Rechts blin­ken – gera­de­aus wei­ter­fah­ren I

Das Set­zen des rech­ten Blin­kers begrün­det allein noch kein Ver­trau­en, dass der Blin­ken­de auch tat­säch­lich abbiegt. Erfor­der­lich ist dar­über hin­aus eine erkenn­ba­re, deut­li­che Geschwin­dig­keits­ver­rin­ge­rung des Vor­fahrt­be­rech­tig­ten, eine sicht­ba­re Ori­en­tie­rung des Blin­ken­den nach rechts oder sons­ti­ge aus­rei­chen­de Anzei­chen für ein tat­säch­lich bevor­ste­hen­des Abbie­gen des Vor­fahrt­be­rech­tig­ten.

Rechts blin­ken – gera­de­aus wei­ter­fah­ren I

Regel­mä­ßig über­wiegt in sol­chen Fäl­len der Haf­tungs­an­teil des War­te­pflich­ti­gen [1], der allein auf das Blin­ken ver­traut (hier 70:30 zu Las­ten des War­te­pflich­ti­gen).

Das Ober­lan­des­ge­richt Dres­den folgt der in der jün­ge­ren ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung zum Ver­kehrs­un­fall­recht vor­herr­schen­den Auf­fas­sung, dass der War­te­pflich­ti­ge nicht ohne wei­te­res auf ein Blin­ken des Vor­fahrt­be­rech­tig­ten ver­trau­en darf. Wie das Ober­lan­des­ge­richt Saar­brü­cken in einer jün­ge­ren Ent­schei­dung [2] aus­ge­führt hat, ist die Fra­ge, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen sich der War­te­pflich­ti­ge auf ein das Abbie­gen anzei­gen­des Blink­s­i­gnal des Vor­fahr­be­rech­tig­ten ver­las­sen kann, nicht ein­heit­lich beant­wor­tet wor­den.

Wäh­rend die eine Auf­fas­sung dar­auf abstellt, dass der War­te­pflich­ti­ge grund­sätz­lich auf das ange­kün­dig­te Abbie­gen ver­trau­en darf [3], folgt der weit über­wie­gen­de Teil der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung der Auf­fas­sung, dass der War­te­pflich­ti­ge nur dann auf ein Abbie­gen ver­trau­en darf, wenn über das blo­ße Betä­ti­gen des Blin­kers hin­aus in Wür­di­gung der Gesamt­um­stän­de, sei es durch eine ein­deu­ti­ge Her­ab­set­zung der Geschwin­dig­keit oder aber einen zwei­fels­frei­en Beginn des Abbie­ge­ma­nö­vers eine zusätz­li­che tat­säch­li­che Ver­trau­ens­grund­la­ge geschaf­fen wor­den ist, die es im Ein­zel­fall recht­fer­tigt, davon aus­zu­ge­hen, das Vor­recht wer­de nicht (mehr) aus­ge­übt [4]; der War­te­pflich­ti­ge darf also nie­mals „blind­lings“ [5] auf das Abbie­gen des Blin­ken­den ver­trau­en. Auch der Leit­satz der Ent­schei­dung des Ber­li­ner Kam­mer­ge­richts vom 25.09.1989 [6] stellt im Übri­gen – ein­schrän­kend im Sin­ne der über­wie­gen­den Auf­fas­sung – dar­auf ab, dass ein Ver­trau­en des War­te­pflich­ti­gen dann begrün­det ist, wenn der Vor­fahrt­be­rech­tig­te rechts blinkt und sein Fahr­zeug am Beginn der Ein­mün­dung nach rechts lenkt.

Das Ober­lan­des­ge­richt Dres­den folgt der Sicht­wei­se der vor­herr­schen­den Auf­fas­sung in der Recht­spre­chung.

Gemäß § 8 Abs. 2 Satz 2 StVO darf der War­te­pflich­ti­ge nur dann in die Vor­fahrt­stra­ße ein­fah­ren, wenn er über­se­hen kann, dass er den, der die Vor­fahrt hat, weder gefähr­det noch wesent­lich behin­dert. Den War­te­pflich­ti­gen trifft inso­weit eine gestei­ger­te Sorg­falt, die bedingt, dass er auch mit einem ver­kehrs­wid­ri­gen Ver­hal­ten des Vor­fahrt­be­rech­tig­ten rech­nen muss und somit regel­mä­ßig nur auf das Unter­blei­ben aty­pi­scher, gro­ber Ver­stö­ße des Vor­fahrt­be­rech­tig­ten ver­trau­en darf [7]. Mit dem OLG Saar­brü­cken [7] ist es das Ober­lan­des­ge­richts­mit­glie­dern aus eige­ner jah­re­lan­ger Fahr­pra­xis wie auch der als Spe­zi­al­se­nat gewon­ne­nen beruf­li­chen Erfah­rung mit Ver­kehrs­un­fäl­len bekannt, dass ein Zurück­stel­len des Blin­kers nicht sel­ten aus Unauf­merk­sam­keit unter­bleibt oder fälsch­lich von einem in Wirk­lich­keit nicht vor­lie­gen­den auto­ma­ti­schen Zurück­set­zen aus­ge­gan­gen wird. Das Blin­ken allein ist zumal ange­sichts der in sol­chen Fäl­len evi­den­ten Gefah­ren­si­tua­ti­on (oft­mals hohe Kol­li­si­ons­ge­schwin­dig­kei­ten) des­halb allein noch kei­ne aus­rei­chen­de Grund­la­ge, um auf ein tat­säch­li­ches Abbie­gen des Vor­fahrt­be­rech­tig­ten ver­trau­en zu kön­nen. Ein beson­nen und vor­aus­schau­end agie­ren­der Ver­kehrs­teil­neh­mer muss sich des­halb anhand wei­te­rer Umstän­de ver­ge­wis­sern, ob tat­säch­lich ein Abbie­gen bevor­steht.

Die von der Beru­fung bemän­gel­te „Lebens­fer­ne“ einer sol­chen Sicht­wei­se ver­mag das Ober­lan­des­ge­richt nicht nach­zu­voll­zie­hen. Abge­se­hen davon, dass ein „dich­ter Land­stra­ßen­ver­kehr“ regel­mä­ßig einen Wider­spruch in sich selbst dar­stel­len dürf­te, ver­mag das Ober­lan­des­ge­richt auch kei­ne gene­rel­le Gefahr zu erken­nen, dass Pkw aus Neben­stra­ßen nicht mehr auf die Haupt­stra­ße gelan­gen, wenn die­se (kei­nes­wegs neu­en) Recht­spre­chungs­grund­sät­ze Anwen­dung fin­den. Viel­mehr han­delt es sich wegen der erheb­li­chen Gefah­ren bei unzu­rei­chen­der Ver­ge­wis­se­rung um eine aus­ge­wo­ge­ne Ver­tei­lung der gegen­sei­ti­gen Sorg­falts­an­for­de­run­gen und ein Gebot der Ver­nunft.

Für der­ge­stalt aus­rei­chen­des Ver­trau­en begrün­den­de wei­te­re Umstän­de hat der Klä­ger im vor­lie­gen­den Fall nichts Erheb­li­ches vor­zu­tra­gen ver­mocht. Dass der Unfall­geg­ner mit einer so gerin­gen Geschwin­dig­keit gefah­ren wäre, dass der Schluss auf ein Abbie­ge­ma­nö­ver berech­tigt gewe­sen wäre, ist nicht ersicht­lich. Die Behaup­tung einer „lang­sa­men“ oder aber „für Land­stra­ßen gerin­gen“ Geschwin­dig­keit ist zu pau­schal. Dahin­ste­hen kann dabei auch, ob die spä­ter kon­kret genann­ten „50–60 km/​h“ eine pro­zes­su­al unbe­acht­li­che Behaup­tung ins Blaue hin­ein dar­stel­len. Aus­rei­chen­de Fest­stel­lun­gen zu der gefah­re­nen Geschwin­dig­keit sind im vor­lie­gen­den Fall nicht gege­ben. Jeden­falls offen­ba­ren die in der bei­gezo­ge­nen Strafak­te ent­hal­te­nen Licht­bil­der, dass sich die Kol­li­si­on nur kurz hin­ter einem Orts­ein­gang (bzw. ‑aus­gang) ereig­net hat. Von daher durf­te die Unfall­geg­ne­rin hier kei­nes­falls davon aus­ge­hen, ein – unter­stellt – deut­lich unter 100 km/​h fah­ren­der Pkw wer­de abbie­gen. Ange­sichts der Nähe zur inner­ört­li­chen Geschwin­dig­keits­be­gren­zung (50 km/​h) konn­te näm­lich nicht schon mit einer erheb­lich höhe­ren Geschwin­dig­keit gerech­net wer­den. Ent­schei­dend ist – wie bereits aus­ge­führt – regel­mä­ßig nicht die gefah­re­ne Geschwin­dig­keit, son­dern eine für den War­te­pflich­ti­gen erkenn­ba­re Geschwin­dig­keits­re­duk­ti­on, wie etwa ein regel­mä­ßig Abbie­ge­vor­gän­gen vor­aus­ge­hen­des Abbrem­sen des Vor­fahrt­be­rech­tig­ten. Selbst wenn man zuguns­ten des Klä­gers unter­stellt, dass ange­sichts der Stra­ßen­füh­rung ein Abbrem­sen vor dem Abbie­gen hier nicht zwin­gend erfor­der­lich war, folgt dar­aus nicht – umge­kehrt – ein gestei­ger­tes Ver­trau­en in ein tat­säch­lich erfol­gen­des Abbie­gen. Es ist auch weder kon­kret vor­ge­tra­gen noch sonst ersicht­lich, dass sich der Pkw des doch nicht Abbie­gen­den des­halb neben dem Blin­ken sich der Ein­druck eines Abbie­gens nach rechts hät­te ver­fes­ti­gen müs­sen.

Der Vor­fahrt­ver­stoß wiegt schwe­rer wiegt als das miss­ver­ständ­li­che Blin­ken. Das Ober­lan­des­ge­richt Dres­den ver­kennt nicht, dass (aller­dings stets maß­geb­lich von den Beson­der­hei­ten des Ein­zel­falls bestimmt) in der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung auch ande­re Haf­tungs­quo­ten für ange­mes­sen erach­tet wor­den sind – so 75:25 zuguns­ten des War­te­pflich­ti­gen [8]; 50:50 [9]; 70:30 zuguns­ten des War­te­pflich­ti­gen [10] aber auch Allein­haf­tung (!) des War­te­pflich­ti­gen [11].

Mit dem Ober­lan­des­ge­richt Hamm [12] geht das Ober­lan­des­ge­richt Dres­den für den vor­lie­gen­den Ein­zel­fall davon aus, dass der trotz Blin­kens nicht Abbie­gen­de durch das miss­ver­ständ­li­che Blin­ken in zeit­li­cher Hin­sicht zwar die ers­te Ursa­che für die streit­ge­gen­ständ­li­che Kol­li­si­on gesetzt hat, der Ent­schluss, auf die Vor­fahrt­stra­ße ein­zu­fah­ren beruh­te aber auf der schwe­rer zu gewich­ten­den, unzu­rei­chen­den Ver­ge­wis­se­rung des Unfall­geg­ners, ob der Blin­ken­de tat­säch­lich die bevor­rech­tig­te Stra­ße ver­las­sen wür­de. Inso­weit erscheint dem Ober­lan­des­ge­richt eine Scha­dens­tei­lung von 70:30 zu Las­ten des war­te­pflich­ti­gen Fah­rers – also nur gering­fü­gig von der Haf­tungs­ver­tei­lung des OLG Hamm, 2/​3 zu 1/​3, abwei­chend – als sach­an­ge­mes­sen [13].

Ober­lan­des­ge­richt Dres­den, Beschluss vom 24. April 2014 – 7 U 1501/​13

  1. Anschluss an OLG Hamm, Urteil vom 11.03.2003 – 9 U 169/​02, NJW-RR 2003, 975 und OLG Saar­brü­cken, Urteil vom 11.03.2008 – 4 U 228/​07, NJW-RR 2008, 1611[]
  2. OLG Saar­brü­cken, Urteil vom 11.03.2008 – 4 U 228/​07, NJW-RR 2008, 1611[]
  3. etwa Hentschel/​König/​Dau­er, StVR, 42. Aufl., § 8 StVO Rn 54 m.w.N.; BGH, Urteil vom 28.05.1974 – 4 StR 37/​74, NJW 1974, 1572; OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 16.06.1966 – (1) Ss 150/​66 solan­ge nicht kon­kre­te Zwei­fel an die­ser Abbie­ge­ab­sicht begrün­det sind[]
  4. OLG Saar­brü­cken, a.a.O.; OLG Hamm, Urteil vom 11.03.2003 – 9 U 169/​02, NJW-RR 2003, 975; OLG Cel­le, Urteil vom 22.02.1996 – 5 U 71/​95, juris; KG, Urteil vom 13.01.1992 – 12 U 5054/​90, juris; OLG Olden­burg, Beschluss vom 25.05.1992 – Ss 130/​92, NJW 1993, 149; OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 23.03.1992 – 1 U 99/​91, OLGR 1992, 189; OLG Hamm, Beschl v. 22.03.1991 – 2 Ss OWi 230/​91, juris; KG, Urteil vom 29.09.1989 – 12 U 4646/​88, juris; OLG Saar­brü­cken, Urteil vom 02.10.1981 – 3 U 109/​80, juris; OLG Hamm, Beschluss vom 13.11.1980 – 3 Ss OWi 2478/​80, juris; aus­drück­lich offen gelas­sen von OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 10.06.1976 – 12 U 135/​75, juris; eben­so jetzt wohl auch: OLG Mün­chen, Urteil vom 06.09.2013 – 10 U 2336/​13, SVR 2014, 10[]
  5. so OLG Koblenz, Urteil vom 03.04.1995 – 12 U 761/​94[]
  6. KG, Urteil vom 25.09.1989, a.a.O.[]
  7. OLG Saar­brü­cken, a.a.O.[][]
  8. OLG Cel­le, Urteil vom 22.02.1996, a.a.O.[]
  9. OLG Koblenz, Urteil vom 03.04.1995, a.a.O.[]
  10. OLG Saar­brü­cken, Urteil vom 02.10.1981, a.a.O.[]
  11. KG, Urteil vom 13.01.1992 – 12 U 5054/​90[]
  12. OLG Hamm, Urteil vom 11.03.2003, a.a.O.[]
  13. im Ergeb­nis eben­so: OLG Mün­chen, Urteil vom 06.09.2013 – 10 U 2336/​13, SVR 2014, 105[]