Recht­li­ches Gehör im Zivil­pro­zess

Der in Art. 103 Abs. 1 GG ver­bürg­te Anspruch auf recht­li­ches Gehör ver­pflich­tet das Gericht, die Aus­füh­run­gen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen1. Eine Ver­let­zung die­ser Pflicht kann aller­dings erst fest­ge­stellt wer­den, wenn sich im Ein­zel­fall klar ergibt, dass das Gericht ihr nicht nach­ge­kom­men ist. Ein vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt fest­zu­stel­len­der Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG liegt vor, wenn im Ein­zel­fall beson­de­re Umstän­de deut­lich machen, dass tat­säch­li­ches Vor­brin­gen eines Betei­lig­ten ent­we­der über­haupt nicht zur Kennt­nis genom­men oder bei der Ent­schei­dung nicht erwo­gen wur­de2.

Recht­li­ches Gehör im Zivil­pro­zess

Art. 103 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit den Grund­sät­zen der Zivil­pro­zess­ord­nung gebie­tet ins­be­son­de­re auch die Berück­sich­ti­gung erheb­li­cher Beweis­an­trä­ge3. Zwar gewährt Art. 103 Abs. 1 GG kei­nen Schutz dage­gen, dass das Gericht Vor­brin­gen der Betei­lig­ten aus Grün­den des for­mel­len oder mate­ri­el­len Rechts ganz oder teil­wei­se unbe­rück­sich­tigt lässt4; der Anspruch auf recht­li­ches Gehör ist jedoch ver­letzt, wenn die Nicht­be­rück­sich­ti­gung von Vor­trag oder von Beweis­an­trä­gen im Pro­zess­recht kei­ne Stüt­ze mehr fin­det5. Inso­weit recht­fer­tigt ins­be­son­de­re die Anhö­rung des Geg­ners im Ter­min nicht das Über­ge­hen eines erheb­li­chen Beweis­an­ge­bo­tes6.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 26. Juni 2012 – 2 BvR 1013/​11

  1. vgl. BVerfGE 42, 364, 367 f.; stRspr
  2. vgl. BVerfGE 65, 293, 295 f.; 70, 288, 293; 86, 133, 145 f.; BVerfG, Beschluss vom 26.10.2011 – 2 BvR 320/​11, Fam­RZ 2012, 185, 186
  3. vgl. BVerfGE 60, 250, 252; 65, 305, 307; 69, 141, 143; BVerfGK 12, 346, 350 f.; BVerfG, Beschluss vom 26.10.2011, a.a.O.
  4. vgl. BVerfGE 50, 32, 35; 60, 1, 5; 60, 305, 310; 62, 249, 254; 69, 141, 143 f.; BVerfGK 12, 346, 351
  5. vgl. BVerfGE 50, 32, 36; 60, 250, 252; 65, 305, 307; 69, 141, 144; BVerfGK 12, 346, 351; BVerfG, Beschluss vom 26.10.2011, a.a.O.
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 22.01.1993 – 1 BvR 1433/​92