Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen den Insol­venz­ver­wal­ter – und ihre Ver­jäh­rung

Ist ein im Kon­kurs­ver­fah­ren (Insol­venz­ver­fah­ren) bestell­ter Son­der­ver­wal­ter zunächst nur mit der Prü­fung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen gegen den amtie­ren­den Ver­wal­ter beauf­tragt, beginnt die Frist, inner­halb derer Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen den amtie­ren­den Ver­wal­ter ver­jäh­ren, schon mit dem Schluss des Jah­res zu lau­fen, in wel­chem der Son­der­ver­wal­ter Kennt­nis der anspruchs­be­grün­den­den Umstän­de erlangt 1.

Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen den Insol­venz­ver­wal­ter – und ihre Ver­jäh­rung

Schon zur Kon­kurs­ord­nung hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen Kon­kurs­ver­wal­ter und Mit­glie­der eines Gläu­bi­ger­aus­schus­ses inner­halb der Frist des § 852 Abs. 1 BGB a.F. ver­jäh­ren 2. Nach Ände­rung der Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten durch das Gesetz zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts vom 26.11.2001 3 und das Gesetz zur Anpas­sung der Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten an das Gesetz zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts vom 09.12 2004 4 ist auf die Ver­jäh­rung der gegen den Kon­kurs­ver­wal­ter gerich­te­ten Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gemäß Art. 229 § 12 Abs. 1 Nr. 4 EGBGB in Ver­bin­dung mit Art. 229 § 6 Abs. 1 Satz 2 EGBGB die all­ge­mei­ne Rege­lung der §§ 195, 199 BGB anzu­wen­den 5. Grund­sätz­lich gilt damit die regel­mä­ßi­ge Ver­jäh­rungs­frist von drei Jah­ren (§ 195 BGB), die mit dem Schluss des Jah­res beginnt, in dem der Anspruch ent­stan­den ist und der Gläu­bi­ger Kennt­nis von den den Anspruch begrün­den­den Umstän­den und der Per­son des Schuld­ners erlangt oder ohne gro­be Fahr­läs­sig­keit erlan­gen müss­te (§ 199 Abs. 1 BGB).

Die danach maß­geb­li­che Frist des § 195 BGB begann gemäß § 199 Abs. 1 BGB am Ende des­je­ni­gen Jah­res, in wel­chem die Klä­ge­rin in ihrer Eigen­schaft als Son­der­ver­wal­te­rin Kennt­nis von dem durch den Beklag­ten ver­ur­sach­ten und im vor­lie­gen­den Rechts­streit gel­tend gemach­ten Scha­den erlangt hat.

Es kommt auf die Kennt­nis des Son­der­ver­wal­ters an. Bei der Anwen­dung der §§ 195, 199 BGB im Insol­venz­ver­fah­ren wie auch im frü­he­ren Kon­kurs­ver­fah­ren ist zu beach­ten, dass eine durch ein pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten des Kon­kurs- oder Insol­venz­ver­wal­ters (§ 82 KO/​§ 60 InsO) her­vor­ge­ru­fe­ne Schmä­le­rung der Mas­se einen die Gemein­schaft der Gläu­bi­ger tref­fen­den Gesamt­scha­den bil­det, der wäh­rend der Dau­er des Ver­fah­rens durch Zah­lung an die Kon­kurs- bezie­hungs­wei­se Insol­venz­mas­se aus­zu­glei­chen ist. Die­ser Scha­den ist der Gemein­schaft zuge­wie­sen und unter­liegt dem Ver­wal­tungs- und Ver­wer­tungs­recht des Kon­kurs­ver­wal­ters. Er kann des­halb nicht von einem ein­zel­nen Mas­se- oder Kon­kurs­gläu­bi­ger, son­dern nur durch einen Son­der­ver­wal­ter oder neu bestell­ten Ver­wal­ter ver­folgt wer­den 6. Auf­grund die­ser Durch­set­zungs­sper­re beginnt die drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist erst zu lau­fen, wenn die­ser Ver­wal­ter von den maß­geb­li­chen Umstän­den Kennt­nis erlangt hat 7.

Aller­dings war die Klä­ge­rin durch den Beschluss vom 23.09.2004 nur mit der Prü­fung, nicht auch mit der Durch­set­zung etwai­ger Ansprü­che gegen den Beklag­ten beauf­tragt wor­den. Der Beschluss kann auch nicht so aus­ge­legt wer­den, dass er neben der Prü­fung auch die Gel­tend­ma­chung des Anspruchs umfass­te. Der Son­der­insol­venz­ver­wal­ter ist auf­grund der Beschrän­kung auf die ihm vom Insol­venz­ge­richt über­tra­ge­nen Auf­ga­ben nicht befugt, Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen den noch amtie­ren­den Kon­kurs- oder Insol­venz­ver­wal­ter gel­tend zu machen, wenn ihn das Insol­venz­ge­richt ledig­lich mit der Prü­fung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen beauf­tragt hat. Das Recht zur gericht­li­chen Durch­set­zung, bei dem es sich um einen Aus­schnitt aus der dem Ver­wal­ter über­tra­ge­nen Ver­wal­tungs- und Ver­fü­gungs­be­fug­nis über die Insol­venz­mas­se han­delt 8, steht ihm nur zu, wenn ihm auch das Recht zur Gel­tend­ma­chung der Ansprü­che über­tra­gen ist 9. Rei­chen die Befug­nis­se des Son­der­ver­wal­ters nicht aus, um die ihm über­tra­ge­ne Auf­ga­be voll­stän­dig zu erfül­len, kann er jeder­zeit eine Ergän­zung des Bestel­lungs­be­schlus­ses des Gerichts bean­tra­gen. Eine bloß klar­stel­len­de Funk­ti­on kommt die­sem Beschluss ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on nicht zu, weil unge­ach­tet der Bestel­lung des Son­der­ver­wal­ters der amtie­ren­de Ver­wal­ter im Amt bleibt und ein Ein­griff in des­sen umfas­sen­de Befug­nis­se, der mit der Über­tra­gung des Pro­zess­füh­rungs­rechts für einen bestimm­ten abge­grenz­ten Bereich auf einen Son­der­ver­wal­ter ver­bun­den ist, stets einer aus­drück­li­chen Ermäch­ti­gung des Gerichts bedarf. Andern­falls könn­ten bei jeder Über­tra­gung bestimm­ter gegen­ständ­lich begrenz­ter Auf­ga­ben auf einen Son­der­ver­wal­ter Unklar­hei­ten dar­über ent­ste­hen, wel­che Reich­wei­te die Über­tra­gung hat und ob wei­ter­ge­hen­de Rechts­hand­lun­gen gedeckt sind, die mög­li­cher­wei­se zur Erfül­lung der Auf­ga­be gehö­ren. Die Klä­ge­rin war also aus Rechts­grün­den gehin­dert, den Anspruch ein­zu­kla­gen und so den Lauf der Ver­jäh­rung gemäß § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB zu hem­men.

Grund­sätz­lich läuft die Ver­jäh­rung dann, wenn der betrof­fe­ne Gläu­bi­ger die Mög­lich­keit hat, ihren Ein­tritt zu ver­hin­dern. Aus­nah­men gel­ten nur bei Vor­lie­gen trag­fä­hi­ger Grün­de 10. Den recht­li­chen Beson­der­hei­ten des Kon­kurs­ver­fah­rens, ins­be­son­de­re der Befug­nis­se des Son­der­ver­wal­ters, sowie den Inter­es­sen der Gläu­bi­ger­ge­mein­schaft einer­seits, des Kon­kurs­ver­wal­ters ande­rer­seits wird die Anknüp­fung des Ver­jäh­rungs­be­ginns an die Kennt­nis des Son­der­ver­wal­ters unab­hän­gig von der Reich­wei­te der ihm ver­lie­he­nen Befug­nis­se jedoch am bes­ten gerecht.

Der nur mit der Prü­fung, nicht auch mit der Durch­set­zung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen beauf­trag­te Son­der­ver­wal­ter ist ver­pflich­tet, das Kon­kurs­ge­richt und die Kon­kurs­gläu­bi­ger zeit­nah von den Ergeb­nis­sen sei­ner Unter­su­chun­gen zu unter­rich­ten, gege­be­nen­falls auch in Form von Zwi­schen­be­rich­ten, und zu gege­be­ner Zeit eine Kla­ge gegen den Kon­kurs­ver­wal­ter anzu­re­gen.

Die Gläu­bi­ger kön­nen sodann ent­schei­den, ob sie den Anspruch gegen den Kon­kurs­ver­wal­ter ver­fol­gen wol­len; zu die­sem Zweck kön­nen sie eine Erwei­te­rung der Befug­nis­se des Son­der­ver­wal­ters auf die Pro­zess­füh­rung bean­tra­gen. Die Frist von drei Jah­ren ab Kennt­nis des Son­der­ver­wal­ters (vgl. § 195 BGB) wird in aller Regel aus­rei­chen, um sowohl einen Beschluss der Gläu­bi­ger als auch einen Beschluss des Kon­kurs­ge­richts her­bei­zu­füh­ren. Soll­te der Son­der­ver­wal­ter sei­ne Amts­pflicht, das Kon­kurs­ge­richt und die Kon­kurs­gläu­bi­ger recht­zei­tig über die Ergeb­nis­se sei­ner Unter­su­chun­gen zu unter­rich­ten, ver­let­zen, macht er sich sei­ner­seits den Kon­kurs­gläu­bi­gern gegen­über scha­dens­er­satz­pflich­tig.

Eine Anknüp­fung des Ver­jäh­rungs­be­ginns an einen nach­träg­lich zu fas­sen­den Beschluss des Kon­kurs­ge­richts über eine Erwei­te­rung der Befug­nis­se des Son­der­ver­wal­ters auf die Durch­set­zung des Anspruchs führt ins­be­son­de­re dann zu unbe­frie­di­gen­den Ergeb­nis­sen, wenn die Gläu­bi­ger (zunächst) beschlie­ßen, den Anspruch nicht gel­tend zu machen, und der Son­der­ver­wal­ter also (zunächst) nicht tätig wird. In einem sol­chen Fall wür­de der Ver­jäh­rungs­be­ginn auf unab­seh­ba­re Zeit hin­aus­ge­scho­ben wer­den, was der Rechts­si­cher­heit abträg­lich und dem betrof­fe­nen Kon­kurs­ver­wal­ter, der wei­ter­hin befürch­ten müss­te, in Anspruch genom­men zu wer­den, nicht zumut­bar wäre.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Juli 2014 – IX ZR 301/​12

  1. Ergän­zung zu BGHZ 159, 25[]
  2. BGH, Urteil vom 08.05.2008 – IX ZR 54/​07, ZIn­sO 2008, 750 Rn. 9 mwN[]
  3. BGBl. I S. 3138[]
  4. BGBl. I S. 3214[]
  5. vgl. BGH, aaO Rn. 8 ff; Pape in Pape/​Uhländer, InsO, § 62 Rn. 1 f[]
  6. BGH, Urteil vom 22.04.2004 – IX ZR 128/​03, BGHZ 159, 25, 26 mwN; vom 08.05.2008, aaO Rn. 13; eben­so für den nach jet­zi­gem Recht gemäß § 92 InsO zu ver­fol­gen­den Gemein­schafts­scha­den: vgl. BGH, Beschluss vom 25.01.2007 – IX ZB 240/​05, ZIn­sO 2007, 326 Rn. 1; HK-InsO/­Kay­ser, 7. Aufl., § 92 Rn. 44; Lind in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, InsO, 2. Aufl., § 60 Rn. 42; Lüke in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2009, § 60 Rn. 30; Münch­Komm-InsO/Bran­des­/­Schopp­mey­er, 3. Aufl., § 60 Rn. 116; Uhlenbruck/​Sinz, InsO, 13. Aufl., § 60 Rn. 120; Pape/​Sietz in Pape/​Graeber, Hand­buch der Insol­venz­ver­wal­ter­haf­tung, Teil 3 Rn. 1544 ff[]
  7. BGH, Urteil vom 24.01.1991 – IX ZR 250/​89, BGHZ 113, 262, 280; vom 22.04.2004, aaO S. 28 f; vom 08.05.2008, aaO Rn. 13; eben­so auf der Grund­la­ge des § 62 Satz 1 InsO und des § 199 BGB: Lüke in Kübler/​Prütting/​Bork, aaO § 62 Rn. 2a; Münch­Komm-InsO/Bran­des­/­Schopp­mey­er, aaO § 62 Rn. 4; Pape in Pape/​Uhländer, aaO § 62 Rn. 6; Uhlenbruck/​Sinz, aaO § 62 Rn. 6; Spliedt in Pape/​Graeber, aaO Teil 3 Rn. 1440[]
  8. vgl. HK-InsO/­Kay­ser, aaO § 80 Rn. 37; Lüke in Kübler/​Prütting/​Bork, aaO § 80 Rn. 51; Uhlen­bruck, aaO § 80 Rn. 104[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 17.11.2005 – IX ZR 179/​04, BGHZ 165, 96, 99[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 16.09.2005 – V ZR 242/​04, WM 2006, 49, 50 oben[]