Recht­li­ches Gehör – und die Hin­weis­pflicht des Beru­fungs­ge­richts

Dem Inhalt des Ver­fah­rens­grund­rechts auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) ent­nimmt der Bun­des­ge­richts­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung, dass eine in ers­ter Instanz sieg­rei­che Par­tei dar­auf ver­trau­en darf, von dem Beru­fungs­ge­richt recht­zei­tig einen Hin­weis zu erhal­ten, wenn die­ses in einem ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Punkt der Beur­tei­lung der Vor­in­stanz nicht fol­gen will und auf Grund sei­ner abwei­chen­den Ansicht eine Ergän­zung des Vor­brin­gens oder einen Beweis­an­tritt für erfor­der­lich hält1.

Recht­li­ches Gehör – und die Hin­weis­pflicht des Beru­fungs­ge­richts

Der Beru­fungs­be­klag­te darf dar­auf ver­trau­en, dass ihn das Beru­fungs­ge­richt, wenn es in der tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Wür­di­gung dem Erstrich­ter nicht fol­gen will, auf sei­ne von dem erst­in­stanz­li­chen Gericht abwei­chen­de Beur­tei­lung hin­weist und zwar so, dass noch recht­zei­tig vor dem Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung reagiert wer­den kann2.

Die Par­tei­en müs­sen Ein­fluss auf das Ver­fah­ren und sein Ergeb­nis neh­men kön­nen; sie dür­fen nicht gehin­dert sein, ihren Sach­vor­trag zu ergän­zen3.

Ist ein sol­cher Hin­weis in den Gerichts­ak­ten nicht doku­men­tiert, gilt er als nicht erteilt (§ 139 Abs. 4 Satz 2 ZPO)4.

Aller­dings bedarf es regel­mä­ßig kei­nes rich­ter­li­chen Hin­wei­ses, wenn die Auf­fas­sung des erst­in­stanz­li­chen Gerichts als zen­tra­ler Streit­punkt im Beru­fungs­rechts­zug zur Über­prü­fung gestellt wird und das Beru­fungs­ge­richt sich sodann der Auf­fas­sung des Beru­fungs­klä­gers anschließt. Denn in die­sem Fall muss die in ers­ter Instanz erfolg­rei­che Par­tei von vorn­her­ein damit rech­nen, dass das Beru­fungs­ge­richt ande­rer Auf­fas­sung ist. Sei­ne dem­entspre­chen­de Ent­schei­dung kann im Grund­satz nicht über­ra­schend sein5.

So ver­hält es sich aber nicht, wenn das Beru­fungs­ge­richt sich nicht der Rechts­auf­fas­sung der Beru­fungs­klä­ge­rin ange­schlos­sen, son­dern eine eigen­stän­di­ge Begrün­dung für sei­ne Ent­schei­dung gege­ben hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Sep­tem­ber 2015 – V ZR 8/​15

  1. BGH, Beschluss vom 04.07.2013 – V ZR 151/​12, NJW-RR 2014, 177 Rn. 8; BGH, Beschluss vom 14.03.2006 – IV ZR 32/​05, NJW-RR 2006, 937 Rn. 4 []
  2. BGH, Beschluss vom 04.07.2013 – V ZR 151/​12, aaO; BVerfG, NJW 2003, 2524 []
  3. BGH, Beschluss vom 04.07.2013 – V ZR 151/​12, aaO; BVerfGE 86, 188, 190 und BVerfGE 88, 133, 144 []
  4. BGH, Beschluss vom 30.06.2011 – IX ZR 35/​10, WM 2011, 1971 Rn. 5 []
  5. BGH, Urteil vom 21.10.2005 – V ZR 169/​04, NJW-RR 2006, 235 Rn. 8; BGH, Urteil vom 19.08.2010 – VII ZR 113/​09, NJW 2010, 3089 Rn. 18; Urteil vom 10.07.2012 – II ZR 212/​10, NJW 2012, 3035 Rn. 7 []