Rich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung – und der Indi­zi­en­be­weis

Eine Über­zeu­gungs­bil­dung iSd. § 286 Abs. 1 ZPO setzt nicht immer eine mathe­ma­tisch lücken­lo­se Gewiss­heit vor­aus. Selbst nach dem stren­gen Maß­stab des § 286 ZPO bedarf es kei­nes natur­wis­sen­schaft­li­chen Kau­sa­li­täts­nach­wei­ses und auch kei­ner an Sicher­heit gren­zen­den Wahr­schein­lich­keit, viel­mehr genügt ein für das prak­ti­sche Leben brauch­ba­rer Grad von Gewiss­heit, der ver­blei­ben­den Zwei­feln Schwei­gen gebie­tet, ohne sie völ­lig aus­zu­schlie­ßen [1].

Rich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung – und der Indi­zi­en­be­weis

Das Gericht muss ggf. begrün­den, war­um es Rest­zwei­fel nicht über­win­den konn­te. Ins­be­son­de­re darf es das Nicht­er­rei­chen eines aus­rei­chen­den Grads an Gewiss­heit nicht allein dar­auf stüt­zen, es sei­en ande­re Erklä­run­gen theo­re­tisch denk­bar [2].

Soll ein Vor­trag mit­tels Indi­zi­en bewie­sen wer­den, hat das Gericht zu prü­fen, ob es die vor­ge­tra­ge­nen Hilfs­tat­sa­chen – deren Rich­tig­keit unter­stellt – von der Wahr­heit der Haupt­tat­sa­che über­zeu­gen. Es hat die inso­weit maß­ge­ben­den Umstän­de voll­stän­dig und ver­fah­rens­recht­lich ein­wand­frei zu ermit­teln und alle Beweis­an­zei­chen erschöp­fend zu wür­di­gen. Dabei sind die Tat­sa­chen­in­stan­zen grund­sätz­lich frei dar­in, wel­che Beweis­kraft sie den behaup­te­ten Indi­z­tat­sa­chen im Ein­zel­nen und in einer Gesamt­schau bei­mes­sen. Revi­si­ons­recht­lich ist ihre Wür­di­gung allein dar­auf­hin zu über­prü­fen, ob alle Umstän­de voll­stän­dig berück­sich­tigt und Denk- und Erfah­rungs­grund­sät­ze nicht ver­letzt wur­den. Um die­se Über­prü­fung zu ermög­li­chen, haben sie nach § 286 Abs. 1 Satz 2 ZPO die wesent­li­chen Grund­la­gen ihrer Über­zeu­gungs­bil­dung nach­voll­zieh­bar dar­zu­le­gen [3].

Dies erfor­dert zwar kei­ne aus­drück­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit allen denk­ba­ren Gesichts­punk­ten. Die Urteils­grün­de müs­sen aber erken­nen las­sen, dass über­haupt eine sach­ent­spre­chen­de Beur­tei­lung statt­ge­fun­den hat [4]. Es genügt daher nicht, allein durch for­mel­haf­te Wen­dun­gen ohne Bezug zu den kon­kre­ten Fall­um­stän­den zum Aus­druck zu brin­gen, das Gericht sei von der Wahr­heit einer Tat­sa­che über­zeugt oder nicht über­zeugt [5].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 11. Juni 2020 – 2 AZR 442/​19

  1. vgl. BGH 1.10.2019 – VI ZR 164/​18, Rn. 8[]
  2. vgl. BAG 31.01.2019 – 2 AZR 426/​18, Rn. 36, BAGE 165, 255[]
  3. BAG 25.04.2018 – 2 AZR 611/​17, Rn. 24; 21.09.2017 – 2 AZR 57/​17, Rn. 38, BAGE 160, 221; 16.07.2015 – 2 AZR 85/​15, Rn. 35[]
  4. vgl. BAG 27.05.2015 – 7 ABR 26/​13, Rn. 29; 21.08.2014 – 8 AZR 655/​13, Rn. 40, BAGE 149, 47; BGH 1.12.2009 – VI ZR 221/​08, Rn. 18[]
  5. vgl. BGH 13.03.2003 – X ZR 100/​00, zu I 4 a der Grün­de; 16.12.1999 – III ZR 295/​98, zu II 2 b aa der Grün­de[]