Raser auf der Auto­bahn

Das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg hat­te sich aktu­ell mit der Fra­ge der Haf­tungs­quo­te nach einem Ver­kehrs­un­fall auf der Auto­bahn im Zusam­men­hang mit einem Über­hol­vor­gang des vor­an­fah­ren­den Fahr­zeugs, wenn weder ein Ver­schul­den des Fah­rers die­ses Fahr­zeugs noch ein sol­ches des Fah­rers des unter deut­li­cher Über­schrei­tung der Richt­ge­schwin­dig­keit (hier: 200 km/​h) nach­fol­gen­den und sodann auf das vor­aus­fah­ren­de Fahr­zeug auf­fah­ren­den PKW fest­stell­bar ist.

Raser auf der Auto­bahn

Bei der gemäß § 17 Abs. 1, Abs. 2 StVG vor­zu­neh­men­den Abwä­gung zur Ermitt­lung des jewei­li­gen Haf­tungs­an­teils ent­schei­det in ers­ter Linie das Maß der Ver­ur­sa­chung, also das Gewicht der von den Betei­lig­ten gesetz­ten Scha­dens­ur­sa­chen so, wie sie sich beim kon­kre­ten Unfall aus­ge­wirkt haben1. Inso­weit kom­men aller­dings auch Schuld­ge­sichts­punk­te mit zum Tra­gen2.

Aller­dings hat der Bun­des­ge­richts­hof aktu­ell zu der Fra­ge des Anscheins­be­wei­ses bei einer dem vor­lie­gen­den Sach­ver­halt ver­gleich­ba­ren Fall­ge­stal­tung Stel­lung genom­men und geur­teilt, dass bei Auf­fahr­un­fäl­len auf der Auto­bahn ein Anscheins­be­weis in der Regel nicht in Betracht kommt, wenn zwar fest­steht, dass vor dem Unfall ein Spur­wech­sel des vor­aus­fah­ren­den Fahr­zeugs statt­ge­fun­den hat, der Sach­ver­halt aber im Übri­gen – wie hier – nicht auf­klär­bar ist3 – Im hier ent­schie­de­nen Fall stand nur fest, dass der Klä­ger mit sei­nem Aston Mar­tin die Auto­bahn mit einer Geschwin­dig­keit von ca. 280 km/​h befuhr und auf den nur 120 km/​h fah­ren­den Wagen des Beklag­ten auf­fuhr.

Bei der Abwä­gung gemäß § 17 Abs. 1, Abs. 2 StVG ist auf bei­den Sei­ten daher ledig­lich die Betriebs­ge­fahr zu berück­sich­ti­gen. Das Land­ge­richt hat zutref­fend ange­nom­men, dass die Betriebs­ge­fahr auf Klä­ger­sei­te erhöht war. Erhöht ist die Betriebs­ge­fahr, wenn die Gefah­ren, die regel­mä­ßig und not­wen­di­ger­wei­se mit dem Betrieb eines Kraft­fahr­zeugs ver­bun­den sind, durch das Hin­zu­tre­ten beson­de­rer Umstän­de unfall­ur­säch­lich ver­grö­ßert wer­den4. Das ist hin­sicht­lich des von dem Klä­ger gefah­re­nen Aston Mar­tin der Fall, weil die Richt­ge­schwin­dig­keit in ganz erheb­li­chem Maße, um unstrei­tig min­des­tens 70 km/​h, über­schrit­ten wur­de und auf­grund der Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen posi­tiv fest­steht, dass der Unfall bei Ein­hal­tung der Richt­ge­schwin­dig­keit ver­mie­den wor­den wäre5. Die Betriebs­ge­fahr bei­der Fahr­zeu­ge war zudem erhöht, weil sie sich jeweils in einem Über­hol­vor­gang befan­den, was eben­falls unfall­ur­säch­lich war6. Im Ergeb­nis erscheint dem Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg eine Quo­te von 2/​3 zu 1/​3 zum Nach­teil des Klä­gers als ange­mes­sen. Die Betriebs­ge­fahr des von dem Klä­ger geführ­ten PKW über­wog in der kon­kre­ten Situa­ti­on deut­lich.

Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg, Urteil vom 21. März 2012 – 3 U 69/​11

  1. BGH NJW 2006, 896. König, in: Hentschel/​König/​Dau­er, Stra­ßen­ver­kehrs­recht, 40. Aufl., § 17 StVG, Rn. 4 m. w. N.
  2. BGH NZV 2005, 249. König. a. a. O., m. w. N.
  3. BGH NJW 2012, 608
  4. König, a. a. O., § 17 StVG Rn. 11 m. w. N.
  5. vgl. zur Bedeu­tung der Über­schrei­tung der Richt­ge­schwin­dig­keit bei der Abwä­gung BGH, NZV 1999, 242; OLG Stutt­gart, MDR 2010, 78; OLG Cel­le, ZfSch 1991, 150; sowie König, a. a. O., § 3 StVO Rn. 55c m. w. N.
  6. vgl. BGH VersR 1958, 268. OLG Bran­den­burg DAR 1995, 328. König, eben­da, § 17 StVG, Rn. 13 m. w. N.