Scha­dens­er­satz wegen sit­ten­wid­ri­ger vor­sätz­li­cher Schä­di­gung – und die erfor­der­li­che Gesamtschau

Für die Bewer­tung eines schä­di­gen­den Ver­hal­tens als sit­ten­wid­rig im Sin­ne von § 826 BGB ist in einer Gesamt­schau des­sen Gesamt­cha­rak­ter zu ermit­teln und das gesam­te Ver­hal­ten des Schä­di­gers bis zum Ein­tritt des Scha­dens beim kon­kre­ten Geschä­dig­ten zugrun­de zu legen.

Scha­dens­er­satz wegen sit­ten­wid­ri­ger vor­sätz­li­cher Schä­di­gung – und die erfor­der­li­che Gesamtschau

Sit­ten­wid­rig ist ein Ver­hal­ten, das nach sei­nem Gesamt­cha­rak­ter, der in einer Gesamt­schau durch umfas­sen­de Wür­di­gung von Inhalt, Beweg­grund und Zweck zu ermit­teln ist, gegen das Anstands­ge­fühl aller bil­lig und gerecht Den­ken­den ver­stößt. Dafür genügt es im All­ge­mei­nen nicht, dass der Han­deln­de eine Pflicht ver­letzt und einen Ver­mö­gens­scha­den her­vor­ruft. Viel­mehr muss eine beson­de­re Ver­werf­lich­keit sei­nes Ver­hal­tens hin­zu­tre­ten, die sich aus dem ver­folg­ten Ziel, den ein­ge­setz­ten Mit­teln, der zuta­ge getre­te­nen Gesin­nung oder den ein­ge­tre­te­nen Fol­gen erge­ben kann1. Schon zur Fest­stel­lung der objek­ti­ven Sit­ten­wid­rig­keit kann es daher auf Kennt­nis­se, Absich­ten und Beweg­grün­de des Han­deln­den ankom­men, die die Bewer­tung sei­nes Ver­hal­tens als ver­werf­lich recht­fer­ti­gen. Die Ver­werf­lich­keit kann sich auch aus einer bewuss­ten Täu­schung erge­ben2. Ins­be­son­de­re bei mit­tel­ba­ren Schä­di­gun­gen kommt es fer­ner dar­auf an, dass den Schä­di­ger das Unwert­ur­teil, sit­ten­wid­rig gehan­delt zu haben, gera­de auch in Bezug auf die Schä­den des­je­ni­gen trifft, der Ansprü­che aus § 826 BGB gel­tend macht3.

Fal­len die ers­te poten­zi­ell scha­den­sur­säch­li­che Hand­lung und der Ein­tritt des Scha­dens – wie im Streit­fall – zeit­lich aus­ein­an­der, ist der Bewer­tung eines schä­di­gen­den Ver­hal­tens als (nicht) sit­ten­wid­rig das gesam­te Ver­hal­ten des Schä­di­gers bis zum Ein­tritt des Scha­dens bei dem kon­kre­ten Geschä­dig­ten zugrun­de zu legen. Denn im Fal­le der vor­sätz­li­chen sit­ten­wid­ri­gen Schä­di­gung gemäß § 826 BGB wird das gesetz­li­che Schuld­ver­hält­nis erst mit Ein­tritt des Scha­dens bei dem kon­kre­ten Geschä­dig­ten begrün­det; der haf­tungs­be­grün­den­de Tat­be­stand setzt die Zufü­gung eines Scha­dens zwin­gend vor­aus. Des­halb kann im Rah­men des § 826 BGB ein Ver­hal­ten, das sich gegen­über zunächst betrof­fe­nen (ande­ren) Geschä­dig­ten als sit­ten­wid­rig dar­stell­te, auf­grund einer Ver­hal­tens­än­de­rung des Schä­di­gers vor Ein­tritt des Scha­dens bei dem kon­kre­ten Geschä­dig­ten die­sem gegen­über als nicht sit­ten­wid­rig zu wer­ten sein.

Ob das Ver­hal­ten des Anspruchs­geg­ners sit­ten­wid­rig im Sin­ne des § 826 BGB ist, ist dabei eine Rechts­fra­ge, die der unein­ge­schränk­ten Kon­trol­le des Revi­si­ons­ge­richts unter­liegt4.

Nach die­sen Grund­sät­zen ist im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das Ver­hal­ten der für die beklag­te Auto­her­stel­le­rin han­deln­den Per­so­nen im Ver­hält­nis zum kla­gen­den Auto­käu­fer nicht als sit­ten­wid­rig zu qua­li­fi­zie­ren. Der Vor­wurf der Sit­ten­wid­rig­keit ist ange­sichts der von der Auto­her­stel­le­rin, der Volks­wa­en AG, ab dem 22.09.2015 ergrif­fe­nen Maß­nah­men bei der gebo­te­nen Gesamt­be­trach­tung nicht gerechtfertigt:

Zuguns­ten des kla­gen­den Gebraucht­wa­gen­käu­fers kann zunächst unter­stellt wer­den, dass Volks­wa­gen ihre Fahr­zeu­ge mit Die­sel­mo­to­ren der Bau­rei­he EA189 – so auch das vom Gebraucht­wa­gen­käu­fer erwor­be­ne – auf der Grund­la­ge einer grund­le­gen­den stra­te­gi­schen Ent­schei­dung im eige­nen Kos­ten- und damit auch Gewinn­in­ter­es­se mit einer Motor­steue­rungs­soft­ware aus­ge­stat­tet hat, die bewusst und gewollt so pro­gram­miert war, dass die gesetz­li­chen Abgas­grenz­wer­te nur auf dem Prüf­stand ein­ge­hal­ten, im nor­ma­len Fahr­be­trieb hin­ge­gen über­schrit­ten wur­den (Umschalt­lo­gik), und damit unmit­tel­bar auf die arg­lis­ti­ge Täu­schung der Typ­ge­neh­mi­gungs­be­hör­de abziel­te. Wei­ter unter­stellt wer­den kann, dass die Volks­wa­gen AG die mit die­ser offen­sicht­lich unzu­läs­si­gen Abschalt­ein­rich­tung ver­se­he­nen Fahr­zeu­ge sodann unter bewuss­ter Aus­nut­zung der Arg­lo­sig­keit der Erwer­ber, die die Ein­hal­tung der gesetz­li­chen Vor­ga­ben und die ord­nungs­ge­mä­ße Durch­füh­rung des Typ­ge­neh­mi­gungs­ver­fah­rens als selbst­ver­ständ­lich vor­aus­setz­ten, in den Ver­kehr gebracht und dabei die damit ein­her­ge­hen­de Belas­tung der Umwelt und die Gefahr, dass bei einer Auf­de­ckung die­ses Sach­ver­halts eine Betriebs­be­schrän­kung oder ‑unter­sa­gung hin­sicht­lich der betrof­fe­nen Fahr­zeu­ge erfol­gen könn­te, in Kauf genom­men hat­te. Ein sol­ches Ver­hal­ten ist im Ver­hält­nis zu den Per­so­nen, die eines der betrof­fe­nen Fahr­zeu­ge vor den von der Volks­wa­gen AG im Sep­tem­ber 2015 ergrif­fe­nen Maß­nah­men erwar­ben und kei­ne Kennt­nis von der ille­ga­len Abschalt­ein­rich­tung hat­ten, objek­tiv sit­ten­wid­rig; es steht einer unmit­tel­ba­ren arg­lis­ti­gen Täu­schung die­ser Per­so­nen in der Bewer­tung gleich5.

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Die Volks­wa­gen AG hat ihr Ver­hal­ten aber im Sep­tem­ber 2015 nach außen erkenn­bar maß­geb­lich geän­dert. Denn sie ist an die Öffent­lich­keit getre­ten, hat Unre­gel­mä­ßig­kei­ten ein­ge­räumt und Maß­nah­men zur Besei­ti­gung des gesetz­wid­ri­gen Zustan­des erar­bei­tet, um die Gefahr einer Betriebs­be­schrän­kung oder ‑unter­sa­gung zu ban­nen. Hier­durch wur­den wesent­li­che Ele­men­te, die ihr bis­he­ri­ges Ver­hal­ten gegen­über bis­he­ri­gen Käu­fern von Fahr­zeu­gen mit Die­sel­mo­to­ren der Bau­rei­he EA189 als beson­ders ver­werf­lich erschei­nen lie­ßen, der­art rela­ti­viert, dass der Vor­wurf der Sit­ten­wid­rig­keit bezo­gen auf ihr Gesamt­ver­hal­ten gegen­über dem Gebraucht­wa­gen­käu­fer und im Hin­blick auf den Scha­den, der bei ihm durch den Abschluss eines unge­woll­ten Kauf­ver­trags im Sep­tem­ber 2016 ent­stan­den sein könn­te, nicht gerecht­fer­tigt ist6. Auf der Grund­la­ge der getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen kann das Ver­hal­ten der Volks­wa­gen AG bei der gebo­te­nen Gesamt­be­trach­tung ins­be­son­de­re nicht einer arg­lis­ti­gen Täu­schung des Gebraucht­wa­gen­käu­fers gleich­ge­setzt wer­den7.

Im vor­lie­gen­den Fall ver­öf­fent­lich­te die Volks­wa­gen AG am 22.09.2015 eine Ad-hoc-Mit­tei­lung. Dar­in teil­te sie mit, dass bei welt­weit rund elf Mil­lio­nen Fahr­zeu­gen mit Moto­ren des Typs EA189 eine auf­fäl­li­ge Abwei­chung zwi­schen Prüf­stands­wer­ten und rea­lem Fahr­be­trieb fest­ge­stellt wor­den sei, sie mit Hoch­druck dar­an arbei­te, die Abwei­chun­gen mit tech­ni­schen Maß­nah­men zu besei­ti­gen, dazu in Kon­takt mit den zustän­di­gen Behör­den und dem KBA ste­he und für not­wen­di­ge Ser­vice­maß­nah­men an den betrof­fe­nen Moto­ren rund 6, 5 Mil­li­ar­den Euro zurück­stel­le. Wie die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de aus­drück­lich her­vor­hebt, gab die Volks­wa­gen AG dar­über hin­aus eine im Wesent­li­chen gleich­lau­ten­de Pres­se­er­klä­rung her­aus und schal­te­te eine Web­sei­te frei, auf der durch Ein­ga­be der Fahr­zeug-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer über­prüft wer­den kann, ob ein kon­kre­tes Fahr­zeug mit der Abschalt­ein­rich­tung ver­se­hen ist.

Bereits die Ad-hoc-Mit­tei­lung der Volks­wa­gen AG vom 22.09.2015 war objek­tiv geeig­net, das Ver­trau­en poten­zi­el­ler Käu­fer von Gebraucht­wa­gen mit VW-Die­sel­mo­to­ren des Typs EA189 in eine vor­schrifts­ge­mä­ße Abgas­tech­nik zu zer­stö­ren, dies­be­züg­li­che Arg­lo­sig­keit also zu besei­ti­gen. Auf­grund der Ver­laut­ba­rung und ihrer als sicher vor­her­zu­se­hen­den media­len Ver­brei­tung war typi­scher­wei­se nicht mehr damit zu rech­nen, dass Käu­fer von gebrauch­ten VWFahr­zeu­gen mit Die­sel­mo­to­ren der Bau­rei­he EA189 die Erfül­lung der hier maß­geb­li­chen gesetz­li­chen Vor­ga­ben noch als selbst­ver­ständ­lich vor­aus­set­zen wür­den. Für das bewuss­te Aus­nut­zen einer dies­be­züg­li­chen Arg­lo­sig­keit die­ser Käu­fer war damit kein Raum mehr; hier­auf konn­te das geän­der­te Ver­hal­ten der Beklag­ten nicht mehr gerich­tet sein8.

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Soweit ein­zel­ne Sät­ze der Ad-hoc-Mit­tei­lung bean­stan­det wer­den, sieht der Bun­des­ge­richts­hof kei­nen Anlass zu einer Ände­rung die­ser Bewer­tung. Denn die ange­spro­che­nen Pas­sa­gen rela­ti­vie­ren, wor­auf es für die Bewer­tung des Bun­des­ge­richts­hofs maß­geb­lich ankommt, nicht die erfolg­te, mit einer Gewinn­war­nung ver­bun­de­ne Offen­le­gung einer auf­fäl­li­gen – elf Mil­lio­nen Fahr­zeu­ge des­sel­ben Motor­typs (EA189) betref­fen­den, tech­ni­sche Maß­nah­men in Abstim­mung mit dem KBA erfor­dern­den und Rück­stel­lun­gen von rund 6, 5 Mil­li­ar­den Euro aus­lö­sen­den – Abwei­chung zwi­schen Prüf­stands­wer­ten und rea­lem Fahr­be­trieb. Ange­sichts der mit­ge­teil­ten Infor­ma­tio­nen zu Fahr­zeu­gen mit Die­sel­mo­to­ren vom Typ EA189, ins­be­son­de­re der hohen Zahl der betrof­fe­nen Fahr­zeu­ge, des erheb­li­chen Besei­ti­gungs­auf­wands und der erfolg­ten Ein­bin­dung der zustän­di­gen Behör­den war bei objek­ti­ver Betrach­tung davon aus­zu­ge­hen, dass poten­zi­el­le Käu­fer von Gebraucht­wa­gen mit VW-Die­sel­mo­to­ren der Bau­rei­he EA189 die Erfül­lung der maß­geb­li­chen gesetz­li­chen Vor­ga­ben nach der Ver­öf­fent­li­chung und der als sicher vor­her­zu­se­hen­den media­len Ver­brei­tung der Mit­tei­lung nicht mehr als selbst­ver­ständ­lich vor­aus­set­zen wür­den. Dies gilt umso mehr, als nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts über die Ver­wen­dung der Abschalt­ein­rich­tung in Die­sel­mo­to­ren vom Typ EA189 ab Sep­tem­ber 2015 in den Medi­en umfang­reich berich­tet und in der brei­ten Öffent­lich­keit dis­ku­tiert wor­den ist und sie unter Bezeich­nun­gen wie „Die­sel­skan­dal“, „VW-Abgas­skan­dal“ mona­te­lang ein die Nach­rich­ten beherr­schen­des The­ma war.

Auch kommt es nicht dar­auf an, ob die Anga­ben der Volks­wa­gen AG im ers­ten Absatz in ihrer Ad-hoc- und ihrer Pres­se­mit­tei­lung vom 15.09.2015, „Die aktu­ell in der Euro­päi­schen Uni­on ange­bo­te­nen Neu­wa­gen mit Die­sel­an­trieb EU 6 aus dem Volks­wa­gen Kon­zern erfül­len die recht­li­chen Anfor­de­run­gen und Umwelt­nor­men“, unrich­tig sind oder nicht. Vor­lie­gend steht allein in Fra­ge, ob das Ver­hal­ten der Volks­wa­gen AG gegen­über dem Gebraucht­wa­gen­käu­fer und im Hin­blick auf den Scha­den, der ihm durch den Abschluss eines unge­woll­ten Kauf­ver­trags im Sep­tem­ber 2016 ent­stan­den sein könn­te, als sit­ten­wid­rig zu bewer­ten ist. Denn wie aus­ge­führt, muss den Schä­di­ger das Unwert­ur­teil, sit­ten­wid­rig gehan­delt zu haben, gera­de in Bezug auf die Schä­den des­je­ni­gen tref­fen, der Ansprü­che aus § 826 BGB gel­tend macht. Der Gebraucht­wa­gen­käu­fer hat­te aber einen Gebraucht­wa­gen mit einem Die­sel­mo­tor des Typs EA189, Schad­stoff­norm Euro 5 erwor­ben, was ihm – ohne dass es für die Ent­schei­dung dar­auf ankä­me – aus­weis­lich der Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts bei Abschluss des Kauf­ver­trags auch bekannt war. Für das bewuss­te Aus­nut­zen einer Arg­lo­sig­keit von Käu­fern der­ar­ti­ger Fahr­zeu­ge war nach der Ver­laut­ba­rung der Ad-hoc-Mit­tei­lung der Volks­wa­gen AG aber – wie aus­ge­führt – kein Raum mehr.

Die­se arge­stell­ten Maß­nah­men der Volks­wa­gen AG sind für das Ergeb­nis der Sit­ten­wid­rig­keits­prü­fung nicht des­halb irrele­vant, weil die Volks­wa­gen AG nicht sicher­ge­stellt hat­te, dass ihre Infor­ma­tio­nen tat­säch­lich jeden poten­zi­el­len Käu­fer erreich­ten und einen Fahr­zeu­ger­werb in Unkennt­nis der Abschalt­ein­rich­tung in jedem Ein­zel­fall ver­hin­der­ten9. Anders als die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de meint, traf die Volks­wa­gen AG zur Ver­mei­dung des Sit­ten­wid­rig­keits­vor­wurfs nicht die Ver­pflich­tung, jeden poten­ti­el­len Käu­fer über die für sei­ne Kauf­ent­schei­dung wesent­li­chen Gesichts­punk­te und die Män­gel des Kauf­ge­gen­stands voll­stän­dig auf­zu­klä­ren. Die von der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de in die­sem Zusam­men­hang gezo­ge­ne Par­al­le­le zur Instruk­ti­ons­pflicht des Pro­duk­t­her­stel­lers ver­fängt nicht. Sie betrifft eine völ­lig ande­re Inter­es­sen­la­ge. Unab­hän­gig davon, ob sie als delik­ti­sche Ver­kehrs­pflicht aus § 823 Abs. 1 BGB oder aus § 3 Abs. 1 lit. a Prod­HaftG abge­lei­tet wird10, bezweckt sie den Schutz hier nicht in Rede ste­hen­der abso­lu­ter Rechts­gü­ter und damit des Inte­gri­täts­in­ter­es­ses des Pro­dukt­nut­zers oder Drit­ter. Sie soll dem Pro­dukt­nut­zer Klar­heit über die von dem Pro­dukt unter Umstän­den aus­ge­hen­den Gefah­ren für nach § 1 Abs. 1 Satz 1 Prod­HaftG, § 823 Abs. 1 BGB geschütz­te Rechts­gü­ter ver­schaf­fen und ihn in die Lage ver­set­zen, von der Ver­wen­dung des Pro­dukts Abstand zu neh­men oder den Gefah­ren so weit wie mög­lich ent­ge­gen­zu­wir­ken11. Sie soll hin­ge­gen weder die wirt­schaft­li­che Dis­po­si­ti­ons­frei­heit des Pro­dukt­er­wer­bers noch des­sen Inter­es­se am Erhalt und an der Nut­zung einer man­gel­frei­en Sache (Äqui­va­lenz­in­ter­es­se) gewähr­leis­ten12.

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Auch wird die Bedeu­tung der dar­ge­stell­ten Maß­nah­men der Volks­wa­gen AG für das Ergeb­nis der Sit­ten­wid­rig­keits­prü­fung nicht dadurch rela­ti­viert, dass die Volks­wa­gen AG ihre Bemü­hun­gen, den geset­zes­wid­ri­gen Zustand zu besei­ti­gen, ledig­lich vor­ge­spie­gelt, eine Täu­schung durch eine ande­re ersetzt und damit ihr ver­werf­li­ches Ver­hal­ten nur in ver­än­der­ter Wei­se fort­ge­setzt hätte.

Soweit gel­tend gemacht wird, die Volks­wa­gen AG habe mit dem Soft­ware-Update ledig­lich ein wei­te­res Mal eine von vorn­her­ein rechts­wid­ri­ge Besei­ti­gungs­maß­nah­me ent­wi­ckelt und geneh­mi­gen las­sen, zeigt sie kei­nen vom Beru­fungs­ge­richt über­gan­ge­nen Tat­sa­chen­vor­trag auf, dem die Behaup­tung einer erneu­ten Täu­schung des KBA ent­nom­men wer­den könn­te. Auf der Grund­la­ge der getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen kann von einer sol­chen neu­er­li­chen Täu­schung des KBA nicht aus­ge­gan­gen wer­den. Nach den aus­drück­li­chen Fest­stel­lun­gen des vom Pfäl­zi­schen Ober­lan­des­ge­richts­ge­richt in sei­nem Beru­fungs­ur­teil13 hat das KBA, das die Umschalt­lo­gik als unzu­läs­si­ge Abschalt­ein­rich­tung bean­stan­det und die Volks­wa­gen AG ver­pflich­tet hat­te, einen vor­schrifts­mä­ßi­gen Zustand her­zu­stel­len, die von der Volks­wa­gen AG dar­auf­hin ent­wi­ckel­te tech­ni­sche Lösung in Form des Soft­ware-Updates geneh­migt und die Volks­wa­gen AG auf­ge­for­dert, das Update auf­zu­spie­len. Anhalts­punk­te dafür, dass sich das KBA ein wei­te­res Mal über die Arbeits­wei­se des für den Motor EA189 ent­wi­ckel­ten Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems im Irr­tum befun­den hät­te, sind weder ersicht­lich noch dargetan.

Die Ver­werf­lich­keit des Ver­hal­tens der Volks­wa­gen AG setz­te sich auch nicht des­halb in ledig­lich ver­än­der­ter Form fort, weil die Volks­wa­gen AG mit dem Soft­ware­Up­date eine tem­pe­ra­tur­ab­hän­gi­ge Steue­rung des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems (Ther­mofens­ter) imple­men­tiert hat. Zwar ist man­gels abwei­chen­der Fest­stel­lun­gen für die revi­si­ons­recht­li­che Über­prü­fung von dem Vor­trag des Gebraucht­wa­gen­käu­fers aus­zu­ge­hen, wonach die Abgas­rück­füh­rung in den mit einem Motor des Typs EA189 ver­se­he­nen Fahr­zeu­gen nach dem Soft­ware-Update nur bei Außen­tem­pe­ra­tu­ren zwi­schen 15 und 33 Grad Cel­si­us in vol­lem Umfang statt­fin­det und außer­halb die­ser Bedin­gun­gen deut­lich redu­ziert wird.

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Dies recht­fer­tigt den Vor­wurf beson­de­rer Ver­werf­lich­keit in der gebo­te­nen Gesamt­be­trach­tung aber nicht. Dabei kann zuguns­ten des Gebraucht­wa­gen­käu­fers unter­stellt wer­den, dass eine der­ar­ti­ge tem­pe­ra­tur­be­ein­fluss­te Steue­rung der Abgas­rück­füh­rung als unzu­läs­si­ge Abschalt­ein­rich­tung im Sin­ne von Art. 5 Abs. 2 Satz 1 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/​2007 zu qua­li­fi­zie­ren ist14. Der dar­in lie­gen­de – unter­stell­te – Geset­zes­ver­stoß reicht aber nicht aus, um das Gesamt­ver­hal­ten der Volks­wa­gen AG als sit­ten­wid­rig zu qua­li­fi­zie­ren. Hier­für bedürf­te es viel­mehr wei­te­rer Umstän­de im Zusam­men­hang mit der Ent­wick­lung und Geneh­mi­gung des Soft­ware-Updates, an denen es im Streit­fall fehlt.

Des­wei­te­ren ist die Appli­ka­ti­on einer tem­pe­ra­tur­ab­hän­gi­gen Steue­rung des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems nicht mit der Ver­wen­dung der Prüf­stands­er­ken­nungs­soft­ware zu ver­glei­chen, die die Volks­wa­gen AG zunächst zum Ein­satz gebracht hat­te. Wäh­rend letz­te­re, wie aus­ge­führt, unmit­tel­bar auf die arg­lis­ti­ge Täu­schung der Typ­ge­neh­mi­gungs­be­hör­de abziel­te und einer unmit­tel­ba­ren arg­lis­ti­gen Täu­schung der Fahr­zeu­ger­wer­ber in der Bewer­tung gleich­steht, ist der Ein­satz einer tem­pe­ra­tur­ab­hän­gi­gen Steue­rung des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems nicht von vorn­her­ein durch Arg­list geprägt15. Sie führt nicht dazu, dass bei erkann­tem Prüf­stands­be­trieb eine ver­stärk­te Abgas­rück­füh­rung akti­viert und der Stick­oxid­aus­stoß gegen­über dem nor­ma­len Fahr­be­trieb redu­ziert wird, son­dern arbei­tet in bei­den Fahr­si­tua­tio­nen im Grund­satz in glei­cher Wei­se. Unter den für den Prüf­zy­klus maß­ge­ben­den Bedin­gun­gen (Umge­bungs­tem­pe­ra­tur, Luft­feuch­tig­keit, Geschwin­dig­keit, Wider­stand etc.)16 ent­spricht die Rate der Abgas­rück­füh­rung im nor­ma­len Fahr­be­trieb der­je­ni­gen auf dem Prüfstand.

Bei die­ser Sach­la­ge hät­te sich die Ver­werf­lich­keit des Ver­hal­tens der Volks­wa­gen AG durch die Imple­men­ta­ti­on des Ther­mofens­ters nur dann fort­ge­setzt, wenn zu dem – hier unter­stell­ten – Ver­stoß gegen Art. 5 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/​2007 im Zusam­men­hang mit der Ent­wick­lung und Geneh­mi­gung des Soft­ware-Updates wei­te­re Umstän­de hin­zu­trä­ten, die das Ver­hal­ten der für sie han­deln­den Per­so­nen als beson­ders ver­werf­lich erschei­nen lie­ßen. Dies setzt jeden­falls vor­aus, dass die­se Per­so­nen bei der Ent­wick­lung und/​oder Appli­ka­ti­on der tem­pe­ra­tur­ab­hän­gi­gen Steue­rung des Emis­si­ons­kon­troll­sys­tems in dem Bewusst­sein han­del­ten, eine (wei­te­re) unzu­läs­si­ge Abschalt­ein­rich­tung zu ver­wen­den, und den dar­in lie­gen­den Geset­zes­ver­stoß bil­li­gend in Kauf nah­men. Fehlt es hier­an, ist der objek­ti­ve Tat­be­stand der Sit­ten­wid­rig­keit nicht erfüllt.

Die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de zeigt aber kei­nen in den Tat­sa­chen­in­stan­zen über­gan­ge­nen Sach­vor­trag des inso­weit dar­le­gungs­be­las­te­ten Gebraucht­wa­gen­käu­fers17 auf, dem für ein sol­ches Vor­stel­lungs­bild der für die Volks­wa­gen AG han­deln­den Per­so­nen spre­chen­de Anhalts­punk­te zu ent­neh­men wären.

Eine abwei­chen­de Beur­tei­lung ist auch nicht des­halb gebo­ten, weil das von der Volks­wa­gen AG im Anschluss an ihre Ad-hoc-Mit­tei­lung vom 22.09.2015 ent­wi­ckel­te Soft­ware-Update nach der man­gels abwei­chen­der Fest­stel­lun­gen revi­si­ons­recht­lich zu unter­stel­len­den Behaup­tung des Gebraucht­wa­gen­käu­fers nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf den Kraft­stoff­ver­brauch und den Ver­schleiß der betrof­fe­nen Fahr­zeu­ge hat. Dies recht­fer­tigt den Vor­wurf beson­de­rer Ver­werf­lich­keit in der gebo­te­nen Gesamt­be­trach­tung nicht. Der Umstand, dass mit dem Update nicht nur die unzu­läs­si­ge Mani­pu­la­ti­ons­soft­ware ent­fernt wird, son­dern auch eine – unter­stellt nach­tei­li­ge – Ver­än­de­rung des Kraft­stoff­ver­brauchs oder sons­ti­ger Para­me­ter ver­bun­den ist, reicht nicht aus, um das Gesamt­ver­hal­ten der Volks­wa­gen AG als sit­ten­wid­rig zu qualifizieren.

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Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. März 2021 – VI ZR 889/​20

  1. st. Rspr., s. nur BGH, Urtei­le vom 30.07.2020 – VI ZR 5/​20, ZIP 2020, 1715 Rn. 29; vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, ZIP 2020, 1179 Rn. 15[]
  2. BGH, Urtei­le vom 30.07.2020 – VI ZR 5/​20, ZIP 2020, 1715 Rn. 29; vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, ZIP 2020, 1179 Rn. 15; vom 28.06.2016 – VI ZR 536/​15, NJW 2017, 250 Rn. 16 mwN[]
  3. BGH, Urtei­le vom 30.07.2020 – VI ZR 5/​20, ZIP 2020, 1715 Rn. 29; vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, ZIP 2020, 1179 Rn. 15; vom 07.05.2019 – VI ZR 512/​17, NJW 2019, 2164 Rn. 8 mwN; BGH, Beschluss vom 19.01.2021 – VI ZR 433/​19, ZIP 2021, 297 Rn. 14[]
  4. BGH, Urteil vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, ZIP 2020, 1179 Rn. 14; BGH, Beschluss vom 19.01.2021 – VI ZR 433/​19, ZIP 2021, 297 Rn. 15, jeweils mwN[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 30.07.2020 – VI ZR 5/​20, ZIP 2020, 1715 Rn. 33; vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, ZIP 2020, 1179 Rn. 16 ff., 23, 25; BGH, Beschluss vom 19.01.2021 – VI ZR 433/​19, ZIP 2021, 297 Rn. 17[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 30.07.2020 – VI ZR 5/​20, ZIP 2020, 1715 Rn. 34, 37; vom 08.12.2020 – VI ZR 244/​20, ZIP 2021, 84 Rn. 14, 17[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 30.07.2020 – VI ZR 5/​20, ZIP 2020, 1715 Rn. 38; vom 08.12.2020 – VI ZR 244/​20, ZIP 2021, 84 Rn. 17[]
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 08.12.2020 – VI ZR 244/​20, ZIP 2021, 84 Rn. 15, 17; vom 30.07.2020 – VI ZR 5/​20, ZIP 2020, 1715 Rn. 37[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 30.07.2020 – VI ZR 5/​20, ZIP 2020, 1715 Rn. 38; vom 08.12.2020 – VI ZR 244/​20, ZIP 2021, 84 Rn. 18[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 16.06.2009 – VI ZR 107/​08, BGHZ 181, 253 Rn. 12; Staudinger/​Oechsler, BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2018, § 3 Prod­HaftG Rn. 47 f.[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 16.06.2009 – VI ZR 107/​08, BGHZ 181, 253 Rn. 23; BGH, Urteil vom 19.02.1975 – VIII ZR 144/​73, BGHZ 64, 46 11 f.[]
  12. vgl. BGH, Urtei­le vom 16.06.2009 – VI ZR 107/​08, BGHZ 181, 253 Rn. 12, 23; vom 17.03.2009 – VI ZR 176/​08, VersR 2009, 649 6, 8; Katzenmeier/​Voigt, Prod­HaftG, 7. Aufl.2020, Prod­HaftG § 1 Rn. 2 Fn. 5, § 3 Rn. 2; Deutsch, JZ 1989, 465, 467; zur Haf­tung für wir­kungs­lo­se Pro­duk­te, deren Ver­wen­dungs­zweck es ist, Inte­gri­täts­in­ter­es­sen des Ver­brau­chers zu schüt­zen: BGH, Urtei­le vom 17.03.1981 – VI ZR 191/​79, BGHZ 80, 186 und – VI ZR 286/​78, BGHZ 80, 199; vom 18.09.1984 – VI ZR 51/​83, VersR 1984, 1151; BGH, Beschluss vom 02.07.2019 – VI ZR 42/​18, VersR 2019, 1385[]
  13. OLG Zwei­brü­cken, Urteil vom 25.05.2020 – 7 U 163/​19[]
  14. vgl. zu Art. 5 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/​2007 auch EuGH, Urteil vom 17.12.2020 – C‑693/​18, Celex-Nr. 62018CJ0693; OGH Öster­reich, Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen vom 17.03.2020 – 10 Ob 44/​19x, RZ 2020, 212 EÜ235 – beim EuGH geführt unter – C‑145/​20[]
  15. vgl. BGH, Beschluss vom 19.01.2021 – VI ZR 433/​19, ZIP 2021, 297 Rn. 17 f.[]
  16. vgl. Art. 5 Abs. 3 a) der Ver­ord­nung (EG) Nr. 715/​2007 i.V.m. Art. 3 Nr. 1 und 6, Anhang III der Ver­ord­nung (EG) Nr. 692/​2008 der Kom­mis­si­on vom 18.07.2008 zur Durch­füh­rung und Ände­rung der Ver­ord­nung 715/​2007/​EG, ABl. L 199 vom 28.07.2008, S. 1 ff., in Ver­bin­dung mit Abs. 5.3.1 und Anhang 4 Abs. 5.3.1, Abs. 6.1.1 der UN/E­CE-Rege­lung Nr. 83, ABl. L 375 vom 27.12.2006, S. 246 ff.[]
  17. vgl. BGH, Urteil vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, ZIP 2020, 1179 Rn. 35; BGH, Beschluss vom 19.01.2021 – VI ZR 433/​1919[]

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