Pro­zess­ver­gleich mit Wider­rufs­vor­be­halt – und die ver­län­ger­te Wider­rufs­frist

Die Pro­zess­par­tei­en kön­nen eine in einem Pro­zess­ver­gleich wirk­sam ver­ein­bar­te Wider­rufs­frist vor deren Ablauf ohne Mit­wir­kung des Gerichts ver­län­gern.

Pro­zess­ver­gleich mit Wider­rufs­vor­be­halt – und die ver­län­ger­te Wider­rufs­frist

Es ent­spricht seit lan­gem der gericht­li­chen Pra­xis und der in der ver­öf­fent­lich­ten Recht­spre­chung und im Schrift­tum ganz über­wie­gend ver­tre­te­nen Mei­nung, dass die Par­tei­en eine im Pro­zess­ver­gleich ver­ein­bar­te Wider­rufs­frist ohne gericht­li­che Pro­to­kol­lie­rung wirk­sam ver­län­gern kön­nen 1. Der Bun­des­ge­richts­hof hat ent­schie­den, dass bei einer Ver­säu­mung der Wider­rufs­frist eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nicht in Betracht kom­me, weil es sich um eine ver­trag­lich ver­ein­bar­te Frist hand­le, die nur von den Par­tei­en ver­län­gert wer­den kön­ne 2. Einer Mit­wir­kung des Gerichts bedarf es hier­bei nicht.

Die­ser Auf­fas­sung tritt der Bun­des­ge­richts­hof bei. Für sie spricht auch die prak­ti­sche Erwä­gung, dass eine Mit­wir­kung des Gerichts oft nicht recht­zei­tig erreicht wer­den könn­te, was viel­fach einen vor­sorg­li­chen, bei aus­rei­chen­der Über­le­gungs­zeit ver­meid­ba­ren Wider­ruf des Ver­gleichs zur Fol­ge hät­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. April 2018 – IX ZR 222/​17

  1. OLG Hamm, Fam­RZ 1988, 535 und BauR 2001, 833; OLG Karls­ru­he, MDR 2005, 1368; Stein/​Jonas/​Roth, ZPO, 23. Aufl., § 224 Rn. 3; Zöller/​Geimer, ZPO, 32. Aufl., § 794 Rn. 10c; Musielak/​Voit/​Lackmann, ZPO, 14. Aufl., § 794 Rn. 14; Rosenberg/​Schwab/​Gottwald, Zivil­pro­zess­recht, 17. Aufl., § 130 Rn. 45; Thomas/​Putzo/​Hüßtege, ZPO, 38. Aufl., § 224 Rn. 1; Schnei­der, MDR 1999, 595, 596 f; aA VG Ham­burg, MDR 1982, 962; LG Bonn, MDR 1997, 783; ein­schrän­kend Münch­Komm-ZPO/­Wolfs­tei­ner, 5. Aufl., § 794 Rn. 63; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 76. Aufl., Anh. § 307 Rn. 46[]
  2. BGH, Urteil vom 15.11.1973 – VII ZR 56/​73, BGHZ 61, 394, 398[]