Scha­dens­er­satz bei Flug­ver­spä­tun­gen – und die Aus­gleichs­zah­lung nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung

Aus­gleichs­zah­lun­gen nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung sind ‑auch bei vor dem 1. Juli 2018 geschlos­se­nen Rei­se­ver­trä­gen- auf rei­se- und beför­de­rungs­ver­trag­li­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che nach natio­na­lem Recht anzu­rech­nen.

Scha­dens­er­satz bei Flug­ver­spä­tun­gen – und die Aus­gleichs­zah­lung nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung

In dem ers­ten 1 der bei­den jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fäl­len buch­ten die Urlau­ber bei der beklag­ten Rei­se­ver­an­stal­te­rin für die Zeit vom 17. Juli bis 7. August 2016 eine Urlaubs­rei­se, die Flü­ge von Frank­furt am Main nach Las Vegas und zurück sowie ver­schie­de­ne Hotel­auf­ent­hal­te umfass­te. Den Flug­rei­sen­den wur­de die Beför­de­rung auf dem für sie gebuch­ten Hin­flug ver­wei­gert. Sie flo­gen daher am fol­gen­den Tag über Van­cou­ver nach Las Vegas, wo sie mehr als 30 Stun­den spä­ter als geplant ein­tra­fen, und ver­lan­gen nun­mehr von der Rei­se­ver­an­stal­te­rin die Erstat­tung der für die bei­den ers­ten Tage der Urlaubs­rei­se ange­fal­le­nen Kos­ten des Miet­wa­gens und des gebuch­ten, aber nicht genutz­ten Hotel­zim­mers sowie der Kos­ten für eine wegen der geän­der­ten Rei­se­pla­nung erfor­der­lich gewor­de­ne Über­nach­tung in einem ande­ren Hotel.

Im zwei­ten Fall 2 buch­ten der kla­gen­de Flug­gast und sei­ne bei­den Mit­rei­sen­den bei dem beklag­ten Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men für den 15. Sep­tem­ber 2016 einen Flug von Frank­furt am Main nach Windhoek, wo sie eine Rund­rei­se durch Nami­bia antre­ten woll­ten. Der Abflug ver­zö­ger­te sich, so dass die Flug­gäs­te ihr Rei­se­ziel einen Tag spä­ter als vor­ge­se­hen erreich­ten. Der Flug­gast macht gel­tend, er und sei­ne Mit­rei­sen­den hät­ten die für die ers­te Nacht gebuch­te Unter­kunft in einer Lodge wegen der ver­spä­te­ten Ankunft nicht mehr errei­chen kön­nen und statt­des­sen in einem Hotel in Windhoek über­nach­ten müs­sen. Er ver­langt von dem beklag­ten Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men aus eige­nem und abge­tre­te­nem Recht sei­ner Mit­rei­sen­den Erstat­tung der Kos­ten für die nicht in Anspruch genom­me­ne, aber nach sei­nem Vor­trag in Rech­nung gestell­te Unter­kunft in der Lodge sowie der Kos­ten für die Über­nach­tung in Windhoek.

Wegen der Beför­de­rungs­ver­wei­ge­rung bzw. der Flug­ver­spä­tung leis­te­ten in bei­den Fäl­len die aus­füh­ren­den Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men der betref­fen­den Flü­ge Aus­gleichs­zah­lun­gen nach Art. 7 Abs. 1 Buchst. c Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung in Höhe von 600 € je Rei­sen­dem. In bei­den Fäl­len strei­ten die Par­tei­en dar­über, ob die­se Zah­lun­gen nach Art. 12 Abs. 1 Satz 2 der Ver­ord­nung auf die in der Höhe dahin­ter zurück­blei­ben­den Ersatz­an­sprü­che ange­rech­net wer­den dür­fen, die die FLug­rei­sen­den auf der Grund­la­ge der Vor­schrif­ten des deut­schen Rei­se­ver­trags- bzw. Per­so­nen­be­för­de­rungs­rechts gel­tend machen.

Das in bei­den Fäl­len erst­in­stanz­lich zustän­di­ge Amts­ge­richt Frank­furt am Main hat die Aus­gleichs­zah­lun­gen ange­rech­net und die Kla­gen abge­wie­sen 3. Auch die hier­ge­gen gerich­te­ten Beru­fun­gen der Flug­rei­sen­den hat­ten vor dem Land­ge­richt Frank­furt am Main kei­nen Erfolg; der Flug­gast kön­ne, so das Land­ge­richt, bei einer Beför­de­rungs­ver­wei­ge­rung oder einer erheb­li­chen Flug­ver­spä­tung wäh­len zwi­schen der Aus­gleichs­zah­lung nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung, die zum Aus­gleich ent­stan­de­ner Unan­nehm­lich­kei­ten einen pau­scha­lier­ten Ersatz für mate­ri­el­le und imma­te­ri­el­le Schä­den bie­te, und der Gel­tend­ma­chung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen nach natio­na­lem Recht, für die Scha­dens­ein­tritt und –höhe kon­kret dar­zu­le­gen sei­en. Bean­spru­che der Flug­gast eine Aus­gleichs­zah­lung nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung, sei die­se nach den Grund­sät­zen der Vor­teils­aus­glei­chung auf wegen des­sel­ben Ereig­nis­ses gel­tend gemach­te Scha­dens­er­satz­an­sprü­che nach natio­na­lem Recht anzu­rech­nen, unab­hän­gig davon, ob die­se auf den Ersatz mate­ri­el­ler oder imma­te­ri­el­ler Schä­den gerich­tet sei­en 4.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun die­se Beru­fungs­ur­tei­le des Land­ge­richts Frank­furt am Main bestä­tigt und die Revi­si­on der Flug­rei­sen­den zurück­ge­wie­sen:

Die von den Flug­rei­sen­den gel­tend gemach­ten Ersatz­an­sprü­che die­nen der Kom­pen­sa­ti­on von durch Nicht- oder Schlech­ter­fül­lung der Ver­pflich­tung zur Luft­be­för­de­rung her­vor­ge­ru­fe­nen Beein­träch­ti­gun­gen, die zum einen in durch die ver­spä­te­te Ankunft am Rei­se­ziel nutz­los gewor­de­nen Auf­wen­dun­gen, zum ande­ren in Zusatz­kos­ten für eine not­wen­dig gewor­de­ne ande­re Hotel­un­ter­kunft bestehen. Dem­entspre­chend han­delt es sich bei den ein­ge­klag­ten Ansprü­chen um Ansprü­che auf wei­ter­ge­hen­den Scha­dens­er­satz, auf die nach Art. 12 Abs. 1 Satz 2 Flug­gast­rech­te­VO eine nach die­ser Ver­ord­nung wegen Beför­de­rungs­ver­wei­ge­rung oder gro­ßer Ver­spä­tung gewähr­te Aus­gleichs­zah­lung ange­rech­net wer­den kann.

Ob die nach natio­na­lem Recht begrün­de­ten Scha­dens­er­satz­an­sprü­che dem­entspre­chend um die Aus­gleichs­zah­lung gekürzt wer­den kön­nen oder – weil die Aus­gleichs­zah­lung wie in den Streit­fäl­len höher ist – voll­stän­dig ent­fal­len, rich­tet sich man­gels gesetz­li­cher Rege­lung im deut­schen Recht nach den von der Recht­spre­chung zum Scha­den­er­satz­recht ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen der Vor­teils­aus­glei­chung. § 651p Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 BGB, der aus­drück­lich bestimmt, dass sich ein Rei­sen­der auf sei­ne Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen­über dem Rei­se­ver­an­stal­ter den­je­ni­gen Betrag anrech­nen las­sen muss, den er auf­grund des­sel­ben Ereig­nis­ses als Ent­schä­di­gung nach Maß­ga­be der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung erhal­ten hat, gilt erst für ab dem 1. Juli 2018 geschlos­se­ne Rei­se­ver­trä­ge und ist in den Streit­fäl­len nicht anwend­bar.

Nach den Grund­sät­zen der Vor­teils­aus­glei­chung sind dem Geschä­dig­ten die­je­ni­gen Vor­tei­le zuzu­rech­nen, die ihm in adäqua­tem Zusam­men­hang mit dem Scha­dens­er­eig­nis zuge­flos­sen sind und deren Anrech­nung mit dem Zweck des Ersatz­an­spruchs über­ein­stimmt. Die Aus­gleichs­zah­lung nach der Flug­ast­rech­te­ver­ord­nung dient nicht nur dem pau­scha­lier­ten Ersatz imma­te­ri­el­ler Schä­den, son­dern soll es dem Flug­gast ermög­li­chen, auch Ersatz sei­ner mate­ri­el­len Schä­den zu erlan­gen, ohne im Ein­zel­nen auf­wän­dig deren Höhe dar­le­gen und bewei­sen zu müs­sen. Da die rei­se­recht­li­chen Ersatz­an­sprü­che im ers­ten 1 und die auf Ver­let­zung des Beför­de­rungs­ver­trags gestütz­ten Ansprü­che im zwei­ten Ver­fah­ren 2 dem Aus­gleich der­sel­ben den Flug­rei­sen­den durch die ver­spä­te­te Luft­be­för­de­rung ent­stan­de­nen Schä­den wie die bereits erbrach­ten Aus­gleichs­zah­lun­gen die­nen, ist eine Anrech­nung gebo­ten.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in einem frü­he­ren Ver­fah­ren für klä­rungs­be­dürf­tig gehal­ten, ob eine sol­che Anrech­nung dem Zweck der Aus­gleichs­leis­tung nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung ent­spricht und des­halb dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on eine ent­spre­chen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt 5; das Ver­fah­ren hat sich jedoch ander­wei­tig erle­digt. Eine erneu­te Vor­la­ge hat der Bun­des­ge­richts­hof nun jedoch als nicht erfor­der­lich ange­se­hen, da durch Erwä­gungs­grund 36 und Art. 14 Abs. 5 der am 31. Dezem­ber 2015 in Kraft getre­te­nen neu­en Pau­schal­rei­se­richt­li­nie (EU) 2015/​2302 geklärt wor­den ist, dass jeden­falls seit Inkraft­tre­ten die­ser Richt­li­nie Aus­gleichs­zah­lun­gen nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung auf ver­trag­li­che Ersatz­an­sprü­che gegen den Rei­se­ver­an­stal­ter anzu­rech­nen sind und umge­kehrt, was für das gel­ten­de deut­sche Pau­schal­rei­se­recht durch die erwähn­te Vor­schrift des § 651p Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 BGB umge­setzt wor­den ist. Damit ent­fällt jedoch auch für Ansprü­che aus dem Beför­de­rungs­ver­trag und für Ansprü­che nach dem bis zum 30. Juni 2018 gel­ten­den Rei­se­recht, wie sie in den Streit­fäl­len in Rede ste­hen, ein aus dem Sinn und Zweck der Aus­gleichs­leis­tung nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung abzu­lei­ten­des Hin­der­nis für eine Anrech­nung, wie es der Bun­des­ge­richts­hof vor Inkraft­tre­ten der Pau­schal­rei­se­richt­li­nie für denk­bar gehal­ten hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 6. August 2019 – X ZR 128/​18 und X ZR 165/​18

  1. BGH – X ZR 128/​18[][]
  2. BGH – X ZR 165/​18[][]
  3. AG Frank­furt a.M., Urtei­le vom 22.09.2017 – 32 C 3620/​16 (22); und vom 10.11.2017 – 32 C 1397/​17 (18) []
  4. LG Frank­furt a.M., Urtei­le vom 24.05.2018 – 2-24 S 271/​17; und vom 26.09.2018 – 2 – 24 S 338/​17[]
  5. BGH, Beschluss vom 30.07.2013 – X ZR 111/​12[]