Streit­wert bei nega­ti­ver Fest­stel­lungs­kla­ge

Für den Streit­wert bei einer nega­ti­ven Fest­stel­lungs­kla­ge, durch die ein Ver­si­che­rungs­neh­mer gel­tend macht, dass ein Ver­si­che­rungs­ver­trag ab einem bestimm­ten Zeit­punkt – wegen Kün­di­gung – nicht mehr besteht, kommt es in der Regel dar­auf an, wel­che Prä­mi­en der Ver­si­che­rer ohne die strei­ti­ge Kün­di­gung noch ver­lan­gen könn­te.

Streit­wert bei nega­ti­ver Fest­stel­lungs­kla­ge

Nach dem hier vom Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he ent­schie­de­nen Fall bestimmt sich der Wert des Ver­fah­rens gemäß § 48 Abs. 1 Satz 1 GKG i. V. m. § 3 ZPO nach frei­em Ermes­sen des Gerichts. Ent­ge­gen den Beschluss des Land­ge­richts [1], das den Streit­wert für sämt­li­che Fest­stel­lungs­an­trä­ge auf ins­ge­samt 45.000,00 EUR fest­setz­te, gelangt das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt mit der erfor­der­li­chen Schät­zung des Wer­tes hier zu einem Betrag von 3.049,20 EUR.

Maß­geb­lich für die Schät­zung gemäß § 3 ZPO ist grund­sätz­lich das wirt­schaft­li­che Inter­es­se eines Klä­gers, wel­ches er mit sei­nen Anträ­gen ver­folgt. Hier­bei kommt es auf die Anga­ben und auf die Sach­ver­halts­dar­stel­lung an, die zur Begrün­dung der Kla­ge vor­ge­bracht wer­den [2]. Für die Schät­zung des Wer­tes sind die Sach­ver­halts­an­ga­ben in der Kla­ge­schrift nicht auf ihre Rich­tig­keit zu prü­fen. Für den vor­lie­gen­den Fall ist daher maß­geb­lich, dass die frag­li­chen Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge – nach den Anga­ben der Klä­ger – zum Zeit­punkt der vor­ge­tra­ge­nen Kün­di­gungs­er­klä­run­gen noch bestan­den und nicht etwa schon frü­her (wie die Beklag­te meint) been­det und abge­rech­net wor­den sind. Die­se Dar­stel­lung ist der Streit­wert­fest­set­zung zu Grun­de zu legen.

Maß­geb­li­cher Zeit­punkt für die Wert­fest­set­zung ist gemäß § 40 GKG das Datum der Antrag­stel­lung. Dies ist vor­lie­gend der 17.02.2009. Denn zu die­sem Zeit­punkt ist die Kla­ge beim Land­ge­richt Offen­burg ein­ge­gan­gen. Das bedeu­tet: Es kommt dar­auf an, wel­ches wirt­schaft­li­che Inter­es­se die Klä­ger am 17.02.2009 – auf der Basis ihrer eige­nen Anga­ben – dar­an hat­ten, eine Been­di­gung der Ver­trä­ge zum 31.07.2008 gericht­lich fest­stel­len zu las­sen.

Wenn ein Klä­ger das Nicht­be­stehen eines Ver­tra­ges im Wege der Fest­stel­lungs­kla­ge gel­tend macht, kommt es grund­sätz­lich dar­auf an, wel­ches Inter­es­se der Klä­ger an der Befrei­ung von sei­ner Leis­tungs­pflicht hat [3]. Die­se Grund­sät­ze sind auch auf die Fest­stel­lungs­an­trä­ge der bei­den Klä­ger anzu­wen­den. Die Leis­tungs­pflicht der Klä­ger auf Grund der Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge besteht in der Prä­mi­en­zah­lungs­pflicht. Für den Streit­wert muss es mit­hin dar­auf ankom­men, in wel­cher Höhe die Fest­stel­lungs­an­trä­ge – einen Erfolg der Kla­ge vor­aus­ge­setzt – Aus­wir­kun­gen auf die Prä­mi­en­ver­pflich­tung der Klä­ger hät­ten haben kön­nen.

Für die streit­ge­gen­ständ­li­chen Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge bestan­den Prä­mi­en­ver­pflich­tun­gen der bei­den Klä­ger in Höhe von ins­ge­samt monat­lich 381,15 EUR (196,26 EUR für den Klä­ger Ziff. 1 und 184,89 EUR für den Klä­ger Ziff. 2). Die­ser Betrag ergibt sich aus den vor­ge­leg­ten Unter­la­gen und dem Sach­vor­trag der Klä­ger in der Kla­ge­schrift. Für den Wert der Anträ­ge ist der Zeit­raum vom 31.07.2008 bis zum 31.03.2009 maß­geb­lich. Denn die Been­di­gung der Ver­trä­ge wur­de zum 31.07.2008 gel­tend gemacht. Bei einer Fest­stel­lungs­kla­ge im Febru­ar 2009 ist ein wirt­schaft­li­ches Inter­es­se für die Lösung von den Ver­si­che­rungs­ver­trä­gen nur bis zum 31.03.2009 erkenn­bar. Denn bei – unstrei­tig – monat­li­chen Kün­di­gungs­fris­ten hät­ten sich die Klä­ger im Febru­ar 2009 in jedem Fall spä­tes­tens zum 31.03.2009 – bei Erfolg­lo­sig­keit der Kla­ge – von den Ver­trä­gen lösen kön­nen. Das bedeu­tet: Das Inter­es­se der Klä­ger an der Lösung von der Prä­mi­en­ver­pflich­tung ist – ihren eige­nen Sach­vor­trag als rich­tig unter­stellt – auf einen Zeit­raum von acht Mona­ten (August 2008 bis ein­schließ­lich März 2009) begrenzt. Aus den Prä­mi­en für acht Mona­te ergibt sich der Streit­wert von 3.049,20 EUR (8 x 381,15 EUR).

In der Recht­spre­chung wird bei Fest­stel­lungs­kla­gen, mit denen das Bestehen eines Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges gel­tend gemacht wird, teil­wei­se der 3,5‑fache Jah­res­be­trag der Ver­si­che­rungs­prä­mi­en als Streit­wert ange­nom­men [4]. Ent­schei­dend für den Wert der posi­ti­ven Fest­stel­lungs­kla­ge des Ver­si­che­rungs­neh­mers in der­ar­ti­gen Fäl­len ist der Umstand, dass das wirt­schaft­li­che Inter­es­se des Ver­si­che­rungs­neh­mers nicht von der Höhe der Prä­mi­en bestimmt wird, son­dern von der (mög­li­chen) Leis­tungs­pflicht des Ver­si­che­rers. Dies recht­fer­tigt es, den Wert der posi­ti­ven Fest­stel­lungs­kla­ge eines Ver­si­che­rungs­neh­mers anders zu bemes­sen als – vor­lie­gend – den Wert einer nega­ti­ven Fest­stel­lungs­kla­ge des Ver­si­che­rungs­neh­mers. Der vor­lie­gen­de Fall ist auch nicht mit der nega­ti­ven Fest­stel­lungs­kla­ge eines Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens ver­gleich­bar. Denn auch im letz­te­ren Fall muss sich das wirt­schaft­li­che Inter­es­se an der Ver­si­che­rungs­sum­me ori­en­tie­ren, deren Nicht­zah­lung der Ver­si­che­rer gel­tend macht [5]. Erhe­ben aller­dings die Ver­si­che­rungs­neh­mer – wie vor­lie­gend – selbst eine nega­ti­ve Fest­stel­lungs­kla­ge, ist in der Regel ein ande­res wirt­schaft­li­ches Inter­es­se als die Nicht­zah­lung der Prä­mi­en für einen bestimm­ten Zeit­raum kaum erkenn­bar.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­ge­richts kann der Streit­wert nicht mit 5.000,00 EUR für jeden der ein­zel­nen Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge fest­ge­setzt wer­den. Der Umstand, dass die Klä­ger selbst ihr Inter­es­se in der Kla­ge­schrift mit ins­ge­samt 45.000,00 EUR (5.000,00 EUR für jeden Ver­si­che­rungs­ver­trag) ange­ge­ben haben, spielt dabei kei­ne erheb­li­che Rol­le. Zwar wer­den bei der Schät­zung des Streit­werts viel­fach die eige­nen Anga­ben eines Klä­gers in der Kla­ge­schrift her­an­ge­zo­gen. Denn mit der Streit­wert­an­ga­be des Klä­gers wird das eige­ne wirt­schaft­li­che Inter­es­se oft auf geeig­ne­te Art und Wei­se kon­kre­ti­siert. Ent­schei­dend ist hier­bei jedoch, dass es einen Bezug zwi­schen der Streit­wert­an­ga­be und dem Sach­vor­trag zur Kla­ge­be­grün­dung geben muss. Dies ist vor­lie­gend nicht der Fall. Für die Bezif­fe­rung des Inter­es­ses (für jeden Ver­si­che­rungs­ver­trag) mit 5.000,00 EUR ent­hält das Vor­brin­gen des Klä­gers kei­ne Grund­la­ge. Aus der Kla­ge­be­grün­dung ergibt sich kein wirt­schaft­li­ches Inter­es­se der Klä­ger, wel­ches über die Befrei­ung von der Prä­mi­en­zah­lungs­pflicht für die Zeit ab August 2008 hin­aus­ge­hen wür­de. Daher muss es sein Bewen­den damit haben, dass der Wert der klä­ge­ri­schen Anträ­ge allein auf der Basis der frag­li­chen Ver­si­che­rungs­prä­mi­en zu schät­zen ist.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 16. Juni 2011 – 9 W 19/​11

  1. LG Offen­burg, vom 05.01.2011 – 2 O 59/​09[]
  2. vgl. Zöller/​Herget, ZPO, 28. Auf­la­ge 2010, § 3 ZPO, Rdnr. 2[]
  3. vgl. Zöller/​Herget a. a. O., § 3 ZPO, Rdnr. 16 „Fest­stel­lungs­kla­gen“[]
  4. vgl. bei­spiels­wei­se BGH, Ver­si­che­rungs­recht 2011, 237[]
  5. vgl. OLG Bam­berg, JuR­Bü­ro 1985, 1703[]