Selbst­be­halt beim Car-Sharing

Zur Trans­pa­renz einer Klau­sel in den all­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen eines Car­sha­ring-Unter­neh­mens, die im Scha­dens­fal­le eine Haf­tung des Ver­trags­part­ners in Höhe eines ver­ein­bar­ten Selbst­be­halts vor­sieht, hat jetzt der Bun­des­ge­richts­hof Stel­lung genom­men.

Selbst­be­halt beim Car-Sharing

Anlass hier­zu bot die fol­gen­de Bestim­mung in den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen des Car­sha­ring-Unter­neh­mens:

"§ 13 Ver­si­che­run­gen

  1. Alle Fahr­zeu­ge sind haft­pflicht- und kas­ko­ver­si­chert.
  2. Wird ein Fahr­zeug wäh­rend der Nut­zungs­zeit des Teil­neh­mers beschä­digt oder ver­ur­sacht der Teil­neh­mer einen Scha­den, haf­tet er hier­für im Rah­men der Selbst­be­tei­li­gung, deren Höhe der Tarif­ord­nung zu ent­neh­men ist. Aus­ge­nom­men hier­von sind Fäl­le höhe­rer Gewalt. Eine in die­sem Ver­trag gere­gel­te wei­ter­ge­hen­de Haf­tung bleibt hier­von unbe­rührt."

Die­se Klau­sel erach­te­te der Bun­des­ge­richts als gegen das Trans­pa­renz­ver­bot ver­sto­ßend und damit als unwirk­sam:

Bestim­mun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen sind unwirk­sam, wenn sie den Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders ent­ge­gen den Gebo­ten von Treu und Glau­ben unan­ge­mes­sen benach­tei­li­gen (§ 307 Abs. 1 Satz 1 BGB). Nach § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB kann sich eine unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung auch dar­aus erge­ben, dass die Bestim­mung nicht klar und ver­ständ­lich ist. Ver­wen­der All­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen sind daher nach den Grund­sät­zen von Treu und Glau­ben ver­pflich­tet, Rech­te und Pflich­ten ihrer Ver­trags­part­ner mög­lichst klar und durch­schau­bar dar­zu­stel­len 1. Dazu gehört auch, dass All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen wirt­schaft­li­che Nach­tei­le und Belas­tun­gen soweit erken­nen las­sen, wie dies nach den Umstän­den gefor­dert wer­den kann 2. Der Ver­wen­der muss somit die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen und Rechts­fol­gen so genau beschrei­ben, dass für ihn kein unge­recht­fer­tig­ter Beur­tei­lungs­spiel­raum ent­steht 3. Die Beschrei­bung muss für den ande­ren Ver­trags­teil nach­prüf­bar und darf nicht irre­füh­rend sein 1. Abzu­stel­len ist bei der Bewer­tung der Trans­pa­renz einer Ver­trags­klau­sel auf die Erwar­tun­gen und Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten eines durch­schnitt­li­chen Ver­trags­part­ners des Ver­wen­ders im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses 4. Dabei sind All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen nach ihrem objek­ti­ven Inhalt und typi­schen Sinn ein­heit­lich so aus­zu­le­gen, wie sie von ver­stän­di­gen und red­li­chen Ver­trags­part­nern unter Abwä­gung der Inter­es­sen der nor­ma-ler­wei­se betei­lig­ten Krei­se ver­stan­den wer­den 5.

Nach die­sen Grund­sät­zen wird § 13 Nr. 2 Satz 1 der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Klä­ge­rin dem Trans­pa­renz­ge­bot des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB nicht gerecht. Die ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che Ver­trags­klau­sel lässt nicht mit der erfor­der­li­chen Klar­heit erken­nen, in wel­chem Scha­dens­fall der Ver­trags­part­ner der Klä­ge­rin mit der ver­ein­bar­ten Selbst­be­tei­li­gung haf­ten soll.

Der Wort­laut von § 13 Nr. 2 Satz 1 der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Klä­ge­rin lässt ver­schie­de­ne Aus­le­gun­gen zu. Wäh­rend sich die For­mu­lie­rung am Satz­an­fang der Klau­sel ihrem Wort­laut nach ein­deu­tig auf Schä­den an dem über­las­se­nen Fahr­zeug bezieht, spricht der anschlie­ßen­de Satz­teil all­ge­mein von einem Scha­den, den der Ver­trags­part­ner der Klä­ge­rin ver­ur­sacht hat. Von ihrem Wort­laut her kann sich die­se For­mu­lie­rung sowohl allein auf einen von dem Benut­zer ver­ur­sach­ten Scha­den an dem über­las­se­nen Fahr­zeug als auch – wei­ter­ge­hend – auf einen von ihm ver­ur­sach­ten Haft­pflicht­scha­den bezie­hen. Für einen mög­li­chen Ver­trags­part­ner der Klä­ge­rin ist es jedoch von erheb­li­cher Bedeu­tung, ob er im Scha­dens­fal­le die gesam­te Selbst­be­tei­li­gung nur erbrin­gen muss, wenn an dem ihm über­las­se­nen Fahr­zeug ein Scha­den min­des­tens in Höhe der ver­ein­bar­ten Selbst­be­tei­li­gung ent­stan­den ist, oder auch dann, wenn er, etwa bei einem von ihm ver­schul­de­ten Ver­kehrs­un­fall, Fremd­schä­den ver­ur­sacht hat. Dies wird aus der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Ver­trags­klau­sel nicht aus­rei­chend deut­lich. Ihr Wort­laut lie­ße sogar die Mög­lich­keit zu, dass ein Ver­trags­part­ner der Klä­ge­rin die Selbst­be­tei­li­gung dop­pelt erbrin­gen muss, soll­te etwa bei einem von ihm ver­ur­sach­ten Ver­kehrs­un­fall sowohl an dem ihm über­las­se­nen Fahr­zeug als auch bei einem wei­te­ren Unfall­be­tei­lig­ten ein erheb­li­cher Scha­den ent­stan­den sein.

Hin­zu kommt, dass eine Selbst­be­tei­li­gung typi­scher­wei­se nur bei der Kas­ko­ver­si­che­rung ver­ein­bart wird, weil dadurch die Ver­si­che­rungs­prä­mi­en redu­ziert wer­den kön­nen. Bei einer Kfz-Haft­pflicht­ver­si­che­rung ist die Ver­ein­ba­rung eines Selbst­be­halts im Scha­dens­fall dage­gen unüb­lich. Auch aus die­sem Grund wird ein Ver­trags­part­ner der Klä­ge­rin § 13 Nr. 2 Satz 1 der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen regel­mä­ßig dahin­ge­hend ver­ste­hen, dass er nur bei Schä­den, die der Kas­ko­ver­si­che­rung unter­fal­len, mit der ver­ein­bar­ten Selbst­be­tei­li­gung haf­ten muss.

Damit kommt die Absicht der Klä­ge­rin, ihre Ver­trags­part­ner auch im Rah­men der Abwick­lung von Haft­pflicht­schä­den an Rechts­gü­tern Drit­ter in Höhe der Selbst­be­tei­li­gung in Anspruch zu neh­men, nicht aus­rei­chend im Wort­laut der streit­ge­gen­ständ­li­chen Klau­sel zum Aus­druck. Zwei­fel bei der Aus­le­gung all­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen gehen jedoch gemäß § 305 c Abs. 2 BGB zu Las­ten des Ver­wen­ders. § 13 Nr. 2 Satz 1 der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Klä­ge­rin genügt daher ins­be­son­de­re nicht dem in § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB ent­hal­te­nen Gebot, wonach all­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen die wirt­schaft­li­chen Belas­tun­gen und Nach­tei­le des Ver­trags­part­ners soweit erken­nen las­sen müs­sen, wie dies nach den Umstän­den gefor­dert wer­den kann 6.

Soweit die Revi­si­on die Auf­fas­sung ver­tritt, § 13 Nr. 2 Satz 1 der All-gemei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Klä­ge­rin ent­hal­te eine Haf­tungs­be­gren-zung zuguns­ten des Ver­trags­part­ners auf die ver­ein­bar­te Selbst­be­tei­li­gung, wes­halb er selbst bei einer Intrans­pa­renz der Klau­sel nicht durch die Rege­lung benach­tei­ligt wer­de, kann dem nicht gefolgt wer­den.

Zwar wird über­wie­gend die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass die blo­ße Intrans­pa­renz einer all­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gung allein noch nicht zu einer unan­ge­mes­se­nen Benach­tei­li­gung des Ver­trags­part­ners und damit zur Unwirk­sam­keit einer Klau­sel füh­ren wür­de, son­dern dar­über hin­aus die Gefahr einer inhalt­li­chen Benach­tei­li­gung des Ver­trags­part­ners des Ver­wen­ders hin­zu­tre­ten müs­se 7. Im vor­lie­gen­den Fall ist die­se Vor­aus­set­zung jedoch eben­falls erfüllt. Denn die Haf­tung des Ver­trags­part­ners wird durch § 13 Nr. 2 Satz 1 der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Klä­ge­rin nicht auf die Höhe der ver­ein­bar­ten Selbst­be­tei­li­gung begrenzt; die Haf­tung wird jeden­falls bei Schä­den, die von dem Teil­neh­mer fahr­läs­sig ver­ur­sacht wur­den, durch die Klau­sel erst begrün­det.

Dafür spricht nicht nur der Wort­laut der Ver­trags­klau­sel, son­dern auch der Rege­lungs­zu­sam­men­hang mit wei­te­ren Bestim­mun­gen in den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Klä­ge­rin. In § 13 Nr. 1 der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Klä­ge­rin ist fest­ge­hal­ten, dass alle Fahr­zeu­ge haft­pflicht- und kas­ko­ver­si­chert sind. § 15 der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Klä­ge­rin sieht eine Haf­tung des Teil­neh­mers nur für Vor­satz und gro­be Fahr­läs­sig­keit vor. In einer Gesamt­schau kön­nen die­se bei­den Rege­lun­gen aus der maß­geb­li­chen Sicht eines ver­stän­di­gen und red­li­chen Ver­trags­part­ners 5 nur dahin­ge­hend ver­stan­den wer­den, dass er bei einem von ihm fahr­läs­sig ver­ur­sach­ten Scha­den an dem über­las­se­nen Fahr­zeug selbst oder an frem­den Rechts­gü­tern von jeg­li­cher Haf­tung frei­ge­stellt ist und sol­che Schä­den durch die von der Klä­ge­rin abge­schlos­se­nen Ver­si­che­run­gen aus­ge­gli­chen wer­den. § 13 Nr. 2 Satz 1 der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Klä­ge­rin schränkt die gene­rel­le Haf­tungs­frei­stel­lung des Ver­trags­part­ners jedoch wie­der ein, indem auch bei fahr­läs­sig ver­ur­sach­ten Schä­den eine Haf­tung in Höhe der ver­ein­bar­ten Selbst­be­tei­li­gung vor­ge­se­hen wird. Daher hat die Klau­sel jeden­falls bei fahr­läs­sig ver­ur­sach­ten Schä­den eine haf­tungs­be­grün­den­de Wir­kung, durch die der Ver­trags­part­ner kon­kret benach­tei­ligt wird. Ob die Wir­kung der Klau­sel bei grob fahr­läs­sig oder vor­sätz­lich ver­ur­sach­ten Schä­den anders zu beur­tei­len wäre, kann dahin­ge­stellt blei­ben, weil nach den von der Revi­si­on nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts die Beklag­te den Unfall nur auf­grund ein­fa­cher Fahr­läs­sig­keit ver­ur­sacht hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Febru­ar 2011 – XII ZR 101/​09

  1. BGHZ 162, 39 = NJW 2005, 1183, 1184[][]
  2. BGH, Urteil vom 16.05.2007 – XII ZR 13/​05, NJW 2007, 2176 Rn. 14[]
  3. BGHZ 164, 11 = NJW-RR 2005, 1496, 1498; und BGHZ 165, 12 = NJW 2006, 996, 997 f. mwN[]
  4. BGH, Urtei­le in BGHZ 183, 299 = NJW 2010, 671 Rn. 22; vom 07.05.2008 – XII ZR 5/​06 = GuT 2008, 339 Rn. 18; und vom 16.05.2007 – XII ZR 13/​05NJW 2007, 2176 Rn. 14[]
  5. BGHZ 178, 158 = NJW 2008, 3772 Rn. 14[][]
  6. BGHZ 164, 11 = NJW-RR 2005, 1496, 1498 und BGHZ 165, 12 = NJW 2006, 996, 997 f. mwN[]
  7. Staudinger/​Coester BGB [2006] § 307 Rn. 174; Palandt/​Grüneberg BGB 70. Aufl. § 307 Rn. 20; Jauernig/​Stadler BGB 13. Aufl. § 307 Rn. 6; Erman/​Roloff BGB 12. Aufl. § 307 Rn. 22; Bamberger/​Roth/​Schmidt BGB § 307 Rn. 26; Arm­brus­ter DNotZ 2004, 437, 439 f.; Artz JuS 2002, 528, 529; von West­pha­len NJW 2002, 12, 17; dif­fe­ren­zie­rend MünchKommBGB/​Basedow 4. Aufl. § 307 Rn. 51; aA AnwKomm/​Hennrichs [2000] § 307 BGB Rn. 9; Prütting/​Wegen/​Weinreich/​Berger BGB 5. Aufl. § 307 Rn. 14; für die Zeit vor dem Inkraft­tre­ten des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB vgl. BGHZ 147, 354 = NJW 2001, 2014, 2016 und BGHZ 148, 74 = NJW 2001, 2635, 2636[]