Recht­li­ches Gehör – und der gericht­li­che Sach­ver­stän­di­ge

Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör umfasst grund­sätz­lich auch die Anhö­rung gericht­li­cher Sach­ver­stän­di­ger 1.

Recht­li­ches Gehör – und der gericht­li­che Sach­ver­stän­di­ge

Nach § 402 in Ver­bin­dung mit § 397 Abs. 1 ZPO, die im Ver­fah­ren vor dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt über § 118 Abs. 1 und § 153 Abs. 1 SGG gel­ten, sind die Betei­lig­ten berech­tigt, dem Sach­ver­stän­di­gen die­je­ni­gen Fra­gen vor­le­gen zu las­sen, die sie zur Auf­klä­rung der Sache für dien­lich erach­ten.

Der Bun­des­ge­richts­hof und eben­so das Bun­des­so­zi­al­ge­richt haben dar­aus in stän­di­ger Recht­spre­chung die Pflicht der Gerich­te abge­lei­tet, dem Antrag eines Betei­lig­ten auf münd­li­che Befra­gung gericht­li­cher Sach­ver­stän­di­ger statt­zu­ge­ben 2. Auf die Fra­ge, ob das Gericht selbst das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten für erklä­rungs­be­dürf­tig hält, kom­me es nicht an. Es gehö­re zur Gewähr­leis­tung des recht­li­chen Gehörs, dass die Betei­lig­ten den Sach­ver­stän­di­gen Fra­gen stel­len, ihnen Beden­ken vor­tra­gen und sie um eine nähe­re Erläu­te­rung von Zwei­fels­punk­ten bit­ten könn­ten 3. Ein Antrag auf Anhö­rung des Sach­ver­stän­di­gen kön­ne aller­dings abge­lehnt wer­den, wenn er ver­spä­tet oder rechts­miss­bräuch­lich gestellt wer­de 4.

Beach­tet ein Gericht die­se ver­fah­rens­recht­li­chen Anfor­de­run­gen nicht, so liegt dar­in jeden­falls dann ein Ver­stoß gegen den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anspruch auf recht­li­ches Gehör, wenn es einen Antrag auf Erläu­te­rung eines Sach­ver­stän­di­gen-gut­ach­tens völ­lig über­geht oder ihm allein des­halb nicht nach­kommt, weil das Gut-ach­ten ihm über­zeu­gend und nicht wei­ter erör­te­rungs­be­dürf­tig erscheint; dage­gen ver­langt Art. 103 Abs. 1 GG nicht, einem recht­zei­ti­gen und nicht miss­bräuch­li­chen Antrag auf Anhö­rung der Sach­ver­stän­di­gen aus­nahms­los Fol­ge zu leis­ten: Die münd­li­che Anhö­rung eines Sach­ver­stän­di­gen ist zwar die nächst­lie­gen­de, aber nicht die ein­zig mög­li­che Behand­lung eines der­ar­ti­gen Antrags 5.

Es ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, wenn die Fach­ge­rich­te die Betei­lig­ten vor­ran­gig dar­auf ver­wei­sen, Fra­gen und Ein­wen­dun­gen schrift­lich vor­zu­tra­gen, um Sach­ver­stän­di­ge oder sach­ver­stän­di­ge Zeu­gen damit zu kon­fron­tie­ren; die gege­be­nen­falls anschlie­ßen­de münd­li­che Befra­gung kann mög­li­cher­wei­se aber dann gebo­ten sein, wenn sie sich nicht abseh­bar in der Wie­der­ho­lung schrift­li­cher Äuße­run­gen erschöpft, son­dern dar­über hin­aus einen Mehr­wert hat. Auch in die­sem Fall ist es ver­fas­sungs­recht­lich jedoch unbe­denk­lich, wenn die Fach­ge­rich­te an die Bean­tra­gung münd­li­cher Sach­ver­stän­di­gen­be­fra­gun­gen nicht weni­ger Anfor­de­run­gen stel­len als an eine schrift­li­che Befra­gung, die die Benen­nung kon­kre­ter Fra­gen und Ein­wen­dun­gen vor­aus­setzt 6.

Auch ist eine mög­li­che Ver­spä­tung der Beweis­an­trä­ge zu beach­ten. Wer­den die­se so spät vor­ge­bracht, dass die Ladung der Sach­ver­stän­di­gen nicht mehr mög­lich war und die münd­li­che Ver­hand­lung also hät­te ver­scho­ben oder ver­tagt wer­den müs­sen 7, so liegt eine Ver­spä­tung der Anträ­ge nahe.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 2. Mai 2018 – 1 BvR 2420/​15

  1. vgl. hier­zu und zum Fol­gen­den: BVerfGK 20, 218, 224 f.; 20, 319, 319 f.; BVerfG, Beschluss vom 03.02.1998 – 1 BvR 909/​94, NJW 1998, S. 2273, 2273 f.; BVerfG, Beschluss vom 17.01.2012 – 1 BvR 2728/​10, NJW 2012, S. 1346, 1347; BVerfG, Beschluss vom 24.08.2015 – 2 BvR 2915/​14, Fam­RZ 2015, S.2042, 2043[]
  2. vgl. hier­zu und zum Fol­gen­den neben dem im hie­si­gen Ver­fah­ren ergan­ge­nen Beschluss des BSG vom 24.07.2012 – B 2 U 100/​12 B, SozR 4 – 1500 § 160 Nr. 24 die Urtei­le des BGH vom 10.07.1952 – IV ZR 15/​52, BGHZ 6, 398, 400 f.; und vom 17.12 1996 – VI ZR 50/​96, NJW 1997, S. 802, 802 f.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 21.10.1986 – VI ZR 15/​85 11[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 20.09.1961 – V ZR 46/​60, BGHZ 35, 370, 371; BSG, Beschluss vom 26.05.2015 – B 13 R 13/​15 B 9; vgl. zudem – auch zur Recht­spre­chung der übri­gen obers­ten Bun­des­ge­rich­te – BVerfG, Beschluss vom 03.02.1998 – 1 BvR 909/​94, NJW 1998, S. 2273, 2273 f.[]
  5. vgl. BVerfGK 20, 218, 225; 20, 319, 319 f.; BVerfG, Beschluss vom 03.02.1998 – 1 BvR 909/​94, NJW 1998, S. 2273, 2274; BVerfG, Beschluss vom 17.01.2012 – 1 BvR 2728/​10, NJW 2012, S. 1346, 1347; BVerfG, Beschluss vom 24.08.2015 – 2 BvR 2915/​14, Fam­RZ 2015, S.2042, 2043[]
  6. vgl. BVerfGK 20, 319, 320[]
  7. vgl. zu die­sem regel­mä­ßig maß­geb­li­chen Gesichts­punkt für die Annah­me einer Ver­spä­tung, gegen den aus ver­fas­sungs­recht­li­cher Sicht nichts zu erin­nern ist: BSG, Beschluss vom 28.09.2015 – B 9 SB 41/​15 B 12[]