Rest­schuld­be­frei­ung und der Ver­sa­gungs­an­trag des abson­de­rungs­be­rech­tig­tig­ten Gläu­bi­gers

Ist über die Rest­schuld­be­frei­ung im Hin­blick auf das Ende der Lauf­zeit der Abtre­tungs­er­klä­rung bereits vor Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens zu ent­schei­den, kann ein abson­de­rungs­be­rech­tig­ter Gläu­bi­ger, des­sen For­de­rung für den Aus­fall zur Tabel­le fest­ge­stellt ist, einen Ver­sa­gungs­an­trag stel­len, wenn er sei­nen Aus­fall glaub­haft macht.

Rest­schuld­be­frei­ung und der Ver­sa­gungs­an­trag des abson­de­rungs­be­rech­tig­tig­ten Gläu­bi­gers

Ver­sa­gungs­an­trä­ge kön­nen nur die­je­ni­gen Gläu­bi­ger stel­len, die For­de­run­gen im Insol­venz­ver­fah­ren ange­mel­det haben 1. Erst die Teil­nah­me am Insol­venz­ver­fah­ren begrün­det die Antrags­be­rech­ti­gung 2. Für einen abson­de­rungs­be­rech­tig­ten Gläu­bi­ger gilt grund­sätz­lich nichts ande­res. Ein Abson­de­rungs­be­rech­tig­ter, der sei­ne per­sön­li­che For­de­rung nicht zumin­dest in Höhe des Aus­falls anmel­det, nimmt aller­dings am Insol­venz­ver­fah­ren nicht teil 3. Die Gläu­bi­ge­rin hat dage­gen ihre For­de­rung ange­mel­det; der Insol­venz­ver­wal­ter hat die For­de­rung für den Fall des Aus­falls zur Tabel­le fest­ge­stellt.

Ob der abson­de­rungs­be­rech­tig­te Gläu­bi­ger zusätz­lich den Aus­fall nach­zu­wei­sen hat, wird im Schrift­tum unter­schied­lich beur­teilt 4. Für die hier vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung, bei der über die Ver­sa­gung der Rest­schuld­be­frei­ung im Hin­blick auf das Ende der Lauf­zeit der Abtre­tungs­er­klä­rung bereits zu ent­schei­den ist, obwohl das Insol­venz­ver­fah­ren noch nicht abschluss­reif ist 5, kann jeden­falls auf den vol­len Nach­weis im Sin­ne einer Bezif­fe­rung nicht abge­stellt wer­den.

Der nach § 190 Abs. 1 InsO zu füh­ren­de Nach­weis des Aus­falls im Rah­men der Schluss­ver­tei­lung, mit­hin zu einem Zeit­punkt, in dem das Insol­venz­ver­fah­ren abschluss­reif ist, setzt die Ver­wer­tung des Haf­tungs­ge­gen­stan­des 6 oder zumin­dest den Nach­weis, dass ein erfolg­lo­ser Ver­wer­tungs­ver­such unter­nom­men wur­de 7, vor­aus. Regel­mä­ßig wird die Ver­wer­tung bis zu die­sem Zeit­punkt abge­schlos­sen 8 und damit eine genaue Bezif­fe­rung des Aus­falls mög­lich sein.

Han­delt es sich dage­gen um der Schluss­ver­tei­lung vor­aus­ge­hen­de Ver­fah­rens­ab­schnit­te, fin­det im Hin­blick auf die viel­fach noch aus­ste­hen­de Durch­füh­rung der Ver­wer­tung die­ser Maß­stab kei­ne Anwen­dung. Geht es um Abschlags­ver­tei­lun­gen (§ 190 Abs. 2 InsO) oder um das Stimm­recht im Plan­ver­fah­ren (§ 237 Abs. 1 Satz 1 InsO), so genügt die Glaub­haft­ma­chung 9. Erst recht gilt dies, wenn der abson­de­rungs­be­rech­tig­te Gläu­bi­ger einen Insol­venz­an­trag stellt und die­sen mit einem mög­li­chen Aus­fall begrün­det. Nur dann, wenn der Aus­fall nicht glaub­haft gemacht wird, fehlt dem Antrag das Rechts­schutz­in­ter­es­se 10.

Auch ist es nicht erheb­lich, dass der Schuld­ner die zur Tabel­le fest­ge­stell­ten For­de­run­gen bestrit­ten hat. Für die Beur­tei­lung der Berech­ti­gung eines Gläu­bi­gers, einen Ver­sa­gungs­an­trag zu stel­len, ist dies ohne Belang.

Der Wider­spruch eines Schuld­ners gegen eine vom Insol­venz­gläu­bi­ger zur Tabel­le ange­mel­de­ten For­de­rung berührt die Stel­lung des Insol­venz­gläu­bi­gers im Insol­venz­ver­fah­ren nicht. Dies folgt aus § 178 Abs. 1 InsO 11. Rest­schuld­be­frei­ungs­ver­fah­ren und Insol­venz­ver­fah­ren sind eng mit­ein­an­der ver­bun­den, ins­be­son­de­re, wenn die Ver­sa­gung der Rest­schuld­be­frei­ung bereits wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens nach Ablauf der Abtre­tungs­frist oder im Schluss­ter­min nach § 290 InsO erfol­gen soll­te. Da der Gesetz­ge­ber die Ent­schei­dung, ob dem Schuld­ner die Wohl­tat der Rest­schuld­be­frei­ung gewährt wer­den soll, davon abhän­gig gemacht hat, dass die Insol­venz­gläu­bi­ger kei­ne begrün­de­ten Ver­sa­gungs­an­trä­ge stel­len, muss ent­schei­dend auf die Gemein­schaft der Insol­venz­gläu­bi­ger abge­stellt wer­den, wozu auch der abson­de­rungs­be­rech­tig­te Gläu­bi­ger gehört. Der nach­in­sol­venz­li­chen Wir­kung des Schuld­ner­wi­der­spruchs, etwa nach § 201 InsO, kann hier­bei kei­ne Bedeu­tung zukom­men, ins­be­son­de­re kei­ne den Ver­sa­gungs­an­trag hin­dern­de Wir­kung 12.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Okto­ber 2012 – IX ZB 230/​09

  1. BGH, Beschluss vom 22.02.2007 – IX ZB 120/​05, ZVI 2007, 327 f; vom 08.10.2009 – IX ZB 257/​08, ZVI 2010, 30 Rn. 3; vom 10.08.2010 – IX ZB 127/​10, NZI 2010, 865 Rn. 4[]
  2. vgl. Pape in Pape/​Uhlenbruck/​VoigtSalus, Insol­venz­recht, 2. Aufl., Kap. 41 Rn. 21[]
  3. BGH, Beschluss vom 17.03.2005 – IX ZB 214/​04, ZVI 2005, 322, 324; Münch­Komm-InsO/Gan­ter, 2. Aufl., § 52 Rn. 16[]
  4. befür­wor­tend: FK-InsO/Ah­rens, 6. Aufl., § 290 Rn. 80; HK-InsO/­Land­fer­mann, 6. Aufl., § 290 Rn. 37; Hmb­Komm-InsO/S­treck, 4. Aufl., § 290 Rn. 2; ableh­nend: Nerlich/​Römermann, InsO, 2010, § 290 Rn. 7; Schmer­bach in Haarmeyer/​Wutzke/​Förs­ter, InsO, 2. Aufl., § 290 Rn. 42; Schmidt, Pri­vat­in­sol­venz, 3. Aufl., § 5 Rn. 67 jew. unter Bezug­nah­me auf AG Ham­burg, ZIn­sO 2008, 983, 984[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 03.12.2009, aaO; vom 12.05.2011, aaO; vom 16.02.2012, aaO[]
  6. Uhlen­bruck, InsO, 13. Aufl., § 190 Rn. 7[]
  7. Münch­Komm-InsO/Gan­ter, aaO Rn. 35; Uhlenbruck/​Brinkmann, aaO, § 52 Rn. 18[]
  8. vgl. HK-InsO/­Loh­mann, aaO § 52 Rn. 5[]
  9. HK-InsO/­Loh­mann, aaO Rn. 6[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 29.11.2007 – IX ZB 12/​07, ZIP 2008, 281 Rn. 12; HK-InsO/­Loh­mann, aaO[]
  11. vgl. FK-InsO/Ah­rens, aaO Rn. 81[]
  12. so aber FK-InsO/Ah­rens, aaO[]