Recht­li­ches Gehör und die Aus­le­gung von Kla­ge­an­trä­gen

Das Beru­fungs­ge­richt ver­letzt den Anspruch der Par­tei auf recht­li­ches Gehör aus Art. 103 Abs. 1 GG in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se, wenn es – ohne zuvor einen Hin­weis nach § 139 ZPO auf die beab­sich­tig­te Aus­le­gung ihres Fest­stel­lungs­an­trags zu geben – die­sen über­ra­schend mit der Begrün­dung abweist, er bezie­he sich ent­spre­chend sei­nem Wort­laut nur auf – nicht vor­lie­gen­de – Behand­lungs­feh­ler im enge­ren Sin­ne, nicht jedoch auch auf – vor­lie­gen­de – Auf­klä­rungs­feh­ler.

Recht­li­ches Gehör und die Aus­le­gung von Kla­ge­an­trä­gen

Gericht­li­che Hin­weis­pflich­ten die­nen der Ver­mei­dung von Über­ra­schungs­ent­schei­dun­gen und kon­kre­ti­sie­ren den Anspruch der Par­tei­en auf recht­li­ches Gehör 1. Das Gericht hat nach § 139 Abs. 1 Satz 2 ZPO ins­be­son­de­re dahin zu wir­ken, dass die Par­tei­en sach­dien­li­che Anträ­ge stel­len. Das recht­li­che Gehör vor Gericht zum Streit­ge­gen­stand einer Kla­ge bezieht sich danach nicht allein auf den Sach­ver­halt und sei­nen Vor­trag, son­dern eben­so auf die sach­dien­li­che Fas­sung der Kla­ge­an­trä­ge, mit denen eine Par­tei vor Gericht ver­han­delt 2. Will das Beru­fungs­ge­richt einem sol­chen Antrag abwei­chend von einer nahe lie­gen­den Aus­le­gung eine enge­re Bedeu­tung bei­mes­sen, die zur Kla­ge­ab­wei­sung führt, so muss es die Par­tei auf die beab­sich­tig­te Aus­le­gung ihres Kla­ge­an­tra­ges hin­wei­sen. Die betrof­fe­ne Par­tei muss Gele­gen­heit erhal­ten, ihren Sach­an­trag klar­zu­stel­len und gege­be­nen­falls den Beden­ken des erken­nen­den Gerichts anzu­pas­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. Juli 2010 – VI ZR 177/​09

  1. BVerfGE 84, 188, 189 f.[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 23. April 2009 – IX ZR 95/​06, NJW-RR 2010, 70[]