Rest­schuld­be­frei­ung bei vor­sätz­li­cher uner­laub­ter Hand­lung

Ob eine For­de­run­gen von der Rest­schuld­be­frei­ung aus­ge­nom­men ist, weil der Schuld­ner eine vor­sätz­li­che uner­laub­te Hand­lung began­gen hat, hängt davon ab, wel­che Rechts­fol­gen das mate­ri­el­le Scha­dens­recht an die uner­laub­te Hand­lung knüpft. So kann auch ein pro­zes­sua­ler Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch aus vor­sätz­li­cher uner­laub­ter Hand­lung begrün­det sein, sofern zugleich ein mate­ri­ell-recht­li­cher delik­ti­scher Erstat­tungs­an­spruch besteht.

Rest­schuld­be­frei­ung bei vor­sätz­li­cher uner­laub­ter Hand­lung

Dage­gen ist der Anspruch des Geschä­dig­ten einer vor­sätz­li­chen uner­laub­ten Hand­lung, wel­cher im Straf­ver­fah­ren gegen den Schä­di­ger als Neben­klä­ger auf­ge­tre­ten ist, auf Erstat­tung der Kos­ten der Neben­kla­ge allein pro­zes­sua­ler Natur und daher nicht aus vor­sätz­li­cher uner­laub­ter Hand­lung begrün­det.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­ho­fes wer­den Ver­bind­lich­kei­ten des Schuld­ners nach § 302 Nr. 1 InsO aus einer vor­sätz­lich began­ge­nen uner­laub­ten Hand­lung von der Ertei­lung der Rest­schuld­be­frei­ung nicht berührt, sofern der Gläu­bi­ger die ent­spre­chen­de For­de­rung unter Anga­be die­ses Rechts­grun­des nach § 174 Abs. 2 InsO ange­mel­det hat. Die Vor­schrift des § 302 Nr. 1 InsO regelt nicht näher, wel­che For­de­run­gen als Ansprü­che aus Vor­satz­de­likt von der Rest­schuld­be­frei­ung aus­ge­nom­men wer­den, son­dern setzt eine sol­che Begriffs­be­stim­mung vor­aus. Auch soweit For­de­run­gen aus vor­sätz­lich began­ge­ner uner­laub­ter Hand­lung durch ande­re Vor­schrif­ten pri­vi­le­giert wer­den, fehlt jeweils eine nähe­re Bestim­mung der damit erfass­ten Ansprü­che 1.

Im Aus­gangs­punkt besteht im Hin­blick auf sämt­li­che genann­ten Bestim­mun­gen Einig­keit, dass der Begriff der vor­sätz­li­chen uner­laub­ten Hand­lung auf das Delikts­recht der §§ 823 ff BGB Bezug nimmt 2. Die Fra­ge, ob über die Delikts­tat­be­stän­de der §§ 823 ff BGB hin­aus auch spe­zi­al-gesetz­lich gere­gel­te Vor­schrif­ten des außer­ver­trag­li­chen Scha­dens­er­satz­rechts zum Recht der uner­laub­ten Hand­lun­gen zäh­len 3, kann vor­lie­gend dahin­ste­hen, weil der Schuld­ner eine vor­sätz­li­che uner­laub­te Hand­lung gemäß § 823 Abs. 1 BGB sowie gemäß § 823 Abs. 2 BGB in Ver­bin­dung mit § 177 Abs. 1 und 2, § 223 Abs. 1, § 224 Abs. 1 StGB began­gen hat.

Liegt eine vor­sätz­li­che uner­laub­te Hand­lung vor, so bestimmt sich der Kreis der gemäß § 89 Abs. 2 Satz 2 Fall 2, § 302 Nr. 1 InsO, § 850 f Abs. 2 ZPO, § 393 BGB pri­vi­le­gier­ten For­de­run­gen ein­heit­lich danach, wel­che Rechts­fol­gen das mate­ri­el­le Scha­dens­recht an die began­ge­ne uner­laub­te Hand­lung knüpft.

Für einen Ver­zicht auf geson­der­te Bestim­mung des Begriffs der For­de­rung aus vor­sätz­lich began­ge­ner uner­laub­ter Hand­lung im Sin­ne des jewei­li­gen Pri­vi­le­gie­rungs­tat­be­stan­des spricht zunächst der Umstand, dass die­se Tat­be­stän­de ihren Anwen­dungs­be­reich nicht eigen­stän­dig regeln, son­dern auf das Recht der uner­laub­ten Hand­lun­gen Bezug neh­men. Es erscheint daher nicht ange­bracht, einem Gläu­bi­ger den Genuss des Pri­vi­legs von Delikts­for­de­run­gen auch dann zuzu­ge­ste­hen, wenn die mit der For­de­rung gel­tend gemach­te Ver­mö­gens­ein­bu­ße nach mate­ri­el­lem Scha­dens­recht nicht ersatz­fä­hig ist, mag auch ein ander­wei­tig begrün­de­ter Ersatz­an­spruch in tat­säch­li­chem Zusam­men­hang mit dem began­ge­nen Delikt ste­hen. Gewährt hin­ge­gen das Recht der uner­laub­ten Hand­lun­gen Ersatz für eine bestimm­te Ver­mö­gens­po­si­ti­on, so ist kein Sach­grund ersicht­lich, die Pri­vi­le­gie­rung von Ansprü­chen aus Delikt dem­ge­gen­über enger zu fas­sen.

Für die Aus­le­gung des Begriffs der For­de­rung aus vor­sätz­lich began­ge­ner uner­laub­ter Hand­lung nach den Maß­stä­ben des Delikts­rechts spricht fer­ner, dass auf die­se Wei­se eine ein­heit­li­che Reich­wei­te die­ses Tat­be­stands­merk­mals im Sin­ne sämt­li­cher Pri­vi­le­gie­rungs­vor­schrif­ten erreicht wer­den kann.

Wür­de der Kreis der Ansprü­che aus vor­sätz­li­cher uner­laub­ter Hand­lung im Sin­ne die­ser Pri­vi­le­gie­rungs­tat­be­stän­de jeweils eigen­stän­dig aus­ge­legt, so folg­te dar­aus, dass die Rechts­kraft eines zu einer die­ser Bestim­mun­gen ergan­ge­nen Fest­stel­lungs­ur­teils kei­ne Wir­kung für die Par­al­lel­vor­schrif­ten ent­fal­te­te, weil dann wegen der feh­len­den Über­ein­stim­mung des fest­ge­stell­ten Rechts­ver­hält­nis­ses ein ande­rer Streit­ge­gen­stand vor­lä­ge. Ein Gläu­bi­ger, der bei­spiels­wei­se auf­grund des Wider­spruchs des Schuld­ners gegen die recht­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on der zur Tabel­le ange­mel­de­ten For­de­rung die Fest­stel­lung erstrit­ten hat, dass die­ser Anspruch aus Vor­satz­de­likt begrün­det sei, könn­te sich dann nicht auf die Rechts­kraft die­ses Fest­stel­lungs­ur­teils beru­fen, wenn er die Her­ab­set­zung des Pfän­dungs­frei­be­trags nach § 850 f Abs. 2 ZPO bean­trag­te.

Die vom Bun­des­ge­richts­hof bereits in der Ver­gan­gen­heit erstreb­te ein­heit­li­che Aus­le­gung der Pri­vi­le­gie­rungs­vor­schrif­ten für Ansprü­che aus vor­sätz­li­cher uner­laub­ter Hand­lung 4 erscheint daher auch gebo­ten, um die in der Sache nahe lie­gen­de Iden­ti­tät des fest­zu­stel­len­den Rechts­ver­hält­nis­ses im Sin­ne der jewei­li­gen Tat­be­stän­de her­zu­stel­len und mehr­fa­che Fest­stel­lungs­kla­gen ent­behr­lich zu machen. In die­sem Sin­ne hat das Gericht in der Ver­gan­gen­heit in sol­chen Fäl­len, in wel­chen der Gläu­bi­ger nach einem Wider­spruch des Schuld­ners die Fest­stel­lung begehr­te, dass die zur Tabel­le ange­mel­de­te For­de­rung aus Vor­satz­de­likt begrün­det sei, eine Urteils­for­mel gebil­ligt, durch wel­che die Eigen­schaft als Anspruch aus vor­sätz­lich began­ge­ner uner­laub­ter Hand­lung fest­ge­stellt wird, ohne dies im Tenor aus­drück­lich auf die Aus­nah­me von der Rest­schuld­be­frei­ung gemäß § 302 Nr. 1 InsO zu beschrän­ken 5.

Nach mate­ri­el­lem Scha­dens­recht stellt die vom beklag­ten Frei­staat zur Insol­venz­ta­bel­le ange­mel­de­te For­de­rung kei­ne Ver­bind­lich­keit aus vor­sätz­lich began­ge­ner uner­laub­ter Hand­lung dar, weil dem Klä­ger zwar ein Vor­satz­de­likt anzu­las­ten ist, der Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch des Beklag­ten jedoch nicht aus Delikts­recht begrün­det ist.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den hat, stellt der Anspruch der Staats­kas­se gegen einen ver­ur­teil­ten Straf­tä­ter auf Ersatz der Kos­ten des Straf­ver­fah­rens gemäß § 465 Abs. 1 Satz 1 StPO kei­ne For­de­rung aus vor­sätz­lich began­ge­ner uner­laub­ter Hand­lung dar 6. Ein Anspruch aus vor­sätz­li­cher uner­laub­ter Hand­lung setzt nicht nur vor­aus, dass der Schuld­ner eine uner­laub­te Hand­lung began­gen hat, son­dern auch, dass der Gläu­bi­ger sei­ne For­de­rung gera­de aus dem Recht der uner­laub­ten Hand­lun­gen her­lei­ten kann.

Die Staats­kas­se ist aber nicht allein aus dem Grund Geschä­dig­ter einer uner­laub­ten Hand­lung, weil die­se zugleich einen Straf­tat­be­stand erfüllt hat. Rich­ten sich Straf­ta­ten gegen Rechts­gü­ter im Sin­ne des § 823 Abs. 1 BGB, so ste­hen die­se dem Staat nur in Aus­nah­me­fäl­len wie etwa dem Dieb­stahl von Staats­ei­gen­tum zu. Die mate­ri­el­len Straf­ge­set­ze und die straf­pro­zes­sua­len Kos­ten­er­stat­tungs­vor­schrif­ten stel­len auch kei­ne Schutz­ge­set­ze im Sin­ne des § 823 Abs. 2 BGB zur Ver­scho­nung der Staats­kas­se vor der Belas­tung mit den Kos­ten des Straf­ver­fah­rens dar, weil nur auf den Schutz von Indi­vi­dual­in­ter­es­sen zuge­schnit­te­ne Bestim­mun­gen Schutz­ge­setz­cha­rak­ter haben kön­nen 7. Die Schaf­fung von Straf­ge­set­zen dient auch nicht dem Schutz der All­ge­mein­heit vor der Belas­tung mit den Kos­ten des Straf­ver­fah­rens, son­dern zieht die­se Kos­ten erst nach sich.

Nichts ande­res gilt im Ergeb­nis für den Anspruch auf Erstat­tung der not­wen­di­gen Aus­la­gen des Neben­klä­gers gegen einen ver­ur­teil­ten Straf­tä­ter, wel­chem die­se Kos­ten gemäß § 472 Abs. 1 Satz 1 StPO auf­er­legt wor­den sind. Auch die­ser Anspruch ist nicht aus vor­sätz­lich began­ge­ner uner­laub­ter Hand­lung begrün­det, weil die Neben­kla­ge­kos­ten außer­halb des Schutz­be­reichs der Delikts­tat­be­stän­de lie­gen und daher scha­dens­recht­lich nicht erstat­tungs­fä­hig sind 8.

Der Umstand, dass ein auf­grund einer Kos­ten­ent­schei­dung bestehen­der Erstat­tungs­an­spruch pro­zess­recht­li­cher Natur ist, hin­dert des­sen Qua­li­fi­ka­ti­on als Anspruch aus Vor­satz­de­likt nicht, wenn dane­ben ein Erstat­tungs­an­spruch nach mate­ri­el­lem Scha­dens­recht besteht. Ein pro­zes­sua­ler Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch kann zugleich aus mate­ri­el­lem Recht begrün­det sein. Nach mate­ri­el­lem Scha­dens­recht erfasst der Scha­dens­er­satz­an­spruch aus §§ 823 ff, §§ 249 ff BGB auch die den Umstän­den nach erfor­der­li­chen Kos­ten der Rechts­ver­fol­gung 9. Die­ser mate­ri­ell-recht­li­che Anspruch auf Erstat­tung von Rechts­ver­fol­gungs­kos­ten wird über­la­gert, wenn der Geschä­dig­te im Pro­zess obsiegt und hier­durch einen durch­setz­ba­ren pro­zes­sua­len Erstat­tungs­an­spruch erlangt 10. Der Geschä­dig­te kann sei­nen mate­ri­ell-recht­li­chen Anspruch auf Erstat­tung der auf­ge­wand­ten Pro­zess­kos­ten dann regel­mä­ßig wegen feh­len­den Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses nicht im Wege einer Leis­tungs­kla­ge gel­tend machen, weil ihm mit dem Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren ein schnel­le­rer und
ein­fa­che­rer Weg zur Ver­fü­gung steht 11. Ein glei­cher­ma­ßen pro­zes­su­al wie mate­ri­ell-recht­lich begrün­de­ter Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch besitzt damit eine Dop­pel­na­tur 12.

Ist der pro­zes­sua­le Erstat­tungs­an­spruch zugleich aus mate­ri­el­lem Recht begrün­det, so muss er auch die Qua­li­fi­ka­ti­on als Anspruch aus vor­sätz­lich began­ge­ner uner­laub­ter Hand­lung tei­len 13. Der Anspruch auf Erstat­tung der zur Ver­fol­gung von Ansprü­chen aus vor­sätz­li­cher uner­laub­ter Hand­lung auf­ge­wand­ten Pro­zess­kos­ten unter­fällt daher eben­falls den­je­ni­gen Bestim­mun­gen, wel­che For­de­run­gen aus Vor­satz­de­likt pri­vi­le­gie­ren 14.

Der straf­pro­zes­sua­le Anspruch auf Erstat­tung der Kos­ten einer erho­be­nen Neben­kla­ge gemäß § 472 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 StPO ist hin­ge­gen allein pro­zes­sua­ler Natur und nicht auch aus mate­ri­el­lem Recht begrün­det.

Der Geschä­dig­te einer uner­laub­ten Hand­lung kann die­se Kos­ten nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung nicht im Zivil­rechts­we­ge gel­tend machen, wenn ihm nach den straf­pro­zess­recht­li­chen Kos­ten­vor­schrif­ten kein Erstat­tungs­an­spruch zuge­spro­chen wor­den ist. Wird der Ange­klag­te im Straf­pro­zess frei­ge­spro­chen, so mag der Geschä­dig­te zwar auf­grund des­sel­ben Tat­vor­wurfs im Zivil­pro­zess eine Ver­ur­tei­lung auf Scha­dens­er­satz errei­chen, die im Straf­pro­zess ange­fal­le­nen Neben­kla­ge­kos­ten kann er dabei aber nicht als Scha­den bean­spru­chen 15. Das­sel­be gilt, wenn das Straf­ver­fah­ren ein­ge­stellt wird und das Straf­ge­richt im Rah­men einer Ermes­sen­ent­schei­dung (vgl. § 472 Abs. 2 StPO) davon absieht, dem Ange­klag­ten die Kos­ten der Neben­kla­ge auf­zu­er­le­gen 16. Im Ergeb­nis kann der Geschä­dig­te einer vor­sätz­lich began­ge­nen uner­laub­ten Hand­lung damit die Erstat­tung der Kos­ten sei­ner im Straf­ver­fah­ren erho­be­nen Neben­kla­ge nur aus einem pro­zes­sua­len Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch nach Maß­ga­be der Straf­pro­zess­ord­nung ver­lan­gen.

Ein mate­ri­ell-recht­li­cher Erstat­tungs­an­spruch des Geschä­dig­ten einer uner­laub­ten Hand­lung auf Ersatz der Ver­gü­tung des Neben­kla­ge­ver­tre­ters schei­det von vorn­her­ein aus, soweit der Geschä­dig­te selbst sei­nem anwalt­li­chen Ver­tre­ter kei­ne Ver­gü­tung schul­det. Wird zur Ver­tre­tung des Neben­klä­gers ein Rechts­an­walt gemäß § 397a Abs. 1 StPO bestellt oder gemäß § 397a Abs. 2 StPO im Wege der Pro­zess­kos­ten­hil­fe bei­geord­net, so kann die­ser sei­ne Ver­gü­tung gemäß § 45 Abs. 1 RVG gegen­über der Staats­kas­se abrech­nen. Aus § 53 Abs. 2 Satz 1 RVG, § 126 ZPO steht dem Neben­klä­ger­ver­tre­ter zudem ein Anspruch gegen den Ver­ur­teil­ten zu, wel­chem die Aus­la­gen des Neben­klä­gers auf­er­legt wor­den sind 17.

Der Neben­klä­ger selbst haf­tet hin­ge­gen gemäß § 53 Abs. 2 Satz 1 RVG, § 122 Abs. 1 Nr. 3 ZPO in Ver­bin­dung mit § 397a Abs. 2 StPO grund­sätz­lich nicht für die Ver­gü­tung sei­nes gericht­lich bestell­ten oder bei­geord­ne­ten anwalt­li­chen Ver­tre­ters 18. Ein mate­ri­ell-recht­li­cher Ersatz­an­spruch kann daher hier im Hin­blick auf die Kos­ten der Neben­kla­ge schon des­halb nicht bestehen, weil der Neben­klä­ger inso­weit kei­nen Scha­den erlit­ten hat. Soweit die Staats­kas­se für die auf­ge­wand­te Rechts­an­walts­ver­gü­tung beim Ver­ur­teil­ten Regress nimmt, wenn die­sem die Kos­ten der Neben­kla­ge auf­er­legt wor­den sind (§ 472 Abs. 1 Satz 1 StPO, § 59 RVG) oder der Neben­klä­ger­ver­tre­ter sei­ne Ver­gü­tung unmit­tel­bar vom Ver­ur­teil­ten for­dert, sind die­se Erstat­tungs­an­sprü­che rein pro­zes­sua­ler Natur, weil die Staats­kas­se und der Neben­klä­ger­ver­tre­ter nicht Geschä­dig­te der uner­laub­ten Hand­lung sind 19.

Auch soweit der Neben­klä­ger selbst die Ver­gü­tung sei­nes anwalt­li­chen Ver­tre­ters schul­det, ist des­sen Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch gegen den Ver­ur­teil­ten aus § 472 Abs. 1 Satz 1 StPO nicht zugleich aus mate­ri­el­lem Recht begrün­det. Der Bun­des­ge­richts­hof hat einen mate­ri­ell-recht­li­chen Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruchs des Neben­klä­gers nach einem Frei­spruch im Straf­ver­fah­ren zwar im Wesent­li­chen mit der Spe­zia­li­tät der straf­pro­zes­sua­len Kos­ten­er­stat­tungs­vor­schrif­ten begrün­det, zugleich aber auch auf den unter­schied­li­chen Schutz­zweck des Straf­ver­fah­rens gegen­über dem auf Wie­der­gut­ma­chung zie­len­den Zivil­pro­zess hin­ge­wie­sen 20.

Anknüp­fend an die­se zuletzt genann­te Erwä­gung wird in der Instanz­recht­spre­chung und im Schrift­tum über­wie­gend ange­nom­men, Neben­kla­ge­kos­ten sei­en des­halb nicht als Scha­dens­er­satz aus uner­laub­ter Hand­lung ersatz­fä­hig, weil die­se außer­halb des Schutz­be­reichs der ver­letz­ten Delikts­norm lägen 21.

Der Ver­letz­te einer Straf­tat kann kei­nen Ersatz für die Aus­la­gen ver­lan­gen, wel­che durch die Ein­lei­tung des Straf­ver­fah­rens gegen den Straf­tä­ter ent­stan­den sind. So erstreckt sich etwa der Eigen­tums­schutz des Ver­letz­ten eines Dieb­stahls nicht auf die Ver­wirk­li­chung des Straf­an­spruchs; der Ersatz­an­spruch wird durch die Auf­ga­be der ver­letz­ten Haf­tungs­norm begrenzt 11. Liegt das Inter­es­se des Geschä­dig­ten an der Bestra­fung des Schä­di­gers damit außer­halb des Schutz­be­reichs der zivil­recht­li­chen Haf­tungs­norm, so ist der Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch des als Neben­klä­ger auf­ge­tre­te­nen Geschä­dig­ten nach den Rege­lun­gen der Straf­pro­zess­ord­nung allein pro­zes­sua­ler Natur und nicht zugleich aus mate­ri­el­lem Recht begrün­det.

Der Bun­des­ge­richts­hof weist ergän­zend dar­auf hin, dass der Anspruch auf Erstat­tung der Kos­ten der Neben­kla­ge auch dann kei­ne For­de­rung aus vor­sätz­lich began­ge­ner uner­laub­ter Hand­lung dar­stellt, wenn der anwalt­li­che Ver­tre­ter des Neben­klä­gers für die­sen im Straf­pro­zess zugleich einen Scha­dens­er­satz­an­spruch im Wege des Adhä­si­ons­ver­fah­rens gemäß § 403 ff StPO gel­tend gemacht hat. Zwar lie­gen nach mate­ri­el­lem Recht ersatz­fä­hi­ge Rechts­ver­fol­gungs­kos­ten vor, soweit die Auf­wen­dun­gen für das Adhä­si­ons­ver­fah­ren zur Durch­set­zung des Scha­dens­er­satz­an­spruchs erfor­der­lich waren. Dem Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch des Geschä­dig­ten aus § 472a Abs. 1 StPO kommt damit eben­so wie einem zivil­pro­zes­sua­len Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch eine Dop­pel­na­tur zu, so dass die­ser Anspruch die Qua­li­fi­ka­ti­on des Scha­dens­er­satz­an­spruchs als For­de­rung aus vor­sätz­li­cher uner­laub­ter Hand­lung teilt. Die­se recht­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on beschränkt sich jedoch stets auf die Kos­ten des Adhä­si­ons­ver­fah­rens 22 und erstreckt sich nicht auf den Anspruch aus § 472 Abs. 1 Satz 1 StPO auf Erstat­tung der Neben­kla­ge­kos­ten.

Von der Ertei­lung der Rest­schuld­be­frei­ung aus­ge­nom­men (§ 302 Nr. 1 InsO) wären in einem sol­chen Fall nur die durch das Adhä­si­ons­ver­fah­ren ver­ur­sach­ten Kos­ten. Auch in die­sem Fall sind die Straf­ver­fol­gungs­kos­ten der Befrie­di­gung des per­sön­li­chen Straf­be­dürf­nis­ses des Opfers zuzu­ord­nen und fal­len des­halb nicht in den Anwen­dungs­be­reich des § 302 Nr. 1 InsO. Eine Lücke hin­sicht­lich des Schut­zes des Geschä­dig­ten bei der Durch­set­zung sei­ner zivil­recht­li­chen Scha­dens-ersatz­an­sprü­che ent­steht des­halb nicht. Das Inter­es­se an der Durch­füh­rung eines Straf­ver­fah­rens gegen den Scha­dens­ver­ur­sa­cher reicht auch in die­sem Son­der­fall nicht aus, um zu einer Auf­wer­tung der For­de­rung hin­sicht­lich der Aus­la­gen des Geschä­dig­ten im Straf­ver­fah­ren zu gelan­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Juli 2011 – IX ZR 151/​10

  1. vgl. § 89 Abs. 2 Satz 2 Fall 2 InsO, § 850 f Abs. 2 ZPO, § 393 BGB; fer­ner § 273 Abs. 2, § 1000 Satz 2 BGB[]
  2. BGH, Urteil vom 6.12.1979 – IX ZR 40/​76, LM Nr. 6 zu § 393 BGB; Urteil vom 16.11.2010 – VI ZR 17/​10, ZIn­sO 2011, 430 Rn. 7 zu § 302 Nr. 1 InsO; Pape/​Schaltke in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2010, § 184 Rn. 47; Wen­zel in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2008, § 302 Rn. 1a; Münch­Komm-InsO/S­te­phan, 2. Aufl., § 302 Rn. 7; Uhlenbruck/​Vallender, InsO, 13. Aufl., § 302 Rn. 2; Hamb­Komm-InsO/S­treck, 3. Aufl., § 302 Rn. 2; Hess, Insol­venz­recht, § 302 InsO Rn. 2; Graf-Schli­cker/K­e­xel, InsO, 2. Aufl., § 302 Rn. 4; Münch­Komm-ZPO/S­mid, 3. Aufl., § 850 f Rn. 14; Staudinger/​Gursky, BGB, 2006, § 393 Rn. 5; Soergel/​Schreiber, BGB, 13. Aufl., § 393 Rn. 1; Erman/​Wagner, BGB, 12. Aufl., § 393 Rn. 2[]
  3. so Wieczorek/​Schütze/​Lüke, ZPO, 3. Aufl., § 850 f Rn. 25; Musielak/​Becker, ZPO, 8. Aufl., § 850f Rn. 9; Ahrens in Prütting/​Gehrlein, ZPO, 3. Aufl., § 850 f Rn. 37; Münch­Komm-BGB/­Schlü­ter, 5. Aufl., § 393 Rn. 2; Bamberger/​Roth/​Dennhardt, BGB, 2. Aufl., § 393 Rn. 5; Palandt/​Grüneberg, BGB, 70. Aufl., § 393 Rn. 3; Pfeif­fer in Prüt-tin­g/­We­gen/Wein­reich, BGB, 6. Aufl., § 393 Rn. 3[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 16.11.2010 – VI ZR 17/​10, ZIn­sO 2011, 430 Rn. 8 f; Urteil vom 18.11.2010 – IX ZR 67/​10, ZIn­sO 2011, 102 Rn. 16 f; Beschluss vom 10.03.2011 – VII ZB 70/​08, WM 2011, 944 Rn. 15 f[]
  5. BGH, Urteil vom 18.05.2006 – IX ZR 187/​04, ZIn­sO 2006, 704 Rn. 3, 12; Urteil vom 18.01.2007 – IX ZR 176/​05, ZIn­sO 2007, 265 Rn. 2, 7 ff; Urteil vom 12.06.2008 – IX ZR 100/​07, ZIn­sO 2008, 809 Rn. 2, 4 ff; Urteil vom 18.12.2008 – IX ZR 124/​08, ZIn­sO 2009, 278 Rn. 2, 5 ff; Urteil vom 05.11.2009 – IX ZR 239/​07, BGHZ 183, 77 Rn. 2; Urteil vom 02.12.2010 – IX ZR 247/​09, ZIn­sO 2011, 41 Rn. 3[]
  6. BGH, Urteil vom 16.11.2010 – VI ZR 17/​10, ZIn­sO 2011, 430 Rn. 7[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 03.02.1987 – VI ZR 32/​86, BGHZ 100, 13, 14 f, st.Rspr.[]
  8. eben­so LG Han­no­ver, RPfle­ger 1982, 232,zu § 850 f Abs. 2 ZPO; Münch­Komm-InsO/S­te­phan, 2. Aufl. § 302 Rn. 8; FK-InsO/Ah­rens, 6. Aufl. § 302 Rn. 11; Hamb­Komm-InsO/S­treck, 3. Aufl. § 302 Rn. 7; Wieczorek/​Schütze/​Lüke, aaO, § 850 f Rn. 26; Brei, Ent­schul­dung Straf­fäl­li­ger, 2005, S. 117 ff, 137; Kol­be, Delik­ti­sche For­de­run­gen und Rest­schuld­be­frei­ung, 2009, S. 43; a.A. Hess, InsO, § 302 Rn. 4; Kies­bye in Leonhard/​Smid/​Zeuner, InsO, 3. Aufl., § 302 Rn. 7; Münch­Komm-ZPO/S­mid, 3. Aufl. § 850 f Rn. 14[]
  9. BGH, Urteil vom 08.11.1994 – VI ZR 3/​94, BGHZ 127, 348, 350 mwN[]
  10. BGH, Urteil vom 09.03.1976 – VI ZR 98/​75, BGHZ 66, 112, 124; Staudinger/​Schiemann, BGB, 2005, § 251 Rn. 115[]
  11. BGH, Urteil vom 06.11.1979 – VI ZR 254/​77, BGHZ 75, 230, 235[][]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 24.04.1990 – VI ZR 110/​89, BGHZ 111, 168, 178; Münch­Komm-ZPO/Gie­bel, 3. Aufl., Vor §§ 91 ff Rn. 14, 16[]
  13. vgl. Brei, Ent­schul­dung Straf­fäl­li­ger, 2005, S. 104 f; Kol­be, Delik­ti­sche For­de­run­gen und Rest­schuld­be­frei­ung, 2009, S. 43[]
  14. BGH, Urteil vom 18.11.2011 – IX ZR 67/​10, ZIn­sO 2011, 102 Rn. 15 ff, zu § 302 Nr. 1 InsO; Beschluss vom 10.03.2011 – VII ZB 70/​08, WM 2011, 944 Rn. 14 ff, zu § 850 f Abs. 2 ZPO[]
  15. BGH, Urteil vom 17.05.1957 – VI ZR 63/​56, BGHZ 24, 263, 266 ff; Urteil vom 18.05.1966 – I ZR 73/​64, BGHZ 45, 251, 257[]
  16. BGH, Urteil vom 24.09.1957 – VI ZR 300/​56, NJW 1957, 1878; vgl. auch BGH, Urteil vom 20.05.1958 – VI ZR 127/​57, NJW 1958, 1044[]
  17. AnwK-RVG/­Schnei­der, 5. Aufl., § 53 Rn. 7; Gerold/​Schmidt/​Burhoff, RVG, 19. Aufl., § 53 Rn. 10; Har­tung in Hartung/​Schons/​Enders, RVG, § 53 Rn. 14, 21[]
  18. Burhoff/​Volpert, RVG Straf- und Buß­geld­sa­chen, 2. Aufl., Teil C § 53 RVG Rn. 2 f; Har­tung in Hartung/​Schons/​Enders, aaO, § 53 Rn. 9 f, 17[]
  19. vgl. zur Pro­zess­kos­ten­hil­fe Brei, Ent­schul­dung Straf­fäl­li­ger, 2005, S. 114 f[]
  20. BGH, Urteil vom 17.05.1957 – VI ZR 63/​56, BGHZ 24, 263, 267[]
  21. OLG Schles­wig, VersR 1994, 831; LG Frank­furt/​Main, VersR 1975, 1111, 1112; LG Wup­per­tal, Urteil vom 25.08.1976 – 8 S 154/​76; LG Aachen, Urteil vom 17.10.1989 – 3 S 231/​80; LG Müns­ter, NJW-RR 1989, 1369; Münch­Komm-BGB/Oet­ker, 5. Aufl., § 249 Rn. 182; Bamberger/​Roth/​Schubert, BGB, 2. Aufl., § 249 Rn. 78; Jauernig/​Teichmann, BGB, 13. Aufl., Vor §§ 249 – 254 Rn. 32; Brei, Ent­schul­dung Straf­fäl­li­ger, 2005, S. 125 ff; dif­fe­ren­zie­rend Staudinger/​Schiemann, BGB, 2005, § 251 Rn. 119; a.A. LG Augs­burg, NJW-RR 1988, 1434 f[]
  22. vgl. dazu Bur­hoff, RVG Straf- und Buß­geld­sa­chen, 2. Aufl., Teil C, Nr. 4143 VV RVG Rn. 13 ff[]