Schrift­lich­keit im Zivil­pro­zess – die nicht unter­schrie­be­ne Beschwer­de­schrift

Der Begriff der „Schrift­lich­keit” ist im Zivil­pro­zess eigen­stän­dig zu bestim­men; er ist nicht iden­tisch mit dem Begriff der Schrift­form in § 126 Abs. 1 BGB.

Schrift­lich­keit im Zivil­pro­zess – die nicht unter­schrie­be­ne Beschwer­de­schrift

Im Zivil­pro­zess kann ein Schrei­ben, das nicht von einem Anwalt stammt, im Ein­zel­fall auch ohne Unter­schrift die Anfor­de­run­gen an eine „schrift­li­che” Erklä­rung erfül­len. Das ist jedoch nur dann anzu­neh­men, wenn auch ohne Unter­schrift auf Grund bestimm­ter Umstän­de fest­steht, dass es sich bei dem Schrift­stück nicht um einen Ent­wurf han­delt, son­dern dass vom Absen­der eine pro­zess­recht­li­che Erklä­rung gewollt ist.

Der Umstand, dass der Klä­ger die Beschwer­de­schrift nicht unter­schrie­ben hat, steht der Zuläs­sig­keit nicht ent­ge­gen. Es liegt eine „schrift­li­che” Beschwer­de im Sin­ne von §§ 68 Satz 5, 66 Abs. 5 Satz 1 GKG vor. Die maschi­nen­schrift­li­che Form des Beschwer­de­schrei­bens mit der maschi­nen­schrift­li­chen Anga­be des Namens des Klä­gers unter der Beschwer­de­schrift ist im vor­lie­gen­den Fall aus­rei­chend.

In vie­len Vor­schrif­ten des Pro­zess­rechts ist vor­ge­se­hen, dass Erklä­run­gen von Betei­lig­ten „schrift­lich” abzu­ge­ben sind. Der pro­zess­recht­li­che Begriff „schrift­lich” ist nicht iden­tisch mit dem Begriff der Schrift­form in § 126 Abs. 1 BGB. Der pro­zess­recht­li­che Begriff der Schrift­lich­keit ist viel­mehr eigen­stän­dig zu bestim­men, wobei es allein dar­auf ankommt, wel­cher Grad von For­men­stren­ge nach den maß­geb­li­chen ver­fah­rens­recht­li­chen Vor­schrif­ten sinn­voll zu for­dern ist.1 Die pro­zess­recht­li­chen Anfor­de­run­gen der Schrift­lich­keit sol­len sicher­stel­len, dass aus einem Schrift­stück ein­deu­tig erkenn­bar ist, von wel­cher Per­son die betref­fen­de Erklä­rung stammt, und wel­ches der Inhalt der Erklä­rung ist. Außer­dem muss fest­ste­hen, dass es sich bei dem Schrift­stück nicht nur um einen Ent­wurf han­delt, son­dern das es mit Wis­sen und Wil­len des Berech­tig­ten dem Gericht zuge­lei­tet wor­den ist2. Dar­aus ergibt sich, dass zwar in vie­len Fäl­len eine Unter­schrift für not­wen­dig erach­tet wird, da im Ver­hält­nis zum Gericht durch die Unter­schrift klar­ge­stellt wird, dass das Schrift­stück mit Wis­sen und Wil­len des Berech­tig­tem dem Gericht zuge­lei­tet wor­den ist. Die Recht­spre­chung ver­langt daher ins­be­son­de­re bei Anwalts­schrift­sät­zen zur Unter­schei­dung von Ent­wür­fen eine Unter­schrift des Anwalts3.

Von die­sen Grund­sät­zen aus­ge­hend kann ein Schrift­stück, das nicht von einem Anwalt her­rührt, im Ein­zel­fall die Anfor­de­run­gen der „Schrift­lich­keit” auch dann erfül­len, wenn eine Unter­schrift fehlt4. Es kommt ent­schei­dend dar­auf an, ob im kon­kre­ten Fall die pro­zess­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an die Schrift­lich­keit (Sicher­heit über die Iden­ti­tät des Aus­stel­lers, Inhalt der Erklä­rung, Unter­schei­dung von einem Ent­wurf) erfüllt sind. Dies ist vor­lie­gend der Fall. Der Inhalt des Beschwer­de­schrift­sat­zes ist ein­deu­tig. Dass es sich nicht um einen Ent­wurf, son­dern nach dem Wil­len des Klä­gers um eine rechts­ge­stal­ten­de pro­zess­recht­li­che Erklä­rung han­delt, ergibt sich aus dem Zusam­men­hang. Denn der Klä­ger hat in einem frü­he­ren Schrift­satz klar­ge­stellt, dass sei­ne Schrei­ben an das Gericht auch ohne Unter­schrift rechts­ge­stal­ten­de Wil­lens­er­klä­run­gen ent­hal­ten sol­len. Auf die Grün­de für die­se Ver­fah­rens­wei­se des Klä­gers kommt es nicht an. Es ist gleich­zei­tig dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Fra­ge, ob ein Schrift­satz ohne Unter­schrift eine wirk­sa­me schrift­li­che Pro­zess­erklä­rung ent­hält, aus den ange­ge­be­nen Grün­den eine Fra­ge der Bewer­tung der Umstän­de des Ein­zel­falls ist.5 Die Fra­ge, unter wel­chen ande­ren Umstän­den eine Unter­schrift des Klä­gers unter einem Schrift­stück erfor­der­lich sein kann, um die Anfor­de­run­gen an die „Schrift­lich­keit” zu wah­ren, bedarf vor­lie­gend kei­ner Ent­schei­dung.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 10. März 2014 – 9 W 4/​14

  1. vgl. GmS-OBG, Beschluss vom 30.04.1979 – GmS-OGB 1/​78
  2. vgl. GmS-OBG, a. a. O.
  3. vgl. Zöller/​Heßler, ZPO, 30. Auf­la­ge 2014, § 569 ZPO, RdNr. 7
  4. GmS-OBG, a. a. O.; Zöller/​Heßler a. a. O.
  5. vgl. zur Schrift­lich­keit von Pro­zess­erklä­run­gen auch BVerfG, NJW 1963, 755; BGH, NJW 1985, 328; OLG Köln, OLGZ 1980, 406; OLG Karls­ru­he – 18. Ober­lan­des­ge­richt, Fam­RZ 1988, 82.