Recht­li­ches Gehör und die Hin­weis­pflicht des Gerichts

Nach § 139 Abs. 4 Satz 1 ZPO muss das Gericht gebo­te­ne Hin­wei­se grund­sätz­lich so früh­zei­tig vor der münd­li­chen Ver­hand­lung ertei­len, dass die Par­tei Gele­gen­heit hat, ihre Pro­zess­füh­rung dar­auf ein­zu­rich­ten und schon für die anste­hen­de münd­li­che Ver­hand­lung ihren Vor­trag zu ergän­zen. Erteilt es einen Hin­weis erst in der münd­li­chen Ver­hand­lung, muss es der betrof­fe­nen Par­tei aus­rei­chend Gele­gen­heit zur Reak­ti­on hier­auf geben. Das gilt auch dann, wenn der Hin­weis die recht­li­che Beur­tei­lung betrifft 1.

Recht­li­ches Gehör und die Hin­weis­pflicht des Gerichts

Kann eine sofor­ti­ge Äuße­rung nach den kon­kre­ten Um-stän­den und den Anfor­de­run­gen des § 282 Abs. 1 ZPO nicht erwar­tet wer­den, darf die münd­li­che Ver­hand­lung nicht ohne wei­te­res geschlos­sen und schon gar nicht bereits am Schluss der Sit­zung ein Urteil erlas­sen wer­den. Viel­mehr muss das Gericht die münd­li­che Ver­hand­lung ver­ta­gen, unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 128 Abs. 2 ZPO in das schrift­li­che Ver­fah­ren über­ge­hen oder – auf Antrag der betrof­fe­nen Par­tei – einen Schrift­satz­nach­lass gemäß § 139 Abs. 5 i.V.m. § 296a ZPO gewäh­ren 2. Die­sen Vor­ga­ben ist das Beru­fungs­ge­richt nicht gerecht gewor­den. Sein Hin­weis betraf eine umstrit­te­ne und höchst­rich­ter­lich nicht geklär­te Fra­ge, die in dem Ver­fah­ren vor der Hin­wei­ser­tei­lung kei­ne Rol­le gespielt hat und bei der auch von einer anwalt­lich ver­tre­te­nen Par­tei nicht aus dem Stand her­aus eine fun­dier­te und Inter­es­sen wah­ren­de Stel­lung­nah­me erwar­tet wer­den konn­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Ur­teil vom 19. Juni 2009 – V ZR 93/​08

  1. vgl. nur BVerfG NJW 1996, 3202 m.w.N.; BGH, Beschl. v. 15. März 2006, IV ZR 32/​05, NJW-RR 2006, 937, 938; Zöller/​Greger, ZPO, 27. Aufl., § 139 Rdn. 5 u. 18[]
  2. BGH, Beschl. v. 18. Sep­tem­ber 2006, II ZR 10/​05, NJW-RR 2007, 412 m.w.N.[]