Revi­si­ons­zu­las­sung – und ihre Beschrän­kung in den Ent­schei­dungs­grün­den

Eine Beschrän­kung der Revi­si­ons­zu­las­sung durch das Beru­fungs­ge­richt muss nicht im Tenor des Urteils ange­ord­net sein, son­dern kann sich auch mit der hier­für erfor­der­li­chen Klar­heit aus den Urteils­grün­den erge­ben. Das ist regel­mä­ßig etwa dann anzu­neh­men, wenn die vom Beru­fungs­ge­richt als zulas­sungs­re­le­vant bezeich­ne­te Fra­ge ledig­lich einen ein­deu­tig abgrenz­ba­ren selb­stän­di­gen Teil des Streit­stoffs betrifft [1].

Revi­si­ons­zu­las­sung – und ihre Beschrän­kung in den Ent­schei­dungs­grün­den

Aus den Ent­schei­dungs­grün­den eines Beru­fungs­ur­teils kann sich auch mit der gebo­te­nen Deut­lich­keit erge­ben, dass die Revi­si­on nur bezüg­lich der Par­tei zuge­las­sen wor­den ist, zu deren Nach­teil das Beru­fungs­ge­richt die von ihm als klä­rungs­be­dürf­tig emp­fun­de­ne Rechts­fra­ge ent­schie­den hat. Die Zulas­sung der Revi­si­on wirkt in die­sem Fall nicht zuguns­ten der Par­tei, zu deren Guns­ten die Rechts­fra­ge ent­schie­den wor­den ist und die das Urteil aus gänz­lich ande­ren Grün­den angreift [2].

Ist nach Vor­ste­hen­dem die Revi­si­on nur bezüg­lich einer abgrenz­ba­ren Fra­ge und nur zuguns­ten der inso­weit unter­le­ge­nen Par­tei zuge­las­sen, kann aus dem Aus­spruch zur vor­läu­fi­gen Voll­streck­bar­keit (hier: Nicht­an­wen­dung von § 713 ZPO) regel­mä­ßig nicht gefol­gert wer­den, das Beru­fungs­ge­richt habe die Revi­si­on auch zu Guns­ten der ande­ren Pro­zess­par­tei und damit vor­lie­gend unbe­schränkt zulas­sen wol­len.

So sah der Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Fall in dem Beru­fungs­ur­teil des Land­ge­richts Cott­bus [3] nur eine beschränk­te Revi­si­ons­zu­las­sung (§ 546a Abs. 1 BGB) bezüg­lich des abge­wie­se­nen Anspruchs auf Zah­lung einer künf­ti­gen Nut­zungs­ent­schä­di­gung durch das Beru­fungs­ge­richt:

Der Tenor des Beru­fungs­ur­teils ent­hält inso­weit zwar kei­ne Beschrän­kung der Zulas­sung. Aller­dings kann sich eine Beschrän­kung der Revi­si­ons­zu­las­sung, die nicht schon in der Ent­schei­dungs­for­mel des Beru­fungs­ur­teils ent­hal­ten ist, auch aus den Ent­schei­dungs­grün­den erge­ben. Es ent­spricht der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass die Ent­schei­dungs­for­mel im Lich­te der Urteils­grün­de aus­zu­le­gen und des­halb von einer beschränk­ten Revi­si­ons­zu­las­sung aus­zu­ge­hen ist, wenn sich dies aus den Grün­den des Urteils klar ergibt. Das ist regel­mä­ßig dann anzu­neh­men, wenn sich die vom Beru­fungs­ge­richt als zulas­sungs­re­le­vant ange­se­he­ne Fra­ge nur für einen ein­deu­tig abgrenz­ba­ren selb­stän­di­gen Teil des Streit­stoffs stellt, der Gegen­stand eines Teil­ur­teils oder eines ein­ge­schränkt ein­ge­leg­ten Rechts­mit­tels sein kann [4].

Wei­ter ist aner­kannt, dass sich aus den Ent­schei­dungs­grün­den eines Beru­fungs­ur­teils mit der gebo­te­nen Deut­lich­keit erge­ben kann, dass die Revi­si­on nur bezüg­lich der Par­tei zuge­las­sen wor­den ist, zu deren Nach­teil das Beru­fungs­ge­richt die von ihm als klä­rungs­be­dürf­tig emp­fun­de­ne Rechts­fra­ge ent­schie­den hat. Die Zulas­sung der Revi­si­on wirkt in die­sem Fall nicht zuguns­ten der Par­tei, zu deren Guns­ten die Rechts­fra­ge ent­schie­den wor­den ist und die das Urteil aus gänz­lich ande­ren Grün­den angreift [5].

Gemes­sen an den vor­ste­hen­den Grund­sät­zen hat das Beru­fungs­ge­richt mit der gebo­te­nen Ein­deu­tig­keit die Revi­si­on nur zuguns­ten der Klä­ge­rin zu 1 und nur bezüg­lich der die­ser nicht zuer­kann­ten Nut­zungs­ent­schä­di­gung (§ 546a Abs. 1 BGB) zuge­las­sen.

Es hat die Zulas­sung der Revi­si­on mit der aus sei­ner Sicht bestehen­den Klä­rungs­be­dürf­tig­keit der Fra­ge begrün­det, ob ein Anspruch auf künf­ti­ge Nut­zungs­ent­schä­di­gung nach § 546a Abs. 1 BGB von einer Gegen­leis­tung abhän­ge und dies beja­hend damit nicht im Wege einer Kla­ge nach § 258 ZPO, wonach bei wie­der­keh­ren­den Leis­tun­gen auch wegen der erst nach Erlass des Urteils fäl­lig wer­den­den Leis­tun­gen Kla­ge auf künf­ti­ge Ent­rich­tung erho­ben wer­den kann, durch­ge­setzt wer­den kön­ne. Hier­zu hat es ver­schie­de­ne Stim­men aus der Lite­ra­tur zitiert. Die­se Fra­ge stellt sich offen­sicht­lich nur bei der Prü­fung jenes Ent­schä­di­gungs­an­spruchs und nicht bei dem hier­von ein­deu­tig abgrenz­ba­ren Streit­stoff des durch die Beklag­ten mit ihrer Revi­si­on ange­grif­fe­nen Räu­mungsund Her­aus­ga­be­an­spruchs (§ 546 Abs. 1, 2 BGB).

Ent­ge­gen der Ansicht der Revi­si­on wird die­se Ein­deu­tig­keit der Beschrän­kung nicht durch den Aus­spruch zur vor­läu­fi­gen Voll­streck­bar­keit im Beru­fungs­ur­teil in Fra­ge gestellt.

Das Beru­fungs­ge­richt hat den Beklag­ten bezüg­lich des Räu­mungs­an­spruchs eine Abwen­dungs­be­fug­nis (§ 708 Nr. 10, § 711 ZPO) ein­ge­räumt und nicht § 713 ZPO ange­wandt. Aus Sicht der Revi­si­on fol­ge hier­aus, dass das Beru­fungs­ge­richt davon aus­ge­gan­gen sei, dass (auch) den Beklag­ten ein statt­haf­tes Rechts­mit­tel zuste­he. Da eine Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de unstatt­haft sei, kön­ne dies somit nur die auch zuguns­ten der Beklag­ten zuge­las­se­ne Revi­si­on sein; denn bei einer Zulas­sung der Revi­si­on allein für die Klä­ge­rin zu 1 hät­te nach § 713 ZPO eine Voll­stre­ckungs­ab­wehr­mög­lich­keit nicht gewährt wer­den dür­fen.

Mit die­ser Argu­men­ta­ti­on ver­mag die Revi­si­on nicht durch­zu­drin­gen. Zwar ver­weist sie inso­weit zutref­fend dar­auf, dass eine Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de für die Beklag­ten bezüg­lich der Ver­ur­tei­lung zur Räu­mung und Her­aus­ga­be man­gels Errei­chens des Beschwer­de­wer­tes, wel­cher sich gemäß §§ 8, 9 ZPO nach dem 3 1/​2fachen Jah­res­be­trag der Net­to­mie­te bemisst, da es sich vor­lie­gend um ein unbe­fris­te­tes Miet­ver­hält­nis han­delt [6], unstatt­haft wäre (§ 544 Abs. 2 Nr. 1 ZPO). Somit bestün­de bei Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on (auch) zuguns­ten der Beklag­ten für die­se eine Rechts­mit­tel­mög­lich­keit nicht, mit der Fol­ge dass gemäß § 713 ZPO das Unter­blei­ben der Anord­nung einer Abwen­dungs­be­fug­nis (§ 711 ZPO) in Betracht gekom­men wäre. Hier­zu hat sich das Beru­fungs­ge­richt jedoch nicht erklärt und die Anord­nung der Abwen­dungs­be­fug­nis ledig­lich mit der Nen­nung von § 708 Nr. 10, § 711 ZPO begrün­det.

Aus die­ser nicht begrün­de­ten Nicht­an­wen­dung von § 713 ZPO im Rah­men des Aus­spruchs zur vor­läu­fi­gen Voll­streck­bar­keit erge­ben sich vor­lie­gend kei­ne Zwei­fel an der Ein­deu­tig­keit der beschränk­ten Revi­si­ons­zu­las­sung zur Haupt­sa­che. Die Aus­füh­run­gen in den Urteils­grün­den sind wie dar­ge­stellt hin­rei­chend klar. Dem­ge­gen­über fehlt wie üblich eine nähe­re Begrün­dung zum Aus­spruch zur vor­läu­fi­gen Voll­streck­bar­keit. Des­halb kön­nen hier­aus vor­lie­gend Rück­schlüs­se auf den Umfang der Revi­si­ons­zu­las­sung nicht gezo­gen wer­den.

Die danach im vor­lie­gen­den Fall vom Beru­fungs­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Beschrän­kung der Revi­si­ons­zu­las­sung ist auch wirk­sam.

Dem Beru­fungs­ge­richt ist aner­kann­ter­ma­ßen die Mög­lich­keit eröff­net, die Revi­si­on nur hin­sicht­lich eines tat­säch­lich und recht­lich selb­stän­di­gen und abtrenn­ba­ren Teils des Gesamt­streit­stoffs zuzu­las­sen, auf den auch die Par­tei selbst die Revi­si­on beschrän­ken könn­te [7]. Vor­aus­set­zung hier­für ist eine Selb­stän­dig­keit des von der Zulas­sungs­be­schrän­kung erfass­ten Teils des Streit­stoffs in dem Sin­ne, dass die­ser in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht unab­hän­gig von dem übri­gen Pro­zess­stoff beur­teilt wer­den und auch im Fal­le einer Zurück­ver­wei­sung kein Wider­spruch zum nicht anfecht­ba­ren Teil des Streit­stoffs auf­tre­ten kann [8].

Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen vor, da es sich bei dem Anspruch auf (künf­ti­ge) Nut­zungs­ent­schä­di­gung nach § 546a Abs. 1 BGB was auch die Revi­si­on nicht in Abre­de stellt im Ver­gleich zum Räu­mungsund Her­aus­ga­be­an­spruch (§ 546 Abs. 1, 2 BGB) um einen nach Vor­ste­hen­dem recht­lich selb­stän­di­gen und abtrenn­ba­ren Teil des Streit­stoffs han­delt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Mai 2020 – VIII ZR 222/​18

  1. im Anschluss an BGH, Urtei­le vom 24.10.2017 – II ZR 16/​16, NJW-RR 2018, 39 Rn. 9; vom 05.12.2018 – VIII ZR 67/​18 17; vom 16.01.2019 – VIII ZR 173/​17, NJW-RR 2019, 787 Rn. 11; vom 11.12.2019 – VIII ZR 361/​18, WM 2020, 469 Rn. 24; vom 29.04.2020 – VIII ZR 355/​18, unter B – I 2 a, zur Ver­öf­fent­li­chung bestimmt; jeweils mwN[]
  2. im Anschluss an BGH, Urteil vom 05.11.2003 – VIII ZR 320/​02, NJW-RR 2004, 426 unter II; Beschlüs­se vom 08.05.2012 – XI ZR 261/​10, NJW 2012, 2446 Rn. 6; vom 27.03.2014 – III ZR 387/​13 5; vom 13.05.2014 – VIII ZR 264/​13 8 f.; vom 10.04.2018 – VIII ZR 247/​17, NJW 2018, 1880 Rn. 11; jeweils mwN[]
  3. LG Cott­bus, Urteil vom 13.06.2018 5 S 45/​17[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 24.10.2017 – II ZR 16/​16, NJW-RR 2018, 39 Rn. 9; vom 05.12.2018 – VIII ZR 67/​18 17; vom 11.12.2019 – VIII ZR 361/​18, WM 2020, 469 Rn. 24; vom 29.04.2020 – VIII ZR 355/​18, unter B – I 2 a, zur Ver­öf­fent­li­chung bestimmt; jeweils mwN[]
  5. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 05.11.2003 – VIII ZR 320/​02, NJW-RR 2004, 426 unter II; Beschlüs­se vom 08.05.2012 – XI ZR 261/​10, NJW 2012, 2446 Rn. 6; vom 27.03.2014 – III ZR 387/​13 5; vom 13.05.2014 – VIII ZR 264/​13 8 f.; vom 10.04.2018 – VIII ZR 247/​17, NJW 2018, 1880 Rn. 11; jeweils mwN[]
  6. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 17.01.2017 – VIII ZR 178/​16, WuM 2017, 162 Rn. 3 mwN[]
  7. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 15.03.2017 – VIII ZR 295/​15, NJW 2017, 2679 Rn. 13; BGH, Beschluss vom 10.04.2018 – VIII ZR 247/​17, aaO Rn.20; jeweils mwN[]
  8. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urtei­le vom 15.03.2017 – VIII ZR 295/​15, aaO Rn. 14; vom 19.09.2018 – VIII ZR 261/​17, WuM 2018, 758 Rn. 17; BGH, Beschluss vom 10.04.2018 – VIII ZR 247/​17, aaO Rn. 21; jeweils mwN[]