Tat­sa­che oder Mei­nung?

Die fal­sche Ein­ord­nung einer Äuße­rung als Tat­sa­che ver­kürzt den grund­recht­li­chen Schutz der Mei­nungs­frei­heit.

Tat­sa­che oder Mei­nung?

Hier­durch wird auch bei der zivil­recht­li­chen Vor­schrif­ten Bedeu­tung und Trag­wei­te des Grund­rechts der Mei­nungs­frei­heit aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG bereits inso­fern ver­kannt, als es in ver­fas­sungs­recht­lich nicht mehr trag­ba­rer Wei­se das Vor­lie­gen von unwah­ren Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen bejah­te.

Aus­le­gung und Anwen­dung der ein­schlä­gi­gen zivil­recht­li­chen Bestim­mun­gen ist Auf­ga­be der ordent­li­chen Gerich­te. Bei ihrer Ent­schei­dung haben sie jedoch dem Ein­fluss der Grund­rech­te auf die Vor­schrif­ten des Zivil­rechts Rech­nung zu tra­gen 1. Han­delt es sich um Geset­ze, die die Mei­nungs­frei­heit beschrän­ken, ist dabei nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts das ein­ge­schränk­te Grund­recht zu beach­ten, damit des­sen wert­set­zen­de Bedeu­tung auch auf der Rechts­an­wen­dungs­ebe­ne gewahrt bleibt 2. Ein Ver­stoß gegen Ver­fas­sungs­recht, den das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu kor­ri­gie­ren hat, liegt erst vor, wenn eine gericht­li­che Ent­schei­dung Aus­le­gungs­feh­ler erken­nen lässt, die auf einer grund­sätz­lich unrich­ti­gen Auf­fas­sung von der Bedeu­tung und Trag­wei­te eines Grund­rechts, ins­be­son­de­re vom Umfang sei­nes Schutz­be­reichs, beru­hen 3. Han­delt es sich um Ein­grif­fe in die Mei­nungs­frei­heit, kann dies aller­dings schon bei unzu­tref­fen­der Erfas­sung oder Wür­di­gung einer Äuße­rung der Fall sein 4. Bedeu­tung und Trag­wei­te der Mei­nungs­frei­heit sind fer­ner ver­kannt, wenn die Gerich­te eine Äuße­rung unzu­tref­fend als Tat­sa­chen­be­haup­tung, For­mal­be­lei­di­gung oder Schmäh­kri­tik ein­stu­fen mit der Fol­ge, dass sie dann nicht im sel­ben Maß am Schutz des Grund­rechts teil­nimmt wie Äuße­run­gen, die als Wert­ur­teil ohne belei­di­gen­den oder schmä­hen­den Cha­rak­ter anzu­se­hen sind 5.

Wäh­rend Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen durch die objek­ti­ve Bezie­hung zwi­schen der Äuße­rung und der Wirk­lich­keit geprägt wer­den und der Über­prü­fung mit Mit­teln des Bewei­ses zugäng­lich sind 6, han­delt es sich bei einer Mei­nung um eine Äuße­rung, die durch Ele­men­te der Stel­lung­nah­me und des Dafür­hal­tens geprägt ist 7. Bei der Fra­ge, ob eine Äuße­rung ihrem Schwer­punkt nach als Tat­sa­chen­be­haup­tung oder als Wert­ur­teil anzu­se­hen ist, kommt es ent­schei­dend auf den Gesamt­kon­text der frag­li­chen Äuße­rung an 8. Die Abgren­zung zwi­schen Wert­ur­tei­len und Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen kann im Ein­zel­fall schwie­rig sein, vor allem des­we­gen, weil die bei­den Äuße­rungs­for­men nicht sel­ten mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den und erst gemein­sam den Sinn einer Äuße­rung aus­ma­chen. In sol­chen Fäl­len ist der Begriff der Mei­nung im Inter­es­se eines wirk­sa­men Grund­rechts­schut­zes weit zu ver­ste­hen: Sofern eine Äuße­rung, in der Tat­sa­chen und Mei­nun­gen sich ver­men­gen, durch die Ele­men­te der Stel­lung­nah­me des Dafür­hal­tens oder Mei­nens geprägt sind, wird sie als Mei­nung von dem Grund­recht geschützt. Dies gilt ins­be­son­de­re dann, wenn eine Tren­nung der wer­ten­den und der tat­säch­li­chen Gehal­te, den Sinn der Äuße­rung auf­hö­be oder ver­fäl­sche. Wür­de in einem sol­chen Fall das tat­säch­li­che Ele­ment als aus­schlag­ge­bend ange­se­hen, so könn­te der grund­recht­li­che Schutz der Mei­nungs­frei­heit wesent­lich ver­kürzt wer­den 9. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, des­sen Recht­spre­chung auf der Ebe­ne des Ver­fas­sungs­rechts als Aus­le­gungs­hil­fe für die Bestim­mung von Inhalt und Reich­wei­te von Grund­rech­ten dient 10, hat hier­zu fest­ge­stellt, dass eine Unter­schei­dung zwi­schen Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen und Wert­ur­tei­len schwie­rig ist, wenn es sich um Behaup­tun­gen über Beweg­grün­de für das Ver­hal­ten eines Drit­ten han­delt. Bei Schluss­fol­ge­run­gen über Beweg­grün­de oder etwai­ge Absich­ten Drit­ter han­de­le es sich eher um Wert­ur­tei­le als um dem Beweis zugäng­li­che Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, wobei es auch für eine einem Wert­ur­teil gleich­kom­men­de Erklä­rung eine aus­rei­chen­de Tat­sa­chen­grund­la­ge geben müs­se 11.

Bereits die unzu­tref­fen­de Ein­ord­nung der Äuße­rung als unwah­re Tat­sa­chen­be­haup­tung ver­letzt die Mei­nungs­frei­heit aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG, wenn das Gericht davon aus­geht, dass der Schutz­be­reich der Mei­nungs­frei­heit nicht betrof­fen ist und des­halb auf die ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne Abwä­gung 12 zwi­schen der Mei­nungs­frei­heit der Beschwer­de­füh­re­rin und dem all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­recht des Klä­ger bei der Fest­stel­lung der Per­sön­lich­keits­rechts­ver­let­zung ver­zich­te­te.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 4. August 2016 – 1 BvR 2619/​13

  1. vgl. BVerfGE 7, 198, 208; 85, 1, 13; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 7, 198, 208 f.[]
  3. vgl. BVerfGE 18, 85, 93; 42, 143, 149; 85, 1, 13[]
  4. BVerfGE 85, 1, 13[]
  5. BVerfGE 85, 1, 14 m.w.N[]
  6. vgl. BVerfGE 90, 241, 247; 94, 1, 8[]
  7. vgl. BVerfGE 7, 198, 210; 61, 1, 8; 90, 241, 247; 124, 300, 320[]
  8. vgl. BVerfGE 93, 266, 295; BVerfG, Beschluss vom 24.07.2013 – 1 BvR 444/​13 und 1 BvR 527/​13, ZUM 2013, S. 793, 795[]
  9. vgl. BVerfGE 61, 1, 8 f.; 85, 1, 16; 90, 241, 248; BVerfG, Beschluss vom 24.07.2013 – 1 BvR 444/​13 und 1 BvR 527/​13, ZUM 2013, S. 793, 795[]
  10. vgl. BVerfG 120, 180, 200[]
  11. vgl. EGMR, Axel Sprin­ger AG v. Deutsch­land (Nr. 2), Urteil vom 10.07.2014 Nr. 48311/​10, §§ 63 – 64[]
  12. vgl. BVerfGE 85, 1, 16; 99, 185, 196[]