Rich­ter­wech­sel nach der Beweis­auf­nah­me

Ein Rich­ter­wech­sel nach einer Beweis­auf­nah­me erfor­dert nicht grund­sätz­lich deren Wie­der­ho­lung 1.

Rich­ter­wech­sel nach der Beweis­auf­nah­me

Frü­he­re Zeu­gen­aus­sa­gen kön­nen im Wege des Urkun­den­be­wei­ses durch Aus­wer­tung des Ver­neh­mungs­pro­to­kolls ver­wer­tet wer­den. Das Gericht darf dann bei der Beweis­wür­di­gung aber nur das berück­sich­ti­gen, was auf der Wahr­neh­mung aller an der Ent­schei­dung betei­lig­ten Rich­ter beruht oder akten­kun­dig ist und wozu die Par­tei­en sich erklä­ren konn­ten.

Das gilt auch, wenn das Gericht den per­sön­li­chen Ein­druck eines Zeu­gen zur Beur­tei­lung sei­ner Glaub­wür­dig­keit her­an­zie­hen will 2.

Ein­drü­cke, die nicht in das Ver­hand­lungs­pro­to­koll auf­ge­nom­men wor­den sind, zu denen also die Par­tei­en auch kei­ne Stel­lung neh­men konn­ten, dür­fen daher nach einem Rich­ter­wech­sel bei der Ent­schei­dung nicht ver­wer­tet wer­den, selbst wenn von drei mit­wir­ken­den Rich­tern nur einer an der Beweis­auf­nah­me nicht teil­ge­nom­men hat 3.

Im vor­lie­gen­den Fall wird im Beru­fungs­ur­teil bei Wür­di­gung der Aus­sa­ge des Zeu­gen R. dar­auf abge­stellt, dass die­ser die Vor­gän­ge "sehr leb­haft und plas­tisch" geschil­dert habe. Dar­aus wird auf eine plau­si­ble und glaub­haf­te Aus­sa­ge des Zeu­gen geschlos­sen. Dabei han­delt es sich ersicht­lich um die Schil­de­rung des Ein­drucks vom Aus­sa­ge­ver­hal­ten des Zeu­gen aus der per­sön­li­chen Erin­ne­rung der Rich­ter, die den Zeu­gen ver­nom­men haben. Die­ser per­sön­li­che Ein­druck hät­te nur dann in die Beweis­wür­di­gung des Gerichts ein­flie­ßen dür­fen, wenn er ent­we­der schrift­lich in den Akten fest­ge­hal­ten wor­den wäre oder alle an der Ent­schei­dung betei­lig­ten Rich­ter bei der Beweis­auf­nah­me zuge­gen gewe­sen wären. Bei­des ist nicht der Fall. Da an der Ent­schei­dung die Rich­te­rin Dr. A. teil­ge­nom­men hat, die an der Beweis­auf­nah­me nicht betei­ligt war, ist § 355 Abs. 1 Satz 1 ZPO ver­letzt. Das Urteil beruh­te im vor­lie­gen­den Fall auch auf die­sem Feh­ler, da der von die­sem Zeu­gen geschil­der­te bau­li­che Zustand der Immo­bi­lie dem Sach­ver­stän­di­gen als Anknüp­fungs­tat­sa­che für die Gut­ach­te­n­er­stel­lung vor­ge­ge­ben wor­den ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Okto­ber 2016 – XI ZR 145/​14

  1. BGH, Urtei­le vom 17.02.1970 – III ZR 139/​67, BGHZ 53, 245, 256 f.; vom 04.12 1990 – XI ZR 310/​89, WM 1991, 566, 567; und vom 12.03.1992 – III ZR 133/​90, VersR 1992, 883, 884[]
  2. BGH, Urtei­le vom 30.01.1990 – XI ZR 162/​89, NJW 1991, 1302; und vom 04.12 1990 – XI ZR 310/​89 aaO[]
  3. BGH, Urtei­le vom 27.04.1960 – IV ZR 100/​59, BGHZ 32, 233, 237; vom 07.11.1966 – II ZR 188/​65, VersR 1967, 25, 26; vom 04.12 1990 – XI ZR 310/​89 aaO; und vom 12.03.1992 – III ZR 133/​90 aaO[]