Stra­ßen­rei­ni­gung ohne Auf­trag

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te sich aktu­ell mit den Ansprü­chen eines Rei­ni­gungs­un­ter­neh­mens zu befas­sen, die die­sem aus Geschäfts­füh­rung ohne Auf­trag gegen den Ver­ur­sa­cher einer Stra­ßen­ver­schmut­zung zuste­hen, wenn das Unter­neh­men von der Gemein­de mit der Rei­ni­gung der Stra­ße beauf­tragt wor­den ist.

Stra­ßen­rei­ni­gung ohne Auf­trag

Nach der in Hes­sen bestehen­den Rege­lung des § 15 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 1 HStrG hat der­je­ni­ge, der eine Stra­ße über das übli­che Maß hin­aus ver­un­rei­nigt, die Ver­un­rei­ni­gung ohne Auf­for­de­rung unver­züg­lich zu besei­ti­gen. Auf­grund die­ser neben der poli­zei­li­chen Rei­ni­gungs­pflicht der Gemein­de (§ 10 HStrG) bestehen­den gesetz­li­chen Rei­ni­gungs­pflicht des Ver­ur­sa­chers hat das Stra­ßen­rei­ni­gungs­un­ter­neh­men mit der Besei­ti­gung der Ver­un­rei­ni­gung (auch) ein Geschäft der Beklag­ten aus­ge­führt.

Beruht die Ver­pflich­tung des Geschäfts­füh­rers indes auf einem wirk­sam geschlos­se­nen Ver­trag, der die Rech­te und Pflich­ten des Geschäfts­füh­rers und ins­be­son­de­re die Ent­gelt­fra­ge umfas­send regelt, kann ein Drit­ter, dem das Geschäft auch zu Gute kommt, nicht auf Auf­wen­dungs­er­satz wegen einer Geschäfts­füh­rung ohne Auf­trag in Anspruch genom­men wer­den 1. Den Rück­griff auf Auf­wen­dungs­er­satz­an­sprü­che ver­wehrt in die­sem Fall der aus der Par­tei­au­to­no­mie fol­gen­de Vor­rang der ver­trag­li­chen Rech­te gegen­über dem Aus­gleich der aus der erbrach­ten Leis­tung resul­tie­ren­den Vor­tei­le Drit­ter, die außer­halb des Ver­trags ste­hen 2.

Die Beauf­tra­gung des Stra­ßen­rei­ni­gungs­un­ter­neh­mens durch die Stadt L. ist als eine in die­sem Sin­ne umfas­sen­de Rege­lung zu ver­ste­hen. Es mag sein, dass das Inter­es­se der Stadt grund­sätz­lich dar­auf gerich­tet war, nicht selbst mit den Kos­ten der Rei­ni­gungs­maß­nah­me belas­tet zu wer­den. Wer einen Auf­trag zur Rei­ni­gung einer Stra­ße erteilt, kann jedoch nicht erwar­ten, dass der Auf­trag­neh­mer ihm gegen­über unent­gelt­lich tätig wird und bereit ist, sich wegen der Ver­gü­tung aus­schließ­lich an den – mög­li­cher­wei­se unbe­kann­ten oder sei­ne Ver­ant­wort­lich­keit bestrei­ten­den bezie­hungs­wei­se sei­ne Zah­lungs­pflicht in Abre­de stel­len­den – Ver­ur­sa­cher zu hal­ten. Umstän­de, war­um das Stra­ßen­rei­ni­gungs­un­ter­neh­men als Auf­trag­neh­me­rin im Fal­le eines "kom­mu­na­len" Auf­trags, anders als bei der Beauf­tra­gung durch den Ver­ur­sa­cher oder Fahr­zeug­hal­ter, bereit gewe­sen sein soll­te, auf eine ver­trag­li­che Rege­lung der Kos­ten­pflich­tig­keit der beauf­trag­ten Maß­nah­men zu ver­zich­ten, sind weder fest­ge­stellt noch vor­ge­tra­gen. In bei­den Kon­stel­la­tio­nen hat das Stra­ßen­rei­ni­gungs­un­ter­neh­men als Auf­trag­neh­me­rin viel­mehr ein erheb­li­ches Inter­es­se an einer unmit­tel­ba­ren Rege­lung bereits im Rah­men der Auf­trags­er­tei­lung. Dem Inter­es­se der Stadt, jeden­falls im Ergeb­nis nicht selbst mit den Kos­ten der Rei­ni­gung belas­tet zu wer­den, wird in die­sem Rah­men hin­rei­chend durch § 15 Abs. 1 HStrG Rech­nung getra­gen, auf­grund des­sen die Stadt von dem Ver­ur­sa­cher die Erstat­tung der ihr ent­stan­de­nen Kos­ten ver­lan­gen kann.

Eine die Anwen­dung der Bestim­mun­gen über die Geschäfts­füh­rung ohne Auf­trag aus­schlie­ßen­de "umfas­sen­de" Rege­lung der Rech­te und Pflich­ten des Geschäfts­füh­rers und ins­be­son­de­re der Ent­gelt­fra­ge in einem zwi­schen dem Geschäfts­füh­rer und einem Drit­ten wirk­sam geschlos­se­nen Ver­trag erfor­dert nicht, dass sämt­li­che Details der Ent­gelt­fra­ge ein­schließ­lich der exak­ten Höhe des Ent­gelts in dem Ver­trag gere­gelt wer­den. Aus­rei­chend ist viel­mehr, dass in dem Ver­trag, in des­sen Rah­men die betref­fen­de Leis­tung geschul­det ist, die Ent­gelt­lich­keit über­haupt und im Sin­ne einer umfas­sen­den Ver­gü­tungs­pflicht des Auf­trag­ge­bers ver­ein­bart ist 3. Dann näm­lich erfolgt die Tätig­keit des Auf­trag­neh­mers aus­schließ­lich auf der Grund­la­ge der ver­trag­li­chen Rege­lung, so dass für einen Rück­griff auf die Bestim­mun­gen der Geschäfts­füh­rung ohne Auf­trag kein Raum bleibt. Das Feh­len beson­de­rer Abre­den über die kon­kre­te Bemes­sung der geschul­de­ten Ver­gü­tung ist dage­gen im Hin­blick auf § 632 Abs. 2 BGB unschäd­lich.

Da vor­lie­gend eine dem Rück­griff auf die §§ 677 ff BGB ent­ge­gen­ste­hen­de umfas­sen­de ver­trag­li­che Rege­lung vor­liegt, braucht nicht geklärt zu wer­den, ob bei der vor­lie­gen­den Fall­ge­stal­tung dem Stra­ßen­rei­ni­gungs­un­ter­neh­men ein eige­ner Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruch gegen die Beklag­te auch des­halb zu ver­sa­gen ist, weil ansons­ten sich – (auch) dem Schutz des Bür­gers die­nen­de – aus dem öffent­li­chen Recht erge­ben­de Beschrän­kun­gen aus­ge­he­belt wür­den.

Wenn eine (hes­si­sche) Gemein­de über­mä­ßi­ge Stra­ßen­ver­un­rei­ni­gun­gen selbst besei­tigt oder durch ein von ihr beauf­trag­tes gewerb­li­ches Rei­ni­gungs­un­ter­neh­men besei­ti­gen lässt, so kann sie nach § 15 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 2 HStrG vom Ver­ur­sa­cher der Ver­un­rei­ni­gung Erstat­tung der ihr ent­stan­de­nen (Werk­lohn-)Kos­ten ver­lan­gen. Nach der Recht­spre­chung des erken­nen­den Bun­des­ge­richts­hofs ist aber ein – grund­sätz­lich auch im Ver­hält­nis zwi­schen (hoheit­lich han­deln­den) Ver­wal­tungs­trä­gern und Pri­vat­per­so­nen mög­li­cher – Rück­griff auf den Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruch nach §§ 683, 670 BGB dann aus­ge­schlos­sen, wenn vor­ran­gi­ge ein­schlä­gi­ge Rege­lun­gen über die Erstat­tung von Kos­ten und Aus­la­gen für die betref­fen­den Maß­nah­men bestehen 4. § 15 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 2 HStrG, der der Gemein­de einen öffent­lich­recht­li­chen, durch Leis­tungs­be­scheid oder Leis­tungs­kla­ge gel­tend zu machen­den Erstat­tungs­an­spruch zubil­ligt 5, ent­hält eine sol­che abschlie­ßen­de Son­der­re­ge­lung, die kei­nen Raum für zivil­recht­li­che Ansprü­che aus §§ 677, 683, 670 BGB der die Ver­un­rei­ni­gung besei­ti­gen­den Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts lässt 6.

Ange­sichts die­ses der Bestim­mung des § 15 HStrG zugrun­de lie­gen­den Rege­lungs­kon­zepts begeg­ne­te es erheb­li­chen Beden­ken, wenn eine Gemein­de den vor­ge­wie­se­nen Weg über § 15 HStrG (bewusst und ziel­ge­rich­tet) dadurch ver­mei­den könn­te, dass sie die Rei­ni­gungs­ar­bei­ten mit der Maß­ga­be durch­füh­ren lässt, das von ihr ein­ge­schal­te­te Rei­ni­gungs­un­ter­neh­men möge sich wegen des Ent­gelts unmit­tel­bar mit dem Ver­ur­sa­cher aus­ein­an­der­set­zen. Es dürf­te daher, um eine Umge­hung der der Gemein­de auf­er­leg­ten öffent­lich­recht­li­chen Bin­dun­gen zu ver­hin­dern, nahe lie­gen, einer der­ar­ti­gen Abre­de – die letzt­lich auf die Ertei­lung eines Auf­trags hin­aus lie­fe, für einen ande­ren als Geschäfts­füh­rer ohne Auf­trag tätig zu wer­den – den ange­streb­ten recht­li­chen Erfolg ("Zuwei­sung" eines Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruchs nach §§ 683, 670 BGB) zu ver­sa­gen 7.

BGH, Urteil vom 21. Juni 2012 – III ZR 275/​11

  1. BGH, Urtei­le vom 21.10.2003 – X ZR 66/​01, NJW-RR 2004, 81, 83 mwN und vom 28.06.2011 – VI ZR 184/​10, NVwZRR 2011, 925, 926 Rn. 9; Staudinger/​Bergmann [2006], BGB, Vor­bem zu §§ 677 ff, Rn. 324[]
  2. BGH, Urteil vom 21.10.2003 aaO[]
  3. vgl. Wend­landt, NJW 2004, 985, 987[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 13.11.2003 – III ZR 70/​03, BGHZ 156, 394, 397 ff m.zahlr.w.N.; vom 19.07.2007 – III ZR 20/​07, NVwZ 2008, 349 Rn. 8 f; Staudinger/​Bergmann, aaO, Vor­bem zu §§ 677 ff Rn. 283[]
  5. vgl. Neu­mey­er, HStrG [2011], § 15 S. 6[]
  6. vgl. OLG Koblenz, GewArch 1978, 351, 352 zu § 40 LStrG RP a.F.; Schnei­der, MDR 1989, 193, 197 zu § 7 Abs. 3 FStrG und den Stra­ßen­ge­set­zen der Län­der; ähn­lich auch Edhofer/​Willmitzer, BayS­trWG, 12. Aufl., Art. 16 Erl.02.3[]
  7. in die­sem Sin­ne auch Urtei­le des LG Baden-Baden vom 24.07.2009 – 2 O 121/​09; und des LG Bie­le­feld vom 23.10.2009 – 1 O 486/​08; a.A. OLG Frank­furt am Main, Hin­weis­be­schluss vom 03.11.2009 – 16 U 225/​08[]