Sit­ten­wid­rig­keit einer Treu­hand­ab­re­de – das ver­heim­lich­te Ver­mö­gen

Mit der Fra­ge der Sit­ten­wid­rig­keit einer Treu­hand­ab­re­de hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen, die bezweckt, Ver­mö­gen des Treu­ge­bers (hier: ein Spar­gut­ha­ben) vor dem Sozi­al­leis­tungs­trä­ger zu ver­heim­li­chen, wenn das Ver­mö­gen auf die Bewil­li­gung oder die lau­fen­de Gewäh­rung der in Rede ste­hen­den Sozi­al­leis­tung ohne Ein­fluss ist.

Sit­ten­wid­rig­keit einer Treu­hand­ab­re­de – das ver­heim­lich­te Ver­mö­gen

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te sich der Klä­ger für die Anla­ge eines Spar­gut­ha­bens, das ihm mit dem Tod sei­ner Groß­mutter zufiel, des Lebens­ge­fähr­ten sei­ner Groß­mutter als Treu­hän­der bedient. Die­ses Spar­gut­ha­ben von ca. 10.000,- € war für die dem Klä­ger sei­ner­zeit von der Bun­des­agen­tur für Arbeit bereits seit mehr als zwei Jah­ren gewähr­ten Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben (Aus­bil­dungs­geld und Lehr­gangs­kos­ten) ohne Bedeu­tung und hät­te nicht zu einer Ände­rung der bewil­lig­ten Leis­tun­gen geführt.

Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs ist die getrof­fe­ne Treu­hand­ab­re­de nicht des­halb sit­ten­wid­rig, weil der Klä­ger im Hin­blick auf den sei­ner­zei­ti­gen Bezug von Sozi­al­leis­tun­gen der Bun­des­agen­tur für Arbeit davon aus­ge­gan­gen ist, der Geld­be­trag müs­se im Fal­le sei­ner Aus­zah­lung an ihn gegen­über dem Sozi­al­leis­tungs­trä­ger ange­zeigt wer­den.

Die Sit­ten­wid­rig­keit eines Rechts­ge­schäfts kann sich ent­we­der unmit­tel­bar aus dem Inhalt des Rechts­ge­schäfts oder aus beson­de­ren hin­zu­tre­ten­den Umstän­den erge­ben 1. Nur Letz­te­res kommt hin­sicht­lich der Treu­hand­ab­re­de der Par­tei­en in Betracht. Ob eine sol­che Umstands­sit­ten­wid­rig­keit gege­ben ist, ist auf­grund einer umfas­sen­den Gesamt­wür­di­gung unter Berück­sich­ti­gung aller den Ver­trag kenn­zeich­nen­den Umstän­de zu beur­tei­len, nament­lich der objek­ti­ven Ver­hält­nis­se, unter denen der Ver­trag zustan­de gekom­men ist, und sei­ner Aus­wir­kun­gen sowie der sub­jek­ti­ven Merk­ma­le wie des ver­folg­ten Zwecks und des zugrun­de lie­gen­den Beweg­grunds. Es geht um sei­nen aus der Zusam­men­fas­sung von Inhalt, Zweck und Beweg­grund fol­gen­den (inhalt­li­chen) Gesamt­cha­rak­ter 2. Es han­delt sich inso­weit um ein "Zusam­men­spiel beweg­li­cher Ele­men­te"; ist ein Ele­ment beson­ders aus­ge­prägt, kann sich bereits allein aus die­sem Ele­ment die Sit­ten­wid­rig­keit erge­ben 3.

Bezwe­cken die Par­tei­en mit ihrer Ver­ein­ba­rung aus­schließ­lich, einen Drit­ten zu täu­schen und einer Par­tei ihr nicht zuge­dach­te Vor­tei­le zu ver­schaf­fen oder den Drit­ten an der Wahr­neh­mung sei­ner Rech­te zu hin­dern, kann die Ver­ein­ba­rung allein wegen die­ses Zwecks sit­ten­wid­rig sein. Glei­ches gilt für einen Ver­trag, durch den die Ver­trags­par­tei­en einen Drit­ten durch bewuss­tes Zusam­men­wir­ken schä­di­gen 4. Mit den guten Sit­ten kann fer­ner ein Geschäft unver­ein­bar sein, weil es nur dazu dient, pri­va­te Las­ten auf die All­ge­mein­heit abzu­wäl­zen, ins­be­son­de­re die sonst nicht gege­be­nen Vor­aus­set­zun­gen für die Zuwen­dung öffent­li­cher Mit­tel zu schaf­fen 5. Eine Sit­ten­wid­rig­keit ist vor allem dann gege­ben, wenn die betei­lig­ten Ver­trags­par­tei­en aus­schließ­lich bezwe­cken, eine Straf­tat vor­zu­be­rei­ten, zu för­dern oder zu begüns­ti­gen 6.

Gemes­sen an die­sen Maß­stä­ben und den in den ange­führ­ten Ent­schei­dun­gen behan­del­ten Fall­ge­stal­tun­gen ver­neint der Bun­des­ge­richts­hof hier eine Sit­ten­wid­rig­keit der Treu­hand­ab­re­de. Wesent­lich für die Anwen­dung des § 138 Abs. 1 BGB ist es, dass das Rechts­ge­schäft sei­nem Gesamt­cha­rak­ter nach sit­ten­wid­rig ist; eine sitt­lich zu bean­stan­den­de Gesin­nung der einen oder bei­der Ver­trags­par­tei­en genügt hier­für in der Regel nicht. Objek­ti­ve Nach­tei­le haben sich durch die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en nicht erge­ben, weil eine Pflicht des Klä­gers, nach Maß­ga­be des § 60 Abs. 1 Nr. 2 SGB I der Bun­des­agen­tur für Arbeit im Hin­blick auf den lau­fen­den Leis­tungs­be­zug das ange­fal­le­ne Spar­gut­ha­ben anzu­zei­gen, nicht bestand. Fehlt es damit an jeder tat­säch­li­chen Ver­schlech­te­rung der Rechts­stel­lung eines Drit­ten, besteht unter den fest­ge­stell­ten Umstän­den kein hin­rei­chen­der Anlass, die Treu­hand­ab­re­de als sit­ten­wid­rig im Sin­ne des § 138 Abs. 1 BGB anzu­se­hen 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. Febru­ar 2012 – III ZR 60/​11

  1. vgl. Staudinger/​Sack/​Fischinger, BGB, Bearb.09.2011, § 138 Rn. 5; BGB-RGRK/Krü­ger-Nie­lan­d/­Zöl­ler, 12. Aufl., § 138 Rn. 25 ff[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 07.06.1988 – IX ZR 285/​86, NJW 1988, 2599, 2602; vom 10.10.1997 – V ZR 74/​96, NJW-RR 1998, 590, 591; vom 06.02.2009 – V ZR 130/​08, NJW 2009, 1346 Rn. 10; Staudinger/​Sack/​Fischinger, aaO Rn. 6; Soergel/​Hefermehl, BGB, 13. Aufl., § 138 Rn.19; BGB-RGRK/Krü­ger-Nie­lan­d/­Zöl­ler, aaO Rn. 27[]
  3. vgl. Münch­Komm-BGB/Arm­brüs­ter, 6. Aufl., § 138 Rn. 27 ff; Soergel/​Hefermehl, aaO; vgl. auch BGH, Urteil vom 09.07.1953 – IV ZR 242/​52, BGHZ 10, 228, 232 f[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 18.03.1996 – II ZR 10/​95, NJW-RR 1996, 869[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 27.03.1969 – VII ZR 2/​67, VersR 1969, 733 f; vom 08.12.1982 – IVb ZR 333/​81, BGHZ 86, 82, 88; vom 12.07.1985 – V ZR 15/​84, NJW 1985, 2953, 2954; Erman/​Palm/​Arnold, BGB, 13. Aufl., § 138 Rn. 84[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 15.05.1990 – VI ZR 162/​89, NJW-RR 1990, 1521, 1522; Palandt/​Ellenberger, BGB, 71. Aufl., § 138 Rn. 42; Münch­Komm-BGB/Arm­brüs­ter aaO Rn. 42; Staudinger/​Sack/​Fischinger, aaO Rn. 668[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 28.10.2011 – V ZR 212/​10, NJW-RR 2012, 18 Rn. 10; Soergel/​Hefermehl, aaO Rn. 29; Staudinger/​Coing, BGB, 11. Aufl., § 138 Rn. 12a[]