Streit­wert bei einer Frei­stel­lungs­kla­ge

Der Streit­wert einer Kla­ge auf Befrei­ung von einer Ver­bind­lich­keit ist nicht nach dem bezif­fer­ten Schuld­be­trag, son­dern ihrer zu schät­zen­den wirt­schaft­li­chen Bedeu­tung zu bemes­sen, wenn eine künf­ti­ge Inan­spruch­nah­me des Klä­gers in der Zukunft als aus­ge­schlos­sen erscheint.

Streit­wert bei einer Frei­stel­lungs­kla­ge

Grund­sätz­lich ent­spricht der Streit­wert einer Kla­ge auf Frei­stel­lung von einer Ver­bind­lich­keit dem bezif­fer­ten Schuld­be­trag [1]. Offen gelas­sen hat der Bun­des­ge­richts­hof bis­her, ob eine gerin­ge­re Bewer­tung gebo­ten ist, wenn die Gefahr der Inan­spruch­nah­me fern liegt [2]. Eine gerin­ge­re Bewer­tung des Frei­stel­lungs­in­ter­es­ses ist jedoch im Rah­men des nach § 3 ZPO aus­zu­üben­den Ermes­sens mög­lich, wenn beson­de­re Umstän­de vor­lie­gen, die eine sol­che Bewer­tung recht­fer­ti­gen [3].

Im vor­lie­gen­den Fall liegt die Beson­der­heit vor, dass nicht die Fra­ge der Wahr­schein­lich­keit der Inan­spruch­nah­me im Raum steht, son­dern nach dem eige­nen Vor­trag der Klä­ger eine sol­che Inan­spruch­nah­me aus­schei­det. Dies liegt dar­in begrün­det, dass die Insol­venz der Anla­ge­ge­sell­schaft vor meh­re­ren Jah­ren ein­ge­tre­ten ist und bis­lang kei­ne Inan­spruch­nah­me der Klä­ger aus dem Ver­trag über die Anla­ge durch den Insol­venz­ver­wal­ter erfolgt ist. Hin­zu­kommt, dass das der beab­sich­tig­ten Anla­ge zugrun­de lie­gen­de Rechts­ge­schäft nach dem Vor­trag des Klä­gers und den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts durch die Bun­des­an­stalt für Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sicht (BaFin) unter­sagt wur­de. Bei die­ser Sach­la­ge erscheint auch künf­tig eine Inan­spruch­nah­me durch den Insol­venz­ver­wal­ter aus­ge­schlos­sen. Des­halb ist die – in Über­ein­stim­mung mit der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts – wirt­schaft­li­che Bedeu­tung der Befrei­ung von die­ser Ver­bind­lich­keit so gering zu ver­an­schla­gen, dass es nicht gerecht­fer­tigt wäre, den Streit­wert nach dem Nomi­nal­be­trag der For­de­rung zu bemes­sen, von der die Frei­stel­lung begehrt wird. Viel­mehr ist hier prä­gend für die wirt­schaft­li­che Bewer­tung des Streit­ge­gen­stands die Scha­dens­er­satz­for­de­rung hin­sicht­lich der geleis­te­ten Anla­ge­be­trä­ge.

Bei der Bemes­sung des wirt­schaft­li­chen Werts des Befrei­ungs­an­spruchs hat sich der Bun­des­ge­richts­hof an der eige­nen Bewer­tung durch den Klä­ger in der Kla­ge­schrift (20% des Nomi­nal­be­trags) ori­en­tiert. Erst auf ent­spre­chen­de Nach­fra­ge des Land­ge­richts ist er von der Bewer­tung des Befrei­ungs­an­spruchs abge­rückt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Juli 2011 – III ZR 23/​11

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 21.12. 1989 – VII ZR 152/​88, NJW-RR 1990, 958[]
  2. BGH aaO; s. auch OLG Karls­ru­he AnwBl. 1973, 168[]
  3. vgl. OLG Düs­sel­dorf FamRZ 1994, 57; s. auch Schnei­der in Schneider/​Herget, Streit­wert­kom­men­tar, 13. Aufl., Rn. 1563; Anders/​Gehle/​Kunze, Streit­wert­le­xi­kon S. 76; a.A. Musielak/​Heinrich, ZPO, 8. Aufl., § 3 Rn. 24; Zöller/​Herget, ZPO, 28. Aufl., § 3 Rn. 16 „Befrei­ung“; Stein/​Jonas/​Roth, ZPO, 22. Aufl., § 3 Rn. 48 „Befrei­ung von Ver­bind­lich­keit“; ein­schrän­kend auch OLG Karls­ru­he OLGR 1998, 16[]