Teil­ur­teil über die Wider­kla­ge

Bei erho­be­ner Kla­ge und Wider­kla­ge kann über die Wider­kla­ge ein Teil­ur­teil erge­hen, wenn die­se selb­stän­dig zur End­ent­schei­dung reif und von der Ent-schei­dung über die Kla­ge unab­hän­gig ist. Die dem Erlass eines Teil­ur­teils ent­ge­gen­ste­hen­de Gefahr der Wider­sprüch­lich­keit kann in der Beru­fungs­in­stanz dadurch besei­tigt wer­den, dass über die Vor­fra­gen ein Zwi­schen­fest­stel­lungs­ur­teil gemäß § 256 Abs. 2 ZPO ergeht 1. Dass dem Wider­klä­ger unter Berück­sich­ti­gung sei­nes Sach­vor­trags ein ande­rer, bis­her aber nicht gel­tend gemach­ter pro­zes­sua­ler Anspruch zuste­hen kann, steht dem Erlass eines Teil­ur­teils über die Wider­kla­ge nicht ent­ge­gen.

Teil­ur­teil über die Wider­kla­ge

Ein Teil­ur­teil darf nur erlas­sen wer­den, wenn die Gefahr wider­spre­chen­der Ent­schei­dun­gen, auch infol­ge abwei­chen­der Beur­tei­lung durch das Rechts­mit­tel­ge­richt, aus­ge­schlos­sen ist. Im Rah­men des § 301 ZPO soll eine unter­schied­li­che Beur­tei­lung von blo­ßen Urteilsele­men­ten, die nicht in Rechts­kraft erwach­sen, aus­ge­schlos­sen sein. Ein Teil­ur­teil ist daher unzu­läs­sig, wenn es eine Fra­ge ent­schei­det, die sich im wei­te­ren Ver­fah­ren über die ande­ren Ansprü­che noch ein­mal stel­len kann 2.

Aller­dings kann die Gefahr der Wider­sprüch­lich­keit in der Beru­fungs­in­stanz dadurch besei­tigt wer­den, dass über die Vor­fra­gen ein Zwi­schen­fest­stel­lungs­ur­teil gemäß § 256 Abs. 2 ZPO ergeht, durch das die Mög­lich­keit eines Wider­spruchs zwi­schen dem Teil­ur­teil und dem Schlus­sur­teil aus­ge­räumt wird 3. Ein sol­ches Zwi­schen­fest­stel­lungs­ur­teil hat das Beru­fungs­ge­richt, das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen 4, in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall erlas­sen. Es hat fest­ge­stellt, dass kein bin­den­der Vor­ver­trag bestand und damit, wie sich aus den Grün­den ergibt, zugleich ent­schie­den, dass sich aus dem Gesichts­punkt der Punk­ta­ti­on eben­falls kei­ne rechts­ge­schäft­li­chen Bin­dun­gen erge­ben.

Das Beru­fungs­ge­richt hat jedoch rechts­feh­ler­haft ange­nom­men, dass unter den beson­de­ren Umstän­den des Fal­les trotz der Begründ­etheit des Zwi­schen­fest­stel­lungs­an­trags das Teil­ur­teil nicht auf­recht­erhal­ten wer­den kön­ne, weil der Beklag­ten im Rah­men der Wider­kla­ge wegen Ver­let­zung einer vor­ver­trag­li­chen Pflicht ein Anspruch gemäß § 311 Abs. 2, § 280 BGB zuste­he. Die Revi­si­on ver­weist zu Recht dar­auf, dass die Beklag­te einen sol­chen Anspruch nicht zum Gegen­stand des Rechts­streits gemacht hat, die­ser damit nicht Streit­ge­gen­stand war.

Mit der Kla­ge wird nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 5 nicht ein bestimm­ter mate­ri­ell­recht­li­cher Anspruch gel­tend gemacht. Gegen­stand des Rechts­streits ist viel­mehr der als Rechts­schutz­be­geh­ren oder Rechts­fol­ge­be­haup­tung auf­ge­fass­te eigen­stän­di­ge pro­zes­sua­le Anspruch. Die­ser wird bestimmt durch den (Wider-)Kla­ge­an­trag, in dem sich die vom Klä­ger gel­tend gemach­te Rechts­fol­ge kon­kre­ti­siert, und durch den Lebens­sach­ver­halt (Anspruchs­grund-), aus dem der Klä­ger die begehr­te Rechts­fol­ge her­lei­tet. Zum Kla­ge­grund sind alle Tat­sa­chen zu rech­nen, die bei einer natür­li­chen, vom Stand­punkt der Par­tei­en aus­ge­hen­den, den Sach­ver­halt sei­nem Wesen nach erfas­sen­den Betrach­tungs­wei­se zu dem zur Ent­schei­dung gestell­ten Tat­sa­chen­kom­plex gehö­ren, den der Klä­ger zur Stüt­zung sei­nes Rechts­schutz­be­geh­rens dem Gericht zu unter­brei­ten hat 6.

Die Beklag­te des hier ent­schie­de­nen Falls hat mit der Wider­kla­ge Scha­dens­er­satz statt der Leis­tung wegen Ver­let­zung eines Vor­ver­trags bean­sprucht. Sie hat nach dem Hin­weis des Beru­fungs­ge­richts, dass ihr allen­falls Ansprü­che aus c.i.c. zuste­hen könn­ten, ledig­lich die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass auch bei Annah­me der­ar­ti­ger Scha­dens­er­satz­an­sprü­che ein ein­heit­li­cher Lebens­sach­ver­halt vor­lie­ge, der gemein­sam ent­schie­den wer­den müs­se. Dies trifft nicht zu.

Den bei­den danach in Betracht kom­men­den Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen liegt kein ein­heit­li­cher Lebens­sach­ver­halt zugrun­de. Die Beklag­te hat von der Klä­ge­rin Ersatz der Mehr­kos­ten bean­sprucht, die ihr durch die Beauf­tra­gung ande­rer Unter­neh­mer mit der Aus­füh­rung des Bau­vor­ha­bens ent­stan­den sind. Gegen­stand des Rechts­streits war daher der Lebens­sach­ver­halt, aus dem die Beklag­te die begehr­te Rechts­fol­ge her­lei­te­te. Die Beklag­te hat ihren Scha­dens­er­satz­an­spruch dar­auf gestützt, dass sie mit der Klä­ge­rin einen Vor­ver­trag geschlos­sen habe, die­se der dar­aus resul­tie­ren­den Ver­pflich­tung zum Abschluss eines ent­spre­chen­den Haupt­ver­trags nicht nach­ge­kom­men sei und sie infol­ge­des­sen die gel­tend gemach­ten zusätz­li­chen Kos­ten habe tra­gen müs­sen. Die zur Begrün­dung die­ses Rechts­schutz­be­geh­rens vor­zu­tra­gen­den Tat­sa­chen unter­schei­den sich von den­je­ni­gen, die für einen von dem Beru­fungs­ge­richt ange­nom­me­nen Scha­dens­er­satz wegen Ver­let­zung der vor­ver­trag­li­chen Pflicht der Klä­ge­rin, in ihre Ren­di­te­be­rech­nun­gen die Kos­ten für den Gene­ral­über­neh­mer ein­zu­be­zie­hen, dar­zu­le­gen sind. Wäh­rend es für den von der Beklag­ten gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz­an­spruch statt der Leis­tung dar­auf ankommt, ob sich die Par­tei­en schon vor Abschluss des in Aus­sicht genom­me­nen Bau­ver­trags ver­trag­lich bin­den woll­ten, ist für den in Betracht kom­men­den Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen Ver­let­zung vor­ver­trag­li­cher Pflich­ten ent­schei­dend, ob die Klä­ge­rin schuld­haft die Ver­pflich­tung ver­letzt hat, bei den Ren­di­te­be­rech­nun­gen einen Gene­ral­über­neh­mer­zu­schlag zu berück­sich­ti­gen und der Beklag­ten dar­aus kau­sal ein Scha­den erwach­sen ist.

Die Beklag­te hat auf die Ver­let­zung vor­ver­trag­li­cher Pflich­ten gestütz­te Scha­dens­er­satz­an­sprü­che weder vor noch nach dem Hin­weis des Beru­fungs­ge­richts gel­tend gemacht. Scha­dens­er­satz­an­sprü­che wegen Nicht­er­fül­lung eines Vor­ver­trags und sol­che wegen Ver­let­zung vor­ver­trag­li­cher Pflich­ten haben unter­schied­li­che Vor­aus­set­zun­gen und erfor­dern dem­entspre­chend auch unter­schied­li­chen Tat­sa­chen­vor­trag. Der Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen Nicht­er­fül­lung eines Vor­ver­trags ist auf das posi­ti­ve Inter­es­se gerich­tet; die Beklag­te wäre so zu stel­len, wie sie stün­de, wenn der Vor­ver­trag erfüllt, der Haupt­ver­trag also geschlos­sen wor­den wäre. Dage­gen ist für den Anspruch auf Scha­dens­er­satz wegen Ver­let­zung vor­ver­trag­li­cher Pflich­ten dar­auf abzu­stel­len, wie die Beklag­te sich ver­hal­ten hät­te, wenn sie zutref­fend über sämt­li­che anfal­len­den Kos­ten infor­miert wor­den wäre und die Ren­di­te­be­rech­nun­gen auf die­ser Grund­la­ge erstellt wor­den wären. Hier­zu hat die Beklag­te, wovon auch das Beru­fungs­ge­richt aus­geht, nichts vor­ge­tra­gen. Sie hat ihren Anspruch auf Ersatz der durch die Beauf­tra­gung ande­rer Unter­neh­mer ent­stan­de­nen Mehr­kos­ten viel­mehr allein aus dem Umstand abge­lei­tet, dass die Klä­ge­rin ihren Ver­pflich­tun­gen aus einem Vor­ver­trag bzw. einer Punk­ta­ti­on nicht nach­ge­kom­men sei.

Das Beru­fungs­ge­richt berück­sich­tigt daher bei sei­ner Ent­schei­dung rechts­feh­ler­haft einen Anspruch, den die Beklag­te nicht, auch nicht im Wege der Kla­ge­än­de­rung, gel­tend gemacht hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. April 2012 – VII ZR 25/​11

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Urteil vom 28.11.2002 – VII ZR 270/​01, BauR 2003, 381 = NZBau 2003, 153 = ZfBR 2003, 250[]
  2. BGH, Urteil vom 13.04.2000 I ZR 220/​97, NJW 2000, 3716; Urteil vom 05.12.2000 – VI ZR 275/​99, NJW 2001, 760; Urteil vom 28.11.2002 – VII ZR 270/​01, BauR 2003, 381 = NZBau 2003, 153 = ZfBR 2003, 250[]
  3. BGH, Urteil vom 28.11.2002 – VII ZR 270/​01, aaO; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 29. Aufl., § 301 Rn. 13 und Zöller/​Heßler, aaO, § 525 Rn. 8[]
  4. OLG Mün­chen, Urteil vom 14.12.2010 – 13 U 3390/​10[]
  5. BGH, Urteil vom 19.12.1991 – IX ZR 96/​91, BGHZ 117, 1, 5 f.; Urteil vom 13.06.1996 – III ZR 40/​96, NJW-RR 1996, 1276; Urteil vom 11.07.1996 – III ZR 133/​95, NJW 1996, 3151; Urteil vom 06.05.1999 IX ZR 250/​98, NJW 1999, 2118; Urteil vom 08.05.2007 – XI ZR 278/​06, NJW 2007, 2560; Urteil vom 24.01.2008 – VII ZR 46/​07, BauR 2008, 869 = NZBau 2008, 325 = ZfBR 2008, 360; Urteil vom 23.09.2008 XI ZR 253/​07, NJW-RR 2009, 544; Urteil vom 21.10.2008 XI ZR 466/​07, NJW 2009, 56[]
  6. BGH, Urteil vom 19.12.1991 – IX ZR 96/​91; Urteil vom 08.05.2007 – XI ZR 278/​06; Urteil vom 21.10.2008 – XI ZR 466/​07, jeweils aaO[]