Rück­fest­set­zung der Kos­ten nach Auf­he­bung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe

Zahlt die obsie­gen­de Par­tei im Ver­lau­fe des Rechts­streits auf einen vom geg­ne­ri­schen Rechts­an­walt gemäß § 126 Abs. 1 ZPO auf des­sen eige­nen Namen erwirk­ten Kos­ten­fest­set­zungs­be­schluss und erlischt des­sen Bei­trei­bungs­recht durch die Auf­he­bung oder Ände­rung der vor­läu­fi­gen Kos­ten­grund­ent­schei­dung, so kann die obsie­gen­de Par­tei die gezahl­ten Kos­ten gegen den Anwalt rück­fest­set­zen las­sen.

Rück­fest­set­zung der Kos­ten nach Auf­he­bung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe

Dies ergibt sich für den Bun­des­ge­richts­hof aus einer Rechts­ana­lo­gie zu den Bestim­mun­gen in § 91 Abs. 4, § 103 Abs. 1, § 126 Abs. 1 ZPO. Die­sen Bestim­mun­gen ist das über­ge­ord­ne­te Prin­zip zu ent­neh­men, dass auf­grund einer vor­läu­fi­gen Kos­ten­grund­ent­schei­dung im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren fest­ge­setz­te und von der obsie­gen­den Par­tei im Ver­lauf des Rechts­streits gezahl­te Kos­ten nach Ände­rung der Kos­ten­grund­ent­schei­dung im sel­ben Ver­fah­ren gegen den Titel­gläu­bi­ger rück­fest­ge­setzt wer­den kön­nen.

Gemäß § 91 Abs. 4 ZPO gehö­ren zu den Kos­ten des Rechts­streits auch die Kos­ten, die die obsie­gen­de Par­tei der unter­le­ge­nen Par­tei im Ver­lauf des Rechts­streits gezahlt hat. § 91 Abs. 4 ZPO ist durch Art. 1 Nr. 3 des Ers­ten Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung der Jus­tiz 1 ein­ge­fügt wor­den. Nach der Geset­zes­be­grün­dung 2 soll­te die herr­schen­de Pra­xis, die eine Rück­fest­set­zung von im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren fest­ge­setz­ten Kos­ten unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen zuließ, gesetz­lich abge­si­chert wer­den 3. Es gebe kei­nen sach­li­chen Grund, wes­halb der Gläu­bi­ger sei­nen Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch auf­grund eines vor­läu­fi­gen Titels im ver­ein­fach­ten Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren gel­tend machen kön­ne, der zah­lungs­be­rei­te Schuld­ner nach Auf­he­bung oder Ände­rung der Kos­ten­grund­ent­schei­dung hin­ge­gen nicht. In bei­den Fäl­len han­de­le es sich um pro­zes­sua­le Ansprü­che, die mate­ri­ell­recht­li­che Ent­spre­chun­gen hät­ten. Bei­de wür­den für sich genom­men kei­ne Schwie­rig­kei­ten auf­wer­fen, die eine Prü­fung durch den Rich­ter erfor­der­lich mach­ten 2. Mit der Bestim­mung des § 91 Abs. 4 ZPO soll­te die von der herr­schen­den Pra­xis bereits bewirk­te Waf­fen­gleich­heit der Par­tei­en abge­si­chert wer­den. Die Par­tei, die auf der Grund­la­ge einer vor­läu­fi­gen Kos­ten­grund­ent­schei­dung die Fest­set­zung ihrer Kos­ten im ver­ein­fach­ten Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren erreicht hat­te, soll nach Ände­rung der Kos­ten­grund­ent­schei­dung hin­neh­men müs­sen, dass der Titel zu glei­chen Bedin­gun­gen wie­der rück­gän­gig gemacht wird 4.

Bei der Schaf­fung des § 91 Abs. 4 ZPO hat der Gesetz­ge­ber ersicht­lich nicht den Fall bedacht, dass die obsie­gen­de Par­tei – wie im vor­lie­gen­den Fall – im Ver­lau­fe des Rechts­streits Kos­ten an den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der unter­le­ge­nen Par­tei gezahlt hat, die die­ser gemäß § 126 Abs. 1 ZPO in sei­nem eige­nen Namen hat fest­set­zen las­sen. In die­ser Fall­kon­stel­la­ti­on ist die Inter­es­sen­la­ge ver­gleich­bar mit der­je­ni­gen, die der Rege­lung der § 91 Abs. 4, § 103 Abs. 1 ZPO zugrun­de liegt.

§ 126 Abs. 1 ZPO gibt dem der bedürf­ti­gen Par­tei bei­geord­ne­ten Rechts­an­walt als Ergän­zung zu den §§ 91 ff., §§ 103 ff. ZPO ein eige­nes Ein­zie­hungs­recht. Er kann von dem unter­le­ge­nen Geg­ner ins­be­son­de­re auch sei­ne Wahl­an­walts­ge­büh­ren bei­trei­ben, die er von sei­ner bedürf­ti­gen Par­tei gemäß § 122 Abs. 1 Nr. 3 ZPO nicht ver­lan­gen kann, solan­ge ihr Pro­zess­kos­ten­hil­fe gewährt wird 5. Der Rechts­an­walt erwirbt eine Stel­lung, die in der­je­ni­gen des Über­wei­sungs­gläu­bi­gers nach § 835 ZPO eine gewis­se Par­al­le­le fin­det. Das Bei­trei­bungs­recht des Anwalts nach § 126 ZPO und der Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch der bedürf­ti­gen Par­tei ste­hen zwar selb­stän­dig neben­ein­an­der. Die Par­tei kann aber nicht mit Wir­kung gegen­über dem Anwalt über den Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch ver­fü­gen; eine Zah­lung des Geg­ners an die Par­tei wirkt nicht gegen­über dem Anwalt 6.

Ein end­gül­ti­ges Bei­trei­bungs­recht erwirbt der Rechts­an­walt erst dann, wenn die Ver­ur­tei­lung der geg­ne­ri­schen Par­tei in die Kos­ten Rechts­kraft erlangt oder sie durch Ver­gleich end­gül­tig kos­ten­pflich­tig wird. Wird die vor­läu­fig voll­streck­ba­re Kos­ten­grund­ent­schei­dung, auf deren Grund­la­ge der Rechts­an­walt sei­ne Gebüh­ren und Aus­la­gen gemäß § 126 Abs. 1 ZPO bei­ge­trie­ben hat, dage­gen auf­ge­ho­ben oder abge­än­dert, so erlischt das Bei­trei­bungs­recht des Anwalts; der geg­ne­ri­schen Par­tei erwächst ein Scha­dens­er­satz­an­spruch aus § 717 Abs. 2 ZPO unmit­tel­bar gegen den Rechts­an­walt 7. Lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen des § 717 Abs. 2 ZPO nicht vor, so steht der geg­ne­ri­schen Par­tei, die nach Fest­set­zung der Kos­ten auf den Namen des Anwalts an die­sen gezahlt hat, bei Auf­he­bung oder Abän­de­rung der vor­läu­fi­gen Kos­ten­grund­ent­schei­dung ein Rück­zah­lungs­an­spruch aus § 812 Abs. 1 Satz 1 Fall 1 BGB zu. Denn durch die Zah­lung an den Titel­gläu­bi­ger hat sie die­sem gegen­über eine Leis­tung erbracht. Sie hat des­sen Ver­mö­gen bewusst gemehrt und ihm gegen­über einen eige­nen Leis­tungs­zweck ver­folgt 8.

Der der bedürf­ti­gen Par­tei im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren bei­geord­ne­te Rechts­an­walt kann sei­ne Anwalts­ver­gü­tung gegen die geg­ne­ri­sche Par­tei auf­grund der vor­läu­fi­gen Kos­ten­grund­ent­schei­dung im ver­ein­fach­ten Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren gel­tend machen. Es ist kein sach­li­cher Grund dafür ersicht­lich, wes­halb die geg­ne­ri­sche Par­tei, die auf­grund des auf den Namen des Anwalts ergan­ge­nen Kos­ten­fest­set­zungs­be­schlus­ses an die­sen gezahlt hat, ihren Rück­erstat­tungs­an­spruch gegen ihn bei Auf­he­bung oder Abän­de­rung der vor­läu­fi­gen Kos­ten­grund­ent­schei­dung hin­ge­gen in einem ande­ren Ver­fah­ren und zu ande­ren Bedin­gun­gen ver­fol­gen muss. Auch in die­sem Fall wirft die Rück­erstat­tung für sich genom­men kei­ne Schwie­rig­kei­ten auf, die eine Prü­fung durch den Rich­ter erfor­der­lich machen. Zahlt die Par­tei auf einen vom geg­ne­ri­schen Anwalt gemäß § 126 Abs. 1 ZPO auf des­sen eige­nen Namen erwirk­ten Kos­ten­fest­set­zungs­be­schluss und erlischt des­sen Bei­trei­bungs­recht durch die Auf­he­bung oder Ände­rung der vor­läu­fi­gen Kos­ten­grund­ent­schei­dung, so ist die Höhe des dann bestehen­den Rück­erstat­tungs­an­spruchs ein­deu­tig fest­stell­bar. Inso­weit ist die Inter­es­sen­la­ge ver­gleich­bar mit der­je­ni­gen, die der Rege­lung des § 91 Abs. 4 ZPO zugrun­de liegt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Novem­ber 2012 – VI ZB 64/​11

  1. vom 24.08.2004, BGBl. I 2198[]
  2. BT-Drucks. 15/​1508, S. 16[][]
  3. vgl. BT-Drucks. 15/​1508, S. 16 f.[]
  4. vgl. Schmidt-Räntsch, MDR 2004, 1329, 1331[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 14.02.2007 – XII ZB 112/​06, NJW-RR 2007, 1147 Rn. 11; vom 09.07.2009 – VII ZB 56/​08, NJW 2009, 2962 Rn. 7; Bork in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 126 Rn. 1; Musielak/​Fischer, ZPO, 9. Aufl., § 126 Rn. 1[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 14.02.2007 – XII ZB 112/​06, aaO; Bork in Stein/​Jonas, aaO; Musielak/​Fischer, aaO Rn. 9; Pukall in HkZ­PO, 4. Aufl., § 126 Rn. 5; vgl. zu § 124 ZPO aF: BGH, Urteil vom 06.03.1952 – IV ZR 171/​51, BGHZ 5, 251, 253[]
  7. vgl. OLG Ham­burg, JW 1932, 672 f.; Münch­Komm-ZPO/­Mot­zer, 3. Aufl., § 126 Rn. 7; Bork in Stein/​Jonas, aaO Rn. 4; Zöller/​Geimer, ZPO, 29. Aufl., § 126 Rn. 2; Pukall in HkZ­PO, aaO Rn. 3; Thomas/​Putzo/​Seiler, ZPO, 33. Aufl., § 126 Rn. 2[]
  8. vgl. zur Leis­tung an den Pfand­gläu­bi­ger: OLG Bam­berg, WM 2007, 389, 391; Palandt/​Sprau, BGB, 71. Aufl., § 812 Rn. 66 aE[]