Sorg­falts­pflich­ten eines Rechts­an­walts bei plötz­lich auf­tre­ten­der Erkran­kung

Mit den Sorg­falts­pflich­ten eines Rechts­an­walts bei plötz­lich auf­tre­ten­der Erkran­kung hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen. Anlass hier­für bot eine Fami­li­en­sa­che, in der das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le die Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Beschwer­de­frist ver­wei­gert hat­te 1:

Sorg­falts­pflich­ten eines Rechts­an­walts bei plötz­lich auf­tre­ten­der Erkran­kung

Die Betei­lig­ten sind geschie­de­ne Ehe­leu­te und strei­ten in einem am 1. Juli 2009 ein­ge­lei­te­ten Ver­fah­ren um das Auf­ent­halts­be­stim­mungs­recht für die drei gemein­sa­men Kin­der. Das Amts­ge­richt Fami­li­en­ge­richt hat mit Beschluss vom 21. Juni 2010 das Auf­ent­halts­be­stim­mungs­recht für alle drei Kin­der auf die Mut­ter über­tra­gen. Die­ser Beschluss ist dem Vater am 25. Juni 2010 zuge­stellt wor­den. Am 26. Juli 2010 (einem Mon­tag) hat er hier­ge­gen beim Amts­ge­richt Beschwer­de ein­ge­legt, beim Ober­lan­des­ge­richt ist die Beschwer­de mit den Akten am 30. Juli 2010 ein­ge­gan­gen. Auf den Hin­weis der Senats­vor­sit­zen­den, dass die Beschwer­de ver­spä­tet beim Ober­lan­des­ge­richt ein­ge­gan­gen sei, hat der Vater Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Frist zur Ein­le­gung der Beschwer­de bean­tragt. Zur Begrün­dung hat er aus­ge­führt, sein Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ter habe am Tag des Frist­ab­laufs noch prü­fen wol­len, ob die Beschwer­de beim Amts- oder beim Ober­lan­des­ge­richt ein­zu­le­gen sei, und habe zur Sicher­heit je einen Beschwer­de­schrift­satz an das Amts­ge­richt und an das Ober­lan­des­ge­richt fer­tig gestellt und unter­schrie­ben. Sein Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ter sei am Abend des Frist­ab­laufs gegen 19.45 Uhr zunächst nach Hau­se gefah­ren und habe beab­sich­tigt, spä­ter noch ein­mal in die Kanz­lei zu fah­ren, um die Zustän­dig­keit des Rechts­mit­tel­ge­richts abschlie­ßend zu prü­fen und den rich­ti­gen Schrift­satz zu faxen. Dar­an sei er jedoch durch eine plötz­lich auf­ge­tre­te­ne Magen­Dar­mEr­kran­kung gehin­dert gewe­sen. Er habe daher sei­ne Ehe­frau, die eben­falls Voll­ju­ris­tin sei, gebe­ten, in die Kanz­lei zu fah­ren und den vor­be­rei­te­ten Schrift­satz an das Ober­lan­des­ge­richt zu faxen. Die­se habe jedoch um 22.10 Uhr ver­se­hent­lich den eben­falls unter­schrie­be­nen Schrift­satz an das Amts­ge­richt gesen­det.

Das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le hat das Wie­der­ein­set­zungs­ge­such zurück­ge­wie­sen und zugleich die Beschwer­de ver­wor­fen. Der Bun­des­ge­richts­hof hat die Ent­schei­dung des OLG auf­ge­ho­ben, Wie­der­ein­set­zung gewährt und die Sache an das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le zurück­ver­wie­sen:

Im Aus­gangs­punkt zutref­fend hat das OLG Cel­le ange­nom­men, dass der Rechts­an­walt in sei­nem Büro eine Aus­gangs­kon­trol­le zu schaf­fen hat, durch die gewähr­leis­tet wird, dass Frist wah­ren­de Schrift­sät­ze recht­zei­tig beim zustän­di­gen Gericht ein­ge­hen. Bei der Über­mitt­lung per Tele­fax kommt der Rechts­an­walt die­ser Ver­pflich­tung nur dann nach, wenn er sei­nen Büro­an­ge­stell­ten die Wei­sung erteilt, sich einen Sen­de­be­richt aus­dru­cken zu las­sen, auf die­ser Grund­la­ge die Voll­stän­dig­keit der Über­mitt­lung zu prü­fen und die Not­frist erst nach Kon­trol­le des Sen­de­be­richts zu löschen 2. Die Aus­gangs­kon­trol­le anhand eines Sen­de­be­richts dient nicht nur dazu, Feh­ler bei der Über­mitt­lung aus­zu­schlie­ßen. Viel­mehr soll damit eben­so die Fest­stel­lung ermög­licht wer­den, ob der Schrift­satz über­haupt über­mit­telt wor­den ist 3.

Ob die in der Kanz­lei des Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten prak­ti­zier­te Aus­gangs­kon­trol­le beim Ver­sand frist­ge­bun­de­ner Schrift­sät­ze per Tele­fax gene­rell ord­nungs­ge­mäß orga­ni­siert ist, hat das Beschwer­de­ge­richt hier aller­dings zu Recht als uner­heb­lich ange­se­hen, weil der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te außer­halb sei­ner all­ge­mei­nen Kanz­lei­or­ga­ni­sa­ti­on eine Ein­zel­an­wei­sung zur Über­sen­dung des Beschwer­de­schrift­sat­zes erteilt hat.

Dem Rechts­an­walt kann nicht vor­ge­wor­fen wer­den, einen Sen­de­be­richt nicht am Abend des Frist­ab­laufs kon­trol­liert zu haben, da er plötz­lich und unvor­her­ge­se­hen erkrankt war. Die­sen Umstand hat das Beschwer­de­ge­richt rechts­feh­ler­haft nicht in sei­ne Erwä­gun­gen ein­be­zo­gen.

Ein Rechts­an­walt hat zwar im Rah­men sei­ner Orga­ni­sa­ti­ons­pflich­ten grund­sätz­lich auch dafür Vor­keh­run­gen zu tref­fen, dass im Fal­le einer Erkran­kung ein Ver­tre­ter die not­wen­di­gen Pro­zess­hand­lun­gen wahr­nimmt 4. Auf einen krank­heits­be­ding­ten Aus­fall muss sich der Rechts­an­walt aber nur dann durch kon­kre­te Maß­nah­men vor­be­rei­ten, wenn er eine sol­che Situa­ti­on vor­her­se­hen kann. Wird er dage­gen unvor­her­ge­se­hen krank, gereicht ihm eine unter­blei­ben­de Ein­schal­tung eines Ver­tre­ters nicht zum Ver­schul­den, wenn ihm die­se weder mög­lich noch zumut­bar war 5. So liegt der Fall hier. Der Rechts­be­schwer­de­füh­rer hat glaub­haft gemacht, dass sein Anwalt am Abend des Frist­ab­laufs plötz­lich und unvor­her­ge­se­hen an einer Magen­Darm­Grip­pe mit Fie­ber erkrankt war und des­halb nicht wie vor­ge­se­hen noch­mals ins Büro fah­ren konn­te, um den Beschwer­de­schrift­satz selbst abzu­schi­cken. Ange­sichts der fort­ge­schrit­te­nen Uhr­zeit (nach 22 Uhr) und der Tat­sa­che, dass der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te aus­weis­lich sei­nes Brief­kop­fes als Ein­zel­an­walt in Büro­ge­mein­schaft tätig ist, war die Errei­chung und Bestel­lung eines Ver­tre­ters erkenn­bar aus­sichts­los. Ange­sichts die­ser Umstän­de hat er mit der Beauf­tra­gung sei­ner Ehe­frau, das Fax an das Ober­lan­des­ge­richt zu sen­den, schon eine Maß­nah­me getrof­fen, zu der er im Hin­blick auf sei­nen Gesund­heits­zu­stand nicht ver­pflich­tet war. Allein des­halb kann ihm der dann bei der Aus­gangs­kon­trol­le auf­ge­tre­te­ne Feh­ler nicht ange­las­tet wer­den 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. August 2013 – XII ZB 533/​10

  1. OLG Cel­le, Beschluss vom 12.10.2010 – 18 UF 92/​10[]
  2. BGH, Beschluss vom 07.07.2010 – XII ZB 59/​10 NJW-RR 2010, 1648 Rn. 12 mwN; BGH Beschluss vom 12.06.2012 – VI ZB 54/​11 NJW-RR 2012, 1267 Rn. 7[]
  3. BGH, Beschluss vom 07.07.2010 – XII ZB 59/​10 NJW-RR 2010, 1648 Rn. 12; BGH Beschluss vom 16.06.1998 – XI ZB 13/​98 VersR 1999, 996[]
  4. BGH Beschluss vom 05.04.2011 – VIII ZB 81/​10 NJW 2011, 1601 Rn. 18[]
  5. BGH Beschlüs­se vom 05.04.2011 – VIII ZB 81/​10 NJW 2011, 1601 Rn. 18; vom 06.07.2009 – II ZB 1/​09 NJW 2009, 3037 Rn. 10; und vom 18.09.2008 – V ZB 32/​08, Fam­RZ 2008, 2271 Rn. 9[]
  6. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 06.07.2009 – II ZB 1/​09 NJW 2009, 3037 Rn. 10; und BGH, Beschluss vom 26.11.1997 – XII ZB 150/​97 NJW-RR 1998, 639[]