2 ZPO ange­ord­ne­ten, bereits mit dem Ent­ste­hen des Anspruchs ein­tre­ten­den Ver­stri­ckungs­wir­kung im Rang nach. Das eige­ne Ein­zie­hungs­recht des nach­ran­gi­gen Voll­stre­ckungs­gläu­bi­gers greift daher nur so weit, als ihm nicht das vor­ran­gi­ge Ein­zie­hungs­recht des Rechts­an­walts vor­geht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Novem­ber 2015 – XII ZB 241/​15

  1. LG Mann­heim, Beschluss vom 06.05.2014 – 8 O 93/​99[]
  2. OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 04.05.2015 – 15 W 35/​15[]
  3. BGHZ 5, 251, 253; BGH Beschluss vom 20.11.2012 – VI ZB 64/​11 , Fam­RZ 2013, 201 Rn. 8[]
  4. BGH, Beschluss vom 14.02.2007 – XII ZB 112/​06 , Fam­RZ 2007, 710 Rn. 11; BGH Beschluss vom 09.07.2009 – VII ZB 56/​08 , Fam­RZ 2009, 1577 Rn. 4[][]
  5. BGH, Beschluss vom 14.02.2007 – XII ZB 112/​06 , Fam­RZ 2007, 710 Rn. 11[]
  6. OLG Schles­wig Jur­Bü­ro 1997, 368, 369; Musielak/​Voit/​Fischer ZPO 12. Aufl. § 126 Rn. 10; Beck­OK ZPO/​Kratz [Stand: 1.06.2015] § 126 Rn. 18[]
  7. BGH, Beschluss vom 14.02.2007 – XII ZB 112/​06 , Fam­RZ 2007, 710 Rn. 12[]
  8. Beck­OK ZPO/​Kratz [Stand: 1.06.2015] § 126 Rn.19; vgl. auch BGH, Beschluss vom 14.02.2007 – XII ZB 112/​06 , Fam­RZ 2007, 710 Rn. 13[]
  9. Zöller/​Geimer ZPO 30. Aufl. § 126 Rn. 14; Poller/​Teubel/​Steinberger Gesam­tes Kos­ten­hil­fe­recht 2. Aufl. § 126 ZPO Rn.20[]
  10. vgl. Stein/​Jonas/​Bork ZPO 22. Aufl. § 126 Rn. 8[]
  11. vgl. für den Fall der For­de­rungs­über­wei­sung BGHZ 58, 25, 26 f. = NJW 1972, 428; BGHZ 82, 28, 31 = NJW 1982, 173, 174[]