Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen, neu­er Par­tei­vor­trag – und die Prü­fungs­kom­pe­tenz des Beru­fungs­ge­richts

Die Prü­fungs­kom­pe­tenz des Beru­fungs­ge­richts hin­sicht­lich der erst­in­stanz­li­chen Tat­sa­chen­fest­stel­lung ist nicht auf Ver­fah­rens­feh­ler und damit auf den Umfang beschränkt, in dem eine zweit­in­stanz­li­che Tat­sa­chen­fest­stel­lung der Kon­trol­le durch das Revi­si­ons­ge­richt unter­liegt [1].

Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen, neu­er Par­tei­vor­trag – und die Prü­fungs­kom­pe­tenz des Beru­fungs­ge­richts

Bei der Beru­fungs­in­stanz han­delt es sich auch nach Inkraft­tre­ten des Zivil­pro­zess­re­form­ge­set­zes um eine zwei­te – wenn auch ein­ge­schränk­te – Tat­sa­chen­in­stanz, deren Auf­ga­be in der Gewin­nung einer "feh­ler­frei­en und über­zeu­gen­den" und damit "rich­ti­gen" Ent­schei­dung des Ein­zel­fal­les, besteht [2].

Aus der in § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO vor­ge­se­he­nen grund­sätz­li­chen Bin­dung des Beru­fungs­ge­richts an die erst­in­stanz­li­chen Fest­stel­lun­gen lässt sich daher nicht ablei­ten, dass die Über­zeu­gungs­bil­dung des Erst­ge­richts – anders als es im Hin­weis­be­schluss des Beru­fungs­ge­richts vom 10.06.2015 und auch im Zurück­wei­sungs­be­schluss anklingt – nur auf Rechts­feh­ler über­prüft wird. Viel­mehr kön­nen sich – die Bin­dungs­wir­kung des § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO auf­he­ben­de – Zwei­fel an der Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der erst­in­stanz­li­chen Fest­stel­lun­gen auch aus der Mög­lich­keit unter­schied­li­cher Wer­tun­gen, also ins­be­son­de­re dar­aus erge­ben, dass das Beru­fungs­ge­richt das Ergeb­nis einer erst­in­stanz­li­chen Beweis­auf­nah­me auf­grund kon­kre­ter Anhalts­punk­te anders wür­digt als die Vor­in­stanz [3].

Ein erst in zwei­ter Instanz erfolg­tes Vor­brin­gen ist nicht neu im Sin­ne von § 531 Abs. 2 ZPO, wenn ein bereits schlüs­si­ges Vor­brin­gen aus ers­ter Instanz durch wei­te­re Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen zusätz­lich kon­kre­ti­siert, ver­deut­licht oder erläu­tert wird [4].

Dar­über hin­aus ist ein erst­mals in der Beru­fungs­in­stanz vor­ge­brach­tes unstrei­ti­ges Vor­brin­gen unab­hän­gig von den Vor­aus­set­zun­gen des § 531 Abs. 2 ZPO zu berück­sich­ti­gen [5].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Mai 2016 – VIII ZR 214/​15

  1. BGH, Urteil vom 09.03.2005 – VIII ZR 266/​03, BGHZ 162, 313, 315 f.; Beschluss vom 22.12 2015 – VI ZR 67/​15, NJW 2016, 713 Rn. 7[]
  2. BGH, Urteil vom 09.03.2004 – VIII ZR 266/​03, aaO, S. 316; Beschluss vom 22.12 2015 – VI ZR 67/​15, aaO mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 09.03.2005 – VIII ZR 266/​03, aaO, S. 316 f. mwN[]
  4. BGH, Urtei­le vom 18.10.2005 – VI ZR 270/​04, BGHZ 164, 330, 333; vom 21.12 2011 – VIII ZR 166/​11, NJW-RR 2012, 341 Rn. 15; vom 19.02.2016 – V ZR 216/​14 27; jeweils mwN; Beschlüs­se vom 21.12 2006 – VII ZR 279/​05, NJW 2007, 1531 Rn. 7; vom 06.05.2015 – VII ZR 53/​13, NJW-RR 2015, 1109 Rn. 11; vom 25.10.2011 – VIII ZR 125/​11, NJW 2012, 382 Rn.20 f.[]
  5. BGH, Urtei­le vom 20.05.2009 – VIII ZR 247/​06, NJW 2009, 2532 Rn. 15; vom 18.11.2004 – IX ZR 229/​03, BGHZ 161, 138, 141 ff.; Beschlüs­se vom 23.06.2008 – GSZ 1/​08, BGHZ 177, 212 Rn. 10; vom 27.10.2015 – VIII ZR 288/​14, WuM 2016, 98 Rn. 11[]