Risi­ko einer Tumor­er­kran­kung als Beur­tei­lungs­kri­te­ri­um eines Fest­stel­lungs­in­ter­es­ses

Ist nicht damit zu rech­nen, dass ein Woh­nungs­mie­ter in Zukunft an einem Tumor erkran­ken wird, der auf die dem Ver­mie­ter zure­chen­ba­ren Pflicht­ver­let­zun­gen zurück­zu­füh­ren ist, fehlt es an dem nach § 256 Abs. 1 ZPO erfor­der­li­chen Fest­stel­lungs­in­ter­es­se für die Zuläs­sig­keit einer Fest­stel­lungs­kla­ge.

Risi­ko einer Tumor­er­kran­kung als Beur­tei­lungs­kri­te­ri­um eines Fest­stel­lungs­in­ter­es­ses

Mit die­ser Begrün­dung hat der Bun­des­ge­richts­hof in dem hier vor­lie­gen­den Fall das Fest­stel­lungs­in­ter­es­se von Mie­tern ver­neint, denen ver­schwie­gen wor­den war, dass in der Woh­nung ver­leg­te Flex­plat­ten asbest­hal­ti­ges Mate­ri­al ent­hiel­ten. Die Eltern der min­der­jäh­ri­gen Klä­ger waren von 1998 bis 2008 Mie­ter einer Woh­nung der Beklag­ten. Der Fuß­bo­den der Woh­nung bestand bei Miet­be­ginn aus asbest­hal­ti­gen Vinyl­plat­ten (sog. Flex­plat­ten). Nach­dem sich der nach Nut­zungs­be­ginn von den Eltern der Klä­ger über den Flex­plat­ten ver­leg­te Tep­pich Mit­te des Jah­res 2005 im vor­de­ren Teil des Flurs gelo­ckert hat­te, ent­fern­te der Vater der Klä­ger in die­sem Bereich den Tep­pich und bemerk­te, dass die dar­un­ter befind­li­chen Flex­plat­ten teil­wei­se gebro­chen waren und offe­ne Bruch­kan­ten auf­wie­sen. Er infor­mier­te die Beklag­te hier­über Ende Juli 2005, wor­auf die Beklag­te ihre spä­te­re Streit­hel­fe­rin mit dem Aus­tausch der beschä­dig­ten Flex­plat­ten beauf­trag­te. Der Aus­tausch erfolg­te am 15. August 2005, wäh­rend die Klä­ger in der Schu­le waren. Mit­te Sep­tem­ber 2005 ver­leg­te der Vater der Klä­ger über den aus­ge­tausch­ten Flex­plat­ten einen neu­en Tep­pich. Den Eltern der Klä­ger war im Jahr 2005 nicht bekannt, dass die Flex­plat­ten asbest­hal­ti­ges Mate­ri­al ent­hiel­ten. Dar­über wur­den sie erst im Juni 2006 infor­miert.

Die Klä­ger begeh­ren die Fest­stel­lung, dass die Beklag­te ver­pflich­tet ist, den Klä­gern alle mate­ri­el­len und imma­te­ri­el­len Schä­den, die ihnen aus der Gesund­heits­ge­fähr­dung, die durch den Asbest­kon­takt in den Mieträu­men bereits ent­stan­den sind und/​oder als Spät­fol­gen noch ent­ste­hen wer­den, zu erset­zen, soweit die Ansprü­che nicht auf einen Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger oder ande­re Drit­te über­ge­gan­gen sind. Das Amts­ge­richt1 hat die Kla­ge als zuläs­sig ange­se­hen, aber als unbe­grün­det abge­wie­sen. Auf die Beru­fung der Klä­ger hat das Land­ge­richt2 der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Mit der vom Beru­fungs­ge­richt zuge­las­se­nen Revi­si­on hat die Beklag­te ihr Kla­ge­ab­wei­sungs­be­geh­ren wei­ter­ver­folgt.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat der Bun­des­ge­richts­hof sich ins­be­son­de­re auf das bereits vom Amts­ge­richt beauf­trag­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten eines Pro­fes­sors für Arbeits- und Sozi­al­me­di­zin bezo­gen, das vom Beru­fungs­ge­richt in sei­nem Urteil ver­wer­tet wor­den war. Der Sach­ver­stän­di­ge hat aus­ge­führt, dass das Risi­ko der Klä­ger, in Zukunft an einem Tumor zu erkran­ken, der auf die der Beklag­ten zure­chen­ba­ren Pflicht­ver­let­zun­gen zurück­zu­füh­ren ist, zwar mini­mal über dem all­ge­mei­nen Lebens­ri­si­ko lie­ge, jedoch auf­grund der anzu­neh­men­den Expo­si­ti­on der Klä­ger mit Asbest­fa­sern, die im Nied­rig­do­sis­be­reich lie­ge, als „sehr sehr gering” anzu­se­hen sei; mit einer Tumor­er­kran­kung sei „nicht zu rech­nen”.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs besteht ange­sichts die­ser gut­ach­ter­li­chen Äuße­run­gen bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung aus Sicht der Klä­ger kein Grund, mit einem zukünf­ti­gen Scha­den zu rech­nen, so dass es an einem Fest­stel­lungs­in­ter­es­se der Klä­ger fehlt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. April 2014 – VIII ZR 19/​13

  1. AG Char­lot­ten­burg, Urteil vom 16.03.2012 – 219 C 271/​09
  2. LG Ber­lin, Urteil vom 21.12.2012 – 65 S 200/​12