Rechts­hän­gig­keit nach Wider­spruch

Wird nach Erhe­bung des Wider­spruchs gegen einen Mahn­be­scheid die Sache nicht als­bald an das zur Durch­füh­rung des strei­ti­gen Ver­fah­rens zustän­di­ge Gericht abge­ge­ben (§ 696 Abs. 3 ZPO), so tritt die Rechts­hän­gig­keit mit Ein­gang der Akten bei dem Pro­zess­ge­richt ein.

Rechts­hän­gig­keit nach Wider­spruch

Die Rechts­hän­gig­keit kann nicht gemäß § 696 Abs. 3 ZPO auf den Zeit­punkt der Zustel­lung des Mahn­be­schei­des zurück­be­zo­gen wer­den, wenn die Sache nicht im Sin­ne die­ser Vor­schrift als­bald nach der Erhe­bung des Wider­spruchs an das Pro­zess­ge­richt abge­ge­ben wor­den ist. "Als­bald" ist wie "dem­nächst" in § 167 (und frü­her in § 693 Abs. 2) ZPO zu defi­nie­ren 1. Die Sache ist als­bald abge­ge­ben, wenn dem Antrag­stel­ler ledig­lich eine gering­fü­gi­ge Ver­zö­ge­rung der Abga­be bis zu 14 Tagen anzu­las­ten ist. Der Antrag­stel­ler ist gehal­ten, nach Mit­tei­lung des Wider­spruchs ohne schuld­haf­tes Zögern die Abga­be an das Streit­ge­richt zu ver­an­las­sen. In der Regel ist von ihm zu erwar­ten, dass er bin­nen eines Zeit­raums von zwei Wochen nach Zugang der Mit­tei­lung des Wider­spruchs die rest­li­chen Gerichts­ge­büh­ren ein­zahlt und den Antrag auf Durch­füh­rung des strei­ti­gen Ver­fah­rens stellt 2.

Wann die Rechts­hän­gig­keit ein­tritt, wenn die Sache – wie hier – nicht als­bald an das Pro­zess­ge­richt abge­ge­ben wor­den ist, ist im Gesetz nicht gere­gelt. In Recht­spre­chung und Lite­ra­tur sind dazu unter­schied­li­che Lösun­gen ent­wi­ckelt wor­den:

(1) Die Auf­fas­sung, dass die Wir­kun­gen der Rechts­hän­gig­keit dann ein­trä­ten, wenn die Abga­be­ver­fü­gung des Rechts­pfle­gers den Par­tei­en zuge­stellt wer­de 3, kann des­halb nicht geteilt wer­den, weil für die­se Mit­tei­lung eine Zustel­lung nicht vor­ge­se­hen ist und daher der Zugang nicht ver­bind­lich fest­ge­stellt wer­den kann. Man­gels Bestimm­bar­keit des maß­geb­li­chen Zeit­punkts kann auch nicht dar­auf abge­stellt wer­den, wann das Emp­fangs­ge­richt bei­den Par­tei­en den Ein­gang der Akten mit­ge­teilt hat 4.

(2) Nach einer heu­te ver­brei­te­ten Ansicht, der sich das Beru­fungs­ge­richt ange­schlos­sen hat, tritt die Rechts­hän­gig­keit erst mit Zustel­lung der Anspruchs­be­grün­dung und bei ihrem Aus­blei­ben mit der Ter­mins­be­stim­mung ein 5. Begrün­det wird dies in ers­ter Linie damit, dass nach der Neu­fas­sung des § 697 Abs. 2 Satz 1 ZPO bei Ein­gang der Anspruchs­be­grün­dung wie nach Ein­gang einer Kla­ge wei­ter zu ver­fah­ren sei, d.h. dass die Anspruchs­be­grün­dung wie eine neue Kla­ge zuzu­stel­len sei, wodurch die Rechts­hän­gig­keit ein­tre­te 6.

(3) Die Gegen­mei­nung hält den Ein­gang der Ver­fah­rens­ak­ten bei dem Pro­zess­ge­richt für maß­geb­lich 7.

(4) Eben­so wie der IX. Zivil­se­nat des BGH in den genann­ten Ent­schei­dun­gen teilt der vor­lie­gend zustän­di­ge III. Senat, der die Fra­ge in dem Beschluss vom 28. Febru­ar 2008 8 noch offen gelas­sen hat­te, die letzt­ge­nann­te Auf­fas­sung. Dafür spricht ins­be­son­de­re, dass der Zeit­punkt des Ein­gangs der Akten beim Streit­ge­richt zuver­läs­sig aus den Akten fest­ge­stellt wer­den kann 9. Der Wort­laut des § 696 Abs. 1 Satz 4 ZPO steht dem nicht ent­ge­gen. Dass der Rechts­streit mit Ein­gang der Akten beim Pro­zess­ge­richt als dort anhän­gig gilt, schließt nicht aus, dass gleich­zei­tig die Rechts­hän­gig­keit ein­tritt. Der vom Gesetz­ge­ber mit der Neu­fas­sung des § 696 Abs. 3 ZPO ver­folg­te Zweck, anstel­le der Ter­mi­nie­rung an die Abga­be anzu­knüp­fen 10, lässt es sach­ge­recht erschei­nen, auf den Akten­ein­gang beim Pro­zess­ge­richt abzu­stel­len, wenn die Sache nicht als­bald abge­ge­ben wor­den ist. Nur die Rück­wir­kung der Rechts­hän­gig­keit kommt dem Klä­ger in die­sem Fall nicht zugu­te.

Ein Abstel­len auf die Anspruchs­be­grün­dung bzw. deren Zustel­lung ist nicht des­halb gebo­ten, weil die Anspruchs­be­grün­dung inhalt­lich einer Kla­ge­schrift gleich­steht und bei ihrem Ein­gang nach § 697 Abs. 2 Satz 1 ZPO wie nach Ein­gang einer Kla­ge wei­ter zu ver­fah­ren ist. Die Anspruchs­be­grün­dung soll den Mahn­be­scheid zu einer voll­wer­ti­gen Kla­ge ergän­zen 11, stellt aber nicht selbst die Kla­ge dar; sonst könn­te nicht gemäß § 697 Abs. 3 Satz 1 ZPO Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung auf Antrag des Antrags­geg­ners bestimmt wer­den, wenn die Anspruchs­be­grün­dung nicht recht­zei­tig ein­geht 12. Zudem for­dert es der Schutz des Beklag­ten nicht, die Zustel­lung der Anspruchs­be­grün­dung abzu­war­ten, denn die Streit­sa­che hat bereits mit dem vor­ge­schal­te­ten Mahn­ver­fah­ren begon­nen und ist dem Beklag­ten dadurch bekannt gewor­den. Die Funk­ti­on der Kla­ge­schrift, den Streit­ge­gen­stand fest­zu­le­gen, hat der Mahn­be­scheid bereits erfüllt 13. Im Übri­gen setzt auch die Rück­wir­kung der Rechts­hän­gig­keit auf den Zeit­punkt der Zustel­lung des Mahn­be­schei­des kei­ne der Kla­ge gleich­zu­stel­len­de Anspruchs­be­grün­dung vor­aus 14.

Schließ­lich kann nicht wegen der mate­ri­ell-recht­li­chen Fol­gen der Rechts­hän­gig­keit die Zustel­lung der Anspruchs­be­grün­dung ver­langt wer­den, um die Sache rechts­hän­gig wer­den zu las­sen. Für die Ver­jäh­rungs­hem­mung kommt es nach § 204 Abs. 1 Nr. 3 BGB allein auf die Zustel­lung des Mahn­be­schei­des, nicht aber auf die Begrün­dung der Rechts­hän­gig­keit an (Zöl­ler/­Voll-kom­mer aaO). Auch der Ver­zug des Schuld­ners tritt gemäß § 286 Abs. 1 Satz 2 BGB durch die Zustel­lung eines Mahn­be­scheids eben­so wie durch die Erhe­bung einer Leis­tungs­kla­ge ein.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil und Ver­säum­nis­ur­teil vom 5. Febru­ar 2009 – III ZR 164/​08

  1. BGHZ 175, 360, 362 f Rn. 11 m.w.N.; BGHZ 103, 20, 28; Hk-ZPO/ Gierl, 2. Aufl., § 696 Rn. 17[]
  2. BGH, Beschluss vom 28. Febru­ar 2008 aaO m.w.N.; Hk-ZPO/Gierl aaO[]
  3. so: OLG Mün­chen, MDR 1980, 501, 502; dage­gen OLG Koblenz, OLGZ 91, 373, 376[]
  4. so noch: OLG Köln, MDR 1985, 680; als spä­tes­ter Zeit­punkt genannt von OLG Karls­ru­he, VersR 1991, 125, 126[]
  5. OLG Koblenz, OLGZ 91, 373, 378; OLG Frank­furt, NJW-RR 1992, 447, 448; OLG Mün­chen, MDR 2007, 1154, 1155; OLG-Report 2007, 777; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 66. Aufl., § 696 Rn. 15; Münch­Komm-ZPO/ Schü­ler, 3. Aufl., § 696 Rn. 21; Musielak/​Voit, ZPO, 6. Aufl., § 696 Rn. 4; Schlos­ser, in: Stein/​Jonas, ZPO, 21. Aufl., § 696 Rn. 7; Rosenberg/​Schwab/​Gott­wald, Zivil­pro­zess­recht, 16. Aufl., § 163 Rn. 38; Sun­dermann, JA 1990, 1, 3; Zin­ke, NJW 1983, 1081, 1083 f; als spä­tes­ter Zeit­punkt genannt im Urteil des BGH vom 14. Novem­ber 1991 – IX ZR 250/​90NJW 1993, 1070, 1071 unter I. 1. a[]
  6. OLG Koblenz aaO; OLG Frank­furt aaO; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann aaO; Sun­dermann aaO; Zin­ke aaO[]
  7. BGH, Urteil vom 16. Okto­ber 2003 – IX ZR 167/​02NJW-RR 2004, 1210, 1212 unter III. 2. d; Beschluss vom 16. Novem­ber 2006 – IX ZR 206/​03DSt­RE 2007, 1000; KG, MDR 1998, 735; 618, 619 mit zust. Anm. Müt­her; NJW-RR 1999, 1011; MDR 2000, 1335, 1336; OLG Dres­den, NJW-RR 2003, 194, 195; LG Hal­le, Urteil vom 13. Mai 2005 – 11 O 16/​05 – Leit­satz zitiert nach juris; Hk-ZPO/Gierl aaO Rn. 24; Hüß­te­ge in: Thomas/​Putzo, ZPO, 29. Aufl., § 696 Rn. 13; Olzen, in: Wieczorek/​Schütze, ZPO, 3. Aufl., § 696 Rn. 27; Zöller/​Vollkommer aaO § 696 Rn. 5; Weid­ner, MDR 1981, 460, 461; als frü­hes­ter Zeit­punkt genannt in BGHZ 112, 325, 329[]
  8. BGHZ 175, 360 S. 364 Rn. 13[]
  9. Hk-ZPO/Gierl aaO Rn. 24; Zöller/​Vollkommer aaO[]
  10. BT-Drs. 7/​2729 S. 100[]
  11. Zöller/​Vollkommer aaO § 697 Rn. 2; so auch: Sun­dermann aaO[]
  12. Zöller/​Vollkommer aaO § 696 Rn. 5[]
  13. vgl. Bork/​Jakoby, JZ 2000, 135, 137[]
  14. KG, MDR 2000 aaO; Hk-ZPO/Gierl aaO[]