Sui­zid­ge­fahr – und der Zuschlags­be­schluss in der Zwangs­ver­stei­ge­rung

Ist einer Beschwer­de gegen den Zuschlags­be­schluss nach § 100 Abs. 3 i.V.m. § 83 Nr. 6 ZVG statt­zu­ge­ben, wenn wegen eines Voll­stre­ckungs­schutz­an­trags des Schuld­ners nach § 765a ZPO bereits der Zuschlag wegen einer mit dem Eigen­tums­ver­lust ver­bun­de­nen kon­kre­ten Gefahr für das Leben des Schuld­ners oder eines nahen Ange­hö­ri­gen nicht hät­te erteilt wer­den dür­fen 1.

Sui­zid­ge­fahr – und der Zuschlags­be­schluss in der Zwangs­ver­stei­ge­rung

Hier­zu ist eine mit Tat­sa­chen unter­mau­er­te Pro­gno­se­ent­schei­dung zu tref­fen 2.

Aller­dings ist der Zuschlag nicht ohne wei­te­res zu ver­sa­gen und die Zwangs­ver­stei­ge­rung (einst­wei­len) ein­zu­stel­len, wenn eine sol­che kon­kre­te Gefahr für Leben und Gesund­heit des Schuld­ners mit der Zwangs­voll­stre­ckung ver­bun­den ist. Erfor­der­lich ist viel­mehr, das in sol­chen Fäl­len ganz beson­ders gewich­ti­ge Inter­es­se der von der Voll­stre­ckung Betrof­fe­nen (Lebens­schutz, Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG) gegen das Voll­stre­ckungs­in­ter­es­se des Gläu­bi­gers (Gläu­bi­ger­schutz, Art. 14 GG; wirk­sa­mer Rechts­schutz, Art.19 Abs. 4 GG) abzu­wä­gen. Es ist daher sorg­fäl­tig zu prü­fen, ob der Gefahr der Selbst­tö­tung nicht auf ande­re Wei­se als durch Ein­stel­lung der Zwangs­voll­stre­ckung wirk­sam begeg­net wer­den kann 3. Mit Blick auf die Inter­es­sen des Erste­hers gilt nichts ande­res 4.

Mög­li­che Maß­nah­men betref­fen die Art und Wei­se, wie die Zwangs­voll­stre­ckung durch­ge­führt wird, die Inge­wahrs­am­nah­me des sui­zid­ge­fähr­de­ten Schuld­ners nach poli­zei­recht­li­chen Vor­schrif­ten oder des­sen Unter­brin­gung nach den ein­schlä­gi­gen Lan­des­ge­set­zen sowie die betreu­ungs­recht­li­che Unter­brin­gung (§ 1906 BGB). Kann der Sui­zid­ge­fahr des Schuld­ners auf die­se Wei­se ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den, schei­det die Ein­stel­lung aus. Der Ver­weis auf die für den Lebens­schutz pri­mär zustän­di­gen Behör­den und Gerich­te ist ver­fas­sungs­recht­lich aller­dings nur trag­fä­hig, wenn die­se ent­we­der Maß­nah­men zum Schutz des Lebens des Schuld­ners getrof­fen oder aber eine erheb­li­che Sui­zid­ge­fahr gera­de für das die­se Gefahr aus­lö­sen­den Moment (Rechts­kraft des Zuschlags­be­schlus­ses oder Räu­mung) nach sorg­fäl­ti­ger Prü­fung abschlie­ßend ver­neint haben 5. Hat die Ord­nungs­be­hör­de Maß­nah­men ergrif­fen, kann das Voll­stre­ckungs­ge­richt davon aus­ge­hen, dass die­se aus­rei­chen; flan­kie­ren­de Maß­nah­men hat es nur zu erwä­gen, wenn es kon­kre­te Anhalts­punk­te dafür hat, dass die von der Behör­de ergrif­fe­nen Maß­nah­men nicht aus­rei­chen, oder wenn sich kon­kre­te neue Gesichts­punk­te erge­ben, die die Lage ent­schei­dend ver­än­dern 6.

Steht indes­sen fest, dass der­ar­ti­ge Maß­nah­men nicht geeig­net sind, der mit der Fort­set­zung des Ver­fah­rens für den Schuld­ner ver­bun­de­nen Gefahr einer Selbst­tö­tung wirk­sam zu begeg­nen, oder führ­te die Anord­nung der Unter­brin­gung aller Vor­aus­sicht nach zu einer blo­ßen Ver­wah­rung auf Dau­er, so ist das Ver­fah­ren ein­zu­stel­len. Dabei ver­bie­tet das Inter­es­se des Gläu­bi­gers an der Fort­set­zung des Ver­fah­rens eine dau­er­haf­te Ein­stel­lung, weil die staat­li­che Auf­ga­be, das Leben des Schuld­ners zu schüt­zen, nicht auf unbe­grenz­te Zeit durch ein Voll­stre­ckungs­ver­bot gelöst wer­den kann 7.

Die Ein­stel­lung ist zu befris­ten und mit Auf­la­gen zu ver­se­hen, die das Ziel haben, die Gesund­heit des Schuld­ners wie­der­her­zu­stel­len. Das gilt auch dann, wenn die Aus­sich­ten auf eine Bes­se­rung des Gesund­heits­zu­stands des Schuld­ners gering sind. Die­sem ist es im Inter­es­se des Gläu­bi­gers näm­lich zuzu­mu­ten, auf die Ver­bes­se­rung sei­nes Gesund­heits­zu­stands hin zu arbei­ten und den Stand sei­ner Behand­lung regel­mä­ßig nach­zu­wei­sen 8. Nur in abso­lu­ten Aus­nah­me­fäl­len kann die Ein­stel­lung des Ver­fah­rens unbe­fris­tet 9 oder ohne der­ar­ti­ge Auf­la­gen erfol­gen.

Einen sol­chen Aus­nah­me­fall, in dem eine befris­te­te Ein­stel­lung ohne Auf­la­gen erfol­gen kann, sah der Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Fall:

Eine betreu­ungs­recht­li­che Unter­brin­gung schei­det der­zeit aus. Das sach­ver­stän­dig bera­te­ne Betreu­ungs­ge­richt hat eine Betreu­ung nicht ein­ge­rich­tet, weil der Schuld­ner dies ablehnt und auch in der Lage ist, einen frei­en Wil­len zu bil­den (vgl. § 1896 Abs. 1a BGB) 10.

Nicht zu bean­stan­den ist für den Bun­des­ge­richts­hof auch die wei­te­re Annah­me, wonach eine zeit­wei­li­ge Unter­brin­gung des Schuld­ners an der Sui­zid­ge­fahr nichts ändern wird. Dem Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten zufol­ge kann allen­falls eine lang­jäh­ri­ge Psy­cho­the­ra­pie zum Erfolg füh­ren, die aber eine – nicht vor­han­de­ne – Ein­sicht des Schuld­ners vor­aus­setzt. Der mit einer dau­er­haf­ten Unter­brin­gung ver­bun­de­ne Ein­griff in die von Art. 2 Abs. 2 GG geschütz­te Frei­heit des Schuld­ners wür­de durch das Voll­stre­ckungs­in­ter­es­se der Gläu­bi­ge­rin nicht gerecht­fer­tigt. Ohne­hin geht das Beschwer­de­ge­richt unter Bezug auf das Ergän­zungs­gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen vom 07.04.2014 davon aus, dass mit einer Unter­brin­gungs­dau­er von höchs­tens sechs Wochen zu rech­nen sei, weil sich der Schuld­ner der Maß­nah­me wider­set­zen wer­de. Dies ist nach­voll­zieh­bar, weil die Unter­brin­gung nach dem ein­schlä­gi­gen Lan­des­ge­setz unter ande­rem vor­aus­setzt, dass der Schuld­ner infol­ge sei­nes Geis­tes­zu­stands eine Gefahr für sich selbst dar­stellt (vgl. §§ 1, 10 hes­si­sches FrhEnt­zG), also an einer psy­chi­schen Erkran­kung lei­det; im Sin­ne des Unter­brin­gungs­rechts darf einer Per­sön­lich­keits­stö­rung erst ab einem erheb­li­chen Schwe­re­grad Krank­heits­wert bei­gemes­sen wer­den 11. Die­se Vor­aus­set­zung ver­neint das Beschwer­de­ge­richt im Anschluss an das Gut­ach­ten. Gleich­wohl sieht es nach dem Ende der Unter­brin­gung wei­ter die ernst­haf­te Gefahr eines – nicht krank­heits­be­ding­ten – "Bilanz­selbst­mords" als gege­ben an; inso­weit deckt sich sei­ne Ein­schät­zung mit der des Gut­ach­ters, der hier­aus ledig­lich ande­re recht­li­che Schluss­fol­ge­run­gen zieht und eine spä­te­re Selbst­tö­tung als Aus­druck frei­er Wil­lens­be­stim­mung ein­ord­net. In der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ist jedoch aner­kannt, dass auch eine nicht krank­heits­be­ding­te Sui­zid­ge­fähr­dung Anlass für die Ein­stel­lung des Ver­fah­rens geben kann 12.

Damit aber ver­bleibt im Ergeb­nis nur der vor­lie­gend beschrit­te­ne Weg, die Zwangs­voll­stre­ckung auf Zeit ein­zu­stel­len, um nach Ablauf die­ser Zeit zu über­prü­fen, ob und gege­be­nen­falls unter wel­chen Bedin­gun­gen der Voll­stre­ckung Fort­gang gege­ben wer­den kann 13. Dem Schuld­ner auf­zu­ge­ben, fort­wäh­rend an der Ver­bes­se­rung sei­ner see­li­schen Gesund­heit zu arbei­ten und dies lau­fend nach­zu­wei­sen, ist in dem vor­lie­gen­den Aus­nah­me­fall nicht sinn­voll. Auf­la­gen kön­nen nur dann gemacht wer­den, wenn eine Erfolgs­aus­sicht – sei sie auch noch so gering – besteht. Dar­an fehlt es hier; denn der Schuld­ner selbst hat kei­ne Krank­heits­ein­sicht und bei­de Gut­ach­ter hal­ten eine The­ra­pie gegen sei­nen Wil­len nicht für ange­zeigt.

Infol­ge­des­sen ist der Zuschlag zu Recht ver­sagt wor­den 14. Auch die Dau­er der Ein­stel­lung (hier: von einem Jahr) ist aus Rechts­grün­den nicht zu bean­stan­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Novem­ber 2014 – V ZB 99/​14

  1. st. Rspr., vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 17.08.2011 – V ZB 128/​11, NZM 2011, 786 Rn. 13; vom 07.10.2010 – V ZB 82/​10, NJW-RR 2011, 421 Rn. 16 jeweils mwN[]
  2. vgl. BVerfG, NJW-RR 2014, 584 Rn. 13; BGH, Beschluss vom 06.12 2012 – V ZB 80/​12, NZM 2013, 162 Rn. 11; vom 07.10.2010 – V ZB 82/​10, NJW-RR 2011, 421 Rn. 23; vom 30.09.2010 – V ZB 199/​09, ZfIR 2011, 29 Rn. 7 und 11; s. auch Schmidt-Räntsch, ZfIR 2011, 849, 851 f., jeweils mwN[]
  3. BGH, Beschluss vom 06.12 2007 – V ZB 67/​07, NJW 2008, 586 Rn. 8[]
  4. BGH, Beschluss vom 09.06.2011 – V ZB 319/​10, NJW 2011, 2807 Rn. 8 mwN[]
  5. BVerfG, NZM 2014, 701 Rn. 12; BGH, Beschluss vom 06.12 2012 – V ZB 80/​12, NZM 2013, 162 Rn. 12; Schmidt-Räntsch, ZfIR 2011, 849, 852 ff., jeweils mwN; zum Umgang mit einer "Blo­cka­de­si­tua­ti­on" zwi­schen Voll­stre­ckungs- und Betreu­ungs­ge­richt im Beschwer­de­ver­fah­ren BGH, Beschluss vom 15.07.2010 – V ZB 1/​10, NJW-RR 2010, 1649 Rn. 11 ff.[]
  6. BGH, Beschluss vom 09.06.2011 – V ZB 319/​10, NJW 2011, 2807 Rn. 9 ff.[]
  7. BGH, Beschluss vom 14.06.2007 – V ZB 28/​07, NJW 2007, 3719 Rn. 15[]
  8. BGH, Beschluss vom 06.12 2007 – V ZB 67/​07, NJW 2008, 586 Rn. 10; BGH, Beschlüs­se vom 09.10.2013 – I ZB 15/​13, NJW 2014, 2288 Rn. 24 ff.; und vom 14.01.2010 – I ZB 34/​09, WuM 2010, 250 Rn. 11[]
  9. vgl. BVerfGE 52, 214, 219 ff.; BVerfG, NJW 1998, 295, 296; NZM 2005, 657, 659; NZM 2014, 701 Rn. 11[]
  10. BGH, Beschluss vom 26.02.2014 – XII ZR 577/​13, NJW-RR 2014, 770 Rn. 10 ff. mwN[]
  11. BVerfGE 58, 208, 224 ff.; 66, 191, 195 f.[]
  12. BVerfG, NJW-RR 2001, 1523, 1524; BGH, Beschluss vom 16.12 2010 – V ZB 215/​09, NZM 2011, 166 Rn. 9[]
  13. vgl. BGH, Beschluss vom 09.10.2013 – I ZB 15/​13, NJW 2014, 2288 Rn. 24 ff.[]
  14. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 18.09.2008 – V ZB 22/​08, NJW 2009, 80 Rn. 7; vom 14.06.2007 – V ZB 28/​07, NJW 2007, 3719 Rn. 7[]