Schmer­zens­geld für per­sön­lich­keits­rechts­ver­let­zen­de Online-Inhal­te

Eine Geld­ent­schä­di­gung wegen Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts durch eine Inter­net­ver­öf­fent­li­chung ist nicht gene­rell höher oder nied­ri­ger zu bemes­sen als eine Ent­schä­di­gung wegen eines Arti­kels in den Print-Medi­en.

Schmer­zens­geld für per­sön­lich­keits­rechts­ver­let­zen­de Online-Inhal­te

Eine Geld­ent­schä­di­gung wegen Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts durch eine Inter­net­ver­öf­fent­li­chung ist nicht wegen der Beson­der­hei­ten des Inter­nets gene­rell höher zu bemes­sen als eine Ent­schä­di­gung wegen eines Arti­kels in den Print­Me­di­en. Sowohl die Fra­ge, ob die Ver­let­zung des Per­sön­lich­keits­rechts so schwer­wie­gend ist, dass die Zah­lung einer Geld­ent­schä­di­gung erfor­der­lich ist, als auch deren Höhe kön­nen nur auf­grund der gesam­ten Umstän­de des Ein­zel­falls beur­teilt wer­den 1. Ein ruf­schä­di­gen­der Arti­kel – bei­spiels­wei­se auf der Titel­sei­te – einer weit ver­brei­te­ten Tages­zei­tung mit hoher Auf­la­ge kann das Anse­hen des Betrof­fe­nen wesent­lich nach­hal­ti­ger schä­di­gen als eine Inter­net­mel­dung in einem wenig bekann­ten Por­tal, das nur begrenz­te Nut­zer­krei­se anspricht. Auch der Umstand, dass die übli­cher­wei­se erfol­gen­de Ver­lin­kung der in Rede ste­hen­den Mel­dung in Such­ma­schi­nen die Ein­ho­lung von Infor­ma­tio­nen über den Betrof­fe­nen ermög­licht, recht­fer­tigt kei­ne gene­rel­le Anhe­bung der Geld­ent­schä­di­gung. Denn eine sol­che Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung setzt die akti­ve Suche des bereits an dem Betrof­fe­nen inter­es­sier­ten Nut­zers vor­aus. Dem­ge­gen­über wer­den durch einen Arti­kel einer weit ver­brei­te­ten Tages­zei­tung oder durch die Bekannt­ga­be der Nach­richt zu einer belieb­ten Tages­zeit im Fern­se­hen u.U. Mil­lio­nen von Per­so­nen von dem (angeb­li­chen) Fehl­ver­hal­ten des Betrof­fe­nen in Kennt­nis gesetzt.

Aller­dings ist zu berück­sich­ti­gen, dass der ange­grif­fe­ne Bericht im Inter­net zahl­reich ver­linkt, kopiert und – auch noch nach der Löschung des Ursprungs­bei­trags – umfang­reich abge­ru­fen wor­den ist. Wie bereits aus­ge­führt, ist das Aus­maß der Ver­brei­tung der ange­grif­fe­nen Ver­öf­fent­li­chung als Bemes­sungs­fak­tor bei der Fest­set­zung der Höhe der Geld­ent­schä­di­gung zu berück­sich­ti­gen 2. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts ist den Beklag­ten zu 1 und 2 die Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts des Klä­gers auch inso­weit zuzu­rech­nen, als sie erst durch die Wei­ter­ver­brei­tung des Ursprungs­bei­trags durch Drit­te im Inter­net ent­stan­den ist. Da Mel­dun­gen im Inter­net typi­scher­wei­se von Drit­ten ver­linkt und kopiert wer­den, ist die durch die Wei­ter­ver­brei­tung des Ursprungs­bei­trags ver­ur­sach­te Rechts­ver­let­zung sowohl äqui­va­lent als auch adäquat kau­sal auf die Erst­ver­öf­fent­li­chung zurück­zu­füh­ren. Der Zurech­nungs­zu­sam­men­hang ist auch nicht des­halb zu ver­nei­nen, weil die Per­sön­lich­keits­rechts­ver­let­zung inso­weit erst durch das selbst­stän­di­ge Dazwi­schen­tre­ten Drit­ter ver­ur­sacht wor­den ist.

Nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs wird die haf­tungs­recht­li­che Zurech­nung nicht schlecht­hin dadurch aus­ge­schlos­sen, dass außer der in Rede ste­hen­den Ver­let­zungs­hand­lung noch wei­te­re Ursa­chen zur Rechts­guts­ver­let­zung bei­getra­gen haben. Dies gilt auch dann, wenn die Rechts­guts­ver­let­zung erst durch das (recht­mä­ßi­ge oder rechts­wid­ri­ge) Dazwi­schen­tre­ten eines Drit­ten ver­ur­sacht wird. Der Zurech­nungs­zu­sam­men­hang fehlt in der­ar­ti­gen Fäl­len aller­dings, wenn die zwei­te Ursa­che – das Ein­grei­fen des Drit­ten – den Gesche­hens­ab­lauf so ver­än­dert hat, dass die Rechts­guts­ver­let­zung bei wer­ten­der Betrach­tung nur noch in einem "äußer­li­chen", gleich­sam "zufäl­li­gen" Zusam­men­hang zu der durch die ers­te Ursa­che geschaf­fe­nen Gefah­ren­la­ge steht. Wir­ken in der Rechts­guts­ver­let­zung dage­gen die beson­de­ren Gefah­ren fort, die durch die ers­te Ursa­che gesetzt wur­den, kann der haf­tungs­recht­li­che Zurech­nungs­zu­sam­men­hang nicht ver­neint wer­den 3.

So ver­hält es sich im Streit­fall. Durch die Ver­öf­fent­li­chung des Ursprungs­bei­trags auf dem Inter­net­Por­tal ist die inter­net­ty­pi­sche beson­de­re Gefahr geschaf­fen wor­den, dass an einer umfas­sen­den Kom­mu­ni­ka­ti­on und Dis­kus­si­on im Inter­net inter­es­sier­te Nut­zer den Bei­trag ver­lin­ken oder kopie­ren und auf ande­ren Web­sei­ten zum Abruf bereit hal­ten. Die auf die "Ver­viel­fäl­ti­gung" der Abruf­bar­keit des Bei­trags durch Drit­te zurück­zu­füh­ren­de Ehr­krän­kung des Betrof­fe­nen steht in einem inne­ren Zusam­men­hang zu der durch die Ver­öf­fent­li­chung des Ursprungs­bei­trags geschaf­fe­nen Gefah­ren­la­ge. Erst hier­durch hat sich die spe­zi­fi­sche Gele­gen­heit zum Tätig­wer­den der Drit­ten erge­ben. Ihr Ein­schrei­ten ist nicht als bloß "zufäl­lig" zu qua­li­fi­zie­ren.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Dezem­ber 2013 – VI ZR 211/​12

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 24.11.2009 – VI ZR 219/​08, BGHZ 183, 227 Rn. 11; vom 20.03.2012 – VI ZR 123/​11, AfP 2012, 260 Rn. 15; Mül­ler, aaO, § 51 Rn. 23, 30[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 05.03.1963 – VI ZR 55/​62, BGHZ 39, 124, 133 f.; vom 05.03.1963 – VI ZR 61/​62, VersR 1963, 534, 535 f.; vom 09.07.1985 – VI ZR 214/​83, BGHZ 95, 212, 215; vom 05.12 1995 – VI ZR 332/​94, AfP 1996, 137; Mül­ler, aaO, § 51 Rn. 23, 30[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 05.10.2010 – VI ZR 286/​09, VersR 2010, 1662 Rn.20; vom 26.02.2013 – VI ZR 116/​12, VersR 2013, 599 Rn. 10; BGH, Urtei­le vom 28.04.1955 – III ZR 161/​53, BGHZ 17, 153, 159; vom 15.11.2007 – IX ZR 44/​04, BGHZ 174, 205 Rn. 11 ff.; vgl. auch Münch­Komm-BGB/BG­B/Oet­ker, 6. Aufl., § 249 Rn. 141 ff., 157 ff.; Staudinger/​Schiemann, BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2005, § 249 Rn. 35, 58 ff.; Palandt/​Grüneberg, BGB, 73. Auf­la­ge, Vorb. v. § 249 Rn. 33 ff.[]