Schuld­ner­zah­lung kurz vor dem Ver­hand­lungs­ter­min

Tilgt der Beklag­te die zu titu­lie­ren­de Ver­bind­lich­keit erst kurz vor dem Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung, bemisst sich die Ter­mins­ge­bühr des Klä­ger­ver­tre­ters nach den bis dahin ent­stan­de­nen Kos­ten und nicht nach dem Streit­wert der Haupt­sa­che, wenn es trotz der Kür­ze der Zeit noch mög­lich gewe­sen wäre, vor Auf­ruf der Sache einen die Erle­di­gung der Haupt­sa­che erklä­ren­den Schrift­satz beim Pro­zess­ge­richt ein­zu­rei­chen.

Schuld­ner­zah­lung kurz vor dem Ver­hand­lungs­ter­min

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof für eine Zah­lungs­kla­ge, bei der die Kla­ge­sum­me einen Tag vor dem vom erst­in­stanz­li­chen Land­ge­richt anbe­raum­ten Ver­hand­lungs­ter­min beim Klä­ger­ver­tre­ter ein­ging.

Dabei ist zunächst davon aus­zu­ge­hen, dass sich bei einer ein­sei­ti­gen Erle­di­gungs­er­klä­rung des Klä­gers der Streit­wert regel­mä­ßig auf die bis dahin ent­stan­de­nen Kos­ten redu­ziert. Dies ent­spricht der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 1 sowie der ganz über­wie­gen­den Mei­nung in der instanz­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung 2 und Lite­ra­tur 3. Nach der vor­ge­nann­ten stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs und der herr­schen­den Auf­fas­sung tritt eine Streit­wert­re­du­zie­rung jedoch nicht schon mit Ein­tritt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses, son­dern erst ein, wenn der Klä­ger im Wege ein­sei­ti­ger Pro­zess­hand­lung den Rechts­streit in der Haupt­sa­che für erle­digt erklärt. Dar­an ist ent­ge­gen einer ver­ein­zelt im Schrift­tum ver­tre­te­nen Ansicht 4, der sich für die Bemes­sung der Höhe einer Ter­mins­ge­bühr bei einem Erle­di­gungs­ge­spräch im Sin­ne von Vor­be­mer­kung 3 Abs. 3 Fall 1 VV RVG auch das OLG Mün­chen ange­schlos­sen hat 5, fest­zu­hal­ten. Die Tat­sa­che einer durch Zah­lung bewirk­ten Erfül­lung der mit der Leis­tungs­kla­ge gel­tend gemach­ten Haupt­for­de­rung ver­mag für sich den Streit­wert nicht zu beein­flus­sen, weil die­ser wesent­lich von dem Kla­ge­an­trag abhängt, über den zu dis­po­nie­ren dem Beklag­ten nicht zusteht. Bis zur Erle­di­gungs­er­klä­rung des Klä­gers bleibt danach der Streit­wert der Haupt­sa­che maß­geb­lich 6.

Aller­dings kam es für die Höhe der Ter­mins­ge­bühr nicht dar­auf an, zu wel­chem Zeit­punkt in der münd­li­chen Ver­hand­lung die Erle­di­gungs­er­klä­rung des Klä­gers abge­ge­ben wor­den ist. Nach § 2 Abs. 2 RVG in Ver­bin­dung mit Absatz 3 der Vor­be­mer­kung 3 zum Teil 3 des Ver­gü­tungs­ver­zeich­nis­ses ent­steht die Ter­mins­ge­bühr u.a. für die Ver­tre­tung in einem Ver­hand­lungs­ter­min oder Erör­te­rungs­ter­min. Hier­für genügt nach all­ge­mei­ner Ansicht allein die Ter­mins­wahr­neh­mung durch den Rechts­an­walt, der in dem Ter­min ledig­lich ver­tre­tungs­be­reit anwe­send sein muss, ohne dass es dar­auf ankommt, ob tat­säch­lich Anträ­ge gestellt wer­den oder eine Erör­te­rung statt­fin­det 7. Danach wäre bei Abga­be der Erle­di­gungs­er­klä­rung im Ter­min vom 10. Sep­tem­ber 2008 die Ter­mins­ge­bühr grund­sätz­lich bereits in vol­ler Höhe aus dem ursprüng­li­chen Streit­wert ange­fal­len und blie­be gemäß § 15 Abs. 4 RVG erhal­ten, nach­dem die Ver­hand­lung mit dem Auf­ruf der Sache begon­nen hat­te, § 220 Abs. 1 ZPO 8.

Im vor­lie­gen­den Fall hat das ent­spre­chen­de Fest­set­zungs­ver­lan­gen des Klä­gers jedoch gegen Treu und Glau­ben ver­sto­ßen. Als Aus­fluss die­ses auch das gesam­te Kos­ten­recht beherr­schen­den Grund­sat­zes ist die Ver­pflich­tung jeder Pro­zess­par­tei all­ge­mein aner­kannt, die Kos­ten ihrer Pro­zess­füh­rung, die sie im Fal­le ihres Sie­ges vom Geg­ner erstat­tet ver­lan­gen will, so nied­rig zu hal­ten, wie sich dies mit der Wah­rung ihrer berech­tig­ten Belan­ge ver­ein­ba­ren lässt 9.

Nach die­sem Maß­stab ist es nicht als sach­lich ver­an­lasst, son­dern als treu­wid­rig anzu­se­hen, dass der Klä­ger erst im Ter­min und nicht schon zuvor schrift­sätz­lich eine ein­sei­ti­ge Erle­di­gungs­er­klä­rung abge­ge­ben hat, obgleich er bereits vor dem Ter­min wuss­te, dass sei­ne Kla­ge­for­de­rung in der Haupt­sa­che erlo­schen war und sei­ne Kla­ge daher ohne eine Erle­di­gungs­er­klä­rung inso­weit abzu­wei­sen gewe­sen wäre. Das nach wirt­schaft­li­chen Gesichts­punk­ten zu bewer­ten­de Inter­es­se des Klä­gers an der Fort­set­zung des Rechts­streits hat­te sich bereits auf die ver­blie­be­ne Zins­for­de­rung und die Kos­ten redu­ziert.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 31. August 2010 – X ZB 3/​09

  1. BGHZ 57, 301, 303; 106, 359, 366; BGH, Beschluss vom 09.05.1996 – VII ZB 143/​94, NJW-RR 1996, 1210; Beschluss vom 13.07.2005 – VII ZR 295/​02, NJW-RR 2005, 1728; Beschluss vom 15.11.2007 – V ZB 72/​07, WuM 2008, 35[]
  2. vgl. mit jeweils umfas­sen­den Nachw. KG, Beschluss vom 03.07.2003 – 12 W 128/​03, MDR 2004, 116; OLG Köln, Beschluss vom 11.10.2004 – 8 W 24/​04, OLGR 2005, 19; OLG Hamm, Beschluss vom 12.05.2005 – 24 U 7/​05[]
  3. vgl. Zöller/​Vollkommer, ZPO, 28. Aufl., § 91a Rn. 48; Musielak/​Wolst, ZPO, 7. Aufl., § 91a Rn. 47; Haus­herr, in: Prütting/​Gehrlein, ZPO, § 91a Rn. 61; Mül­ler-Rabe/­May­er, in: Gerold/​Schmidt, RVG, 19. Aufl., Teil G Rn. 128[]
  4. vgl. Mül­ler-Rabe/­May­er, aaO, Rn. 131[]
  5. OLG Mün­chen, Beschluss vom 22.05.2007 – 11 W 1387/​07, OLGR 2007, 917; a.A. KG, Beschluss vom 21.02.2007 – 5 W 24/​06, AnwBl. 2007, 384[]
  6. vgl. auch BGH, Beschluss vom 18.07.2001 – IX ZR 46/​01; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 10.01.2007 – 18 W 38/​06, OLGR 2007, 321, m.w.N.; Riedel/​Sußbauer/​Keller, RVG, 9. Aufl., VV Teil 3 Vor­bem. 3 Rn. 33, m.w.N.[]
  7. vgl. auch OLG Zwei­brü­cken, Beschluss vom 06.02.2007 – 4 W 13/​07, BeckRS 2007, 04335; OLG Köln, Beschluss vom 16.02.2006 – 17 W 28/​06, OLGR 2006, 884; Beschluss vom 08.03.2007 – 17 W 37/​07, BeckRS 15438; Bischof, RVG, 3. Aufl., Nr. 3104 VV Rn. 20, 22; May­er, in: Mayer/​Kroiß, RVG, 4. Aufl., Vor­bem. 3 VV Rn. 28, 31; Mül­ler-Rabe/­May­er, aaO, Vor­bem. 3 VV Rn. 29, 61; Onderka/​Schneider, in: Schnei-der/­Wolf, RVG, 5. Aufl., Vor­bem. 3 VV Rn. 99[]
  8. vgl. OLG Köln, Beschluss vom 16.02.2006 – 17 W 28/​06, OLGR 2006, 884; OLG Koblenz, Beschluss vom 19.01.2009 – 14 W 30/​09, OLGR 2009, 504; Riedel/​Sußbauer/​Keller, a.a.O., Rn. 51; Onderka/​Schneider, aaO Rn. 181; End­ers, Jur­Bü­ro 2005, 113 f.[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 02.05.2007 – XII ZB 156/​06, NJW 2007, 2257, m.w.N.; Beschluss vom 10.05.2010 – II ZB 3/​09, WM 2010, 1323; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 06.11.2006 – 24 W 79/​06, OLGR 2007, 326; OLG Köln, Beschluss vom 05.02.2009 – 17 W 28/​09, OLGR 2009, 779; Zöller/​Herget, ZPO, 28. Aufl., § 91 Rn. 12, m.w.N.[]

Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.