Schwan­ger trotz Spi­ra­le

Für sich allein begrün­det ein Dia­gno­se­irr­tum noch kei­ne Haf­tung eines Arz­tes. Erst wenn im Zeit­punkt der medi­zi­ni­schen Behand­lung aus der Sicht eines gewis­sen­haf­ten Arz­tes die Dia­gno­se medi­zi­nisch nicht ver­tret­bar ist, liegt ein haf­tungs­be­grün­den­der Dia­gno­se­feh­ler vor.

Schwan­ger trotz Spi­ra­le

So hat das Ober­lan­des­ge­richt Hamm in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Pati­en­tin ent­schie­den, die auf­grund einer Ano­ma­lie trotz ein­ge­setz­ter Spi­ra­le schwan­ger gewor­den ist und nun Schmer­zens­geld und für das inzwi­schen gebo­re­ne Kind Unter­halts­leis­tun­gen von ihrem Arzt und sei­ner mit ver­klag­ten ärzt­li­chen Pra­xis ver­langt hat. Die­ses Urteil, nach dem ein Arzt zwar für einen Dia­gno­se­feh­ler aber nicht für einen Dia­gno­se­irr­tum haf­tet, wird nicht nur regio­nal begrenzt son­dern bun­des­weit sowohl bei Ber­li­ner Anwäl­ten für Medi­zin­recht als auch bei Mün­che­ner Juris­ten auf Inter­es­se sto­ßen.

Der Klä­ge­rin war im Mai 2005 von ihrem Gynä­ko­lo­gen aus Bad Oeyn­hau­sen eine Spi­ra­le zur Emp­fäng­nis­ver­hü­tung ein­ge­setzt wor­den. Rund zwei Jah­re spä­ter wur­de sie aber schwan­ger und ist Ende 2007 Mut­ter einer Toch­ter gewor­den. Der Arzt hat­te eine durch die gebo­te­nen Unter­su­chun­gen kaum erkenn­ba­re Ano­ma­lie der Pati­en­tin, für die es zuvor auch kei­nen Anhalts­punkt gab, nicht dia­gnos­ti­ziert. Durch die­se vor­lie­gen­de Ano­ma­lie einer dop­pel­ten Anla­ge von Vagi­na und Ute­rus konn­te die ein­ge­setz­te Spi­ra­le kei­ne ver­hü­ten­de Wir­kung ent­fal­ten. Nach Auf­fas­sung der Klä­ge­rin und ihres eben­falls kla­gen­den Lebens­ge­fähr­ten hät­te der beklag­te Arzt im Rah­men der von ihm durch­ge­führ­ten Ultra­schall­kon­trol­le die Ano­ma­lie erken­nen und des­we­gen vom Ein­set­zen einer Spi­ra­le abse­hen müs­sen. Die­ser Mei­nung war auch das Land­ge­richt Bie­le­feld in sei­nem der Kla­ge im Wesent­li­chen statt­ge­ben­de Urteil.

Ande­rer Auf­fas­sung war das Ober­lan­des­ge­richt Hamm in sei­nem die Kla­ge abwei­sen­den Urteil: Danach sei dem beklag­ten Arzt kein Befund­er­he­bungs­feh­ler unter­lau­fen. Denn er habe alle Unter­su­chun­gen vor­ge­nom­men, die in die­sem Fall gebo­ten gewe­sen sei­en. Außer­dem hät­te es zuvor kei­ne Hin­wei­se für eine Ano­ma­lie gege­ben, nach der vom Beklag­ten auch nicht gesucht wer­den muss­te. Man kön­ne dem Arzt nicht vor­wer­fen, dass er die Ano­ma­lie der Klä­ge­rin nicht erkannt und von einer regel­haf­ten, nur ein­fa­chen Anla­ge aus­ge­gan­gen sei.

Dar­über­hin­aus haf­te der Arzt auch nicht für eine feh­ler­haf­te Dia­gno­se. Zieht ein Arzt aus voll­stän­dig erho­be­nen Befun­den einen fal­schen Schluss, dann unter­liegt er einem – für sich allein nicht haf­tungs­be­grün­den­den – Dia­gno­se­irr­tum, der aber erst dann zu einen haf­tungs­be­grün­den­den Dia­gno­se­feh­ler wird, wenn die Dia­gno­se zum Zeit­punkt der medi­zi­ni­schen Behand­lung medi­zi­nisch nicht ver­tret­bar ist.

Ober­lan­des­ge­richt Hamm, Urteil vom 29. Mai 2015 – 26 U 2/​13