Recht­li­ches Gehör und die Par­tei­ver­neh­mung im Beru­fungs­ver­fah­ren

Ein Beru­fungs­ge­richt ver­letzt den Anspruch einer Pro­zess­par­tei (hier: des Beklag­ten) auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG), wenn es eine Beweis­last­ent­schei­dung zu ihrem Nach­teil trifft, ohne die in ers­ter Instanz durch­ge­führ­te Par­tei­ver­neh­mung (hier: die Ver­neh­mung des Klä­gers als Par­tei) – wie nach § 529 Abs. 1 Nr. 1, §§ 451, 398 Abs. 1 ZPO erfor­der­lich – zu wie­der­ho­len.

Recht­li­ches Gehör und die Par­tei­ver­neh­mung im Beru­fungs­ver­fah­ren

Nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO ist das Beru­fungs­ge­richt grund­sätz­lich an die Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des ers­ten Rechts­zu­ges gebun­den. Bei Zwei­feln an der Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fest­stel­lun­gen ist aber eine erneu­te Beweis­auf­nah­me zwin­gend gebo­ten 1. Ins­be­son­de­re muss das Beru­fungs­ge­richt einen bereits in ers­ter Instanz ver­nom­me­nen Zeu­gen noch­mals gemäß § 398 Abs. 1 ZPO ver­neh­men, wenn es des­sen Aus­sa­ge anders wür­di­gen will als die Vor­in­stanz 2. Die noch­ma­li­ge Ver­neh­mung eines Zeu­gen kann allen­falls dann unter­blei­ben, wenn sich das Rechts­mit­tel­ge­richt auf sol­che Umstän­de stützt, die weder die Urteils­fä­hig­keit, das Erin­ne­rungs­ver­mö­gen oder die Wahr­heits­lie­be des Zeu­gen noch die Voll­stän­dig­keit oder Wider­spruchs­frei­heit der Aus­sa­ge betref­fen 3. Die­se Grund­sät­ze gel­ten nach § 451 ZPO für die Par­tei­ver­neh­mung ent­spre­chend. Auch von der Wür­di­gung der Aus­sa­ge der Par­tei darf das Rechts­mit­tel­ge­richt nicht abwei­chen, ohne die Par­tei erneut ver­nom­men zu haben 4. Trägt das Beru­fungs­ge­richt dem nicht Rech­nung, liegt dar­in ein Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG.

Nach die­sen Maß­ga­ben sah der Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Fall Art. 103 Abs. 1 GG als ver­letzt:

Das Land­ge­richt hat auf der Grund­la­ge eines erheb­li­chen Beweis­an­ge­bots der Beklag­ten gemäß sei­nem per­sön­li­chen Ein­druck anläss­lich der Ver­neh­mung des Klä­gers als Par­tei und auf­grund der sonst von ihm gewür­dig­ten Umstän­de die Über­zeu­gung gewon­nen, dem Klä­ger, dem es um die Erspar­nis von Steu­ern gegan­gen sei, sei es unwich­tig gewe­sen, ob eine Anschluss­för­de­rung gewähr­leis­tet sei oder nicht. Die­ses Beweis­ergeb­nis hat das Beru­fungs­ge­richt mit der Erwä­gung in Zwei­fel gezo­gen, es sei "für einen durch­schnitt­li­chen Anla­ge­in­ter­es­sen­ten durch­aus ver­nünf­tig" gewe­sen, "nicht in die­ses Vor­ha­ben zu inves­tie­ren". Es hat damit in der Sache nicht (bloß) einen fal­schen Maß­stab ange­legt und bei der Beur­tei­lung der Fra­ge, ob die Ver­mu­tung auf­klä­rungs­rich­ti­gen Ver­hal­tens wider­legt sei, anstel­le einer kon­kre­ten Betrach­tung der Moti­va­ti­on des Klä­gers auf den "durch­schnitt­li­chen Anle­ger" abge­stellt. Viel­mehr hat das Beru­fungs­ge­richt – wie aus dem Zitat des Urteils des Bun­des­ge­richts­hofs vom 22.03.2010 5 und aus der Ent­schei­dung zur Ursäch­lich­keit des Ver­schwei­gens der Rück­ver­gü­tung für die Anla­ge­ent­schei­dung des Klä­gers mit­tels des Ver­wei­ses auf die Über­le­gun­gen des Land­ge­richts her­vor­geht – zwar die Per­spek­ti­ve des Klä­gers ein­ge­nom­men, dann aber des­sen mut­maß­li­che Ent­schei­dung anders ein­ge­schätzt. Dar­an war es ohne erneu­te Ver­neh­mung des Klä­gers als Par­tei gehin­dert. Da es eine Beweis­last­ent­schei­dung getrof­fen hat, war sein Vor­ge­hen auch nicht von § 445 Abs. 2 ZPO gedeckt.

Das Beru­fungs­ur­teil beruht auf der Gehörs­ver­let­zung. Die­se Vor­aus­set­zung ist schon dann erfüllt, wenn nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass das Gericht bei Berück­sich­ti­gung des über­gan­ge­nen Vor­brin­gens anders ent­schie­den hät­te 6. Dies ist der Fall, weil die Beklag­te den Nach­weis einer man­geln­den Kau­sa­li­tät der vom Beru­fungs­ge­richt fest­ge­stell­ten Auf­klä­rungs­pflicht­ver­let­zung mit dem von ihr ange­bo­te­nen Beweis­mit­tel mög­li­cher­wei­se auch in zwei­ter Instanz geführt hät­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Sep­tem­ber 2013 – XI ZR 394/​12

  1. vgl. BVerfG, NJW 2005, 1487; BGH, Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 3/​09, NJW-RR 2009, 1291 Rn. 5[]
  2. BGH, Urtei­le vom 09.02.2010 – XI ZR 140/​09, BKR 2010, 515 und vom 28.11.1995 – XI ZR 37/​95, WM 1996, 196, 198; BGH, Urteil vom 08.12.1999 – VIII ZR 340/​98, NJW 2000, 1199, 1200[]
  3. BGH, Urteil vom 19.06.1991 – VIII ZR 116/​90, NJW 1991, 3285, 3286; Urteil vom 10.03.1998 – VI ZR 30/​97, NJW 1998, 2222, 2223[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 28.09.1981 – II ZR 11/​81, VersR 1981, 1175, 1176; Urteil vom 16.07.1998 – I ZR 32/​96, NJW 1999, 363, 364[]
  5. BGH, Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 203/​08[]
  6. vgl. BVerfGE 7, 95, 99; 60, 247, 250; 62, 392, 396; 65, 305, 308; 89, 381, 392 f.[]