Tat­sa­chen­fest­stel­lung durch das Beru­fungs­ge­richt

Mit den Vor­aus­set­zun­gen einer Tat­sa­chen­fest­stel­lung durch das Beru­fungs­ge­richt hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Tat­sa­chen­fest­stel­lung durch das Beru­fungs­ge­richt

Nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO ist das Beru­fungs­ge­richt an die vom Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen gebun­den, soweit nicht kon­kre­te Anhalts­punk­te Zwei­fel an der Rich­tig­keit oder Voll­stän­dig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fest­stel­lun­gen begrün­den und des­halb eine erneu­te Fest­stel­lung gebie­ten. Kon­kre­te Anhalts­punk­te, wel­che die Bin­dung des Beru­fungs­ge­richts an die vor­in­stanz­li­chen Fest­stel­lun­gen ent­fal­len las­sen, kön­nen sich ins­be­son­de­re aus Ver­fah­rens­feh­lern erge­ben, die dem Ein­gangs­ge­richt bei der Fest­stel­lung des Sach­ver­halts unter­lau­fen sind 1. Zwei­fel im Sin­ne der Rege­lung in § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO lie­gen schon dann vor, wenn aus der für das Beru­fungs­ge­richt gebo­te­nen Sicht eine gewis­se – nicht not­wen­dig über­wie­gen­de – Wahr­schein­lich­keit dafür besteht, dass im Fall der Beweis­erhe­bung die erst­in­stanz­li­che Fest­stel­lung kei­nen Bestand haben wird, sich also deren Unrich­tig­keit her­aus­stellt 2. Ist dies der Fall, obliegt dem Beru­fungs­ge­richt nach Maß­ga­be des § 529 Abs. 1 Nr. 1 Halbs. 2 ZPO die Kon­trol­le der tat­säch­li­chen Ent­schei­dungs­grund­la­ge des erst­in­stanz­li­chen Urteils im Fall eines zuläs­si­gen Rechts­mit­tels, wie es im Streit­fall zwei­fel­los gege­ben ist, unge­ach­tet einer ent­spre­chen­den Beru­fungs­rü­ge 3

Die Beweis­kraft des Pro­to­kolls erstreckt sich gemäß § 165 ZPO nicht auf den Inhalt von Par­tei- und Zeu­gen­aus­sa­gen 4. Aller­dings genießt das Pro­to­koll die all­ge­mei­ne Beweis­kraft einer öffent­li­chen Urkun­de (§ 415 ZPO). Der Wider­spruch zwi­schen dem im Pro­to­koll nie­der­ge­leg­ten Inhalt der Beweis­auf­nah­me und der Beweis­wür­di­gung des erst­in­stanz­li­chen Land­ge­richts muss­te danach Zwei­fel an der Rich­tig­keit der getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen begrün­den, die das Beru­fungs­ge­richt hät­te aus­räu­men müs­sen.

Zwei­fel an der Rich­tig­keit der Fest­stel­lun­gen des Ein­gangs­ge­richts waren außer­dem auf­grund der von der Beklag­ten in der Beru­fungs­be­grün­dung vor­ge­brach­ten Beden­ken gegen die Glaub­wür­dig­keit des Zeu­gen S. gege­ben. Die Beklag­te hat mit der Beru­fung gel­tend gemacht, der Zeu­ge S. sei unglaub­wür­dig, da er sei­ne Aus­sa­ge auf die für eine Ver­ur­tei­lung wich­ti­ge Aus­sa­ge beschränkt habe, dass eine jeder­zei­ti­ge Rück­zah­lung mög­lich sei. Das Land­ge­richt bil­de­te sich sei­ne Über­zeu­gung auf­grund der "glaub­haf­ten Bekun­dun­gen des Zeu­gen S.". Her­kömm­lich wer­den bei der Beur­tei­lung von Zeu­gen­aus­sa­gen die Begrif­fe "Glaub­haf­tig­keit der Aus­sa­ge" und "Glaub­wür­dig­keit des Zeu­gen" unter­schie­den. Es besteht Einig­keit dar­über, den Begriff "Glaub­haf­tig­keit" auf die Sach­dar­stel­lung und den Begriff "Glaub­wür­dig­keit" auf die Per­sön­lich­keit des Zeu­gen zu bezie­hen 5. Auf Dar­le­gun­gen zur Glaub­wür­dig­keit des Zeu­gen S. hat das Land­ge­richt ver­zich­tet. Schon danach hät­te das Beru­fungs­ge­richt Ver­an­las­sung gehabt, den Zeu­gen S. erneut zu ver­neh­men 6. Hat die ers­te Instanz von der Wür­di­gung der von ihr ver­nom­me­nen Zeu­gen­aus­sa­gen und der Erör­te­rung der Glaub­wür­dig­keit der Zeu­gen ganz abge­se­hen, muss eine Wie­der­ho­lung der Beweis­auf­nah­me erfol­gen, wenn es für die Glaub­wür­dig­keit der Zeu­gen auf deren per­sön­li­chen Ein­druck ankommt und die­se sich nicht aus dem Ver­neh­mungs­pro­to­koll ergibt und auch nicht sonst in die Ver­hand­lung ein­ge­führt wor­den ist 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. Juni 2014 – VI ZR 394/​13

  1. vgl. BGH, Urteil vom 08.06.2004 – VI ZR 230/​03, BGHZ 159, 254, 258 f. und BGH, Urteil vom 12.03.2004 – V ZR 257/​03, BGHZ 158, 269, 272; Begrün­dung zum Regie­rungs­ent­wurf eines Geset­zes zur Reform des Zivil­pro­zes­ses, BT-Drs. 14/​4722, S. 100; Rim­mels­pa­cher, NJW 2002, 1897, 1901; Stack­mann, NJW 2003, 169, 171[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 15.07.2003 – VI ZR 361/​02, NJW 2003, 3480, 3481; Begrün­dung des Rechts­aus­schus­ses, BT-Drs. 14/​6036, S. 124[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 12.03.2004 – V ZR 257/​03, BGHZ 158, 269, 278 f.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 08.12 1993 – XII ZR 133/​92, Fam­RZ 1994, 300, 302; Urteil vom 14.10.1981 – IVa ZR 152/​80, NJW 1982, 1052, 1053 mwN[]
  5. Schnei­der, Beweis und Beweis­wür­di­gung, 5. Aufl. Rn. 905; Rei­ne­cke, MDR 1986, 630, 632, 635; BGH, Urteil vom 13.03.1991 – IV ZR 74/​90, NJW 1991, 3284[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 16.12 1999 – III ZR 295/​98, VersR 2000, 227, 228; Musielak/​Ball, aaO, § 529 Rn. 16[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 16.12 1999 – III ZR 295/​98 aaO[]