Säu­mi­ge Streit­ge­nos­sen – und der Wider­ruf von Pro­zess­hand­lun­gen

Waren not­wen­di­ge Streit­ge­nos­sen in einem Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung säu­mig, kön­nen sie eine Pro­zess­hand­lung, die ein anwe­sen­der Streit­ge­nos­se mit Wir­kung für sie vor­ge­nom­men hat, in den Tat­sa­chen­in­stan­zen in nach­fol­gen­den münd­li­chen Ver­hand­lun­gen wider­ru­fen.

Säu­mi­ge Streit­ge­nos­sen – und der Wider­ruf von Pro­zess­hand­lun­gen

Dies gilt auch für ein durch den anwe­sen­den Streit­ge­nos­sen abge­ge­be­nes Aner­kennt­nis.

Bei beklag­ten Woh­nungs­ei­gen­tü­mern im Beschluss­män­gel­pro­zess han­delt es sich um not­wen­di­ge Streit­ge­nos­sen 1, säu­mi­ge Streit­ge­nos­sen wer­den daher im Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung von den anwe­sen­den grund­sätz­lich nach § 62 Abs. 1 ZPO ver­tre­ten. Von die­ser ver­fah­rens­recht­li­chen Ver­tre­tungs­be­fug­nis wird auch die Abga­be eines Aner­kennt­nis­ses nach § 307 ZPO umfasst 2.

Anders als der Pro­zess­ver­gleich 3 weist das Aner­kennt­nis als rei­ne Pro­zess­hand­lung kei­ne mate­ri­ell­recht­lich­pro­zes­sua­le Dop­pel­na­tur auf 4, so dass es – was das Beru­fungs­ge­richt eben­falls zutref­fend zugrun­de legt – auf mate­ri­ell­recht­li­che Erwä­gun­gen nicht ankommt. Gegen eine Ein­schrän­kung der in § 62 Abs. 1 ZPO nor­mier­ten ver­fah­rens­recht­li­chen Ver­tre­tungs­be­fug­nis auf der säu­mi­gen Par­tei güns­ti­ge Erklä­run­gen und Pro­zess­hand­lun­gen spricht bereits der wei­te Wort­laut der Vor­schrift. Zudem ergibt sich aus den Geset­zes­ma­te­ria­li­en mit aller Klar­heit, dass der säu­mi­gen Par­tei das pro­zes­sua­le Ver­hal­ten des nicht­säu­mi­gen Streit­ge­nos­sen zur Ermög­li­chung eines sämt­li­che not­wen­di­ge Streit­ge­nos­sen erfas­sen­den ein­heit­li­chen Urteils unab­hän­gig davon zuge­rech­net wer­den soll, ob die­ses für den Säu­mi­gen "güns­tig oder nacht­hei­lig" ist 5.

Nach ganz herr­schen­der Mei­nung besteht im Ergeb­nis Einig­keit dar­über, dass sich die säu­mi­gen Streit­ge­nos­sen von dem mit Gesamt­wir­kung nach § 62 Abs. 1 ZPO vor­ge­nom­me­nen Pro­zess­ver­hal­ten des nicht Säu­mi­gen wie­der lösen kön­nen, sofern es noch nicht zu einer unan­fecht­ba­ren End­ent­schei­dung gekom­men ist 6.

Dem tritt der Bun­des­ge­richts­hof mit der Maß­ga­be bei, dass es säu­mi­gen Streit­ge­nos­sen in den Tat­sa­chen­in­stan­zen in nach­fol­gen­den münd­li­chen Ver­hand­lun­gen mög­lich ist, eine von dem anwe­sen­den Streit­ge­nos­sen mit Wir­kung für sie vor­ge­nom­me­ne Pro­zess­hand­lung zu wider­ru­fen.

Pro­zess­hand­lun­gen wie das Aner­kennt­nis unter­lie­gen nicht den für mate­ri­ell­recht­li­che Rechts­ge­schäf­te gel­ten­den Vor­ga­ben. Die für Wil­lens­er­klä­run­gen gel­ten­den Vor­schrif­ten über Nich­tig­keit oder Anfecht­bar­keit wegen Wil­lens­män­geln sind weder unmit­tel­bar noch ent­spre­chend anwend­bar 7. Wegen ihrer pro­zess­ge­stal­ten­den Wir­kung sind Pro­zess­hand­lun­gen grund­sätz­lich unwi­der­ruf­lich, wenn sie als so genann­te Bewir­kungs­hand­lun­gen die Pro­zess­la­ge unmit­tel­bar beein­flus­sen 8. Ein Wider­rufs­recht kann sich aller­dings aus­nahms­wei­se aus teleo­lo­gi­schen oder sys­te­ma­ti­schen Erwä­gun­gen erge­ben 9.

Die Mög­lich­keit zum Wider­ruf von Pro­zess­hand­lun­gen, die – wie hier – in der münd­li­chen Ver­hand­lung von einem anwe­sen­den Streit­ge­nos­sen mit Wir­kung für und wider die übri­gen vor­ge­nom­men wor­den sind, folgt aus der gebo­te­nen teleo­lo­gi­schen Reduk­ti­on des § 62 ZPO.

Das mit der Norm ver­folg­te gesetz­ge­be­ri­sche Anlie­gen besteht dar­in, die Mög­lich­keit zu einer ein­heit­li­chen gericht­li­chen Ent­schei­dung auch dann zu eröff­nen, wenn nicht sämt­li­che not­wen­di­ge Streit­ge­nos­sen im Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung anwe­send sind. Eine Straf­sank­ti­on gegen säu­mi­ge Streit­ge­nos­sen wird mit der Vor­schrift dage­gen nicht bezweckt. Der mit der Rege­lung ein­her­ge­hen­de Ein­griff in die Pri­vat­au­to­no­mie der Säu­mi­gen ist nur im Rah­men des Erfor­der­li­chen legi­tim. Die Bin­dung an eine ohne sei­ne Mit­wir­kung geschaf­fe­ne Pro­zess­la­ge ist nicht erfor­der­lich, wenn eine ein­heit­li­che Ent­schei­dung noch erge­hen kann, wenn es also nicht zu einer in den Tat­sa­chen­in­stan­zen nicht mehr anfecht­ba­ren Ent­schei­dung gekom­men ist 10. Dies gilt umso mehr, als die säu­mi­ge Par­tei – sieht man von § 62 Abs. 1 ZPO ab – sich ansons­ten gegen ein an die Säum­nis anknüp­fen­des Urteil mit dem Rechts­be­helf des Ein­spruchs weh­ren könn­te (§ 338 ZPO). Ein sach­li­cher Grund, war­um ihr die­se Mög­lich­keit im Fall der not­wen­di­gen Streit­ge­nos­sen­schaft nicht zur Ver­fü­gung ste­hen soll, ist nicht erkenn­bar. Die Rege­lung des § 62 Abs. 2 ZPO, nach der die säu­mi­gen Streit­ge­nos­sen auch in dem spä­te­ren Ver­fah­ren zuzu­zie­hen sind, spricht viel­mehr dafür, dass die­se sich von nach­tei­li­gen Pro­zess­hand­lun­gen lösen kön­nen, die ihnen von dem anwe­sen­den Streit­ge­nos­sen auf­ge­zwun­gen wor­den sind. Gestützt wird die­se Sicht­wei­se durch die Geset­zes­ma­te­ria­li­en. Denn in der Ent­wurfs­be­grün­dung 11 heißt es zu der von der Vor­schrift ange­ord­ne­ten Gesamt­wir­kung der Erklä­run­gen des anwe­sen­den Streit­ge­nos­sen: "Sie tritt ein, sobald der Fall der Ver­säu­mung vor­liegt und währt bis dahin, dass der säu­mi­ge Streit­ge­nos­se sich an dem spä­te­ren Ver­fah­ren wie­der bet­hei­ligt" 12. Schließ­lich genießt die Zulas­sung einer Wider­rufs­mög­lich­keit den Vor­zug, dass der Gesetz­ge­ber bei die­sem Ver­ständ­nis mit § 62 Abs. 2 ZPO nicht ledig­lich die wei­te­re Betei­li­gung der vor­mals säu­mi­gen Streit­ge­nos­sen ange­ord­net und damit nicht eine weit­hin über­flüs­si­ge – da selbst­ver­ständ­li­che – Rege­lung getrof­fen hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Okto­ber 2015 – V ZR 76/​14

  1. vgl. nur BT-Drs. 16/​887 S. 73; BGH, Urteil vom 11.11.2011 – V ZR 45/​11, NZM 2012, 200 Rn. 9 mwN[]
  2. etwa OLG Karls­ru­he ZEV 2011, 324, 325; Münch­Komm-ZPO/­Schul­tes, 4. Aufl., § 62 Rn. 43 u. 49; Gehr­lein in Prütting/​Gehrlein, ZPO, 7. Aufl., § 62 Rn.20; Musielak/​Weth, ZPO, 12. Aufl., § 62 Rn. 14 u. 18; a.A. Stein/​Jonas/​Bork, ZPO, 23. Aufl., § 62 Rn. 30 u. 38[]
  3. dazu BGH, Urteil vom 30.09.2005 – V ZR 275/​04, BGHZ 164, 190, 193 mwN[]
  4. vgl. nur BGH, Urteil vom 27.05.1981 – IVb ZR 589/​80, BGHZ 80, 389, 391 f.; OLG Frank­furt, NJW-RR 1988, 574, 575; Stein/​Jonas/​Leipold, ZPO, 22. Aufl., § 307 Rn. 17 mwN; aA Stein/​Jonas/​Bork, aaO[]
  5. S. 83 der Ent­wurfs­be­grün­dung abge­druckt bei Hahn, Die gesam­ten Mate­ria­li­en zu den Reichs-Jus­tiz­ge­set­zen, Band 2, 2. Aufl., S. 174; vgl. auch RGZ 90, 42, 45 f.; BPatG, GRUR 2012, 99, 100[]
  6. Musielak/​Weth, aaO, § 62 Rn. 14: Los­lö­sung durch "Wider­spruch"; eben­so Gehr­lein in Prütting/​Gehrlein, aaO, § 62 Rn.20; Münch­Komm-ZPO/­Schul­tes, aaO, § 62 Rn. 43; Wieczorek/​Schütze, ZPO, 3. Aufl., § 62 Rn. 64; Lin­dacher, Jus 1986, 379; vgl. auch Thomas/​Putzo/​Hüßtege, ZPO, 36. Aufl., Rn.20: beschränk­te Wir­kung eines Aner­kennt­nis­ses bei Beru­fungs­ein­le­gung durch die Säu­mi­gen; Zöller/​Vollkommer, aaO, § 62 Rn. 26: Ent­fal­len der Wir­kung bei Beru­fungs­ein­le­gung; ähn­lich Rosenberg/​Schwab/​Gottwald, ZPO, 17. Aufl., § 49 Rn. 46; aA Stein/​Jonas/​Bork, ZPO, 23. Aufl., § 62 Rn. 33: Los­lö­sung nur mög­lich, wenn dem Ver­tre­te­nen bei eige­ner Vor­nah­me der Pro­zess­hand­lung eine Besei­ti­gungs­mög­lich­keit zustün­de[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 27.05.1981 – IVb ZR 589/​80, BGHZ 80, 389, 391 ff.; Beschluss vom 13.12 2006 – XII ZB 71/​04, MDR 2007, 672; Beschluss vom 14.05.2013 – II ZR 262/​08, NJW 2013, 2686 Rn. 7[]
  8. BGH, Urteil vom 27.02.2015 – V ZR 128/​14, NJW 2015, 2425 Rn. 27[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 31.10.2001 – XII ZR 292/​99, NJW 2002, 436, 438[]
  10. eben­so Münch­Komm-ZPO/­Schul­tes, 4. Aufl., § 62 Rn. 43; Musielak/​Weth, ZPO, 12. Aufl., § 62 Rn. 14[]
  11. S. 83, abge­druckt bei Hahn, aaO, S. 174[]
  12. in die­sem Sin­ne auch Münch­Komm-ZPO/­Schul­tes, aaO[]