Rechts­kraft­wir­kung und gesetz­li­cher For­de­rungs­über­gang

Eine rechts­kräf­ti­ge Ent­schei­dung ent­fal­tet Bin­dungs­wir­kung regel­mä­ßig nur gegen­über den Par­tei­en des Vor­pro­zes­ses.

Rechts­kraft­wir­kung und gesetz­li­cher For­de­rungs­über­gang

Das Urteil wirkt Rechts­kraft nur zwi­schen den dama­li­gen Pro­zess­par­tei­en 1. Hin­ge­gen erstreckt sich die Rechts­kraft nicht auf Drit­te, die am Pro­zess nicht teil­ge­nom­men haben und des­halb auf die Ent­schei­dungs­fin­dung kei­nen Ein­fluss hat­ten.

Etwas ande­res gilt nur in den Fäl­len, in denen das Gesetz die Rechts­kraft auf Drit­te erstreckt (§§ 325 ff. ZPO) 2.

Für die Anwen­dung der Rege­lung in § 325 Abs. 1 ZPO, wonach das rechts­kräf­ti­ge Urteil zugleich für und gegen die Per­so­nen wirkt, die nach dem Ein­tritt der Rechts­hän­gig­keit Rechts­nach­fol­ger der Par­tei­en gewor­den sind, fehlt, dass die Ansprü­che des Ver­si­cher­ten erst nach Ein­tritt der Rechts­hän­gig­keit auf die Berufs­ge­nos­sen­schaft über­ge­gan­gen sind. Der Anspruchs­über­gang gemäß § 116 Abs. 1 SGB X lag zeit­lich jeden­falls vor der Rechts­hän­gig­keit des – vom Gschä­dig­ten geführ­ten – Vor­pro­zes­ses. Lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen des § 116 Abs. 1 SGB X vor, so geht der Anspruch des Geschä­dig­ten gegen den Schä­di­ger kraft Geset­zes, d.h. ohne wei­te­res Zutun des regress­be­rech­tig­ten Sozi­al­leis­tungs­trä­gers, auf die­sen über 3. Der Über­gang auf einen Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger erfolgt dem Grun­de nach bereits im Augen­blick des scha­den­stif­ten­den Ereig­nis­ses, wenn eine Leis­tungs­pflicht des Ver­si­che­rungs­trä­gers gegen­über dem Ver­letz­ten irgend­wie in Betracht kommt, also nicht völ­lig unwahr­schein­lich ist 4. Die im Streit befind­li­chen Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gin­gen danach zeit­lich vor der Rechts­hän­gig­keit des Vor­pro­zes­ses auf die Berufs­ge­nos­sen­schaft über, da offen­sicht­lich war, dass die Berufs­ge­nos­sen­schaft als Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ge­rin für die Ver­let­zun­gen des bei ihr Ver­si­cher­ten Leis­tun­gen zu erbrin­gen haben wür­de. § 325 Abs. 1 ZPO bie­tet mit­hin kei­ne Grund­la­ge für eine Erstre­ckung der Rechts­kraft des Urteils, das zwi­schen dem Ver­letz­ten und der Schä­di­ge­rin ergan­gen ist, auf die Berufs­ge­nos­sen­schaft.

Auch ist das Gericht in dem spä­te­ren Rechts­streit der Berufs­ge­nos­sen­schaft nicht gehal­ten, auf­grund einer Bin­dungs­wir­kung des rechts­kräf­ti­gen Urteils zwi­schen dem Ver­si­cher­ten und dem Schä­di­ger sei­nem Urteil zugrun­de zu legen, dass der Schä­di­ger gegen­über dem Ver­si­cher­ten haf­tungs­pri­vi­le­giert ist und ein Scha­dens­er­satz­an­spruch des­halb gegen ihn nicht gege­ben ist. Eben­so wie die Rechts­kraft wirkt eine frü­he­re Ent­schei­dung nur gegen­über den Par­tei­en des Vor­pro­zes­ses bin­dend, nicht jedoch gegen­über nicht am Pro­zess betei­lig­ten Drit­ten, da ansons­ten der Anspruch auf recht­li­ches Gehör des nicht am Pro­zess betei­lig­ten Drit­ten nicht hin­rei­chend gewähr­leis­tet wäre 5.

Eine Rechts­kraf­ter­stre­ckung folgt auch nicht aus den Rege­lun­gen in § 407 Abs. 2, § 412 BGB. Danach muss der neue Gläu­bi­ger (hier die Klä­ge­rin) ein Urteil gegen sich gel­ten las­sen, das zwi­schen dem Schuld­ner einer abge­tre­te­nen bzw. über­ge­gan­ge­nen For­de­rung (hier: die Beklag­te) und dem bis­he­ri­gen Gläu­bi­ger (hier: der Ver­si­cher­te K.) in einem nach dem For­de­rungs­über­gang anhän­gig gewor­de­nen Rechts­streit rechts­kräf­tig über die For­de­rung ergan­gen ist (§ 407 Abs. 2, 412 BGB). § 407 Abs. 2 BGB führt – anders als § 325 ZPO – zu einer Rechts­kraf­ter­stre­ckung nur gegen den Zes­sio­nar. Die­se Vor­aus­set­zung wäre im Streit­fall gege­ben, da die Kla­ge des Ver­si­cher­ten gegen den Schä­di­ger abge­wie­sen wor­den ist. Die Vor­schrift des § 407 Abs. 2 BGB ver­wehrt es aber dem Schuld­ner, sich auf eine rechts­kräf­tig in einem Pro­zess zwi­schen ihm und dem frü­he­ren Gläu­bi­ger ergan­ge­ne Ent­schei­dung zu beru­fen, wenn die­ser Rechts­streit erst nach sei­ner Kennt­nis vom Anspruchs­über­gang rechts­hän­gig gewor­den ist. So liegt der Fall hier.

Dass der Schä­di­ger den Anspruchs­über­gang auf die Berufs­ge­nos­sen­schaft bei Ein­tritt der Rechts­hän­gig­keit des Vor­pro­zes­ses nicht kann­te, kann auf­grund der unfall­be­ding­ten Ver­let­zun­gen des Ver­si­cher­ten nicht ange­nom­men wer­den.

An die Kennt­nis vom For­de­rungs­über­gang wer­den, um den Schutz der sozia­len Leis­tungs­trä­ger nicht durch die Behaup­tung feh­len­den Wis­sens vom Gläu­bi­ger­wech­sel unter­lau­fen zu kön­nen, von der Recht­spre­chung im Rah­men des § 116 Abs. 1 SGB X, wie schon zur Zeit der Gel­tung des § 1542 RVO 6, nur maß­vol­le Anfor­de­run­gen gestellt. Für die Kennt­nis des Schä­di­gers von einem For­de­rungs­über­gang nach § 116 Abs. 1 SGB X genügt schon das Wis­sen, dass der Ver­letz­te sozi­al­ver­si­chert ist; es reicht sogar aus, wenn er tat­säch­li­che Umstän­de kennt, von denen all­ge­mein bekannt ist, dass sie ver­si­che­rungs­pflich­tig machen 7.

Für den Schä­di­ger lag es vor­lie­gend auf der Hand, dass der Ver­si­cher­te als Mit­ar­bei­ter der Silo­trans­port­fir­ma gesetz­lich ver­si­chert ist und die Berufs­ge­nos­sen­schaft wegen der unfall­be­ding­ten Ver­let­zun­gen des bei ihr gesetz­lich Ver­si­cher­ten Leis­tun­gen erbrin­gen wür­de. Mit­hin kann er sich gegen­über der Berufs­ge­nos­sen­schaft nicht nach § 407 Abs. 2, § 412 BGB auf das ihm güns­ti­ge, die Kla­ge des Ver­si­cher­ten abwei­sen­de Urteil beru­fen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Sep­tem­ber 2014 – VI ZR 483/​12

  1. vgl. BGH, Urteil vom 11.11.1993 – IX ZR 35/​93, BGHZ 124, 86, 95; Beschluss vom 16.06.1993 – I ZB 14/​91, BGHZ 123, 30, 33 f.; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 30. Aufl. § 325 Rn. 3
  2. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 28.05.1969 – V ZR 46/​66, BGHZ 52, 150, 151 ff.
  3. vgl. Brack­mann, Hand­buch der Sozi­al­ver­si­che­rung, 11. Aufl., § 116 SGB X S. 971 b; Nehls in Hauck/​Noftz, SGB X/​2, K § 116 Rn. 1 [Lfg. 1/​07]; Kater in Kas­se­ler Kom­men­tar, § 116 SGB X Rn. 141a [Stand: Juni 2013]; Pickel/​Marschner, SGB X, § 116 Rn. 13, 21 [Stand: April 2014]; Git­ter in SGB-SozVers-Ges­Komm; § 116 SGB X Anm. 9; Wannagat/​Eichenhofer, SGB X, § 116 Rn. 13, Stand: März 2001
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 20.09.1994 – VI ZR 285/​93, BGHZ 127, 120, 125; vom 08.07.2003 – VI ZR 274/​02, BGHZ 155, 342, 346; vom 12.04.2011 – VI ZR 158/​10, BGHZ 189, 158 Rn. 8; vom 17.04.1990 – VI ZR 276/​89, VersR 1990, 1028, 1029; vom 17.06.2008 – VI ZR 197/​07, VersR 2008, 1350 Rn. 12
  5. vgl. BGH, Urteil vom 16.01.2008 – XII ZR 216/​05, NJW 2008, 1227 Rn.19, 23
  6. BGH, Urteil vom 04.10.1983 – VI ZR 44/​82, VersR 1984, 35 18
  7. stän­di­ge Recht­spre­chung, so etwa BGH, Urtei­le vom 12.12 1995 – VI ZR 271/​94, BGHZ 131, 274, 286; und vom 20.09.1994 – VI ZR 285/​93, BGHZ 127, 120, 127 f.