Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung – und der Zulas­sungs­grund

Gemäß § 575 Abs. 3 Nr. 2 ZPO muss die Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de im Fall des § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ZPO eine Dar­le­gung zu den Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zun­gen des § 574 Abs. 2 ZPO ent­hal­ten.

Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung – und der Zulas­sungs­grund

Auf die Dar­le­gung eines Zulas­sungs­grun­des kann nicht des­halb ver­zich­tet wer­den, weil der gerüg­te Rechts­feh­ler des Beru­fungs­ge­richts, läge er vor, dazu geführt hät­te, dass das Beru­fungs­ge­richt über eine tat­säch­lich nicht ein­ge­leg­te Beru­fung ent­schie­den hat.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall wen­det sich der Beklag­te mit der Rechts­be­schwer­de gegen den Beschluss des Land­ge­richts Pader­born, mit dem sei­ne Beru­fung gegen das Urteil des Amts­ge­richts Bra­kel vom 08.07.2019 als unzu­läs­sig ver­wor­fen wur­de [1]. Zur Begrün­dung hat das Land­ge­richt auf sei­nen Hin­weis vom 25.07.2019 Bezug genom­men, in dem aus­ge­führt wird, das Amts­ge­richt habe den dort ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz des Beklag­ten vom 17.07.2019 als Beru­fung gegen das dem Beklag­ten am 10.07.2019 zuge­stell­te Urteil des Amts­ge­richts aus­ge­legt und das Ver­fah­ren an das Land­ge­richt wei­ter­ge­lei­tet. Die Kam­mer lege die­sen Schrift­satz eben­falls als Beru­fung aus, die aller­dings nicht form­ge­recht durch einen zuge­las­se­nen Rechts­an­walt ein­ge­legt wor­den sei. Die Kam­mer beab­sich­ti­ge des­halb, das Rechts­mit­tel als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen, sofern nicht noch inner­halb der lau­fen­den Beru­fungs­frist eine form­ge­rech­te Beru­fung ein­ge­legt wer­de.

Der Beklag­te macht gel­tend, dass es sich bei sei­nem Schrift­satz vom 17.07.2019 nicht um die Ein­le­gung einer Beru­fung, son­dern ledig­lich um die Ankün­di­gung einer noch ord­nungs­ge­mäß von einem zuge­las­se­nen Rechts­an­walt zu ver­an­las­sen­den Beru­fungs­ein­le­gung gehan­delt habe.

Die gegen den Ver­wer­fungs­be­schluss gerich­te­te Rechts­be­schwer­de hat­te vor dem Bun­des­ge­richts­hof kei­nen Erfolg. Sie ist zwar nach § 522 Abs. 1 Satz 4, § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ZPO unab­hän­gig davon, ob das Beru­fungs­ge­richt zu Recht von der Ein­le­gung einer Beru­fung aus­ge­gan­gen ist, statt­haft [2]. Die Rechts­be­schwer­de ist aber unzu­läs­sig, weil sie nicht den gesetz­li­chen Vor­ga­ben ent­spre­chend begrün­det wor­den ist, § 577 Abs. 1 ZPO.

Gemäß § 575 Abs. 3 Nr. 2 ZPO muss die Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de im Fall des § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ZPO, also wenn die Rechts­be­schwer­de wie es hier in Betracht kommt auf­grund aus­drück­li­cher gesetz­li­cher Bestim­mung statt­haft ist, eine Dar­le­gung zu den Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zun­gen des § 574 Abs. 2 ZPO ent­hal­ten. Danach ist die Rechts­be­schwer­de nur zuläs­sig, wenn die Rechts­sa­che grund­sätz­li­che Bedeu­tung hat oder die Fort­bil­dung des Rechts oder die Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung eine Ent­schei­dung des Rechts­be­schwer­de­ge­richts erfor­dert. Der Beschwer­de­füh­rer muss den Zulas­sungs­grund bzw. die Zulas­sungs­vor­aus­set­zun­gen nicht nur benen­nen, son­dern auch zu den jewei­li­gen Vor­aus­set­zun­gen sub­stan­ti­iert vor­tra­gen [3].

Die Rechts­be­schwer­de hat schon kei­nen Zulas­sungs­grund im Sin­ne des § 574 Abs. 2 ZPO benannt. Sie hält ledig­lich die Aus­le­gung des Schrei­bens des Beklag­ten vom 17.07.2019 als Beru­fungs­ein­le­gung durch das Beru­fungs­ge­richt für rechts­feh­ler­haft, ohne gel­tend zu machen, dass die­ser Rechts­feh­ler der Rechts­sa­che grund­sätz­li­che Bedeu­tung ver­lei­hen oder ein Bedürf­nis für die Fort­bil­dung des Rechts oder die Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung begrün­den wür­de.

Auf die Dar­le­gung eines Zulas­sungs­grun­des kann auch nicht des­halb ver­zich­tet wer­den, weil der gerüg­te Rechts­feh­ler des Beru­fungs­ge­richts, läge er vor, dazu geführt hät­te, dass das Beru­fungs­ge­richt über eine tat­säch­lich nicht ein­ge­leg­te Beru­fung ent­schie­den hat, womit der ange­grif­fe­ne Beschluss inhalt­lich wir­kungs­los geblie­ben wäre [4]. Der Wort­laut des § 575 Abs. 3 Nr. 2 und des § 574 Abs. 2 ZPO ent­hält kei­ne ent­spre­chen­de Ein­schrän­kung. Sie ergibt sich auch nicht aus dem Sinn und Zweck des § 574 Abs. 2 ZPO, die Rechts­be­schwer­de­instanz im Grund­satz aus­schließ­lich mit Fäl­len zu befas­sen, an deren Ent­schei­dung ein all­ge­mei­nes, über den Ein­zel­fall hin­aus­ge­hen­des Inter­es­se besteht [5]. Der Bun­des­ge­richts­hof sieht kei­nen Grund dafür, war­um im Hin­blick auf die hier streit­ge­gen­ständ­li­che Aus­le­gung einer Pro­zess­er­klä­rung durch das Beru­fungs­ge­richt etwas ande­res als für sons­ti­ge mit der Rechts­be­schwer­de zu rügen­de Rechts­feh­ler gel­ten soll­te.

Soweit die Beschwer­de der Auf­fas­sung ist, da mit dem Rechts­mit­tel nur 7 der Rechts­schein des Beschlus­ses besei­tigt wer­den sol­le, hän­ge eine dahin­ge­hen­de klar­stel­len­de Ent­schei­dung des Rechts­mit­tel­ge­richts nicht vom Vor­lie­gen der Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zun­gen eines "ech­ten" Rechts­mit­tel­ver­fah­rens ab, teilt der Bun­des­ge­richts­hof die­se Auf­fas­sung jeden­falls für die vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung im Hin­blick auf das Zuläs­sig­keits­er­for­der­nis der Dar­le­gung eines Zulas­sungs­grun­des nicht. Der Rechts­be­schwer­de ist zwar zuzu­ge­ben, dass im Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs vom 03.11.1994 LwZB 5/​94, NJW 1995, 404 3, ein ent­spre­chen­der Rechts­satz betref­fend die Zuläs­sig­keit einer Beru­fung gegen ein nicht ver­kün­de­tes Sachur­teil auf­ge­stellt wor­den ist. Aus die­ser Ent­schei­dung, die in der Lite­ra­tur auf Kri­tik gesto­ßen ist [6], lässt sich jedoch für den Streit­fall, der weder von dem in Rede ste­hen­den Rechts­mit­tel noch von des­sen Gegen­stand her mit der dor­ti­gen Fall­kon­stel­la­ti­on über­ein­stimmt, nichts her­lei­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. April 2020 – VI ZB 64/​19

  1. LG Pader­born, Beschluss vom 14.08.2019 5 S 34/​19[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 09.10.1990 – VI ZR 89/​90, NJW 1991, 703, 704, Rn. 15 ff[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 18.09.2018 – VI ZB 26/​17, VersR 2019, 122 Rn. 5; BGH, Beschlüs­se vom 10.10.2018 XII ZB 641/​17, MDR 2018, 1516 Rn. 13; vom 02.08.2017 XII ZB 190/​17, MDR 2017, 1384 Rn. 6; vom 25.07.2012 XII ZB 170/​11, FamRZ 2012, 1561 Rn. 8 f. mwN; vom 25.03.2010 – V ZB 159/​09, MDR 2010, 830 5 mwN; vom 29.09.2005 – IX ZB 430/​02, MDR 2006, 346, 347 9[]
  4. vgl. zu Letz­te­rem BGH, Urteil vom 09.10.1990 – VI ZR 89/​90, NJW 1991, 703, 704 15 ff.; Stein/​Jonas/​Althammer, ZPO, 23. Aufl. vor § 578 Rn. 16[]
  5. vgl. Musielak/​Voit/​Ball, ZPO, 16. Aufl., § 574 Rn. 1; Stein/​Jonas/​Jacobs, ZPO, 23. Aufl., § 574 Rn. 2[]
  6. vgl. Münch­Komm-ZPO/Rim­mels­pa­cher, 5. Aufl., § 511 Rn. 13; Grun­sky, Anm. zu BGH LM § 511 ZPO Nr. 53[]