Schieds­gut­ach­ten und Ver­jäh­rungs­be­ginn

Gemäß § 194 Abs. 1 BGB kann grund­sätz­lich jeder Anspruch ver­jäh­ren. Den Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten liegt der Gedan­ke zugrun­de, dass gewis­se tat­säch­li­che Zustän­de, die län­ge­re Zeit hin­durch unan­ge­foch­ten bestan­den haben, im Inter­es­se des Rechts­frie­dens und der Rechts­si­cher­heit als zu Recht bestehend aner­kannt wer­den 1. Der Schuld­ner soll nicht mit Ansprü­chen kon­fron­tiert wer­den, bei denen sich durch Zeit­ab­lauf sei­ne Beweis­si­tua­ti­on ver­schlech­tert hat und Regress­mög­lich­kei­ten ent­fal­len sind. Die­ser Vor­rang des Schuld­ner­in­ter­es­ses gegen­über dem Gläu­bi­ger­inter­es­se ist gerecht­fer­tigt, weil der Gläu­bi­ger durch die ver­spä­te­te Gel­tend­ma­chung eines im Regel­fall bekann­ten Anspruchs gegen eige­ne Inter­es­sen ver­sto­ßen hat 2.

Schieds­gut­ach­ten und Ver­jäh­rungs­be­ginn

Zudem wäre es wer­tungs­wi­der­sprüch­lich, wenn man wegen des Vor­lie­gens einer zuläs­si­gen Schieds­gut­ach­ten­ver­ein­ba­rung die Ver­jäh­rungs­re­geln gänz­lich unan­ge­wen­det las­sen woll­te. Sähe eine Betriebs­ver­ein­ba­rung einen Anspruch auf Prä­mie­rung ohne eine Ermes­sens­ent­schei­dung einer Kom­mis­si­on nach einem ver­bind­li­chen Rechen­mo­dell vor, dann wären die §§ 317 ff. BGB nicht ein­schlä­gig und der Anspruch auf Zah­lung der Prä­mie nach Ein­rei­chung des Ver­bes­se­rungs­vor­schlags unmit­tel­bar ent­stan­den sowie fäl­lig und damit auch ver­jähr­bar. Eine Schieds­gut­ach­ten­ab­re­de will nicht bewir­ken, dass ein Anspruchs­be­rech­tig­ter bis zur Gren­ze der Ver­wir­kung sei­ne Ansprü­che anmel­den kön­nen soll. Gera­de das Gegen­teil ist der Fall. Schieds­gut­ach­ten­ab­re­den sol­len eine abwei­chen­de gericht­li­che Ent­schei­dung über die Anspruchs­be­rech­ti­gung nur aus­nahms­wei­se im Rah­men von § 319 Abs. 1 Satz 2 BGB ermög­li­chen. Die eine begrenz­te Jus­ti­zia­bi­li­tät erstre­ben­de Ver­ein­ba­rung wür­de – wenn man die Ver­jähr­bar­keit des dem Zah­lungs­an­spruch zugrun­de lie­gen­den Anspruchs ver­nein­te – dazu füh­ren, dass die Fra­ge der Anspruchs­be­rech­ti­gung in zeit­li­cher Hin­sicht unbe­grenzt – ein­ge­schränkt allein durch § 242 BGB – einer gericht­li­chen Prü­fung unter­zo­gen wer­den könn­te.

Dem ste­hen frü­he­re Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs 3 nicht ent­ge­gen. Die­se befas­sen sich nicht mit der Fra­ge der Ver­jäh­rung, son­dern aus­schließ­lich mit der hier­von zu tren­nen­den Fra­ge, ob das Kla­ge­recht nach § 315 Abs. 3 Satz 2 BGB ver­wir­ken kann und wann Ver­wir­kung im Ein­zel­fall anzu­neh­men ist. Danach darf der Erklä­rungs­emp­fän­ger den bestim­men­den Ver­trags­part­ner nicht unab­seh­ba­re Zeit im Zwei­fel dar­über las­sen, ob er die getrof­fe­ne Fest­le­gung der Leis­tung als bil­lig gel­ten las­sen will oder nicht, und gesteht dem Erklä­rungs­emp­fän­ger "natur­ge­mäß nur [eine] kurz zu bemes­sen­de Über­le­gungs­frist" zu, die nach den kon­kre­ten Umstän­den bereits nach knapp 1, 5 Jah­ren abge­lau­fen sein kann 4. Der Bun­des­ge­richts­hof ver­neint dage­gen in der zitier­ten Ent­schei­dung nach den kon­kre­ten Umstän­den eine Ver­wir­kung 5. Aller­dings hat der Bun­des­ge­richts­hof in einer ande­ren Ent­schei­dung die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Mög­lich­keit, Gestal­tungs­kla­ge nach § 315 Abs. 3 Satz 2 BGB zu erhe­ben, füh­re nicht dazu, dass der Beginn der Ver­jäh­rung des Zah­lungs­an­spruchs hier­an ange­knüpft wer­den kön­ne 6. Mit dem zugrun­de lie­gen­den Leis­tungs­be­stim­mungs­vor­nah­me­an­spruch hat sich der Bun­des­ge­richts­hof auch in die­ser Ent­schei­dung nicht befasst. Zudem lag der Ent­schei­dung ein Sach­ver­halt zugrun­de, in dem nach dem Ver­trag eine Eini­gung der Par­tei­en zur Leis­tungs­an­pas­sung nach oben oder unten erfor­der­lich war und aus einer ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung folg­te, dass im Fal­le einer feh­len­den Eini­gung bei­de Par­tei­en eine gericht­li­che Leis­tungs­be­stim­mung ver­lan­gen konn­ten. Der Bun­des­ge­richts­hof begrün­de­te sei­ne Auf­fas­sung gera­de damit, dass in einem sol­chen Fall der Berech­tig­te und der Ver­pflich­te­te glei­cher­ma­ßen den aus der feh­len­den Eini­gung fol­gen­den Schwe­be­zu­stand been­den kön­nen und auch bei­de Par­tei­en an der gericht­li­chen Gestal­tungs­ent­schei­dung ein Inter­es­se haben 7.

Dies ist im vor­lie­gend vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall einer vom Arbeit­neh­mer auf­grund einer ent­spre­chen­den Betriebs­ver­ein­ba­rung begehr­ten Prä­mie­rung eines betrieb­li­chen Ver­bes­se­rungs­vor­schlags jedoch anders: Für die Arbeit­ge­be­rin als Ver­pflich­te­te bestand nach der für sie güns­ti­gen ableh­nen­den Ent­schei­dung des Pari­tä­ti­schen Bewer­tungs­aus­schus­ses kei­ner­lei Not­wen­dig­keit und auch kei­ne recht­li­che Mög­lich­keit, auf die Gestal­tungs­ent­schei­dung wei­ter Ein­fluss zu neh­men.

Dem­nach wur­de mit der Vor­la­ge des Schieds­gut­ach­tens der Ver­jäh­rungs­be­ginn aus­ge­löst 8.Mit Ablauf der Ver­jäh­rungs­frist des Anspruchs der Klä­ger auf Vor­nah­me einer Leis­tungs­be­stim­mung war damit die Durch­setz­bar­keit sowohl des Leis­tungs­be­stim­mungs­vor­nah­me­an­spruchs als auch des Zah­lungs­an­spruchs aus­ge­schlos­sen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 16. Dezem­ber 2014 – 9 AZR 431/​13

  1. BGH 8.12 1992 – X ZR 123/​90, zu III 3 der Grün­de[]
  2. Beck­OK BGB/​Henrich Stand 1.11.2014 § 194 Rn. 1 mwN[]
  3. BGH 6.03.1986 – III ZR 195/​84BGHZ 97, 212; BAG 16.12 1965 – 5 AZR 304/​65, BAGE 18, 54[]
  4. vgl. BAG 16.12 1965 – 5 AZR 304/​65, zu 4 der Grün­de, aaO[]
  5. BGH 6.03.1986 – III ZR 195/​84, zu III der Grün­de, aaO[]
  6. BGH 24.11.1995 – V ZR 174/​94, zu II 3 b der Grün­de[]
  7. BGH 24.11.1995 – V ZR 174/​94 – aaO[]
  8. vgl. Staudinger/​Rieble aaO Rn. 368[]