Teil­ei­gen­tum an einem Grund­stück in der Insol­venz­mas­se

Der Insol­venz­ver­wal­ter kann aus sei­nem Ver­wer­tungs­recht nach § 165 InsO an einem Mit­ei­gen­tums­an­teil nicht die Zwangs­ver­stei­ge­rung des gesam­ten Grund­stücks nach §§ 172 ff. ZVG betrei­ben. In der Tei­lungs­ver­stei­ge­rung nach §§ 180 ff. ZVG sind die nur für die Insol­venz­ver­wal­ter­voll­stre­ckung gel­ten­den Vor­schrif­ten über die abwei­chen­de Fest­stel­lung des gerings­ten Gebots nach §§ 174, 174a ZVG nicht anzu­wen­den.

Teil­ei­gen­tum an einem Grund­stück in der Insol­venz­mas­se

Der Insol­venz­ver­wal­ter kann nach § 165 InsO die Zwangs­ver­stei­ge­rung eines unbe­weg­li­chen Gegen­stands der Insol­venz­mas­se betrei­ben und gemäß § 172 ZVG aus eige­nem Recht – ohne einen Voll­stre­ckungs­ti­tel – die Zwangs­ver­stei­ge­rung bean­tra­gen 1.

Der Insol­venz­ver­wal­ter kann aus sei­nem Ver­wer­tungs­recht nach § 165 InsO an einem Mit­ei­gen­tums­an­teil jedoch nicht die Zwangs­ver­stei­ge­rung des gesam­ten Grund­stücks nach §§ 172 ff. ZVG betrei­ben.

Das Recht des Ver­wal­ters, über unbe­weg­li­che Gegen­stän­de nicht nur frei­hän­dig, son­dern auch im Wege einer Zwangs­ver­stei­ge­rung zu ver­fü­gen, ist auf die Insol­venz­mas­se (§ 35 InsO) beschränkt. Gehört das Grund­stück nicht ins­ge­samt, son­dern nur ein Mit­ei­gen­tums­an­teil dar­an zur Insol­venz­mas­se, so kann der Insol­venz­ver­wal­ter aus sei­nem Ver­wer­tungs­recht über das zur Insol­venz­mas­se gehö­ren­de unbe­weg­li­che Ver­mö­gen nach § 165 InsO i.V.m. § 172 ZVG auch nur die Zwangs­ver­stei­ge­rung des Mit­ei­gen­tums­an­teils betrei­ben.

Der Insol­venz­ver­wal­ter kann fer­ner in Aus­übung des dem Schuld­ner zuste­hen­den Anspruchs auf Auf­he­bung der Gemein­schaft nach § 749 Abs. 1 BGB gemäß § 753 Abs. 1 BGB i.V.m. §§ 180, 181 ZVG die Tei­lungs­ver­stei­ge­rung durch­füh­ren las­sen 2.

Eine dar­über hin­aus­ge­hen­de Befug­nis für den Insol­venz­ver­wal­ter, die Ver­stei­ge­rung des gesam­ten Grund­stücks unter Ein­schluss des schuld­ner­frem­den Mit­ei­gen­tums­an­teils nach den Vor­schrif­ten über die Insol­venz­ver­wal­ter­ver­stei­ge­rung (§§ 172 ff. ZVG) zu betrei­ben, sieht das Gesetz dage­gen nicht vor. Dem steht bereits ent­ge­gen, dass nach § 84 Abs. 1 Satz 1 InsO die Tei­lung einer zwi­schen dem Schuld­ner und einem Drit­ten bestehen­den Bruch­teils­ge­mein­schaft nach §§ 741 ff. BGB außer­halb des Insol­venz­ver­fah­rens erfolgt.

Die­se Vor­schrift knüpft dar­an an, dass das Insol­venz­ver­fah­ren nur das Ver­mö­gen des Schuld­ners (ein­schließ­lich eines Neu­erwerbs nach § 35 InsO) erfasst, der Anteil des Drit­ten an dem gemein­schaft­li­chen Gegen­stand dage­gen der Aus­son­de­rung nach § 47 InsO unter­liegt 3. Da über das Grund­stück ins­ge­samt nach § 747 Satz 2 BGB nur die Teil­ha­ber gemein­schaft­lich ver­fü­gen kön­nen 4, ist der Insol­venz­ver­wal­ter ohne die Zustim­mung eines aus­son­de­rungs­be­rech­tig­ten Mit­ei­gen­tü­mers zu einer sol­chen Ver­fü­gung auch nicht befugt 5.

Aus der klar­stel­len­den Bestim­mung in § 84 Abs. 1 Satz 1 InsO folgt, dass zwi­schen dem Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen des Schuld­ners und dem Ver­fah­ren zur Aus­ein­an­der­set­zung der Gemein­schaft unter­schie­den wer­den muss 6. Ent­spre­chen­des gilt für die die­sen Zwe­cken die­nen­den Ver­fah­ren der Insol­venz­ver­wal­ter­ver­stei­ge­rung nach §§ 172 ff. ZVG und der Tei­lungs­ver­stei­ge­rung nach §§ 180 ff. ZVG 7.

Eine Tei­lungs­ver­stei­ge­rung, die der Insol­venz­ver­wal­ter in Aus­übung der ihm nach § 80 Abs. 1 InsO zuste­hen­den Befug­nis­se des Schuld­ners als Mit­ei­gen­tü­mer betrei­ben kann, ist allein nach den für sie gel­ten­den Bestim­mun­gen durch­zu­füh­ren. Das gerings­te Gebot ist nach § 182 ZVG fest­zu­stel­len. In der Tei­lungs­ver­stei­ge­rung nach §§ 180 ff. ZVG sind die nur für die Insol­venz­ver­wal­ter­voll­stre­ckung gel­ten­den Vor­schrif­ten über die abwei­chen­de Fest­stel­lung des gerings­ten Gebots nach §§ 174, 174a ZVG nicht anzu­wen­den 8. Die den Mit­ei­gen­tums­an­teil des Schuld­ners mit­be­las­ten­den ding­li­chen Rech­te wären danach als nach § 52 Abs. 1 Satz 1 ZVG bestehen blei­ben­de Rech­te in das gerings­te Gebot auf­zu­neh­men 9. Eine von dem Betei­lig­ten zu 1 betrie­be­ne Tei­lungs­ver­stei­ge­rung nach §§ 180 ff. ZVG hät­te daher zur Fol­ge, dass der ein­ge­tra­ge­ne Nieß­brauch bestehen blie­be. Da dies von dem Betei­lig­ten zu 1 aus­drück­lich nicht gewollt ist, hat das Beschwer­de­ge­richt den Antrag zutref­fend dahin aus­ge­legt, dass kei­ne Tei­lungs­ver­stei­ge­rung bean­tragt wor­den ist. Die Rechts­be­schwer­de erhebt inso­weit kei­ne Ein­wen­dun­gen.

Ein Ver­wer­tungs­recht des Insol­venz­ver­wal­ters über das gesam­te Grund­stück lässt sich auch nicht aus § 174a ZVG her­lei­ten. Die Vor­schrift über die abwei­chen­de Fest­stel­lung eines gerings­ten Gebots, bei dem nur die den Ansprü­chen des Insol­venz­ver­wal­ters nach § 10 Abs. 1 Nr. 1a ZVG vor­ge­hen­den Rech­te berück­sich­tigt wer­den, gibt dem Insol­venz­ver­wal­ter nicht das Recht, ein Grund­stück unter Ein­schluss eines nicht zur Mas­se gehö­ren­den Mit­ei­gen­tums­an­teils zur Ver­stei­ge­rung zu brin­gen, um so den zur Insol­venz­mas­se gehö­ren­den Mit­ei­gen­tums­an­teil auch dann ver­wer­ten zu kön­nen, wenn sich andern­falls kein Bie­ter fän­de. Der Ansicht der Rechts­be­schwer­de, dass sich aus Sinn und Zweck der Norm etwas ande­res erge­be, kann nicht bei­getre­ten wer­den.

Rich­tig ist allein der Aus­gangs­punkt ihrer Erwä­gun­gen, dass § 174a ZVG es dem Insol­venz­ver­wal­ter ermög­li­chen soll, auch hoch belas­te­te Grund­stü­cke zur Ver­stei­ge­rung zu brin­gen 10. Dies wird dadurch ver­wirk­licht, dass der Insol­venz­ver­wal­ter bei Aus­übung des Rechts nach § 174a ZVG die Stel­lung eines bestran­gi­gen Gläu­bi­gers erhält 11, mit der Fol­ge, dass bei einem Zuschlag auf ein nach § 174a ZVG abge­ge­be­nes Meist­ge­bot alle ding­li­chen Rech­te am Grund­stück erlö­schen 12.

Die Rechts­be­schwer­de zieht dar­aus jedoch zu Unrecht den Schluss, dass es einem Insol­venz­ver­wal­ter all­ge­mein mög­lich sein soll, im Inter­es­se der Insol­venz­gläu­bi­ger eine Ver­stei­ge­rung durch­füh­ren zu las­sen, bei der die ding­li­chen Rech­te am Grund­stück – wegen der mit der Fest­stel­lung eines gerings­ten Gebots nach § 174a ZVG ver­bun­de­nen Ein­schrän­kung des Deckungs- und Über­nah­me­grund­sat­zes 13 – erlö­schen. Dem steht bereits ent­ge­gen, dass das Recht des Insol­venz­ver­wal­ters, ein Aus­ge­bot nach § 174a ZVG zu ver­lan­gen, vor­aus­setzt, dass die Ver­stei­ge­rung mit­haf­ten­de beweg­li­che Gegen­stän­de erfasst und daher ein zur Insol­venz­mas­se gehö­ren­der Anspruch nach § 10 Abs. 1 Nr. 1a ZVG auf Ersatz der Kos­ten der Fest­stel­lung der beweg­li­chen Gegen­stän­de, auf die sich die Ver­stei­ge­rung erstreckt, begrün­det ist 14. Der Insol­venz­ver­wal­ter muss – wie ein Gläu­bi­ger, der die Fest­stel­lung eines abwei­chen­den gerings­ten Gebots nach § 174 ZVG bean­tragt – ein Recht auf Befrie­di­gung wegen die­ses Anspruchs aus dem zu ver­stei­gern­den Grund­stück haben 15. Sinn und Zweck der Mög­lich­keit zur Fest­stel­lung eines gerings­ten Gebots nach § 174a ZVG ist es mit­hin, dem Insol­venz­ver­wal­ter die Durch­füh­rung einer Ver­stei­ge­rung zu ermög­li­chen, die des­sen Anspruch auf Ersatz der Fest­stel­lungs­kos­ten aus der Insol­venz­mas­se gewähr­leis­tet 16. Die Inha­ber der von einem Erlö­schen bedroh­ten Rech­te kön­nen den Ver­lust ihrer Rech­te durch Ablö­sung des Anspruchs des Insol­venz­ver­wal­ters ent­spre­chend § 268 BGB ver­mei­den 17.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist für eine sinn­ge­mä­ße Anwen­dung des § 174a ZVG von vor­ne­her­ein kein Raum, wenn Ansprü­che des Insol­venz­ver­wal­ters auf Ersatz der Fest­stel­lungs­kos­ten über­haupt nicht in Betracht kom­men. So ist es jedoch, wenn der Gegen­stand der Ver­stei­ge­rung nicht zur Insol­venz­mas­se gehört und es daher an dem Ver­wer­tungs­recht des Insol­venz­ver­wal­ters nach § 165 InsO über­haupt fehlt, an das des­sen Ansprü­che auf Ersatz sei­ner Kos­ten anknüp­fen 18. Eine Vor­schrift, wel­che Kos­ten­er­stat­tungs­an­sprü­che des Insol­venz­ver­wal­ters aus der Aus­übung sei­ner auf die Insol­venz­mas­se bezo­ge­ner Rech­te im Ver­stei­ge­rungs­ver­fah­ren sichern soll, kann nach ihrem Sinn und Zweck nicht Grund­la­ge für eine Erwei­te­rung sei­ner Ver­wer­tungs­be­fug­nis­se auf einen der Aus­son­de­rung unter­lie­gen­den Mit­ei­gen­tums­an­teil sein.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. April 2012 – V ZB 181/​11

  1. vgl. Depré in Leonhardt/​Smid/​Zeuner, InsO, 3. Aufl., § 165 Rn. 10; Rel­ler­mey­er in Dassler/​Schiffhauer/​Muth/​Hintzen/​Engels/​Rellermeyer, ZVG, 13. Aufl., § 172 Rn. 13; Stö­ber, ZVG, 19. Aufl., § 172 Rn.05.1 jeweils mwN[]
  2. vgl. Depré in Leonhardt/​Smid/​Zeuner, InsO, 3. Aufl., § 165 Rn. 8; Münch­Komm-InsO/L­wow­ski/­Tetzlaff, 2. Aufl., § 165 Rn. 260; Nerlich/​Römermann/​Becker, InsO [2006], § 165 Rn. 4; Uhlenbruck/​Brinkmann, InsO, 13. Aufl., § 165 Rn. 2; Stö­ber, ZVG, 19. Aufl., § 172 Rn.05.13 jeweils mwN[]
  3. vgl. Eck­hardt in Jae­ger, InsO, § 84 Rn. 10; Kay­ser in HK-InsO, 6. Aufl., § 84 Rn. 1; Kübler/​Prütting/​Lüke, InsO [2010], § 84 Rn. 2; HambKomm/​Kuleisa, InsO, 3. Aufl., § 84 Rn. 5; Uhlenbruck/​Hirte, InsO, 13. Aufl., § 84 Rn. 1[]
  4. vgl. Kübler/​Prütting/​Lüke, InsO [2010], § 84 Rn. 18[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 03.06.1958 – VIII ZR 326/​56, WM 1958, 899, 900 – zu dem § 84 Abs. 1 Satz 1 InsO inhalt­lich ent­spre­chen­den § 16 Abs. 1 KO[]
  6. vgl. Smid in Leonhardt/​Smid/​Zeuner, InsO, § 84 Rn. 1[]
  7. Hint­zen in Dassler/​Schiffhauer/​Muth/​Hintzen/​Engels/​Rellermeyer, ZVG, 13. Aufl., § 180 Rn. 177 und 180; Ahrens/​Löhnig, ZVG, vor § 180 Rn. 3; Stö­ber, ZVG, 19. Aufl., § 180 Rn. 15.1 und 15.3[]
  8. Depré in Leonhardt/​Smid/​Zeuner, InsO, 3. Aufl., § 165 Rn. 8[]
  9. vgl. Hint­zen in Dassler/​Schiffhauer/​Muth/​Hintzen/​Engels/​Rellermeyer, ZVG, 13. Aufl., § 182 Rn. 6; Stö­ber, ZVG, 19. Aufl., § 182 Rn.02.2[]
  10. BT-Drucks. 12/​3803, S. 69[]
  11. Münch­Komm-InsO/L­wow­ski/­Tetzlaff, InsO, 2. Aufl., § 165 Rn. 141; Nerlich/​Römermann/​Becker, InsO [2006], § 165 Rn. 13[]
  12. vgl. Lwowski/​Tetzlaff, WM 1999, 2336, 2342; Wen­zel, NZI 1999, 101, 104; Stö­ber, NJW 2000, 3600, 3602[]
  13. zur Kri­tik an die­ser Rege­lung: Muth, ZIP 1999, 945, 953; Stö­ber, NJW 2000, 3600, 3602[]
  14. Marotz­ke, ZZP 109, 429, 461; Depré in Leonhardt/​Smid/​Zeuner, InsO, 3. Aufl., § 165 Rn. 23[]
  15. vgl. BT-Drucks. 12/​3803, 69[]
  16. Muth, ZIP 1999, 945, 949; Land­fer­mann in HK-InsO, 6. Aufl., § 165 Rn. 11; Münch­Komm-InsO/L­wow­ski/­Tetzlaff, § 165 Rn. 163; Uhlenbruck/​Brinkmann, InsO, 13. Aufl., § 165 Rn. 14a[]
  17. BT-Drucks. 12/​3803, S. 70[]
  18. vgl. BGH, Urteil vom 11.07.2002 – IX ZR 262/​01, WM 2002, 1797, 1800[]