Streit­wert­än­de­rung durch das Beru­fungs­ge­richt

Eine Abän­de­rung des Streit­wer­tes durch das Beru­fungs­ge­richt wird erst mit der Mit­tei­lung der Ent­schei­dung nach § 516 Abs. 3 ZPO unzu­läs­sig. Führt eine Ände­rung des Streit­werts zu einer rech­ne­ri­schen Unrich­tig­keit der durch die Beru­fungs­rück­nah­me rechts­kräf­tig gewor­de­nen und nicht nach § 319 ZPO ana­log kor­ri­gier­ba­ren erst­in­stanz­li­chen Kos­ten­grund­ent­schei­dung, ist dies hin­zu­neh­men. Dies gilt auch dann, wenn dies zu einer unbil­li­gen Kos­ten­be­las­tung einer Par­tei führt 1.

Streit­wert­än­de­rung durch das Beru­fungs­ge­richt

Die erfolg­te Rück­nah­me der Beru­fung steht einer Abän­de­rung des erst­in­stanz­li­chen Streit­werts nicht ent­ge­gen. Eine Abän­de­rung des Streit­wer­tes nach § 63 Abs. 3 Satz 1 GKG ist erst ab der Mit­tei­lung der Ent­schei­dung nach § 516 Abs. 3 ZPO unzu­läs­sig 2.

Dass eine ent­spre­chen­de Her­auf­set­zung des Streit­werts für die 1. Instanz zu einem ande­ren Gesamt­streit­wert und damit zu einer rech­ne­ri­schen Unrich­tig­keit der auf­grund der Beru­fungs­rück­nah­me rechts­kräf­ti­gen erst­in­stanz­li­chen Kos­ten­grund­ent­schei­dung führt, ist hin­zu­neh­men.

Einer rech­ne­ri­schen Unrich­tig­keit der rechts­kräf­ti­gen erst­in­stanz­li­chen Kos­ten­grund­ent­schei­dung kann nicht über eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 319 ZPO begeg­net wer­den 3. Denn für eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 319 ZPO fehlt es an einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke 4. Dar­aus, dass der Gesetz­ge­ber mit § 107 Abs. 1 Satz 1 ZPO für das Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren eine ent­spre­chen­de Anpas­sungs­mög­lich­keit bei einer nach­träg­li­chen Streit­wert­än­de­rung vor­sieht, kann zumin­dest nicht auf eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke geschlos­sen wer­den. Denn mit § 99 Abs. 1 ZPO hat der Gesetz­ge­ber eine iso­lier­te Anfech­tung der Kos­ten­grund­ent­schei­dung im Grund­satz sogar aus­ge­schlos­sen 5.

Eben­so ist hin­zu­neh­men, dass eine Erhö­hung des Streit­werts in ers­ter Instanz vor­lie­gend zu einer unbil­li­gen Kos­ten­be­las­tung der Klä­ge­rin führt.

Der Bun­des­ge­richt­hof und ande­re Ober­lan­des­ge­rich­te haben in Fäl­len, in denen eine Streit­wert­kor­rek­tur zu einer unbil­li­gen Kos­ten­be­las­tung geführt hät­te, von einer Streit­wert­kor­rek­tur aus die­sem Grund abge­se­hen 6. Der Bun­des­ge­richts­hof hat zudem dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das Gebüh­ren­in­ter­es­se der Staats­kas­se und der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten dem Inter­es­se der Par­tei­en an einer zutref­fen­den Kos­ten­ent­schei­dung nach­ran­gig sei 7.

Gleich­wohl sieht sich das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart auch im vor­lie­gen­den Fall zu einer Streit­wert­kor­rek­tur für die 1. Instanz ver­an­lasst:

Denn die vor­ste­hen­den Bil­lig­keits­er­wä­gun­gen wür­den bei einer Viel­zahl von Streit­wert­be­schwer­den zum Tra­gen kom­men, die in Recht­strei­tig­kei­ten erho­ben wer­den, in denen eine am Streit­wert ori­en­tier­te Kos­ten­grund­ent­schei­dung nach Quo­ten ergan­gen ist. Je nach Umfang der Abän­de­rung des Streit­wer­tes könn­te dies zu einer als mög­li­cher­wei­se unbil­lig anzu­se­hen­den Kos­ten­be­las­tung einer Par­tei füh­ren.

Da sich die­se Pro­ble­ma­tik nicht nur auf eini­ge weni­ge Fäl­le beschrän­ken wür­de, wür­de für die Streit­wert­be­schwer­de hier­durch von der Recht­spre­chung eine Hür­de geschaf­fen wer­den, die der Gesetz­ge­ber so nicht vor­ge­se­hen hat.

Die vom Bun­des­ge­richts­hof in sei­ner Ent­schei­dung aus dem Jahr 1977 ange­nom­me­ne Nach­ran­gig­keit des Gebüh­ren­in­ter­es­ses 8 lässt sich den gesetz­li­chen Rege­lun­gen nicht ent­neh­men. Viel­mehr ist die Streit­wert­fest­set­zung unter gerin­ge­ren Vor­aus­set­zun­gen anfecht­bar (u.a. einer län­ge­ren Anfech­tungs­frist) als die Kos­ten­grund­ent­schei­dung, die meist nur zusam­men mit der Haupt­sa­che (§ 99 Abs. 1 ZPO) ange­foch­ten wer­den kann.

Da der Gesetz­ge­ber in Kennt­nis der Pro­ble­ma­tik, dass eine nach­träg­li­che Streit­wert­än­de­rung zu einer Unrich­tig­keit einer bereits rechts­kräf­ti­gen Kos­ten­grund­ent­schei­dung füh­ren kann, auch bei der Neu­ko­di­fi­zie­rung des GKG kei­nen Hand­lungs­be­darf gese­hen hat, kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass der Gesetz­ge­ber wei­ter­hin an der Mög­lich­keit der Streit­wert­kor­rek­tur auch noch nach Rechts­kraft eines Urteils fest­hal­ten woll­te, ohne dass er es für erfor­der­lich erach­tet hat, für die­sen Fall gleich­zei­tig eine Berich­ti­gungs­mög­lich­keit vor­zu­se­hen 9.

Zudem hat der Bun­des­ge­richts­hof 2008 selbst aus­ge­führt, dass der mit die­sem Ergeb­nis ver­bun­de­ne Wer­tungs­wi­der­spruch zwi­schen der Abän­der­bar­keit des Streit­werts und der man­geln­den Mög­lich­keit, die Kos­ten­grund­ent­schei­dung dem geän­der­ten Streit­wert anzu­pas­sen, nur durch ein Ein­grei­fen des Gesetz­ge­bers, dem die Pro­ble­ma­tik seit lan­gem bekannt sei, besei­tigt wer­den kön­ne 10.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 15. Sep­tem­ber 2014 – 10 U 18/​14

  1. ent­ge­gen BGH MDR 1977, 925[]
  2. vgl. Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze, 44. Aufl.2014, § 63 GKG Rn. 51[]
  3. so aber Dörn­dor­fer in Binz/​Dörndorfer/​Petzold/​Zimmermann, GKG, FamG­KG, JEVG, 3. Aufl.2013, § 63 Rn. 12 a. E.; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze, 44. Aufl.2014, § 63 Rn. 40; OVG Müns­ter, Beschluss vom 12.09.2006 – 13 A 3656/​04, NVwZ-RR 2007, 213; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 03.02.1992 – 19 U 16/​91, NJW-RR 1992, 1407[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 30.07.2008 – II ZB 40/​07, MDR 2008, 1292, 1293; OLG Stutt­gart, Beschluss vom 20.02.2001 – 20 W 31/​00, MDR 2001, 892, 893[]
  5. vgl. auch BGH, Beschluss vom 30.07.2008 – II ZB 40/​07, MDR 2008, 1292, 1293[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 31.08.2000 – XII ZR 103/​98; BGH, Beschluss vom 30.06.1977 – VIII ZR 111/​76, MDR 1977, 925; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 10.06.1992 – 9 W 52/​92, NJW-RR 1992, 1532, 1533[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 30.06.1977 – VII ZR 111/​76, MDR 1977, 925[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 30.06.1977 a. a. O.[]
  9. vgl. OLG Köln, Beschluss vom 09.02.2006 – 12 UF 70/​05, Fam­RZ 2007, 163 – 165[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 30.07.2008 – II ZB 40/​07, MDR 2008, 1292, 1293[]