Rich­terab­leh­nung – wegen der Betei­li­gung in einem ande­ren Ver­fah­ren

Nach der gemäß § 125 Abs. 1 Satz 1, § 54 Abs. 1 VwGO ent­spre­chend anzu­wen­den­den Vor­schrift des § 42 Abs. 2 ZPO fin­det die Ableh­nung eines Rich­ters wegen der Besorg­nis der Befan­gen­heit statt, wenn ein Grund vor­liegt, der geeig­net ist, Miss­trau­en gegen sei­ne Unpar­tei­lich­keit zu recht­fer­ti­gen.

Rich­terab­leh­nung – wegen der Betei­li­gung in einem ande­ren Ver­fah­ren

Dies ist dann der Fall, wenn der Ableh­nen­de bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung des Sach­ver­halts Grund zu der Annah­me hat, dass der abge­lehn­te Rich­ter ihm gegen­über eine Hal­tung ein­nimmt, die sei­ne Unpar­tei­lich­keit und Unvor­ein­ge­nom­men­heit stö­rend beein­flus­sen kann. Maß­geb­lich ist, ob aus der Sicht der ableh­nen­den Par­tei bei ver­nünf­ti­ger Wür­di­gung aller Umstän­de Anlass gege­ben ist, an der Unvor­ein­ge­nom­men­heit und objek­ti­ven Ein­stel­lung des Rich­ters zu zwei­feln 1.

Eine Vor­be­fas­sung des abge­lehn­ten Rich­ters mit einem frü­he­ren – hier zudem einen ande­ren Sach­ver­halt betref­fen­den – Ver­fah­ren der Pro­zess­par­tei­en ist als sol­che regel­mä­ßig nicht geeig­net, die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den, wenn nicht beson­de­re Umstän­de hin­zu­tre­ten 2.

Im übri­gen dient das Ableh­nungs­ver­fah­ren – vom hier offen­sicht­lich nicht gege­be­nen Aus­nah­me­fall des Ver­sto­ßes gegen das Will­kür­ver­bot (Art. 3 Abs. 1 GG) abge­se­hen – nicht dazu, rich­ter­li­che Ent­schei­dun­gen auf ihre Rich­tig­keit zu über­prü­fen 3.

Gemäß § 41 Nr. 4 ZPO ist ein Rich­ter von der Aus­übung des Rich­ter­am­tes kraft Geset­zes aus­ge­schlos­sen in Sachen, in denen er als Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter oder Bei­stand einer Par­tei bestellt oder als gesetz­li­cher Ver­tre­ter einer Par­tei auf­zu­tre­ten berech­tigt ist oder gewe­sen ist.

Dabei kann dahin­ge­stellt blei­ben, ob die­ser Aus­schluss­grund nur dann gege­ben ist, wenn es sich um eine Tätig­keit in dem­sel­ben Ver­fah­ren han­delt. Denn jeden­falls erfor­dert das Tat­be­stand­merk­mal der "Sache" im Sin­ne des § 41 Nr. 4 ZPO eine Iden­ti­tät des Streit­ge­gen­stan­des 4.

Das Gericht kann über das Ableh­nungs­ge­such ohne dienst­li­che Stel­lung­nah­men der abge­lehn­ten Rich­ter ent­schei­den, wenn sich die gel­tend gemach­ten Ableh­nungs­grün­de sämt­lich auf akten­kun­di­ge Vor­gän­ge bezie­hen. Unter sol­chen Umstän­den könn­te eine dienst­li­che Erklä­rung zur Sach­auf­klä­rung nichts bei­tra­gen und ist daher ent­behr­lich 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Sep­tem­ber 2016 – AnwZ (B) 2/​16

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 07.03.2012 – AnwZ (B) 13/​10 5; vom 10.06.2013 – AnwZ (Brfg) 24/​12, NJW-RR 2013, 1211 Rn. 6; vom 30.12 2013 – AnwZ (Brfg) 60/​13 4; BVerfG, NJW 2012, 3228; jeweils mwN[]
  2. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 18.06.2008 – AnwZ (B) 4/​07 7; vom 20.01.2014 – AnwZ (Brfg) 51/​12 9; BGH, Beschlüs­se vom 08.05.2014 – 1 StR 726/​13, NJW 2014, 2372 Rn. 12; vom 18.12 2014 – IX ZB 65/​13, NJW-RR 2015, 444 Rn. 12; vom 12.04.2016 – VI ZR 549/​14 8; BAG, NJW 1993, 879; Münch­Komm-ZPO/Gehr­lein, 4. Aufl., § 42 Rn. 14 ff.; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 31. Aufl., § 42 Rn. 15; jeweils mwN[]
  3. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 07.03.2012 – AnwZ (B) 13/​10, aaO Rn. 7; vom 25.09.2013 – AnwZ (Brfg) 51/​12 9; vom 20.01.2014 – AnwZ (Brfg) 51/​12, aaO; BGH, Beschluss vom 08.05.2014 – 1 StR 726/​13, aaO; jeweils mwN[]
  4. vgl. BAG, NJW 2013, 1180 Rn. 15; VGH Mün­chen, Beschluss vom 22.07.2014 – 20 ZB 14.339 3; Münch­Komm-ZPO/Gehr­lein, 4. Aufl., § 41 Rn.19; Musielak/​Voit/​Heinrich, ZPO, 13. Aufl., § 41 Rn. 11; vgl. auch BSGE 78, 175, 179; 82, 150, 152; jeweils mwN[]
  5. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 07.03.2012 – AnwZ (B) 13/​10, aaO Rn.19; vom 30.12 2013 – AnwZ (Brfg) 60/​13, aaO Rn. 8; jeweils mwN; Münch­Komm-ZPO/Gehr­lein, 4. Aufl., § 44 Rn. 9[]