Revi­si­ons­zu­las­sung – und die Rechts­schutz­ga­ran­tie

Es ver­stößt gegen die Rechts­schutz­ga­ran­tie aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG, wenn ein Beru­fungs­ge­richt durch eine aus Sach­grün­den nicht zu recht­fer­ti­gen­de Hand­ha­bung von § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 und Nr. 2 Vari­an­te 2 ZPO den Zugang zur nächs­ten Instanz unzu­mut­bar ein­ge­schränkt.

Revi­si­ons­zu­las­sung – und die Rechts­schutz­ga­ran­tie

Maß­stab für die ver­fas­sungs­recht­li­che Prü­fung ist vor­ran­gig das Rechts­staats­prin­zip, aus dem für bür­ger­lich recht­li­che Strei­tig­kei­ten die Gewähr­leis­tung eines wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes abzu­lei­ten ist 1. Das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes beein­flusst die Aus­le­gung und Anwen­dung der Bestim­mun­gen, die für die Eröff­nung eines Rechts­wegs und die Beschrei­tung eines Instan­zen­zugs von Bedeu­tung sind. Hat der Gesetz­ge­ber sich für die Eröff­nung einer wei­te­ren Instanz ent­schie­den und sieht die betref­fen­de Pro­zess­ord­nung dem­entspre­chend ein Rechts­mit­tel vor, so darf der Zugang dazu nicht in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwert wer­den 2. Mit dem Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes unver­ein­bar sind eine den Zugang zur Revi­si­on erschwe­ren­de Aus­le­gung und Anwen­dung des hier ein­schlä­gi­gen § 543 Abs. 2 Satz 1 ZPO dann, wenn sie wegen kras­ser Feh­ler­haf­tig­keit sach­lich nicht zu recht­fer­ti­gen sind, sich damit als objek­tiv will­kür­lich erwei­sen und dadurch den Zugang zur nächs­ten Instanz unzu­mut­bar ein­schrän­ken 3.

Nach die­sem Maß­stab hat das Ober­lan­des­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall durch sei­ne in sach­lich nicht zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se fal­sche Anwen­dung von § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 und Nr. 2 Vari­an­te 2 ZPO (Zulas­sung der Revi­si­on wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung und zur Siche­rung der Ein­heit­lich­keit der Recht­spre­chung) das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes ver­letzt. Die Begrün­dung des Ober­lan­des­ge­richts für sei­ne Annah­me, eine Zulas­sung der Revi­si­on sei nicht erfor­der­lich, ist nicht nach­voll­zieh­bar und nicht halt­bar.

Nach § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 Vari­an­te 2 ZPO ist die Revi­si­on zuzu­las­sen, wenn die Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung eine Ent­schei­dung des Revi­si­ons­ge­richts erfor­dert.

Die­ser Zulas­sungs­grund ist zunächst in den Fäl­len einer Diver­genz gege­ben, wenn also die anzu­fech­ten­de Ent­schei­dung von der Ent­schei­dung eines höher- oder gleich­ran­gi­gen Gerichts abweicht und auf die­ser Abwei­chung beruht. Eine Abwei­chung in die­sem Sin­ne liegt nur vor, wenn die anzu­fech­ten­de Ent­schei­dung ein und die­sel­be Rechts­fra­ge anders beant­wor­tet als die Ver­gleichs­ent­schei­dung, mit­hin einen Rechts­satz auf­stellt, der sich mit einem in der Ver­gleichs­ent­schei­dung auf­ge­stell­ten und die­se tra­gen­den Rechts­satz nicht deckt 4.

Nach § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO ist die Revi­si­on fer­ner dann zuzu­las­sen, wenn die Rechts­sa­che grund­sätz­li­che Bedeu­tung hat.

Grund­sätz­li­che Bedeu­tung im Sin­ne des § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO kommt einer Sache nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu, wenn sie eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che, klä­rungs­be­dürf­ti­ge und klä­rungs­fä­hi­ge Rechts­fra­ge auf­wirft, die sich in einer unbe­stimm­ten Viel­zahl wei­te­rer Fäl­le stel­len kann und des­halb das abs­trak­te Inter­es­se der All­ge­mein­heit an der ein­heit­li­chen Fort­ent­wick­lung und Hand­ha­bung des Rechts berührt 5. Klä­rungs­be­dürf­tig sind sol­che Rechts­fra­gen, deren Beant­wor­tung zwei­fel­haft ist oder zu denen unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten wer­den oder die noch nicht oder nicht hin­rei­chend höchst­rich­ter­lich geklärt sind 6.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 16. Juni 2016 – 1 BvR 873/​15

  1. vgl. BVerfGE 54, 277, 291; 80, 103, 107; 85, 337, 345; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 69, 381, 385; 74, 228, 234; 77, 275, 284; 104, 220, 232; 125, 104, 137[]
  3. vgl. BVerfGK 19, 467, 473; BVerfG, Beschluss vom 04.11.2008 – 1 BvR 2587/​06, NJW 2009, S. 572, 573; Beschluss vom 19.12 2013 – 1 BvR 859/​13, WM 2014, S. 251 f.; Beschluss vom 12.08.2014 – 2 BvR 176/​12, WM 2014, S.2093, 2094; Beschluss vom 25.03.2015 – 1 BvR 2120/​14 10[]
  4. BVerfG, Beschluss vom 23.04.2014 – 1 BvR 2851/​13 34; BGHZ 152, 182, 186, 154, 288, 292 f. jeweils m.w.N.[]
  5. vgl. BGHZ 154, 288, 291; 159, 135, 137; BGH, Hin­weis­be­schluss vom 08.02.2010 – II ZR 54/​09, NJW-RR 2010, S. 1047 Rn. 3[]
  6. vgl. BGHZ 154, 288, 291; 159, 135, 137 f.; BGH, Hin­weis­be­schluss vom 08.02.2010 – II ZR 54/​09, NJW-RR 2010, S. 1047 Rn. 3; BVerfG, Beschluss vom 25.03.2015 – 1 BvR 2120/​14 13[]