Pro­zess­tren­nung – und die Anrech­nung der Geschäftgs­ge­bühr

Nach Tren­nung eines Pro­zes­ses i.S. des § 145 Abs. 1 ZPO wird der gemäß Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 Satz 1 RVG VV in der bis zum 31.07.2013 gel­ten­den Fas­sung (RVG VV a.F.) anre­chen­ba­re Anteil der tat­säch­lich ange­fal­le­nen Geschäfts­ge­bühr auf jede der in den geson­der­ten Ein­zel­ver­fah­ren ent­stan­de­nen Ver­fah­rens­ge­büh­ren (Nr. 3100, Vor­be­mer­kung 3 Abs. 2 RVG VV a.F.) quo­tal ange­rech­net ent­spre­chend dem Ver­hält­nis des jewei­li­gen Ein­zel­streit­werts zu dem Streit­wert des ursprüng­li­chen Gesamt­ver­fah­rens.

Pro­zess­tren­nung – und die Anrech­nung der Geschäftgs­ge­bühr

Macht der Rechts­an­walt – wie hier – die Ver­fah­rens­ge­büh­ren aus den infol­ge der Pro­zess­tren­nung ent­stan­de­nen geson­der­ten Ein­zel­ver­fah­ren gel­tend, wird die vor­ge­richt­li­che Geschäfts­ge­bühr auf die­se jeweils antei­lig gemäß Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 Satz 1 RVG VV a.F. ange­rech­net.

Nach Pro­zess­tren­nung i.S. des § 145 Abs. 1 ZPO ist in dem abge­trenn­ten Ver­fah­ren eine eigen­stän­di­ge Ver­fah­rens­ge­bühr nach Nr. 3100 RVG VV a.F., Vor­be­mer­kung 3 Abs. 2 RVG VV a.F. ent­stan­den. In den aus der Pro­zess­tren­nung resul­tie­ren­den Ein­zel­ver­fah­ren fal­len die vor der Pro­zess­tren­nung ver­dien­ten Gebüh­ren bei Vor­lie­gen der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen aus den jewei­li­gen Ein­zel­streit­wer­ten erneut an [1]. § 15 Abs. 2 Satz 1 RVG a.F. ver­hin­dert den wie­der­hol­ten Gebüh­ren­an­fall nicht; er ver­bie­tet ledig­lich die – hier gera­de nicht vor­ge­nom­me­ne – kumu­la­ti­ve Gel­tend­ma­chung von in der­sel­ben gebüh­ren­recht­li­chen Ange­le­gen­heit mehr­fach ent­stan­de­nen Gebüh­ren [2].

Nach Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 Satz 1 RVG VV a.F. wird, soweit wegen des­sel­ben Gegen­stands eine Geschäfts­ge­bühr i.S. von Teil 2 des RVG VV a.F. ent­steht, die­se zur Hälf­te, jedoch höchs­tens mit einem Gebüh­ren­satz von 0, 75, auf die Ver­fah­rens­ge­bühr des gericht­li­chen Ver­fah­rens ange­rech­net.

Die Tätig­keit der Pro­zess­be­voll­mäch­ti­gen betraf bei wer­ten­der Betrach­tung des ihnen erteil­ten Auf­trags vor­pro­zes­su­al die­sel­ben Rech­te oder Rechts­ver­hält­nis­se und damit die­sel­ben Gegen­stän­de wie im Gesamt- und in den geson­der­ten Ein­zel­ver­fah­ren [3].

Die Anrech­nung min­dert die Ver­fah­rens­ge­bühr nicht allein bei deren zeit­lich ers­tem Anfall im Gesamt­ver­fah­ren bis zur Tren­nung, son­dern eben­so bei deren wie­der­hol­tem Ent­ste­hen im wei­te­ren Ver­fah­rens­ver­lauf. Dies folgt aus dem inso­weit vor­be­halt­lo­sen Wort­laut ihrer Anord­nung in Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 Satz 1 RVG VV a.F. sowie ihrem Sinn und Zweck, eine außer­ge­richt­li­che Erle­di­gung zu för­dern und eine dop­pel­te Hono­rie­rung von – zumin­dest annä­hernd – glei­chen Tätig­kei­ten, die in unter­schied­li­chen gebüh­ren­recht­li­chen Ange­le­gen­hei­ten anfal­len, zu ver­hin­dern [4].

Grund­la­ge der Berech­nung des nach Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 Satz 1 RVG VV a.F. anre­chen­ba­ren Gebüh­ren­an­teils ist allein die tat­säch­lich ent­stan­de­ne Gesamt­ge­schäfts­ge­bühr, nicht hin­ge­gen eine fik­ti­ve Geschäfts­ge­bühr nach dem Streit­wert des jewei­li­gen Ein­zel­ver­fah­rens [5]. Einer sol­chen Gebüh­ren­fik­ti­on ste­hen der Wort­laut der Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 Satz 1 RVG VV a.F. sowie im Rah­men eines Rechts­schutz­ver­si­che­rungs­ver­trags die in die­sem regel­mä­ßig ver­ein­bar­te Pflicht des Ver­si­che­rers zur Über­nah­me der „erfor­der­li­chen“, d.h. der tat­säch­lich ent­stan­de­nen, Kos­ten ent­ge­gen [6]. Die Anrech­nung gemäß Satz 3 a.F. nach dem Wert des Gegen­stands, der auch Gegen­stand des gericht­li­chen Ver­fah­rens ist, knüpft an die Bestim­mung Satz 1 a.F. an und lässt die Fik­ti­on einer tat­säch­lich nicht ange­fal­le­nen Geschäfts­ge­bühr eben­falls nicht zu [7].

Der anre­chen­ba­re Anteil der Geschäfts­ge­bühr wird auf alle Ver­fah­rens­ge­büh­ren ange­rech­net, die in den aus einer Pro­zess­tren­nung her­vor­ge­gan­ge­nen Ein­zel­ver­fah­ren anfal­len. Ent­ge­gen der Revi­si­on wird er aller­dings nicht in jedem der Ein­zel­ver­fah­ren in vol­ler Höhe in Ansatz gebracht. Der anre­chen­ba­re Gebüh­ren­an­teil ist viel­mehr auf die Ein­zel­ver­fah­ren auf­zu­tei­len ent­spre­chend dem Ver­hält­nis des jewei­li­gen Ein­zel­streit­werts zu dem Streit­wert des ursprüng­li­chen Gesamt­ver­fah­rens [8]. Die­se Ver­tei­lung ist Fol­ge der pro­zes­sua­len Auf­spal­tung eines ein­heit­li­chen Ver­fah­rens in meh­re­re gleich­ge­rich­te­te Pro­zess­ver­fah­ren, mit denen die­sel­ben Gegen­stän­de nun­mehr geson­dert ver­folgt wer­den.

Im hier ent­schie­de­nen Ver­fah­ren ent­spricht der Gesamt­ge­gen­stands­wert aus der Zeit vor Pro­zess­tren­nung den Gegen­stands­wer­ten der Ein­zel­ver­fah­ren und des vor­pro­zes­sua­len Geschäfts von jeweils 57.750 €. Dies ergibt sich aus der vor­ge­leg­ten Ablich­tung der bei dem Land­ge­richt Dort­mund ein­ge­reich­ten Kla­ge gegen vier Beklag­te auf Zah­lung von 57.750 € als Gesamt­schuld­ner sowie aus der von dem Beru­fungs­ge­richt und den Par­tei­en zutref­fend ange­nom­me­nen Über­ein­stim­mung der Gegen­stän­de der vor­ge­richt­li­chen Tätig­keit der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten mit denen des Gesamt­ver­fah­rens und der Ein­zel­ver­fah­ren.

Die jeweils vier Gegen­stän­de der vor­pro­zes­sua­len und der zunächst ein­heit­li­chen gericht­li­chen Tätig­keit der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten wur­den vor den Land­ge­rich­ten Dort­mund und Sta­de in zwei Ein­zel­ver­fah­ren des­sel­ben Werts und – hin­sicht­lich der Anzahl der Gegen­stän­de beschränkt – des­sel­ben Inhalts unver­än­dert wei­ter­ver­folgt. Damit wirk­te die außer­ge­richt­li­che Tätig­keit jeweils zur Hälf­te in den Ein­zel­ver­fah­ren fort und war der anre­chen­ba­re hier hälf­ti­ge Anteil der Geschäfts­ge­bühr zu glei­chen Tei­len, d.h. zu jeweils 50%, auf die Ver­fah­rens­ge­büh­ren der Ein­zel­ver­fah­ren anzu­rech­nen [9].

Dies haben die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten im vor­lie­gen­den Fall zwar nicht beach­tet. Sie haben statt­des­sen den Anrech­nungs­an­teil der Geschäfts­ge­bühr in vol­ler Höhe von der vor dem Land­ge­richt Dort­mund erwach­se­nen Ver­fah­rens­ge­bühr in Abzug gebracht. Die nicht nach­voll­zo­ge­ne Auf­spal­tung der Anrech­nung berührt aber das Rechts­schutz­ver­hält­nis des Man­dan­ten zu sei­ner Rechts­schutz­ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft nicht. Die Rechts­schutz­ver­si­che­rung ist Scha­den­ver­si­che­rung; den Scha­den, des­sen Deckung der Ver­si­che­rer über­nom­men hat, bil­den die aus dem Rechts­schutz­fall tat­säch­lich ent­stan­de­nen Kos­ten [10]. Im Ergeb­nis haben die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten daher die Geschäfts­ge­bühr in dem von Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 Satz 1 RVG VV a.F. gebo­te­nen Umfang berück­sich­tigt. Die gebüh­ren­recht­li­che Unge­nau­ig­keit bei den ein­zel­nen Rech­nungs­stel­lun­gen beein­flusst die im Ergeb­nis geschul­de­te Ein­stands­pflicht der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft aus dem Rechts­schutz­ver­si­che­rungs­ver­trag nicht.

Der Befrei­ungs­an­spruch ist auch nicht ins­ge­samt wegen Unrich­tig­keit der Kos­ten­rech­nung und der auf sie gestütz­ten Zah­lungs­auf­for­de­rung – nicht fäl­lig. Inhalt­li­che Feh­ler einer Kos­ten­be­rech­nung las­sen die Wirk­sam­keit ihrer Mit­tei­lung i.S. des § 10 Abs. 1 Satz 1 RVG a.F. unbe­rührt [11].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. Sep­tem­ber 2014 – IV ZR 422/​13

  1. BVerwG, Beschluss vom 04.09.2009 9 KSt 10/​09 5; Bran­den­bur­gi­sches OLG, Beschluss vom 03.01.2011 6 W 176/​10 11; OLG Braun­schweig Beck­RS 2009, 25583 unter – II 1; OLG Düs­sel­dorf OLGR 2000, 74; 2009, 778; LG Saar­brü­cken MDR 2001, 1442, 1443; AnwK-RVG/N. Schnei­der, 7. Aufl. § 15 Rn. 167 f., 170; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze 44. Aufl. § 15 RVG Rn. 68 „Tren­nung“; End­ers in Hartung/​Schons/​Enders, RVG 2. Aufl. § 15 Rn. 12, 24, 26 f., 34 ff.; ders., RVG für Anfän­ger 15. Aufl. Rn. 1488; ders., Jur­Bü­ro 2007, 564, 567569; zur Pro­zess­ver­bin­dung: BGH, Beschluss vom 14.04.2010 – IV ZB 6/​09, NJW 2010, 3377 Rn. 13 f., 19, 23; BGH, Beschluss vom 10.05.2010 – II ZB 14/​09, NJW-RR 2010, 1697 Rn. 13, 15, 17[]
  2. BVerwG aaO Rn. 7; OLG Düs­sel­dorf OLGR 2009, 778; LG Saar­brü­cken aaO; vgl. May­er in Gerold/​Schmidt, RVG 21. Aufl. § 15 Rn. 2; zu § 13 Abs. 2 BRAGO: OLG Hamm Jur­Bü­ro 1989, 195, 196; Mümm­ler, Jur­Bü­ro 1989, 250[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 01.03.2011 – VI ZR 127/​10, NJW 2011, 2591 Rn. 9; Beschlüs­se vom 29.11.2011 – XI ZB 16/​11, NJW 2012, 781 Rn. 8; vom 02.10.2008 – I ZB 30/​08, WRP 2009, 75 unter – II 2 c; vom 15.04.2008 – X ZB 12/​06, GRUR-RR 2008, 460 Rn. 7 f., 15 f.[]
  4. vgl. OLG Braun­schweig Beck­RS 2009, 25583 unter – II 3; Bischof in Bischof/​Jungbauer, RVG 6. Aufl. Vor­be­mer­kung 3 VV Rn. 98; Mül­ler-Rabe in Gerold/​Schmidt aaO Vorb. 3 VV Rn. 1, 245; HK-RVG/­May­er, 5. Aufl. Vor­be­mer­kung 3 Rn. 62;[]
  5. zur Par­al­lel­pro­ble­ma­tik des Über­gangs einer meh­re­re Gegen­stän­de umfas­sen­den außer­ge­richt­li­chen Ange­le­gen­heit in ver­schie­de­ne gericht­li­che Ver­fah­ren: Mül­ler-Rabe in Gerold/​Schmidt, RVG 21. Aufl. Vorb. 3 VV Rn. 303 f.; a.A. N. Schnei­der, Fäl­le und Lösun­gen zum RVG 3. Aufl. § 8 Rn. 37[]
  6. Mül­ler-Rabe in Gerold/​Schmidt aaO Rn. 295, 304; vgl. BGH, Urteil vom 04.05.2005 – IV ZR 135/​04, VersR 2005, 936 unter – II 1, 2; BGH, Beschluss vom 10.05.2010 – II ZB 14/​09, NJW-RR 2010, 1697 Rn. 25; Her­gen­rö­der in Baumgärtel/​Hergenröder/​Houben, RVG 16. Aufl. Vor­bem. 3 Rn. 30[]
  7. vgl. Mül­ler-Rabe in Gerold/​Schmidt aaO Rn. 285 f.; HK-RVG/­May­er, 5. Aufl. Vor­be­mer­kung 3 Rn. 73; a.A. N. Schnei­der aaO[]
  8. ähn­lich: OLG Braun­schweig Beck­RS 2009, 25583 unter – II 3; Mül­ler-Rabe in Gerold/​Schmidt, RVG 21. Aufl. Vorb. 3 VV Rn. 303 f.[]
  9. vgl. OLG Braun­schweig Beck­RS 2009, 25583 unter – II 3[]
  10. BGH, Urteil vom 04.05.2005 – IV ZR 135/​04, VersR 2005, 936 unter – II 1, 2; BGH, Urteil vom 24.04.1967 – II ZR 229/​64, VersR 1967, 774 unter – II 2[]
  11. AnwK-RVG/N. Schnei­der, 7. Aufl. § 10 Rn. 103; Bur­hoff in Gerold/​Schmidt, RVG 21. Aufl. § 10 Rn. 33; zum Fäl­lig­keits­ein­tritt vgl. BGH, Urteil vom 14.04.1999 – IV ZR 197/​98, VersR 1999, 706 unter 2 b m.w.N.; Arm­brüs­ter in Prölss/​Martin, VVG 28. Aufl. § 5 ARB 2008/​II Rn. 43[]