Über­bau mit einer Brü­cke – und das nicht bestimm­ba­re Stamm­grund­stück

Ein allei­ni­ges Eigen­tum einer Par­tei (hier: an einem Brü­cken­bau­werk) auf­grund eines recht­mä­ßi­gen Über­baus1 oder eines rechts­wid­ri­gen, aber ent­schul­dig­ten und damit zu dul­den­den Über­baus im Sin­ne des § 912 BGB2 kommt nicht in Betracht, wenn unklar ist, wel­ches Grund­stück Stamm­grund­stück war, also von wel­chem Grund­stück aus die Brü­cke über­baut wur­de.

Über­bau mit einer Brü­cke – und das nicht bestimm­ba­re Stamm­grund­stück

Ist aber ein Stamm­grund­stück nicht bestimmt oder – was dem gleich­steht – nicht bestimm­bar, dann kann ein Über­bau von einem Grund­stück auf ein ande­res im Sin­ne des § 912 BGB nicht fest­ge­stellt wer­den3. Nichts ande­res gilt für einen recht­mä­ßi­gen Über­bau4.

Steht – wie hier – ein Bau­werk auf meh­re­ren Grund­stü­cken ver­schie­de­ner Eigen­tü­mer und ist man­gels Bestimm­bar­keit eines Stamm­grund­stücks ein recht­mä­ßi­ger Über­bau oder ein Über­bau im Sin­ne des § 912 BGB und damit ein Allein­ei­gen­tum eines Grund­stücks­ei­gen­tü­mers nicht fest­stell­bar, bie­tet das Gesetz unmit­tel­bar kei­ne Rege­lung der Eigen­tums­fra­ge5.

Denn in die­sem Fall ste­hen sich zwei ein­an­der wider­strei­ten­de gesetz­li­che Prin­zi­pi­en gegen­über, näm­lich das der Rechts­ein­heit zwi­schen ein­zel­nen Tei­len des Gebäu­des einer­seits (§ 94 Abs. 2 BGB – Maß­geb­lich­keit des Gebäu­de­zu­sam­men­hangs), das für ein Mit­ei­gen­tum aller betei­lig­ten Grund­stücks­ei­gen­tü­mer nach ide­el­len Bruch­tei­len im Sin­ne des § 741 BGB an dem Gesamt­bau­werk spricht, und das der Rechts­ein­heit zwi­schen dem Grund­stück und den dar­auf befind­li­chen Bau­tei­len ande­rer­seits (§ 94 Abs. 1 Satz 1 und § 93 BGB – Akzes­si­ons­prin­zip), das eine rea­le senk­rech­te Tei­lung des Eigen­tums an dem Bau­werk auf den Grund­stücks­gren­zen nahe­legt, wie sie bei einem rechts­wid­ri­gen und unent­schul­dig­ten Über­bau in Betracht kommt6.

Zwar ent­spricht es dem Sinn des Geset­zes und der prak­ti­schen Ver­nunft, wirt­schaft­li­che Ein­hei­ten grund­sätz­lich auch recht­lich als Eigen­tums­ein­hei­ten zu erhal­ten. Der Kon­flikt die­ser bei­den gesetz­li­chen Gebo­te lässt sich aber nicht gene­rell durch den Vor­rang eines der bei­den lösen, auch wenn ers­te­rem in der Regel der Vor­zug zu geben ist7. Viel­mehr muss für jeden Ein­zel­fall geson­dert ent­schie­den wer­den, auf wel­che Wei­se der Kon­flikt zwi­schen den wider­strei­ten­den Geset­zes­be­stim­mun­gen und Inter­es­sen der Betei­lig­ten am ange­mes­sens­ten gelöst wird8.

Bei einer rea­len lot­rech­ten Tei­lung wäre im vor­lie­gen­den Fall jeder betei­lig­te Grund­stücks­ei­gen­tü­mer nur Eigen­tü­mer der auf sei­nen Grund­stü­cken auf­ste­hen­den bezie­hungs­wei­se die­se über­span­nen­den Tei­le der Brü­cke gewe­sen.

Indes ist hier nicht von einer rea­len ver­ti­ka­len Tei­lung des Eigen­tums an dem Brü­cken­bau­werk, son­dern, wie regel­mä­ßig in der­ar­ti­gen Fall­ge­stal­tun­gen, von einem Mit­ei­gen­tum der Par­tei­en nach Bruch­tei­len aus­zu­ge­hen. Zwar könn­te der Umstand, dass die Brü­cke schon seit über 40 Jah­ren ihre bestim­mungs­ge­mä­ße Funk­ti­on als Eisen­bahn­brü­cke nicht mehr erfüll­te und von ihr auf­grund ihrer Bau­fäl­lig­keit Gefah­ren aus­gin­gen, dafür spre­chen, dem Gesichts­punkt des Erhalts der Ein­heit des Bau­werks (§ 94 Abs. 2 BGB) für die Eigen­tums­zu­ord­nung nur unter­ge­ord­ne­te Bedeu­tung zuzu­mes­sen. Die­se Sicht­wei­se wür­de jedoch zu kurz grei­fen und zudem unbe­rück­sich­tigt las­sen, dass die Brü­cke tat­säch­lich nicht funk­ti­ons- und wert­los war. Viel­mehr dien­te sie auch nach der Ein­stel­lung des Erz­ta­ge­baus noch als Wild­be­zie­hungs­wei­se Grün­brü­cke und damit als Que­rungs­hil­fe im Bestand des Bun­des­fern­stra­ßen­net­zes. Als sol­che besaß sie eine der All­ge­mein­heit – und damit auch der ein­zel­nen Grund­stücks­ei­gen­tü­me­rin – zugu­te­kom­men­de natur­schüt­zen­de Funk­ti­on und einen nicht uner­heb­li­chen wirt­schaft­li­chen Wert. Davon abge­se­hen ist die ver­lo­ren gegan­ge­ne ursprüng­li­che Funk­ti­on des Brü­cken­bau­werks als Eisen­bahn­brü­cke noch kein über­zeu­gen­der Grund dafür, im vor­lie­gen­den Fall das regel­mä­ßig vor­zugs­wür­di­ge und für ein Bruch­teils­ei­gen­tum der betei­lig­ten Grund­stück­ei­gen­tü­mer spre­chen­de Prin­zip der Maß­geb­lich­keit des Gebäu­de­zu­sam­men­hangs nach § 94 Abs. 2 BGB (aus­nahms­wei­se) hin­ter das der Rechts­ein­heit zwi­schen den ein­zel­nen Grund­stü­cken und den jeweils dar­über befind­li­chen Brü­cken­bau­tei­len zurück­tre­ten zu las­sen. Auch das Inter­es­se der Beklag­ten, sich als betrof­fe­ne Grund­stücks­ei­gen­tü­me­rin nicht an den Kos­ten für den Gesamt­ab­riss der Brü­cke betei­li­gen zu müs­sen, recht­fer­tigt dies nicht. Dass auf das Brü­cken­bau­werk der Rechts­ge­dan­ke zuträ­fe, dass die eigen­tums­mä­ßi­ge Zusam­men­fas­sung wirt­schaft­li­cher Ein­hei­ten dort ihre Gren­ze fin­det, wo bei Schaf­fung die­ser Ein­hei­ten – wie bei einem rechts­wid­ri­gen, unent­schul­dig­ten Über­bau – frem­des Eigen­tum ver­letzt wird9, ist nicht ersicht­lich, zumal unklar ist, wem die über­bau­ten Grund­stü­cke zum Zeit­punkt der Errich­tung der Brü­cke gehör­ten und ob und gege­be­nen­falls wel­che Ver­ein­ba­run­gen in Bezug auf den Brü­cken­bau zwi­schen den Eigen­tü­mern getrof­fen wur­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 5. Juli 2018 – III ZR 273/​16

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 22.02.1974 – V ZR 103/​73, BGHZ 62, 141, 145 f; und vom 16.01.2004 – V ZR 243/​03, NJW 2004, 1237 []
  2. vgl. BGH, Urteil vom 17.01.2014 – V ZR 292/​12, NJW-RR 2014, 973, 974 Rn. 23 []
  3. BGH, Urteil 12.07.1984 – IX ZR 124/​83, NJW 1985, 789, 790 []
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 22.02.1974, aaO, S. 145 f; und vom 16.01.2004, aaO []
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 30.04.1958 – V ZR 178/​56, BGHZ 27, 197, 200; vom 19.11.1971 – V ZR 100/​69, BGHZ 57, 245, 248; und vom 12.07.1984, aaO []
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 19.11.1971, aaO; vom 22.02.1974, aaO S. 143; und vom 12.07.1984, aaO []
  7. BGH, Urtei­le vom 19.11.1971, aaO; und vom 12.07.1984, aaO []
  8. BGH, Urteil vom 12.07.1984, aaO 790 f; ähn­lich schon Urtei­le vom 30.04.1958, aaO; und vom 22.02.1974, aaO, aller­dings "allein für unent­schul­dig­ten Über­bau"; OLG Karls­ru­he, NJW 1991, 926 []
  9. vgl. BGH, Urteil vom 12.07.1984, aaO, S. 791 []