Gegen­stands­wert in der PKH-Beschwer­de

Der Gegen­stands­wert des Beschwer­de­ver­fah­rens gegen die Pro­zess­kos­ten­hil­fe ver­sa­gen­de Ent­schei­dung ist dann ent­spre­chend Abs. 1 der Anmer­kung zu Nr. 3335 VV RVG auf den Wert der Haupt­sa­che fest­zu­set­zen, wenn sich die Beschwer­de gegen die Ver­sa­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe man­gels Erfolgs­aus­sicht der beab­sich­tig­ten Kla­ge rich­tet.

Gegen­stands­wert in der PKH-Beschwer­de

Der Gegen­stands­wert für das Beschwer­de­ver­fah­ren gegen die Pro­zess­kos­ten­hil­fe ver­sa­gen­de Ent­schei­dung ist nach § 23 Abs. 2 Satz 1, Abs. 3 Satz 2 RVG nach bil­li­gem Ermes­sen zu bestim­men. Danach war er dem Wert der Haupt­sa­che ent­spre­chend fest­zu­set­zen [1].

Eine aus­drück­li­che Rege­lung zur Bestim­mung des Gegen­stands­wer­tes gibt es nicht. In Abs. 1 der Anmer­kung zu Nr. 3335 VV RVG fin­det sich eine sol­che ledig­lich für die Ver­fah­ren der Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe und deren Auf­he­bung nach § 124 Nr. 1 ZPO. Danach ent­spricht der Gegen­stands­wert dem für die Haupt­sa­che gel­ten­den Wert. Obwohl Nr. 3500 VV RVG nicht auf die Anmer­kung zu Nr. 3335 VV RVG ver­weist, ist der Gegen­stands­wert glei­cher­ma­ßen zu bestim­men, da sich die Beschwer­de gegen die Ver­sa­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe man­gels Erfolgs­aus­sicht der beab­sich­tig­ten Kla­ge gerich­tet hat.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Koblenz zur Vor­gän­ger­vor­schrift des § 51 Abs. 2 BRAGO [2] han­delt es sich bei der Anmer­kung zu Nr. 3335 VV RVG nicht um eine Spe­zi­al­vor­schrift, die die Anwen­dung auf das Beschwer­de­ver­fah­ren ver­bie­tet. Denn zum einen soll mit der Bestim­mung nach bil­li­gem Ermes­sen (§ 23 Abs. 3 Satz 1 RVG) eine dem jewei­li­gen Ein­zel­fall gerecht wer­den­de Ent­schei­dung gera­de ermög­licht wer­den, die auch die Anwen­dung einer für weni­ge Fäl­le gel­ten­den Norm nicht gene­rell aus­schlie­ßen kann. Dass Abs. 1 der Anmer­kung zu Nr. 3335 VV RVG spe­zi­ell auf das Bewil­li­gungs­ver­fah­ren und das Ver­fah­ren der Auf­he­bung der Bewil­li­gung nach § 124 Nr. 1 ZPO abstellt, schließt die Anwen­dung auf Beschwer­de­ver­fah­ren nicht per se aus, da Nr. 3335 VV RVG nur für Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ent­schei­dun­gen des Pro­zess­ge­richts gilt. Denn „Sons­ti­ge beson­de­re Ver­fah­ren“ (Über­schrift zu Unter­ab­schnitt 6 des Abschnitts 3) erfasst die Beschwer­de­ver­fah­ren (Über­schrift Abschnitt 5) gera­de nicht.

Zum ande­ren erfolg­te mit der Benen­nung der Ver­fah­ren zur Bewil­li­gung und zu ihrer Auf­he­bung wegen unrich­ti­ger Anga­ben zur Sache offen­sicht­lich ins­be­son­de­re eine Abgren­zung zum Ver­fah­ren über die Raten­hö­he [3] sowie zur Auf­he­bung der Bewil­li­gung aus sons­ti­gen Grün­den nach § 124 Nrn. 2 – 4 ZPO [4], also zu Ver­fah­ren, die regel­mä­ßig kei­ne ver­tief­te juris­ti­sche Prü­fung erfor­dern.

Dar­aus ist zu schlie­ßen, dass nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers der Gegen­stands­wert immer dann nach dem Wert der Haupt­sa­che zu bestim­men ist, wenn eine – der Haupt­sa­che ent­spre­chen­de – sach­li­che Auf­be­rei­tung des bzw. Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Streit­stoff erfolgt. So begrün­de­te er auf S. 217 f. der Geset­zes­be­grün­dung [5] die Anmer­kung zu Nr. 3335 VV RVG gera­de damit, dass die Vor­ar­bei­ten des Pro­zess­kos­ten­an­tra­ges auf­grund des zum Antrag regel­mä­ßig erfor­der­li­chen Kla­ge­ent­wurfs die eigent­li­che gedank­li­che Leis­tung des Rechts­an­walts dar­stellt. Wenn sich der Anwalt sach­lich gegen die Ableh­nung des mit die­ser Leis­tung gestell­ten Antra­ges wen­det und sich wie­der ent­spre­chend ein­ar­bei­ten muss, kann nichts ande­res gel­ten.

Das OLG Koblenz hat sei­ne – abwei­chen­de – Ent­schei­dung u. a. damit begrün­det, dass mit der Bestim­mung einer dem Wert der Haupt­sa­che ent­spre­chen­den Gegen­stands­wert für das Bewil­li­gungs­ver­fah­ren der Nach­teil aus der nied­ri­gen – gegen­über dem Haupt­sa­che­ver­fah­ren hal­bier­ten – Gebühr nach § 51 Abs. 1 BRAGO aus­ge­gli­chen wer­den soll­te, was jedoch für das Beschwer­de­ver­fah­ren gera­de nicht gel­te. Für das Bewil­li­gungs­ver­fah­ren erhält der Rechts­an­walt nach Nr. 3335 VV RVG jedoch inzwi­schen grds. die­sel­be Ver­fah­rens­ge­bühr wie im Haupt­sa­che­ver­fah­ren, wenn­gleich die­se auf 1,0 Gebühr beschränkt ist. Ein Aus­gleich ist seit Inkraft­tre­ten des RVG folg­lich nicht mehr erfor­der­lich, so dass die Über­le­gung auch für die Bestim­mung des Gegen­stands­wer­tes im Beschwer­de­ver­fah­ren nicht mehr her­an­zu­zie­hen ist.

Letzt­lich hat­te sich die Anwen­dung der für das Pro­zess­kos­ten­hil­fe-Bewil­li­gungs­ver­fah­ren gel­ten­den Vor­schrift zur Bestim­mung des Gegen­stands­wer­tes auf das Beschwer­de­ver­fah­ren bereits vor der Schaf­fung des RVG als wohl herr­schen­de Mei­nung her­aus­ge­bil­det [6]. Hät­te der Gesetz­ge­ber die­se nicht gebil­ligt, hät­te er sie durch eine ent­spre­chen­de Klar­stel­lung kor­ri­giert.

Die von Hart­mann [7] ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, für das Beschwer­de­ver­fah­ren (nur) 50 % des Haupt­sa­che­wer­tes fest­zu­set­zen, ist dem­entspre­chend eben­falls abzu­leh­nen. Sie lie­ße sich allen­falls mit den Erwä­gun­gen begrün­den, dass zum einen der Bear­bei­tungs­auf­wand für das Beschwer­de­ver­fah­ren regel­mä­ßig sehr viel nied­ri­ger als für das Bewil­li­gungs­ver­fah­ren ist, und zum ande­ren dem Kos­ten­in­ter­es­se der sozi­al schwa­chen Man­dan­ten Rech­nung zu tra­gen ist [8]. Dem hat der Gesetz­ge­ber jedoch bereits dadurch Rech­nung getra­gen, für das Beschwer­de­ver­fah­ren – im Gegen­satz zum Bewil­li­gungs­ver­fah­ren, des­sen Gebüh­ren schon im Inter­es­se der sozia­len Aus­ge­wo­gen­heit auf 1,0 Gebüh­ren gede­ckelt sind [9] – gene­rell nur 0,5 Gebüh­ren vor­zu­se­hen. Eine wei­te­re Redu­zie­rung ist nicht gebo­ten.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 30. Juni 2010 – 7 W 25/​10

  1. so auch VGH Mün­chen, NJW 2007, 861; OLG Frankfurt/​M., Jur­Bü­ro 1992, 98; BayOLG Jur­Bü­ro 1990, 1640; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 30.07.1980, Az. 14 W 15/​80; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze, 38. Aufl. 2008, Nr. 335 VV RVG, Rn. 18; Mül­ler-Rabe in: Gerold/​Schmidt, RVG, 18. Aufl. 2008, Rn. 77; Schneider/​Herget, Streit­wert­kom­men­tar, 12. Aufl. 2007, Rn. 4402 f.; Madert/​v. Selt­mann, Gegen­stands­wert in bür­ger­li­chen Rechts­an­ge­le­gen­hei­ten, 5. Aufl. 2008, Rn. 373 f.; a.A.: OLG Koblenz, Beschluss vom 30.03.1990, Az. 14 W 108/​90[]
  2. OLG Koblenz, Jur­Bü­ro 1991, 253[]
  3. vgl. Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze, 38. Aufl. 2008, Nr. 3335 VV RVG, Rn. 18[]
  4. vgl. Mül­ler-Rabe in: Gerold/​Schmidt, RVG, 18. Aufl. 2008, Nr. 3335 VV RVG, Rn. 74 f.[]
  5. BT-Drs. 15/​1971[]
  6. vgl. dazu nur die o. g. Ent­schei­dun­gen, die vor­wie­gend schon zu § 51 BRAGO ergan­gen sind[]
  7. in: Kos­ten­ge­set­ze, Nr. 3500 VV RVG, Rn. 5[]
  8. ähn­lich OLG Koblenz aaO[]
  9. so BT-Drs. 15/​1971, S. 218[]