Selbst­be­stim­mungs­auf­klä­rung vor einer ärzt­li­chen Behand­lung – und die Wahr­schein­lich­keits­an­ga­ben

Wahr­schein­lich­keits­an­ga­ben im Rah­men der Selbst­be­stim­mungs­auf­klä­rung vor einer ärzt­li­chen Behand­lung haben sich grund­sätz­lich nicht an den in Bei­pack­zet­teln für Medi­ka­men­te ver­wen­de­ten Häu­fig­keits­de­fi­ni­tio­nen des Medi­cal Dic­tion­a­ry for Regu­lato­ry Activi­ties (Med­DRA), zu ori­en­tie­ren. Dies gilt auch, wenn die Wahr­schein­lich­keits­an­ga­ben in einem (schrift­li­chen) Auf­klä­rungs­bo­gen ent­hal­ten sind.

Selbst­be­stim­mungs­auf­klä­rung vor einer ärzt­li­chen Behand­lung – und die Wahr­schein­lich­keits­an­ga­ben

Es ent­spricht der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass ärzt­li­che Heil­ein­grif­fe grund­sätz­lich der Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten bedür­fen, um recht­mä­ßig zu sein. Die wirk­sa­me Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten setzt dabei des­sen ord­nungs­ge­mä­ße Auf­klä­rung vor­aus 1. Dabei müs­sen die in Betracht kom­men­den Risi­ken nicht exakt medi­zi­nisch beschrie­ben wer­den. Es genügt viel­mehr, den Pati­en­ten "im Gro­ßen und Gan­zen" über Chan­cen und Risi­ken der Behand­lung auf­zu­klä­ren und ihm dadurch eine all­ge­mei­ne Vor­stel­lung von dem Aus­maß der mit dem Ein­griff ver­bun­de­nen Gefah­ren zu ver­mit­teln, ohne die­se zu beschö­ni­gen oder zu ver­schlim­mern 2. Dabei ist es nicht erfor­der­lich, dem Pati­en­ten genaue oder annä­hernd genaue Pro­zent­zah­len über die Mög­lich­keit der Ver­wirk­li­chung eines Behand­lungs­ri­si­kos mit­zu­tei­len. Erweckt der auf­klä­ren­de Arzt beim Pati­en­ten aber durch die unzu­tref­fen­de Dar­stel­lung der Risi­ko­hö­he eine fal­sche Vor­stel­lung über das Aus­maß der mit der Behand­lung ver­bun­de­nen Gefahr und ver­harm­lost dadurch ein ver­hält­nis­mä­ßig häu­fig auf­tre­ten­des Ope­ra­ti­ons­ri­si­ko, so kommt er sei­ner Auf­klä­rungs­pflicht nicht in aus­rei­chen­dem Maße nach 3.

In Recht­spre­chung 4 und Lite­ra­tur 5 wird teil­wei­se aller­dings die Auf­fas­sung ver­tre­ten, Wahr­schein­lich­keits­an­ga­ben in Auf­klä­rungs­bö­gen hät­ten sich an den für Bei­pack­zet­tel für Medi­ka­men­te gebräuch­li­chen Häu­fig­keits­de­fi­ni­tio­nen des Med­DRA zu ori­en­tie­ren, die unter "gele­gent­lich" eine Wahr­schein­lich­keit von nur 0, 1 bis 1 % fas­sen. Dies wird wenn über­haupt mit der Erwä­gung begrün­det, weil weit­aus häu­fi­ger Medi­ka­men­te ver­ord­net und ein­ge­nom­men als Ope­ra­tio­nen durch­ge­führt wür­den und die in den Bei­pack­zet­teln ver­wen­de­ten Häu­fig­keits­de­fi­ni­tio­nen daher weit­hin bekannt sei­en, müs­se ange­nom­men wer­den, dass Häu­fig­keits­an­ga­ben, die in Auf­klä­rungs­bö­gen über ärzt­li­che Behand­lun­gen ver­wen­det wür­den, man­gels gegen­tei­li­ger Hin­wei­se eben­so ver­stan­den wür­den, wie sie in den Medi­ka­men­ten­bei­pack­zet­teln aus­drück­lich defi­niert sei­en. Es sei nicht ersicht­lich, was einen Pati­en­ten zu der Annah­me ver­an­las­sen sol­le, die in stan­dar­di­sier­ten Auf­klä­rungs­bö­gen ver­wen­de­ten Häu­fig­keits­an­ga­ben sei­en völ­lig anders zu ver­ste­hen als sol­che in Bei­pack­zet­teln für Arz­nei­mit­tel 6. Der Bun­des­ge­richts­hof teilt die­se Auf­fas­sung nicht 7.

Aus­gangs­punkt der Über­le­gun­gen müs­sen dabei Sinn und Zweck der Pflicht des Arz­tes zur (Ein­griffs) Auf­klä­rung sein. Die Auf­klä­rungs­pflicht soll das Selbst­be­stim­mungs­recht des Pati­en­ten sichern, indem gewähr­leis­tet wird, dass der Pati­ent eine zutref­fen­de Vor­stel­lung davon hat, wor­auf er sich ein­lässt, wenn er der vor­ge­se­he­nen Behand­lung zustimmt 8. Dem­entspre­chend muss die Auf­klä­rung für den Pati­en­ten sprach­lich und inhalt­lich ver­ständ­lich (vgl. § 630e Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 BGB) sein, wobei es auf die indi­vi­du­el­le Ver­ständ­nis­mög­lich­keit des Pati­en­ten ankommt 9. Bestehen kei­ne Beson­der­hei­ten, kann auf den all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch im kon­kre­ten Kon­text abge­stellt wer­den.

Wird das Wort "gele­gent­lich" wie hier nicht im Sin­ne von "bei pas­sen­den Umstän­den" 10 gebraucht, so hat es nach all­ge­mei­nem Sprach­ver­ständ­nis, was der Bun­des­ge­richts­hof selbst beur­tei­len kann 11, die Bedeu­tung von "nicht regel­mä­ßig" 12; syn­onym wer­den etwa die Begrif­fe "ab und an", "ab und zu", "dann und wann", "das ein oder ande­re Mal", "des Öfte­ren", "hier und da", "hin und wie­der", "manch­mal", "mit­un­ter", "öfter", "stel­len­wei­se", "stre­cken­wei­se", "ver­ein­zelt" oder "von Zeit zu Zeit" ver­wen­det 13. "Gele­gent­lich" bezeich­net mit­hin in die­ser Wort­be­deu­tung eine gewis­se Häu­fig­keit, die grö­ßer als "sel­ten", aber klei­ner als "häu­fig" ist. Eine kon­kre­te (mathe­ma­ti­sche) Häu­fig­keits­zahl ist dem Begriff im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch jeden­falls außer­halb beson­de­rer Kon­tex­te nicht zuge­ord­net. Der Bun­des­ge­richts­hof teilt vor die­sem Hin­ter­grund die Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts, dass sich eine sta­tis­ti­sche Häu­fig­keit im wie hier ein­stel­li­gen Pro­zent­be­reich nach all­ge­mei­nem Sprach­ge­brauch ohne wei­te­res unter den Begriff "gele­gent­lich" fas­sen lässt.

Für die Auf­klä­rung von Pati­en­ten vor ärzt­li­chen Ein­grif­fen gel­ten inso­weit kei­ne Beson­der­hei­ten. Anhalts­punk­te dafür, dass der Begriff "gele­gent­lich" auf der Grund­la­ge des all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauchs in die­sem Kon­text anders als sonst ver­wen­det und ver­stan­den wird, ver­mag der Bun­des­ge­richts­hof nicht zu erken­nen. Ent­ge­gen der von der Revi­si­on ver­tre­te­nen Auf­fas­sung erge­ben sich sol­che Anhalts­punk­te ins­be­son­de­re nicht aus dem Med­DRA. Dabei han­delt es sich um eine Samm­lung stan­dar­di­sier­ter medi­zi­ni­scher Begrif­fe, die von dem Inter­na­tio­nal Coun­cil for Har­mo­ni­sa­ti­on of Tech­ni­cal Requi­re­ments for Phar­maceu­ti­cals for Human Use (ICH) ent­wi­ckelt wur­de, um den inter­na­tio­na­len Aus­tausch von Infor­ma­tio­nen im Zusam­men­hang mit der Zulas­sung von Medi­zin­pro­duk­ten zu erleich­tern. In die­ser Samm­lung wer­den unter ande­rem die Häu­fig­kei­ten uner­wünsch­ter Arz­nei­mit­tel­wir­kun­gen defi­niert. Danach gilt eine Häu­fig­keit von 8, 71 % nicht als "gele­gent­lich", son­dern als "häu­fig"; als "gele­gent­lich" gel­ten Häu­fig­kei­ten von 0, 1 % bis 1 %. Es kann aber nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass sich die­se vom sons­ti­gen all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch abwei­chen­den Defi­ni­tio­nen für die im Streit­fall rele­van­te, die Ein­griffs­auf­klä­rung betref­fen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Arzt und Pati­ent all­ge­mein durch­ge­setzt haben.

Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Laie mit den Defi­ni­tio­nen des Med­DRA regel­mä­ßig (nur) über Packungs­bei­la­gen für Medi­ka­men­te in Berüh­rung kommt, in denen die Begriff­lich­kei­ten des Med­DRA auf der Grund­la­ge einer ent­spre­chen­den Emp­feh­lung des Bun­des­in­sti­tuts für Arz­nei­mit­tel und Medi­zin­pro­duk­te 14 hin­sicht­lich der Häu­fig­keit von Neben­wir­kun­gen Ver­wen­dung fin­den. Aller­dings zei­gen die Ergeb­nis­se der vom Beru­fungs­ge­richt in Bezug genom­me­nen Stu­die zum "Ver­ständ­nis von Neben­wir­kun­gen im Bei­pack­zet­tel" von Zieg­ler, Had­lak, Mehl­beer und König 15, dass die Häu­fig­keits­de­fi­ni­tio­nen des Med­DRA nicht ein­mal in die­sem Kon­text Ein­gang in den all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch gefun­den haben. Denn danach ver­ste­hen selbst Phar­ma­zeu­ten und Ärz­te im Kon­text eines Arzt-Pati­en­ten-Gesprächs über die Wahr­schein­lich­keit von Neben­wir­kun­gen eines Medi­ka­ments unter dem Begriff "gele­gent­lich" im Mit­tel eine Wahr­schein­lich­keit von 10 %. Ent­spricht aber sogar das kon­text­be­zo­ge­ne Sprach­ver­ständ­nis von Fach­leu­ten nicht den Defi­ni­tio­nen der Med­DRA, so kann erst recht nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass das kon­text­be­zo­ge­ne Sprach­ver­ständ­nis von Lai­en inso­weit vom sons­ti­gen all­ge­mei­nen Sprach­ver­ständ­nis abweicht. Dies gilt umso mehr, wenn man in den Blick nimmt, dass es im Streit­fall nicht um die von der dar­ge­stell­ten Emp­feh­lung des Bun­des­in­sti­tuts für Arz­nei­mit­tel und Medi­zin­pro­duk­te erfass­te Häu­fig­keit von Neben­wir­kun­gen eines Medi­ka­ments geht, son­dern dar­um, wie häu­fig sich das spe­zi­fi­sche Risi­ko eines ope­ra­ti­ven Ein­griffs ver­wirk­licht.

Beson­der­hei­ten, die dazu füh­ren könn­ten, dass der Begriff "gele­gent­lich" in der kon­kre­ten Auf­klä­rungs­si­tua­ti­on anders als üblich zu ver­ste­hen war, waren im hier ent­schie­de­nen Fall für den Bun­des­ge­richts­hof nicht ersicht­lich. Ins­be­son­de­re ist es für den BGH ohne Belang, dass der Begriff "gele­gent­lich" im Streit­fall nicht nur münd­lich ver­wen­det wur­de, son­dern er auch in dem beim Auf­klä­rungs­ge­spräch ver­wen­de­ten Auf­klä­rungs­bo­gen ent­hal­ten war. Die Bedeu­tung des Begrif­fes ist davon unab­hän­gig, ob er (auch) schrift­lich oder (nur) münd­lich ver­wen­det wird.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. Janu­ar 2019 – VI ZR 117/​18

  1. vgl. nur BGH, Urtei­le vom 11.10.2016 – VI ZR 462/​15, NJW-RR 2017, 533 Rn. 8; vom 30.09.2014 – VI ZR 443/​13, NJW 2015, 74 Rn. 6; vom 07.11.2006 – VI ZR 206/​05, BGHZ 169, 364 Rn. 7; vom 14.03.2006 – VI ZR 279/​04, BGHZ 166, 336 Rn. 6; jetzt § 630d BGB[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 11.10.2016 – VI ZR 462/​15, aaO, Rn. 10; vom 06.07.2010 – VI ZR 198/​09, NJW 2010, 3230 Rn. 11; vom 14.03.2006 – VI ZR 279/​04, BGHZ 166, 336 Rn. 13; vom 07.04.1992 – VI ZR 192/​91, NJW 1992, 2351, 235319; vom 07.02.1984 – VI ZR 174/​82, BGHZ 90, 103, 106, 108 18, 22[]
  3. BGH, Urteil vom 07.04.1992 – VI ZR 192/​91, NJW 1992, 2351, 235219[]
  4. OLG Nürn­berg, VersR 2016, 195, 197 42; LG Bonn, NJW 2015, 3461, 3462 23; vgl. fer­ner OLG Nürn­berg, Urteil vom 07.10.2011 5 U 410/​11 26; OLG Bam­berg, Urteil vom 20.07.2015 4 U 16/​14 36[]
  5. etwa Beck­OK BGB/​Förs­ter, 48. Ed.01.11.2018, BGB § 823 Rn. 844; Sli­zyk, ImmDAT, Kom­men­tie­rung, 15. Auf­la­ge 2019, Rn. 360; BeckOGKBGB/​Spindler, 1.07.2018, BGB § 823 Rn. 816.1; Münch­Komm-BGB/­Wag­ner, 7. Aufl.2016, BGB § 630e Rn. 9[]
  6. OLG Nürn­berg, VersR 2016, 195, 197 42[]
  7. eben­so etwa Bergmann/​Wever, MedR 2016, 37; dies., Das Kran­ken­haus 2016, 138, 140; Gödi­cke, MedR 2018, 489 f.; Beck­OK BGB/​Katzenmeier, 48. Ed.01.11.2018, BGB § 630e Rn. 14; Kun­ze, GesR 2015, 534, 535; Martis/​Winkhart, Arzt­haf­tungs­recht, 5. Auf­la­ge 2018, Rz. A 992 f.; Rehborn/​Gescher in: Erman, BGB, 15. Auf­la­ge 2017, § 630e BGB, Rn. 8; vgl. fer­ner OLG Frank­furt a.M., Urteil vom 15.09.2015 8 U 115/​12 94; LG Ham­burg, Urteil vom 01.04.2016 303 O 34/​14 44; zwei­felnd auch Strü­ck­erPitz, GuP 2015, 157, 159[]
  8. vgl. nur BGH, Urteil vom 25.03.2003 – VI ZR 131/​02, NJW 2003, 2012, 2014, juris Leit­satz und Rn. 18 ff.; Palandt/​Weidenkaff, 78. Auf­la­ge, § 630e Rn. 1, Spickhoff/​Greiner, 3. Aufl., §§ 823 ff. BGB Rn.201; Pauge/​Offenloch, Arzt­haf­tungs­recht, 14. Aufl., Rn. 379[]
  9. BGH, Urteil vom 11.10.2016 – VI ZR 462/​15, NJW-RR 2017, 533 Rn. 10[]
  10. vgl. zu die­ser Bedeu­tung: Duden, Das Bedeu­tungs­wör­ter­buch, 4. Auf­la­ge, "gele­gent­lich" unter a[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 13.03.2018 – VI ZR 143/​17, NJW 2018, 1671 Rn. 32 ff.[]
  12. vgl. Duden, Das Bedeu­tungs­wör­ter­buch, 4. Aufl., "gele­gent­lich" unter b[]
  13. Duden, Das Syn­onym­wör­ter­buch, 5. Aufl., " 1 gele­gent­lich" unter b[]
  14. vgl. zum für den Streit­fall rele­van­ten Zeit­punkt: Bekannt­ma­chung von Emp­feh­lun­gen zur Gestal­tung von Packungs­bei­la­gen nach § 11 des Arz­nei­mit­tel­ge­set­zes [AMG] für Human­arz­nei­mit­tel [gemäß § 77 Abs. 1 AMG] und zu den Anfor­de­run­gen von § 22 Abs. 7 Satz 2 AMG [Über­prü­fung der Ver­ständ­lich­keit von Packungs­bei­la­gen] vom 30.11.2006, BAnz 2006, S. 7332[]
  15. Zieg­ler, Had­lak, Mehl­beer und König, Ver­ständ­nis von Neben­wir­kun­gen im Bei­pack­zet­tel, Deut­sches Ärz­te­blatt 2013, 669[]