Pro­zess­un­fä­hig­keit des Klä­gers

Die mög­li­che man­geln­de Pro­zess­fä­hig­keit des Klä­gers führt nicht zur Unzu­läs­sig­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de. Für den Streit über die Pro­zess­fä­hig­keit ist die davon betrof­fe­ne Par­tei als pro­zess­fä­hig anzu­se­hen.

Pro­zess­un­fä­hig­keit des Klä­gers

Das Gericht muss dafür Sor­ge tra­gen, dass einem pro­zess­un­fä­hi­gen Klä­ger ermög­licht wird, für eine ord­nungs­ge­mä­ße Ver­tre­tung zu sor­gen 1.

Das Gericht ver­letzt den Anspruch des Klä­gers auf recht­li­ches Gehör aus Art. 103 Abs. 1 GG in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se ver­letzt, wenn es die Kla­ge wegen man­geln­der Pro­zess­fä­hig­keit des Klä­gers als unzu­läs­sig abweist, ohne ihm Gele­gen­heit zu geben, die Bestel­lung eines Betreu­ers durch das Vor­mund­schafts­ge­richt nach § 1896 BGB zu erwir­ken und dadurch sei­ne pro­zes­sua­len Rech­te wahr­zu­neh­men.

Die mög­li­che man­geln­de Pro­zess­fä­hig­keit des Klä­gers führt nicht zur Unzu­läs­sig­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de. Für den Streit über die Pro­zess­fä­hig­keit ist die davon betrof­fe­ne Par­tei als pro­zess­fä­hig anzu­se­hen 2.

Die Pro­zess­fä­hig­keit ist zwin­gen­de Pro­zess­vor­aus­set­zung. Bestehen kon­kre­te Anhalts­punk­te dafür, dass die Par­tei pro­zess­un­fä­hig sein könn­te, hat des­halb das jeweils mit der Sache befass­te Gericht von Amts wegen zu ermit­teln, ob Pro­zess­un­fä­hig­keit vor­liegt. Dabei ist es nicht an die förm­li­chen Beweis­mit­tel des Zivil­pro­zes­ses gebun­den, viel­mehr gilt der Grund­satz des Frei­be­wei­ses. Ver­blei­ben nach Erschöp­fung aller erschließ­ba­ren Erkennt­nis­se hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te für eine Pro­zess­un­fä­hig­keit, so gehen nach stän­di­ger Recht­spre­chung etwa noch vor­han­de­ne Zwei­fel zu Las­ten der betrof­fe­nen Par­tei 3.

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall war das Beru­fungs­ge­richt zwar zutref­fend von den Grund­sät­zen des BGH-Urteil vom 9. Janu­ar 1996 4 aus­ge­gan­gen. Es hat­te auf­grund der rea­li­täts­fer­nen Anga­ben des Klä­gers zu sei­ner Lebens­ge­schich­te und des­sen Ver­hal­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung begrün­de­ten Anlass, an der Pro­zess­fä­hig­keit des Klä­gers zu zwei­feln und hat dar­auf­hin ver­sucht, von Amts wegen die Pro­zess­fä­hig­keit des Klä­gers durch Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens zu klä­ren. Das in Auf­trag gege­be­ne Gut­ach­ten konn­te jedoch nicht erstellt wer­den, weil der Klä­ger auf mehr­fa­che Ein­la­dun­gen des Gut­ach­ters zu einem Explo­ra­ti­ons­ge­spräch nicht erschie­nen ist. Des­halb hat das Beru­fungs­ge­richt schließ­lich "die zur Beur­tei­lung der Pro­zess­fä­hig­keit des Klä­gers erschließ­ba­ren Erkennt­nis­quel­len als erschöpft ange­se­hen" und die Kla­ge als unzu­läs­sig abge­wie­sen. Das Beru­fungs­ge­richt war im Rah­men des Frei­be­wei­ses auch nicht ver­pflich­tet, statt der Auf­klä­rung der Pro­zess­fä­hig­keit des Klä­gers mit­tels eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens jedes noch so unglaub­haf­te Detail aus des­sen angeb­li­cher Lebens­ge­schich­te auf sei­ne Rich­tig­keit zu über­prü­fen. Dar­über hin­aus grün­de­ten sich die Zwei­fel des Beru­fungs­ge­richts an der Pro­zess­fä­hig­keit des Klä­gers nicht ledig­lich auf des­sen unglaub­haf­ten Anga­ben zu sei­ner Lebens­ge­schich­te, son­dern auch auf sei­nem auf­fäl­li­gen Ver­hal­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 4. Juni 2009.

Die wei­te­re Ver­fah­rens­ge­stal­tung des Beru­fungs­ge­richts ver­letzt jedoch den Klä­ger in sei­nem Recht aus Art. 103 Abs. 1 GG. Ist eine Par­tei pro­zess­un­fä­hig, kann sie sich nicht eigen­ver­ant­wort­lich äußern. Ihr kann recht­li­ches Gehör wirk­sam des­halb nur durch die Anhö­rung eines gesetz­li­chen Ver­tre­ters gewährt wer­den. Die Betei­li­gung allein des Pro­zess­un­fä­hi­gen reicht zur Wah­rung des recht­li­chen Gehörs nicht aus. Art. 103 Abs. 1 GG ver­langt von den Gerich­ten, die unter­las­se­ne Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs nach­zu­ho­len, sofern die Aus­le­gung des Ver­fah­rens­rechts dies ermög­licht 5. Nach­dem das Beru­fungs­ge­richt auf­grund der objek­ti­ven Beweis­la­ge von einer Pro­zess­un­fä­hig­keit des Klä­gers aus­ging, hät­te es durch die wei­te­re Ver­fah­rens­ge­stal­tung dafür Sor­ge tra­gen müs­sen, dass ihm das bis­her feh­len­de recht­li­che Gehör gewährt wird.

Die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de macht mit Recht gel­tend, dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers mit Schrift­satz vom 25. Sep­tem­ber 2008 hilfs­wei­se bean­tragt hat, die­sem einen Pro­zess­pfle­ger zur Sei­te zu stel­len. Dies ließ erken­nen, dass der Klä­ger jeden­falls inso­weit an sei­ner ord­nungs­ge­mä­ßen Ver­tre­tung im Rechts­streit mit­wir­ken woll­te, sich aber im Rechts­irr­tum dar­über befand, wie und durch wen ein Ver­tre­ter zu bestel­len war.

Das Beru­fungs­ge­richt hät­te dem Klä­ger dar­auf­hin einen Hin­weis geben müs­sen, dass er für eine ord­nungs­ge­mä­ße Ver­tre­tung zu sor­gen habe und sich des­halb selbst um die Bestel­lung eines Betreu­ers nach § 1896 BGB bemü­hen müs­se, der nur vom Vor­mund­schafts­ge­richt, nicht aber vom Pro­zess­ge­richt bestellt wer­den kön­ne. Es hät­te ihm dafür vor Erlass des Pro­zes­sur­teils die nöti­ge Zeit ein­räu­men müs­sen 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Novem­ber 2010 – VI ZR 249/​09

  1. im Anschluss an BAG, Beschluss vom 28.05.2009 – 6 AZN 17/​09, NJW 2009, 3051[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 23.02.1990 – V ZR 188/​88, BGHZ 110, 294, 295; BAG, Urteil vom 20.01.2000 – 2 AZR 733/​98, BAGE 93, 248, 251[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.01.1996 – VI ZR 94/​95, NJW 1996, 1059, 1060; und vom 04.11.1999 – III ZR 306/​98, BGHZ 143, 122, 124; BAG, Urteil vom 20.01.2000 – 2 AZR 733/​98, BAGE 93, 248, 251; und Beschluss vom 28.05.2009 – 6 AZN 17/​09, NJW 2009, 3051 Rn. 4[]
  4. BGH, Urteil vom 09.01.1996 – VI ZR 94/​95, aaO[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 29.10.1997 – 2 BvR 1390/​95, NJW 1998, 745; BGH, Urteil vom 05.05.1982 – IVb ZR 707/​80, BGHZ 84, 24, 29 f.; und BAG, Beschluss vom 28.05.2009 – 6 AZN 17/​09, aaO Rn. 5[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 23.02.1990 – V ZR 188/​88, NJW 1990, 1734, 1736, inso­weit nicht abge­druckt in BGHZ 110, 294; und BAG, Beschluss vom 28.05.2009 – 6 AZN 17/​09, aaO Rn. 6[]